29.07.1964

„IN HARLEM WERDEN WAFFEN GEHORTET!“

SPIEGEL: Mr. Baldwin, in Amerika gärt es. Mit Mord, Brandstiftung und Bomben wehren sich weiße Rassenfanatiker in den Südstaaten gegen die Gleichberechtigung der Neger. In New York und anderen Großstädten des Nordens sind bewaffnete Banden farbiger Jugendlicher zum Kampf gegen den weißen Mann angetreten...
BALDWIN: Der Punkt, auf dem wir jetzt angelangt sind, mußte erreicht werden, und jeder wußte das. Die Lage wird noch schlimmer werden, ehe wir hoffen können, daß sie sich zum Guten wendet. Der Wendepunkt kann die Katastrophe sein...
SPIEGEL: Bürgerkrieg?
BALDWIN: Ja. Ein absolutes soziales und moralisches Chaos. Die Lage der Neger im Norden wie im Süden kann nur durch Macht verändert werden, und das wirklich freie Wahlrecht wäre diese Macht. Die einzige Macht, die wir heute besitzen, ist eine wirtschaftliche, eine negative Macht, das heißt, wir könnten im Prinzip die gesamte amerikanische Wirtschaft stoppen, indem wir - die 20 Millionen Neger Amerikas - einfach aufhörten zu arbeiten; oder anders, brutaler ausgedrückt: Da ich die Baumwolle umsonst gepflückt und sie umsonst zum Markt geschleppt habe, kann ich auch verhindern, daß sie auf den Markt gelangt. Und da ich die Eisenbahn gebaut habe, kann ich heute auch ihre Gleise und Dämme in die Luft sprengen.
SPIEGEL: Und das wird jetzt geschehen?
BALDWIN: Das kann sehr gut sein. Ich persönlich möchte nicht, daß es geschieht. Aber es ist eine der Möglichkeiten in der heutigen Situation, und ich weiß, daß es Leute gibt, die so etwas ernsthaft erwägen.
SPIEGEL: In Mississippi und anderen Südstaaten haben weiße Fanatiker Geheimorganisationen zum Kampf gegen die wachsende Offensive der Rassengleichberechtigung gebildet. Gibt es auf der anderen Seite der Rassenfront, unter der farbigen Bevölkerung, entsprechende Geheimorganisationen?
BALDWIN: Ich habe Grund anzunehmen, daß es solche Geheimorganisationen gibt. Aber ich bin nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Ich habe selbst ein paarmal versucht, Näheres darüber zu erfahren, und mußte entdecken, daß selbst Leute, die mir vertrauten, nicht mit mir darüber sprechen wollten. Sie zogen es vor, mich nicht einzuweihen.
SPIEGEL: Bei Haussuchungen in New Yorks Negerviertel Harlem sind kürzlich Vorräte an Waffen und Munition gefunden worden. Viele Indizien deuten darauf hin, daß in Harlem, wo auf engem Raum 400 000 Farbige leben, noch mehr Waffen gehortet werden.
BALDWIN: Seit vielen Jahren werden in Harlem Waffen gehortet. Nur: Jetzt erst ist der weiße Mann dahintergekommen. Aber sie werden seit Jahren gehortet und nur für den einen Zweck, das heißt für die eines Tages unvermeidliche, blutige Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Wer hortet die Waffen? Sind es kleine Gruppen, wachsende Gruppen, Organisationen von Verschwörern und Terroristen?
BALDWIN: Es sind sporadische Gruppen. Solange ich Harlem kenne, gibt es dort Waffen in den Kellern. Ich habe sie selbst gesehen, nur war ich damals zu jung, um zu begreifen, was ich sah.
SPIEGEL: Agitatoren der extremistischen "Schwarzen Nationalisten" hetzen Tag für Tag an den Straßenecken Harlems zum gewaltsamen Aufruhr gegen die Weißen. Ihr Anführer, Malcolm X, fordert seine Anhänger auf, sich Waffen zu beschaffen. Meinen Sie, daß die "Schwarzen Nationalisten" eine Art Untergrundarmee in Harlem besitzen?
