15.04.1964

FANNY HILLEtwas dazwischen

Zwei Jahrhunderte lang blieben die "Erinnerungen eines Freudenmädchens" weithin unbekannt. Der Tätigkeitsbericht der fiktiven Engländerin Fanny Hill - verfaßt von einem John Cleland und erstveröffentlicht in Goethes Geburtsjahr 1749 - war nur in obskuren Drucken, unter der Hand und zu Überpreisen erhältlich,
Seit 1963 ist der Fanny-Report nicht mehr nur Liebhabern zugänglich: Eine Taschenbuch-Ausgabe von Clelands "Fanny Hill" wurde in Amerika zum Bestseller. Um Fannys Freuden einem noch größeren Publikum nahezubringen, werden ihre Memoiren in diesem Frühjahr gleich zweimal für die Kinoleinwand aufbereitet:
- In London beginnt Produzent David Pelham Anfang Mai mit der Verfilmung von "Fanny Hill". Fanny: Jane Fonda; geschätzte Produktionskosten: 2,2 Millionen Mark.
- In Berlin-Spandau dreht Schnellfilmer Artur Brauner seit Beginn dieser Woche an einem Fanny-Lustspiel. Fanny: Jil Fromer; Kosten: 1,2 Millionen Mark.
Die Doppelverfilmung macht den Berliner Produzenten nicht bange. Brauner hat seine Nerven schon in anderen und andersartigen Konkurrenzen gestählt: Er war an Film-Doubletten um das Attentat auf Hitler ("Der 20. Juli") und die angebliche Zarentochter ("Anastasia") beteiligt und erklärt: "Wir haben die Nase auch diesmal vorn."
Brauner hatte seine Nase bereits vor Jahren einmal in "Fanny Hill" gesteckt. Zu drastisch für eine Verfilmung schien ihm der Vergnügungsroman damals. Was dem Filmproduzenten zu stark war, ist aber seit dem Bestseller-Erfolg der amerikanischen Taschenbuch-"Fanny" häufiger wohlwollend als tadelnd rezensiert worden. Die "Frankfurter Allgemeine" nannte "Fanny Hill" ein "kleines Meisterwerk der erotischen Weltliteratur".
"Fanny"-Autor John Cleland (1709 bis 1789) verfaßte den Dirnen-Roman in Briefform kaum aus literarischem Ehrgeiz, sondern vorwiegend aus Not. Er hatte als Agent der East India Company in Bombay gearbeitet, war zeitweilig Konsul in Smyrna gewesen und hatte nach mancherlei Mißerfolgen in englischen Schuldgefängnissen einsitzen müssen. Um schnell und leicht wieder zu Geld zu kommen, erfand er
Fanny Hill und ließ sie "den losen Teil" ihres Lebens "mit derselben Freiheit, mit der ich es führte, beschreiben".
Die 15jährige jungfräuliche Waise aus einem Dorf bei Liverpool gerät in ein Londoner Nobelbordell, dessen Vorsteherin darauf bedacht ist, dem hübschen Mädchen nur gefällige Kunden zuzuführen. So kann Fanny beispielsweise berichten: "Er trat auf Zehenspitzen an mein Bett heran und sagte mit zartem Flüsterton: 'Ich bitte dich, Liebling, erschrick nicht. Ich werde sehr sanft und gut zu dir sein.'"
Miss Hill hat lustige, anstrengende und absonderliche Erlebnisse, die sie mit penibler Liebe zum Detail, aber stets im gleichnisfrohen Schönschreibstil ihres Jahrhunderts memoriert. Im Gegensatz zu vielen Liebenden moderner Literaten ist Fanny von Tristesse, Schuldkomplexen und Ekel-Neurosen frei - ihr ist Sex die immer neue Freude. Höhepunkt der Munterkeit: ein geselliger Abend, an dem vier Paare einander die Kunst der Gunst vorführen. Mit 19 Jahren findet Fanny ihren ersten Geliebten wieder, heiratet ihn und wird eine gute Mutter.
John Cleland hatte weniger Freude an seinem Werk: Der Buchhändler Griffith, dem er das "Fanny"-Manuskript zum Druck gab, zahlte dem Autor lediglich 21 Pfund und verdiente selbst am Verkauf der Bücher 10 000 Pfund. Zudem mußte sich Cleland wegen seines unzüchtigen Werkes vor dem Staatsratverantworten. Erverteidigte sich mit dem Hinweis auf seine Armut, und dieser Einfall brachte ihn schließlich doch noch ans Ziel: Damit er nicht länger seinen Lebensunterhalt mit Pornographie verdienen müsse, wurde ihm eine Staatspension von 100 Pfund im Jahr gewährt. "Fanny Hill" tauchte für zwei Jahrhunderte unter die Ladentische spezialisierter Buchhändler.
