22.04.1964

SOWJET-UNIONStiefel küssen

Eine Stunde lang hielt Alexej Adschubej, Chefredakteur der Moskauer Iswestija" und Chruschtschow-Schwiegersohn, den Fragen von 130 französischen Journalisten im Pariser Palais d'Orsay stand. Dann bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn, und sein Gesicht lief dunkelrot an.
Ein Reporter hatte wissen wollen, warum die sowjetischen Juden systematisch aus dem politischen Leben ihres Landes ausgeschaltet würden. Adschubej explodierte: "Es gibt ja auch keine Russen in der Regierung Israels."
Wenige Tage zuvor hatte die Sowjetregierung eine von der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften verlegte antisemitische Broschüre aus dem Verkehr gezogen.
Titel und Inhalt der in 12 000 Exemplaren Ende 1963 verbreiteten Schrift "Judaismus ohne Schminke" von Trofim Kitschko erinnerten an Erzeugnisse des Judenhassers Julius Streicher im NS "Stürmer". Das Werk war mit Karikaturen illustriert, wie sie bisher in der Sowjet-Union nie gezeigt wurden: jüdische Menschen, die hakenkreuzgeschmückte Schaftstiefel küssen, Jugendliche korrumpieren, Geschäfte mit der Bundesrepublik machen oder in Synagogen um Geld streiten.
Kitschkos Kommentar: "Was die Juden auch immer anfassen, ob sie
Matzen verkaufen oder Thora-Rollen, bei Beerdigungen. Beschneidungen, Hochzeiten und Scheidungen, immer und überall denken sie dabei zuerst an Geld und verachten die produktive Arbeit."
Text und Karikaturen gelangten Ende März in den Westen. Sie bestätigten westliche Befürchtungen, daß der mosaische Glaube in der Sowjet-Union unterdruckt wird. So haben die Sowjetbehörden seit 1956 alle 17 jüdischen Theater und 396 von 450 Synagogen geschlossen. Seit 1959 sind nur sieben Bücher in jiddischer Sprache erschienen. Die Herstellung von jüdischen Gebetbüchern und Kalendern ist untersagt. In ganz Rußland gibt es nur eine Rabbinerschule. Über die Hälfte der wegen Wirtschaftsverbrechen zum Tode verurteilten Personen sind Juden.
Die britische Sonntagszeitung "Observer" entrüstete sich als erste. Französische, amerikanische und italienische Blätter zogen nach. Der britische KP -Chef John Gollan und sein amerikanischer Kollege Guss Hall distanzierten sich von den Karikaturen.
Das französische KP-Organ "L'Humanité" forderte den Kreml auf, die von Kitschko aufgestellten Thesen zu widerrufen; das römische KP-Blatt "L'Unità" machte Stalin für den "antisemitischen Geist" in der KPdSU verantwortlich.
Angesichts der Entrüstung im Westen trat die Ideologische Kommission beim ZK der KPdSU in. Moskau zusammen und beschloß die gewünschte Distanzierung: Das von Kitschko verfaßte Werk "Judaismus ohne Schminke" sei geeignet, die "religiösen Gefühle der Gläubigen zu verletzen und dem Antisemitismus Vorschub zu leisten".
Auch die "Iswestija" des Chefredakteurs Adschubej schloß sich dem höchstparteilichen Verdikt an: "Sagen wir es gleich - in dem Buch sind Fehler."
Antisemitische Karikaturen in der Kitschko-Broschüre: Vorbild "Stürmer"

DER SPIEGEL 17/1964
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