BALDWIN: Ob Malcolm X Waffen hat oder nicht - allein die Möglichkeit, daß er welche haben könnte, genügt, die gesamte weiße Bevölkerung in Panik zu versetzen. Amerika hat, genau wie jede andere Europäer-Nation, im gesamten Verlauf seiner Geschichte von Gewalt gelebt und Gewalt angebetet. Und heute plötzlich mißbilligt Amerika die Gewalt. Eine Nation, die mit dem Revolver in der Hand und durch den Revolver gelebt hat - plötzlich hat sie Angst davor, was geschehen könnte, wenn ich einen Revolver in die Hand bekäme.
SPIEGEL: Wer bewaffnet die Farbigen?
BALDWIN: Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Die Waffenbeschaffung kann gar nicht so einfach sein. Aber niemand würde natürlich im Traum daran denken, mit mir darüber zu sprechen.
SPIEGEL: Warum erwidern die Neger in den Südstaaten die zunehmenden Gewalttaten der weißen Fanatiker, etwa des Ku-Klux-Klan, nicht mit Gewalt? Warum schießen die Neger nicht zurück?
BALDWIN: Es ist eine sehr große Verantwortung, zu den Waffen zu rufen. Und es sind ohnehin schon so viele Neger ermordet worden, daß man wenigstens eine Generation retten möchte. Wenn wir heute zu schießen anfangen, dann werden die Besten sterben. Und es dauert sehr lange, eine ganze Generation zu ersetzen. Die Flut hat sich noch nicht gewendet. Noch sind es die Neger, die in Mississippi erschlagen werden.
SPIEGEL: Mr. Baldwin, in Ihren Vorträgen und Büchern haben Sie wiederholt vor der größeren imminenten Gefahr der explosiven Lage in den Neger-Slums der Großstädte des Nordens gewarnt.
BALDWIN: Die Lage der Neger in den Großstädten ist explosiver, weil sie verzweifelter und auswegloser ist. Im Süden ist die Diskriminierung nackt und unverblümt. Die sogenannten liberalen Rassenbeziehungen in den Städten des Nordens sind viel schlimmer. Als Klassenkonflikt äußert sich dort, was in Wirklichkeit ein Rassenkonflikt ist. Man ist an einen schlechten Job gefesselt, weil man ein Neger ist, man kann nie eine leitende Stellung bekommen, weil man ein Neger ist. Wenn man in ein Restaurant geht, wird man nicht wie im Süden 'rausgeschmissen, sondern irgendwo in eine dunkle Ecke hinter den Ofen gesetzt, damit niemand einen sieht, und dann lassen sie einen warten.
SPIEGEL: Hinzu kommen wohl tiefgreifende soziologische Unterschiede zwischen den Negern in den Südstaaten und denen der Slums im Norden.
BALDWIN: Ja, die Familie der Neger im Norden ist zerstört - das geschieht immer, wenn der Bauer das Land verläßt. Deshalb kann das soziale Ferment auch nicht kontrolliert weiden. Und, weiß Gott, die Leute, die die Städte des Nordens beherrschen, haben keinen Kontakt zur Negerbevölkerung. Ihre einzige Reaktion auf eine Negerkrise ist, die Polizeimacht im Getto zu verstärken, und je mehr die Polizeimacht verstärkt wird, um so mehr wird das Getto gedemütigt und um so feindseliger wird es. Und daraufhin erhöhen sie dann wieder die Zahl der Polizisten. Früher oder später fließt dann Blut in den Straßen.
SPIEGEL: Nach den jüngsten Ausschreitungen von Banden farbiger Jugendlicher hat New Yorks Polizeipräsident Murphy angekündigt: Sollte es zu einem Aufruhr in Harlem kommen, dann würde er 26 000 Polizisten in das Viertel schicken.
BALDWIN: 26 000 Polizisten. Jesus! Was für eine Beleidigung! Die große Frage ist, wie sich das auswirken wird. Die Polizisten wissen nicht, was sie tun. Sie haben Angst, und deshalb sind sie so brutal. Und was noch schlimmer ist: Jeder in Harlem weiß, daß sie Angst haben, und wenn einer Angst hat, kann man mit ihm alles machen. Ich hätte an deren Stelle doch längst begriffen, daß man bei einer Krise im Getto zuallerletzt die Wachmannschaften des Konzentrationslagers verstärken sollte.
SPIEGEL: Sie bezeichnen die Neger-Gettos in New York, Chicago und Cleveland ...
