29.07.1964

ADSCHUBEJ-BESUCHGebet einer alten Dame

Im Essener Krupp-Konsumladen fragte Chruschtschows Schwiegersohn Alexej Iwanowitsch Adschubej nach Minikinis. Im Bochumer Opel-Kadett-Werk schmeichelte er, die deutschen Autos seien die besten der Welt. Und in der Westfalen - Hütte ließ er sich vom Hoesch-AG-Vorstandsmitglied Elkmann den Anteilschein Nr. 5 019 786 (Nennwert: 100 Mark; Kurswert 220 Mark) schenken: "Jetzt bin ich Volksaktionär."
Zusammen mit Ehefrau Rada, geborenne Chruschtschowa, war der Chefredakteur des sowjetischen Regierungsorgans "Iswestija" auf Einladung der drei katholischen Blätter "Ruhr-Nachrichten", "Münchner Merkur" und "Rheinische Post" letzten Montag auf dem Düsseldorfer Flugplatz Lohausen zu 14tägigem Besuch in der Bundesrepublik eingetroffen.
Adschubej, auf Publicity-Reisen durch den Nahen Osten, Lateinamerika und die USA geschult, Liebhaber italienischen Schuhwerks, der französischen Riviera und deutscher Kirchenmusik, Gast von Präsident Kennedy und Papst Johannes XXIII., demonstrierte von Anbeginn, was sein Schwiegervater lehrt: Daß die Völker trotz harter Gegensätze nett zueinander sein sollen. Adschubej nach der Landung in Lohausen: "Die Deutschen sind ordentliche und tüchtige Leute."
Er vergaß nichts. Nach einem Rundgang durch den technischen Betrieb der "Ruhr-Nachrichten" richtete er Grüße an die 1500 Zeitungsboten des Blattes. Bei einem Mittagessen im Restaurant "Schwarze Lene", oberhalb des Baldeney-Sees, empfahl er, alle Macht der Welt für zwei Tage in die Hand von Journalisten zu legen: "Dann würden sie sehen, wie schwer das ist." Und nach einem einsamen Rundgang durch die Dortmunder City berichtete er sogar von einer Begegnung mit jener legendären alten Dame, die immer alles Gute wünscht. Er sei ihr in einem Schuhgeschäft begegnet, und sie habe versprochen - laut Adschubej - dafür zu beten, daß sein Schwiegervater Chruschtschow möglichst bald der Bundesrepublik einen Besuch abstatten werde.
Mit der Wiedergabe der frommen Stimme aus dem Volk schlug Adschubej das Hauptthema seiner vierzehntägigen Visite in der Bundesrepublik an: "Ein Treffen Erhard-Chruschtschow wäre sicher nützlich."
Beinahe aber wäre es nicht einmal zu einem Treffen Erhard-Adschubej gekommen. Denn am 30. Juni hatte Adschubejs "Iswestija" einen Bericht ihres Ostberliner Korrespondenten Boris Orlow über eine Pressekonferenz des SED -Chefpropagandisten Albert Norden veröffentlicht. Orlow referierte in 43 kyrillischen Zeilen, was Norden über den Werdegang des Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorgebracht hatte.
Zwar hatte Orlow die ärgsten Lügen Nordens - etwa: Lübke sei "Gehilfe der Gestapo" gewesen - vermieden, doch seinen Bericht mit landesüblichen Wendungen über den westdeutschen Revanchismus gespickt.
Acht Tage nach Erscheinen der Meldung ließ Außenminister Gerhard Schröder bei Sowjetbotschafter Smirnow gegen die "beleidigenden und verleumderischen Äußerungen" der amtlichen sowjetischen Regierungszeitung Protest einlegen. Damit war der Besuch des Chefredakteurs der "Iswestija" in der Bundesrepublik, vor allem ein mögliches Gespräch Erhards mit Adschubej, in Frage gestellt.
Da suchte, einen Tag nach dem deutschen Protest - am 9. Juli -, der Presseattache der Deutschen Botschaft in Moskau, Alfred Reinelt, in der Redaktion der "Iswestija" am Puschkinplatz den Redakteur Lednew auf, um ein geplantes Abendessen zu besprechen, zu dem Reinelts Chef, Botschafter Groepper, den "Iswestija"-Chef Adschubej aus Anlaß der geplanten Deutschlandreise eingeladen hatte.
Lednew brachte im Gespräch sein Bedauern über die Wirkungen der Orlow-Meldung über Bundespräsident Lübke zum Ausdruck. Reinelt gab die Äußerung in einem diplomatischen Kabel nach Bonn weiter.
Das Bundeskanzleramt war sogleich bereit, Lednews Äußerungen als Entschuldigungen der "Iswestija" anzusehen. Außenminister Schröders Diplomaten aber schien es nur der Kommentar eines untergeordneten Redakteurs zu sein.
Nach dem Eintreffen Adschubejs in der Bundesrepublik war das Auswärtige Amt daher Anfang letzter Woche auch nicht geneigt, dem Bundeskanzler eine Begegnung mit dem Chefredakteur der "Iswestija" zu empfehlen. Außenminister Schröder, der Anfang Juni zwar von einem Besuch Erhards in der Sowjet-Union abgeraten, aber einen Besuch Chruschtschows in der Bundesrepublik für diskutabel erklärt hatte, qualifizierte den Aufenthalt des "Iswestija"-Chefredakteurs als einen "privaten Besuch".
Vizekanzler Mende dagegen hatte Erhard schon Anfang Juni auf die besondere Bedeutung des Besuches von Chruschtschows Schwiegersohn hingewiesen und informierte letzte Woche den Kanzler, daß Adschubej vor seiner Abreise aus Moskau ausführliche Besprechungen mit seinem Schwiegervater gehabt habe. Mende zu Freunden: "Ich werde ihm (Adschubej) vorschlagen, mit mir zusammen nach Berlin an die Mauer zu fahren."
Anfangs zwischen Schröders Zögern und Mendes Drängen pendelnd, entschloß sich Bundeskanzler Erhard zu Beginn letzter Woche, der Welt prominentesten Schwiegersohn zu empfangen. Dreimal war Sowjetgesandter Lawrow, zweiter Mann in Rolandswerth nach Smirnow, bei Kanzlei-Minister Ludger Westrick gewesen. Am Dienstag, um 16.30 Uhr, erhielt er die Zusage.
Deutschland-Besucher Adschubej, Ehefrau (l.)*: Ratschläge in der "Schwarzen Lene"
* Im Krupp-Konsumladen in Essen.

DER SPIEGEL 31/1964
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