1963 kam Fanny wieder ans Licht. Der angesehene New Yorker Verlag Putnam's Sons hatte die "Erinnerungen eines Freudenmädchens" in einer Luxusausgabe zum Preis von 24 Mark schon 40 000mal und als Taschenbuch (Preis: 3,80 Mark) schon 600 000mal verkauft, als die Stadt New York durch Einstweilige Verfügung den "Fanny"-Vertrieb unterband. Die Richter hatten zu prüfen, ob "Fanny" lediglich ein "obszönes Buch" sei, "nach Inhalt und Darstellung geeignet, im Leser unzüchtige Interessen zu wecken".
Die Frage wurde in der ersten Instanz bejaht, vier Wochen später vom Berufungsgericht verneint. "Fanny Hill" durfte weiterhin verkauft werden. "Der letzte schwache Widerstand gegen die Veröffentlichung von Pornographie in Amerika ist damit gebrochen", schrieb die "New York Times".
Auch in England konnte der Verlag Putnam's Sons unbeanstandet 10 000 Exemplare seiner Luxus-"Fanny" absetzen. Gegen die billige Taschenbuch "Fanny" des englischen Verlages Mayflower Books aber schritten die Tugendwächter ein. Es kam zu lokalen Aktionen gegen einzelne Buchhändler; Teile der Taschenbuch-Auflage wurden beschlagnahmt, obwohl sich Experten für das literarische Erotikon eingesetzt hatten, so Professor Watt von der Universität Norwich: "Ein gutes Buch, gut geschrieben und von beträchtlichem Interesse für die Entwicklung des englischen. Romans."
Deutsche Leser werden sich mit diesen und den anderen Qualitäten "Fanny Hills", von der nächsten Woche an vertraut machen können: Der Münchner Desch-Verlag hat eine deutsche Luxus-Ausgabe des Kokotten-Romans erstellt. Preis: 58 Mark.
Eine erste deutsche "Fanny"-Übersetzung war um 1900 in einem heute nicht mehr existierenden österreichischen Verlag erschienen. Den Text dieser Ausgabe ließ Verleger Kurt Desch von seinem Lektor, dem ehemaligen Filmkritiker Gunter Groll, bearbeiten. Da die auf 3333 numerierte Exemplare beschränkte Subskriptions-Ausgabe lange vor Drucklegung durch Vorbestellungen vergriffen war, schob Desch noch zweimal 3333 "Fanny"-Bände nach - beide Serien für Liebhaber wiederum von 1 bis 3333 durchnumeriert. Und weil die Nachfrage aus dem deutschen Buchhandel immer noch anhält, erwägt Desch auch eine "billigere Ausgabe" der Freudenmädchen-Memoiren. Sie soll ebenfalls nur "gegen Unterzeichnung eines Revers mit der Verpflichtung, das Werk nicht uneingeschränkt weiterzugeben" (Desch), verkauft werden.
Angesichts der weltweiten Publicity und sicherer Verlegerverdienste griffen nun auch die Filmleute zu. Als der englische Produzent Pelham von Artur Brauners Parallel-Projekt einer "Fanny Hill"-Verfilmung hörte, versuchte er zunächst, den Berliner zum Verzicht zu bewegen. Doch Brauner wollte von Fanny nicht lassen, tat sich vielmehr mit dem US-Produzenten Albert Zugsmith zusammen, engagierte den Amerikaner Russ Meyer als Regisseur und den Amerikaner Robert Hill als Drehbuchschreiber.
Gleichzeitig in Amerika und Deutschland ließ dieses Team für die Rolle der Fanny nach "einer unbekannten Sechzehnjährigen, sauber und kindlich", fahnden. Sie fand sich unweit Hollywoods - in der Elektriker-Tochter Jil Fromer, die den Produzenten einige Photos eingeschickt hatte. "Bürgerliche, unschuldige Bilder", sagt Produzent Brauner, "genau das, was wir suchten."
Denn Deutschlands "Fanny"-Produzent will nicht "irgendwelchen obszönen Film bringen oder eine Provokation, sondern eine Komödie, gemacht mit Sex". Brauners Fanny "kommt unschuldig 'rein in unseren Film und geht unschuldig 'raus, sie kann ihren jungen, schönen Mann in Weiß heiraten, weil sie unberührt bleibt".
"Denn immer", so erläutert Artur Brauner sein Drehbuch, "kommt etwas dazwischen."
"Fanny"-Autor Cleland
Für Liebhaber numeriert
"Fanny" Jil Fromer, Produzent Brauner
Liebe zum Detail

DER SPIEGEL 16/1964
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