BALDWIN: ... ja, und in Detroit, in Boston und Philadelphia, in jeder Großstadt im Norden der Vereinigten Staaten ...
SPIEGEL: ... als Konzentrationslager?
BALDWIN: Ja. Die Bevölkerung darin ist gefangen. Sie kann nicht 'raus. Und das wissen die Hausbesitzer. Und deshalb tun sie nichts, die Gebäude instand zu halten. Die Schuld an dem Schmutz, der dadurch entsteht, schieben sie den Menschen zu, die darin wohnen.
SPIEGEL: Ist das nicht...
BALDWIN: ... eine scheußliche Situation. Ja. Was in einem Getto wie Harlem passieren kann - und das ist die größte Gefahr -, kann sich auf das ganze Land ausdehnen.
SPIEGEL: Also Bürgerkrieg.
BALDWIN: Ja. Und der würde durch Kriegsrecht verhindert werden. Es ist nicht unmöglich, ganz Amerika unter Kriegsrecht zu stellen, wissen Sie. Und das wäre der Anfang der ersten Militärdiktatur in Amerika.
SPIEGEL: Das zu verhindern, ist doch wohl auch nicht zuletzt Aufgabe der verantwortlichen Negerführer in den Vereinigten Staaten, wie Martin Luther King oder James Farmer oder Roy Wilkins, und, last, not least, wohl auch Ihre Aufgabe. Fühlen Sie sich als Führer der Neger Amerikas?
BALDWIN: Ich fühle mich nicht als Führer der Neger Amerikas. Ich weiß, daß ich das bin, ob ich es will oder nicht. Das ist ein Zufall, ein glücklicher Zufall vielleicht, aber ich habe nie im Traum daran gedacht, daß ich diese Rolle einmal spielen würde. Ich glaube, ich bin wohl mehr eine Art Symbol, das dem Neger vielleicht zeigt, wie er sich selbst erkennen, sich selbst befreien kann - wie er sich nicht nur selbst, sondern Amerika befreien kann.
SPIEGEL: Amerika befreien?
BALDWIN: Ja. Denn was Amerika letztlich gewinnen kann, ist seine eigene Befreiung. Das heißt, es muß sich selbst auf eine ganz neue Art betrachten, es muß etwas aufgeben, von dem es annahm, es würde ewig dauern. Amerika muß seine Unschuld aufgeben, seine Naivität. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten in Texas ermordet werden kann und die ganze Nation akzeptiert, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, die ungeheuerlichsten Geschichten der Polizei in Dallas, dann ist alles möglich. Wenn die Nation ohne die geringste Reaktion zuschauen kann, wie vier Negerkinder durch ein Bombenattentat auf eine Sonntagsschule ermordet werden, dann schafft sie das Klima, in dem sie zerstört werden kann. Die Weißen Amerikas haben Angst.
SPIEGEL: Angst, wovor?
BALDWIN: Sie haben Angst davor, ihre Vorurteile und Maximen fallenzulassen, an die sie sich gewöhnt haben. Der Preis für meine Befreiung ist die Befreiung der Weißen. Eine Befreiung von ihren Ängsten. Sie haben sich mit einem Mythos eingerichtet, den sie selbst erfunden haben, damit sie den Verkauf von Menschen als Rindvieh vor sich entschuldigen konnten. Da es einfach nicht recht war und weil jedermann wußte, daß es unrecht war, Menschen wie Rindvieh zu gebrauchen, beschlossen die Weißen einfach, daß Neger keine Menschen, sondern Rindvieh seien.
SPIEGEL: Und Sie meinen, die Weißen hätten unter den Folgen dieses Mythos mehr zu leiden als die Neger und müßten daher von den Negern davon befreit werden?
