22.04.1964

SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOWHephocapalytirosises

Morgens forderte die chinesische Zeitung "Ta Kung Pao", Nikita Chruschtschow, den "größten Kapitulanten und Spalter der Geschichte, zu liquidieren". Bereits abends schien es, als sei der Wunsch der Chinesen in Erfüllung gegangen.
Die Hamburger Zentrale der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Montag letzter Woche um 21.48 Uhr in einer "Blitz"-Meldung über ihr Fernschreibnetz: "Chruschtschow tot." Und in einer weiteren, ausführlicheren Meldung: Vier Tage vor seinem 70. Geburtstag sei der Kremlchef um 20.19 Uhr mitteleuropäischer Zeit den Folgen "einer akuten Hephocapalytirosises" erlegen.
Dem Blitz aus Hamburg folgte der Donner aus Moskau: Nicht Chruschtschow war der "Hephocapalytirosises" zum Opfer gefallen, sondern - wie der Generaldirektor der sowjet amtlichen Nachrichten-Agentur Tass diagnostizierte - dpa einem "närrischen Gerücht".
Während der totgemeldete Sowjetpremier auf die Schwelle seines achten Lebensjahrzehnts zuschritt, mußte dpa die "ohne irgendeine Überprüfung kaltblütig (verbreitete) schwerwiegendste Meldung des Jahres" (die Pariser "Aurore") dementieren und ihr Moskauer Büro schließen. Die Agentur beurlaubte ihre Hamburger Redakteure Merget und Berger vorläufig und entschuldigte sich im eigenen Nachrichtendienst für den "fast unglaublichen deutschen Fehler" (so der Londoner "Daily Telegraph") mit "menschlichem Versagen" und "Verkettung von Mißverständnissen und unglücklichen Umständen".
Die Kette der Mißverständnisse ließ sich bis zum Telex-Gerät 1 im Fernschreibraum des Kölner Westdeutschen Rundfunks (WDR) zurückverfolgen:
An jenem Montag gegen 21.30 Uhr hatte Telex 1 eine im Kopf doppelt als "Blitzmeldung" deklarierte Nachricht aufgenommen. Absender der Meldung: "Asahi Bonn" - die bundesdeutsche Vertretung der japanischen Tageszeitung "Asahi Shimbun" (Auflage: acht Millionen). Text des Doppelblitzes: "Heute am Spätnachmittag verstarb überraschend um 20.19 Uhr MEZ der Erste Ministerpräsident der UdSSR Chruschtschow an einer akuten Hephocapalytirosises. Moskau 13.4.64, Tass."
Die diensttuenden Schichtführer der WDR-Nachrichtenabteilungen, Dr. Neuß (Mittelwelle) und Vitt (UKW), denen ein Bote die Asahi-Neuigkeit auf den Tisch legte, "wunderten" sich zunächst, "denn von dort hatten wir noch nie etwas als Quelle bekommen". Dann ließen die Schichtführer recherchieren:
WDR-Redakteur Wacker fragte telephonisch beim Bonner Asahi-Vertreter Noboru Kimura nach, ob die Meldung vom Ableben des Kremlherrn wohl stimme. Wacker und Kimura stießen auf gegenseitige Verständigungsschwierigkeiten. Aber offenbar wußte der Japaner nichts von der Todesbotschaft, die unter seinem Absender beim WDR eingelaufen war. Der WDR hakte deshalb mit einem Fernschreiben bei Asahi-Kimura nach: "Eilt. Bitte, können Sie uns die Meldung von vorhin bestätigen?" - Die widersprüchliche Antwort: "Nein, leider nicht. Ich habe bisher solche Nachricht von Tokio erhalten ..." - Kimura hatte in dieser Antwort das Wort "keine" vergessen.
Parallel zu diesen Recherchen klingelten die WDR-Nachrichtler die Presse -Agenturen ab. WDR-Redakteur Pusch teilte dpa-Koordinator Zickler die Asahi -Tass-Sensation telephonisch mit und kündigte ein ergänzendes Fernschreiben an. Unmittelbar darauf wurde die komplette Asahi-Tass-Urfassung mit dem WDR-Zusatz "Können Sie uns diese Meldung bestätigen, ja?" vom Kölner Funkhaus zur dpa-Zentrale am Hamburger Mittelweg durchgeschrieben.
Obwohl dpa-Redaktion wie Fernschreib-Personal seit dem Telephonat Pusch-Zickler Gewehr bei Fuß standen, gin g - so dpa-Chefredakteur Eggeling - "unser Prinzip Zuverlässigkeit über Schnelligkeit in die Binsen":
- Als das WDR-Fernschreiben gerade anläuft, meldet Fernschreib-Dienstleiter Gebauer in die Redaktion: "Jetzt kommt Tass". Resultat: Chef vom Dienst Rudolf Merget und Nachtdienstredakteur Wolfgang Berger zünden den bereits vorbereiteten dpa-Blitz "Chruschtschow tot". Es ist 21.48 Uhr.
- Eine Fernschreiberin reißt den, wie sie meint, kompletten WDR-Text aus dem Fernschreiber, steckt ihn in eine Rohrpostkapsel und schießt ihn auf den Redaktionstisch.