BALDWIN: Ja, die Weißen sind in einem viel größeren Maße Opfer dieses Mythos geworden. Nehmen wir als Beispiel einen Sheriff in Alabama - stellen Sie sich vor, Sie sind Zeuge einer Konfrontation zwischen einem Alabama-Sheriff und einem Negerjungen. Und der Negerjunge wird zusammengeschlagen und ins Gefängnis geworfen, wo er möglicherweise stirbt. Wenn Sie wählen müßten, entweder der Alabama-Sheriff oder der Negerjunge zu sein, dann müßten Sie sich für den Jungen entscheiden. Denn der Junge weiß, wer er ist. Der Sheriff hat das längst vergessen. Und warum hat er das vergessen? Weil er zu einem Werkzeug geworden ist, zu einem Werkzeug der amerikanischen Wirtschaft, den Neger an seinem Platz zu halten. Um ihn dahin zu bringen, das zu tun, mußte er überzeugt werden, daß die Farbe seiner Haut das wichtigste an ihm war. Und um das zu glauben, mußte er alles andere vergessen. So daß er angesichts eines Negerjungen nichts tun kann, als diesen Jungen zusammenzuschlagen.
SPIEGEL: Mr. Baldwin, Sie haben einmal geschrieben, Sie sähen nicht ein, warum Sie den afrikanischen Medizinmann gegen den amerikanischen Psychiater austauschen sollten. Die Werte der weißen Zivilisation seien nicht
automatisch auch Ihre Werte. Nach welchen Werten sollen Amerikas Neger denn, Ihrer Meinung nach, streben?
BALDWIN: Das ist natürlich die Frage, die uns alle quält. Die Jungen in der U-Bahn und James Farmer und Malcolm X. Um am Anfang zu beginnen - wenn man das überhaupt kann: Wir waren einfach schwarze Männer aus irgendeinem Stamm, die gefangen wurden und eine seltsame Reise machten ... nein, ich kann nicht sagen, welche Werte ich zurückließ, wo ich entwurzelt wurde. Und selbst wenn ich es wüßte, ich könnte diese Werte nie wieder erlangen, selbst wenn ich das für erstrebenswert hielte. Es ist keine Frage der Sehnsucht nach der Vergangenheit. Ich muß mich vielmehr mit der Tatsache auseinandersetzen, daß ich von dem Augenblick an, da ich in Amerika eintraf, nur ein Problem hatte: zu überleben und nach den Spielregeln der westlichen Zivilisation zu überleben. Ich hatte gar keine andere Wahl, als Christ zu werden. Und dann wurde ich von meinen Herren erfunden, ich wurde "der Neger", und da liegt die Wurzel meiner Identität. Um zu überleben, mußte man seinen Herrn scharf beobachten, man mußte beobachten, wie die Weißen ihr Leben einrichteten, wie sie ihre Kinder erzogen. Das war eine Frage von Leben und Tod für uns. Und was haben die Kinder der Weißen - die doch immerhin von uns aufgezogen wurden - getan? Sie haben uns gelyncht.
SPIEGEL: Ein starkes Element des erwachten Selbstbewußtseins der amerikanischen Neger ist eine Art Identifizierung mit den jungen Regierungen der neuen Länder Afrikas.
BALDWIN: Ja, diese Identifizierung ist stark. Aber sie ist emotional und romantisch. Sie ist nicht realistisch. Ich fühle mich nicht als Nigerier oder als Ghanese. Ich bin Amerikaner, weil ich in Amerika geboren bin und weil meine Vorfahren dort geboren sind. Deshalb ist Amerika meine Heimat. Ich werde nie nach Afrika zurückgehen.
SPIEGEL: Die Unabhängigkeit der afrikanischen Länder hat die Neger Amerikas aber doch zweifellos in ihrer Forderung nach Gleichberechtigung bestärkt.
BALDWIN: Ja, die Befreiung Afrikas und der Kalte Krieg. Wir in Amerika nennen uns die moralischen Führer der Freien Welt. Während des Zweiten Weltkrieges meldete Churchill für die Engländer einen ähnlichen Anspruch an. Ich habe gut zugehört, als Churchill erklärte: "Briten werden niemals Sklaven sein." Ich dachte damals: Na, und ich? Was soll das heißen, ihr werdet niemals Sklaven sein? In anderen Worten: Da die Europäer im Gegensatz zu früher nicht mehr in der Lage sind, den schwarzen Mann niederzuhalten, hat auch der Kampf des amerikanischen Negers Auftrieb bekommen. Der Neger wirft Amerika die Worte Freiheit und Gleichheit in die Zähne.
SPIEGEL: Die Führer der Negerbewegung in den Vereinigten Staaten fordern zur Verwirklichung ihrer Ziele immer wieder Interventionen der Washingtoner Zentralregierung in den einzelnen Bundesstaaten, fordern eine Stärkung der zentralen Macht in Washington über die auf ihre föderativen Rechte pochenden Südstaaten.
BALDWIN: Das ist ein heißes Eisen. Man darf nicht vergessen, daß die Oligarchie in den Südstaaten erst etwa gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen wurde. Diese Leute pochen heute auf die Rechte der Bundesstaaten. Dabei geht es ihnen gar nicht um diese Rechte. Es gibt zwar Rechte der einzelnen Staaten, und auf einer bestimmten Ebene kann man auch darüber streiten. Und es stimmt auch, daß Rechte von Bundesstaaten in einer Föderation festgelegt werden müssen, aber der Oligarchie in den Südstaaten geht es um etwas ganz anderes: Es geht ihr um das Agreement, das der Norden und der Süden nach dem Sezessionskrieg, zur Zeit der Reconstruction getroffen haben. Dieses Agreement lief darauf hinaus, daß der Süden mit seinen Negern machen konnte, was er wollte, damit der Norden mit seinen Negern machen konnte, was er wollte. Der Beweis: Wir waren damals auf der untersten Stufe der Arbeitnehmer, und wir sind es auch heute noch. Die Frage, die sich der Zentralregierung stellt, lautet daher: Wollt ihr wirklich mit dem Süden zu Gericht gehen? Denn die Südstaaten werden nicht zum Nutzen der Südstaaten regiert, sondern zum Nutzen einiger korrupter alter Männer.
SPIEGEL: Wen meinen Sie mit korrupten alten Männern? Die Gouverneure der Südstaaten, ihre Senatoren, etwa Senator Eastland aus Mississippi, um nur einen der prominentesten zu nennen?
BALDWIN: Der ist einer der schlimmsten. Ich kenne Leute, die sind von Senator Eastlands Farm geflohen. Ich kann hier keine Namen nennen, kann es deshalb auch nicht beweisen, aber ich kenne zum Beispiel eine alte Frau in Mississippi, die geschlagen worden ist. Sie hatte sich an einer Kampagne beteiligt, die darauf abzielte, den Negern auf der Plantage Senator Eastlands das Wahlrecht zu geben. Die Frau wurde ins Gefängnis geworfen und mißhandelt. Solche Dinge passieren heute in Mississippi. Ich habe mit Negern in Mississippi gesprochen, die sagten, Senator Eastland sei ein Mörder, und ich habe das auch geglaubt.
SPIEGEL: Sehen Sie überhaupt eine Möglichkeit für die Neger, einen Anteil an der Macht zu erringen?
BALDWIN: Die einzige Hoffnung, die wir haben, ist die Angst des weißen Mannes, sein Selbsterhaltungstrieb, und wenn er überleben will, muß er sich ändern.
SPIEGEL: Und wenn er seine Einstellung nicht ändert?
BALDWIN: Dann wird der Westen, das heißt die Industrieländer Europas und Nordamerikas in ihrer heutigen Form, untergehen. Sie sehen sich einer schrecklichen Bedrohung gegenüber. Der industrialisierte Westen hat zwar heute die Macht und wird sie, technologisch gesehen, auch noch lange haben, aber eine Kraft ist stärker als das, was der Westen hat: Und das sind die Völker, die überhaupt nichts haben.
SPIEGEL: Also eine Konfrontation zwischen dem industrialisierten Norden der Welt und dem unterentwickelten Süden.
BALDWIN: Genau. Wir müssen diesen Völkern helfen, ins 20. Jahrhundert zu gelangen. Wir müssen ihnen helfen, kämpfen. Wir müssen Wüsten bewässern, Dämme bauen, afrikanische Kinder zur Schule schicken. Aber das kann man nicht nebenbei mit der linken Hand machen oder mit dem Geld, das man übrig hat. Irgend jemand muß schon etwas mehr opfern. Die Parfümindustrie etwa wird darunter leiden müssen. Der Charakter der westlichen Investitionen in den unterentwickelten Ländern muß geändert werden wie auch die Kontrolle dieser Investitionen. Es ist im Jahre 1964 einfach unmöglich, daß ein Mann, sagen wir, in New York wohnt und Herr über Tausende und Zehntausende Hektar Land in Guatemala ist und praktisch vom Elend von Millionen Menschen lebt.