- Eine zweite Fernschreiberin findet in dem noch laufenden Gerät den WDR-Zusatz "Können Sie uns diese Meldung bestätigen, ja?" Sie glaubt, die Anfrage beziehe sich auf die Qualität der Übermittlung und drückt die Taste "R" (gut erhalten).
- Merget und Berger fertigen aus der unvollständigen WDR-Nachfrage die dpa-Meldung 231, in der sie ohne Arg auch die Diagnose Hephocapalytirosises - eine sinnlos aneinandergereihte Folge griechisch klingender Silben - aufnehmen: "Moskau, 13. April 64 dpa - Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow ist am Montag 20.19 MEZ, vier Tage vor seinem 70. Geburtstag, an den Folgen einer akuten Hephocapalytirosises plötzlich gestorben (nach Tass)." Sie wird um 21.53 Uhr gesendet.
Über den dpa-Sender kehrte die in Hamburg lediglich um den Hinweis auf den 70. Geburtstag bereicherte Meldung vom Hephocapalytirosises-Tod auch wieder in die WDR-Redaktion zurück. Die WDR-Nachrichtler: "Wir glaubten natürlich, daß die Meldungen von dpa die Antwort auf unsere Anfrage waren."
Vitt und Neuß ließen um 21.55 Uhr die Sendungen des Funkhauses Köln unterbrechen und den UKW- und Mittelwellen-Hörern vermelden: "Nach bisher offiziell nicht bestätigten Meldungen der Deutschen Presse-Agentur und einer japanischen Quelle, die sich auf die sowjetische Tass-Agentur berufen, ist ... Chruschtschow ... überraschend gestorben."
Fünfzehn Minuten später mußte der WDR sein Programm erneut unterbrechen. Diesmal war überraschend die dpa-Meldung gestorben.
Über ihren Moskauer Korrespondenten Heinz-Günther Wurzel hatte sich die Hamburger dpa-Zentrale inzwischen bei Tass nach dem Ableben des Kremlchefs erkundigt. Tass zu dpa-Wurzel: "Das ist eine Ente."
Trotz einer von dpa eilends abgefaßten Stoppmeldung aber war der Entenflug nicht mehr aufzuhalten:
In den Vereinigten Staaten strahlten mehrere Radiostationen die Nachricht aus. Vor der sowjetischen Botschaft in Washington versammelte sich eine aufgeregte Menschenmenge. Tausende Amerikaner riefen bei Zeitungen, Presse -Agenturen, Radio- und TV-Stationen an. An der noch geöffneten Börse von San Francisco purzelten die Kurse.
In Frankreich brach der Staatsrundfunk nach der Todesmeldung eine Unterhaltungssendung ab und spielte Bänder mit ernster Musik. Hunderte von Zuschauern einer Boxveranstaltung verließen erregt den Pariser Sport-Palast, nachdem die Lautsprecher den Tod Chruschtschows verkündet hatten.
In England bemühte sich die Rundfunkgesellschaft BBC über ihr weltweites Informationsnetz, der Nachricht auf den Grund zu gehen. In den Zeitungsredaktionen feilten eilig aufgebotene Kolumnisten an Chruschtschow-Nekrologen. Die ehrwürdige Londoner "Times" nahm die Nachricht gelassener auf: Ein Mitarbeiter wurde beauftragt, den Monat für Monat aktualisierten Nachruf auf Nikita Chruschtschow aus dem Stehsatz zu holen.
Politische Reaktionen aber gab es in keinem Land des westlichen Lagers: Die Meldung war dementiert, noch ehe die Regierungen Zeit gefunden hatten, die Nachricht ernst zu nehmen.
Moskau hingegen richtete die Ente zu einem propagandistischen Festschmaus an: "Wegen der Verbreitung von provokatorischen Falschmeldungen über die Sowjet-Union" ließ Chruschtschows Außenministerium am Donnerstag das Moskauer dpa-Büro schließen und den - nachweislich unschuldigen - dpa -Wurzel des Landes verweisen.
Das Rätsel zu lösen, wie die Mär vom Hephocapalytirosises-Tod des Kremlchefs unter der Firmen-Flagge "Asahi Bonn" per Fernschreiber ins WDR -Funkhaus segeln konnte, bleibt der Bonner Kriminalpolizei überlassen. Asahi-Vertreter Noburo Kimura erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt.
Kimura, der nach wie vor glaubhaft die Urheberschaft an der Falschmeldung abstreitet, vermutet hinter "Unbekannt" eine "dritte Macht, die daran interessiert ist, die Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen zu stören".
Copyright: Die Welt (Hicks)
"Ja, trauern Sie, Mao - Ich lebe ...
dpa-Korrespondent Wurzel
Ente im Kreml
Chruschtschow nach der Todesmeldung*
Strafanzeige gegen Unbekannt
* Am 14. April 1964 mit Polens Parteichef
Gomulka im Kreml.

DER SPIEGEL 17/1964
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