SPIEGEL: Was Sie verlangen, ist ...
BALDWIN: ... ein neues Konzept von der Rolle des Kapitals. Oder nehmen wir ein Beispiel aus Amerika: Die Gebäude in den Slums von Harlem gehören verschiedensten Grundstücksspekulanten und Banken. Eine ganze Menge Leute verdienen sehr gut an dem Getto. Und wenn noch so viele Spielplätze für Negerkinder gebaut werden und der Bürgermeister noch so viele Reden hält, an der Verzweiflung der Menschen in Harlem ändert das alles nichts, solange den Grundstücksspekulanten nicht zu Leibe gegangen wird. Die Neger haben keine Lobby im Rathaus, wohl aber die Spekulanten. Deshalb, sage ich, muß diesem Wirtschaftssystem an die Wurzel gegangen werden.
SPIEGEL: Eine solche Entwicklung zu erwarten, ist doch wohl illusorisch.
BALDWIN: Vielleicht, aber nicht ganz unmöglich. Ich kann keine Wunder erwarten. Aber die Situation wäre nicht ganz so katastrophal, wenn unsere Politiker von einem höheren Kaliber wären. Amerika hat eine ganze Menge besserer Leute als Goldwater aufzuweisen.
SPIEGEL: Auch Sie werden nicht bestreiten, daß es in Amerika eine Reihe von einflußreichen Leuten gibt, Weißen, die namentlich in den letzten Jahren viel für die Sache der Farbigen getan haben. An ihrer Spitze sind wohl John F. Kennedy und sein Bruder Justizminister Robert F. Kennedy zu nennen.
BALDWIN: Ja, zweifellos.
SPIEGEL: Sie selbst sind wiederholt persönlich mit Robert Kennedy zusammengetroffen. Welchen Eindruck haben Sie von seinen Motiven?
BALDWIN: Well, ich bin Bobby Kennedy zum erstenmal im Jahre 1962 auf einem Empfang im Weißen Haus begegnet. Damals sprachen wir nur kurz von der Rolle des Justizministeriums in den Südstaaten. Wir verabschiedeten uns damals mit dem Versprechen, bei der nächsten Gelegenheit einmal eingehender über diese Probleme zu diskutieren. Diese Gelegenheit kam erst im Mai letzten Jahres. Kennedy lud mich zum Frühstück nach Washington ein. Wir unterhielten uns, meine ich, nicht ohne Gewinn, und dann sagte er, er wolle am darauffolgenden Tag nach New York kommen und ob ich nicht einige meiner Freunde einladen würde, mit denen er sich unterhalten könnte.
SPIEGEL: Robert Kennedy wollte in Ihr Appartement in New York kommen?
BALDWIN: Ja. Ich lud also ein paar Freunde ein, ich versuchte dabei, Leute aus Neger-Organisationen zu vermeiden. Deshalb rief ich meine persönlichen Freunde an, Leute wie Lena Horne und Harry Belafonte. Bei der Gelegenheit bestärkte sich mein erster Eindruck, den ich von Robert Kennedy damals im Weißen Haus gewonnen hatte: Er ist ein sehr ehrgeiziger, sehr kluger und willensstarker Mann, ohne viel Vorstellungskraft und Wärme, aber sehr geschickt. Jemand, den ich mir nicht als Freund denken könnte. Er wollte etwas von uns, und deshalb wurde die kleine Diskussion so hitzig.
SPIEGEL: Sie wurde laut?
BALDWIN: O ja. Es war schrecklich, wirklich schrecklich. Er wollte uns etwas über die Leistungen seines Ministeriums erzählen, während wir weder von seinem Ministerium noch von dessen Leistungen etwas hören wollten, die nicht annähernd so eindrucksvoll sind, wie er annahm, und sich in den Südstaaten überhaupt nicht auswirkten. Zudem waren alle Anstrengungen des Justizministers praktisch durch die Demonstranten in den Straßen von Birmingham, Alabama, erst erzwungen worden, denn das Justizministerium hat sich doch nicht gerührt, ehe nicht jemand in Birmingham getötet worden war.
SPIEGEL: Was hatten Sie von der Unterhaltung mit Robert Kennedy denn erwartet?
BALDWIN: Wir wollten ihm etwas über die wirkliche Lage der Neger in den Südstaaten erzählen. Wir stritten uns lange über die Rolle der (dem Justizministerium unterstehenden) US-Bundeskriminalpolizei FBI in den Südstaaten. Wir erzählten ihm, daß der FBI in den Südstaaten praktisch untätig ist.
SPIEGEL: Wie konnten Sie diese Beschuldigung begründen?
BALDWIN: Ich habe den FBI dort unten beobachtet. Die FBI-Agenten in den Südstaaten stammen aus den Südstaaten. Sie arbeiten von Regionalkommandos aus. Es gibt zum Beispiel ein Regionalkommando in Tennessee. Die Agenten des Regionalkommandos werden nach Mississippi entsandt und wohnen dort in den Häusern der örtlichen Polizisten oder Sheriffs. Und das ist dann auch der Grund, warum sie nie auch nur einen Bombenattentäter überführen können. Natürlich können sie keine Attentäter suchen, wenn sie in den Häusern der Attentäter leben.
SPIEGEL: Wie reagierte Robert Kennedy darauf?
BALDWIN: Er wollte sich auf keine eingehenden Diskussionen einlassen. Er wollte uns von den Leistungen seines Ministeriums erzählen und verlangte von uns, daß wir diese Leistungen unter den Bewohnern von Harlem propagierten. Deshalb mußte er sich von mir und meinen Freunden sagen lassen: "Wenn Ihre Leistungen so groß sind, dann gehen Sie doch selbst in die Friseurläden von Harlem und erzählen den Negern selbst, was Sie zu sagen haben. Wir werden das nicht tun, denn wir wollen nicht erschossen werden."
SPIEGEL: Erschossen?
BALDWIN: Ja, ermordet von den Negern Harlems. "Nein", erklärten wir ihm weiter, "Sie machen für Ihre Errungenschaften am besten selbst Reklame. Wir können und werden das nicht für Sie tun. Wir könnten es nicht, selbst wenn wir es wollten." Wir erklärten ihm auch, warum nicht: "Denn, Mr. Kennedy, Sie verstehen eines nicht: Weil wir nett zu Ihnen sind, weil wir mit Ihnen sprechen, reden die Leute nicht mehr mit uns." Die Diskussion wurde immer erregter und erbitterter. Robert Kennedy hat an dem Abend etwas sehr Wichtiges nicht begriffen: die Verzweiflung der Negerbevölkerung, die wir, wie er glaubte, repräsentierten. Er wußte zum Beispiel nicht, daß Lena Horne eine verheiratete Frau war mit zwei Kindern und daß sie es im Leben sehr sehr schwer gehabt hat und daß wir alle viele Jahre schwer hatten dafür bezahlen müssen, daß wir berühmt wurden. Er konnte sich nicht vorstellen, welchen Weg wir hinter uns hatten. Ich weiß wirklich nicht, ob er auch nur etwas von dem begriffen hat, was wir ihm an jenem Abend zu sagen versuchten.
SPIEGEL: Immerhin ist Robert Kennedy Politiker, der so leicht keine Gelegenheit für günstige Publicity versäumt.
BALDWIN: Ja, natürlich. Er tat, was jeder Politiker getan hätte. Wenn eine Gruppe berühmter Neger öffentlich Robert Kennedy unterstützt hätte, dann wäre das eine großartige Sache für ihn gewesen. Aber: Die Leistungen Robert Kennedys auf dem Gebiet der Bürgerrechte sind nicht sehr eindrucksvoll und haben nichts dazu beigetragen, das Schicksal der Neger auch nur im geringsten zu erleichtern.
SPIEGEL: Würden Sie leugnen, daß die Anstrengungen der Kennedys wirksamer waren als alle bisherigen Initiativen zur Förderung der Gleichberechtigung von Amerikas Farbigen?
BALDWIN: Das ist nicht zu leugnen, aber sehr eindrucksvoll ist es deshalb doch nicht. Die Bemühungen der Kennedys haben das Schicksal der Menschen in Harlem und Detroit, der Neger in Chicago und all den anderen Großstädten nicht erleichtert. Viele Dinge bleiben noch zu tun!
SPIEGEL: Mr. Baldwin, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 31/1964
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