05.08.1964

MENGELENr. 293 384

Alfredo Stroessner, 51, Paraguays Diktator bayrischer Abstammung, fuhr Bonns Botschafter Eckart Briest an: "Ich werde die Beziehungen zur Bundesrepublik abbrechen!"
Der deutsche Diplomat versuchte seinen Auftrag zu erläutern, doch der General-Staatschef der Gran-Cháco -Republik schnitt ihm während der Audienz Mitte Juli das Wort ab: "Ich verbitte mir jeden weiteren Versuch!"
Botschafter Briest verließ eilig die weiße Casa Presidencial in der paraguayischen Hauptstadt Asunción, in seiner Aktenmappe einen unerledigten Auftrag:
Das Ersuchen der Bundesregierung, den Mann auszuliefern, auf den seit Anfang Juli die höchste Kopfprämie in der Justizgeschichte der Bundesrepublik - 60 000 Mark - ausgesetzt ist: den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und Lagerarzt des
Konzentrationslagers
Auschwitz-Birkenau von 1943 bis 1945, Josef Mengele, 53.
Mengele fehlt als prominentester Beschuldigter auf der Anklagebank des Frankfurter Auschwitz -Prozesses. Dem früheren Dr. med. und Dr. phil.* aus dem bayrischen Günzburg an der Donau wird vorgeworfen, er habe
- Zehntausende von Häftlingen an der Rampe von Birkenau für die Gaskammern von Auschwitz selektiert;
- durch Injektionen von Phenol, Luft oder Benzin eine ungenannte Vielzahl von Häftlingen umgebracht;
- ein vierzehnjähriges Mädchen mit
einem Bajonetthieb getötet;
- einen Säugling zu Tode getrampelt;
- jüdische Kinder - vor allem Zwillinge - durch medizinische Experimente in einer ungenannten Zahl getötet.
Auschwitz-Arzt Mengele hatte bis 1951 unter seinem richtigen Namen in verschiedenen Orten Bayerns gelebt, dann war er geflüchtet. Erst zwei Jahre später hatten die Erhebungen das mörderische Treiben Mengeles so weit klargestellt, daß die Fahndung nach ihm eingeleitet werden konnte.
Sechs Jahre später hatte sie den ersten Erfolg. Mengele war in Buenos Aires entdeckt worden. Er vertrat unter seinem Namen die Landmaschinenfabrik "Karl Mengele & Söhne", die sein Bruder Alois in Günzburg leitet.
Die Bundesregierung ersuchte Argentinien um die Auslieferung des Auschwitz-Abspritzers. Es dauerte fast ein Jahr, bis ein argentinisches Gericht einen Haftbefehl gegen Mengele erließ.
Zu spät. Mengele war aus Buenos Aires nach dem argentinischen Kurort San Carlos de Bariloche verschwunden. Der zurückhaltende "doctor alemán" war bald ein bekannter Gast.
Am 10. Mai 1960 - an diesem Tag entführten Israelis den Endlöser Adolf Eichmann aus Buenos Aires - verschwand der deutsche Doktor auch dort. Zurück blieb das Rätselraten um den Tod der Jüdin Nora Eldoc, einer Angestellten der Israel-Mission in Köln. Sie war nach Bariloche geflogen, angeblich um ihre Mutter zu besuchen, und eines Tages nach einer Bergtour tot aufgefunden worden. Die Gerüchte, sie sei Mengele auf der Spur gewesen, hielten sich hartnäckig.
Mengele blieb unauffindbar. Alle paar Monate tickerten Agenturmeldungen um die Welt, der KZ-Arzt sei verhaftet worden: in Argentinien, Brasilien und Peru. Sie stimmten nicht.
Der 1,74 Meter große Mann mit der auffallenden Dreieckslücke zwischen den oberen Schneidezähnen und dem schielenden linken Auge hatte einen neuen Unterschlupf gefunden: Er war über Brasilien nach Paraguay gegangen, wo er bereits 1956 vorsorgliche Kontakte geknüpft hatte.
In Paraguay hatte 1887 der Schwager Friedrich Nietzsches, Dr. Bernhard Förster, im Urwalddorf Nueva Germania die germanische Rasse in Reinheit aufzüchten wollen. Sein Versuch scheiterte kläglich, doch die Zuwanderung. Deutscher verstärkte sich ständig.
Heute leben 30 000 Deutschstämmige in Paraguay. Der 22. Staatschef des Landes innerhalb von 21 Jahren, Artilleriegeneral Stroessner, der sich 1954 den Weg zur Macht erputschte, hatte deutsche Großeltern.
Stroessners isolierter, unwegsamer und dünnbesiedelter Agrarstaat (eineinhalbmal so groß Wie die Bundesrepublik, zwei Millionen Einwohner) wurde zum Asyl flüchtiger Nazis. Bayer und Nazifreund Stroessner stellte SS-Offiziere und NS-Funktionäre in Staatspolizei und Administration ein.
Der erste Pulk von Nationalsozialisten war 1955 dem gestürzten argentinischen Diktator Perón ins
Exil nach Paraguay gefolgt. Die zweite Welle retirierte nach Eichmanns Entführung hinter Stroessners sichere Grenzen.
Josef Mengele bewohnte zunächst in der Hauptstadt Asunción die Pension "Astra" des Auslandsdeutschen Peter Fast. Obgleich ohne Approbation, behandelte er den herzleidenden Wirt. Fast: "Er sprach sehr nett zu mir." In seiner Absteige feierte Mengele manch feuchte Fast-Nacht. Sein zackigster Zechkumpan war der Luftwaffenoberst Hans-Ulrich Rudel, Träger der höchsten deutschen Tapferkeits-Auszeichnung im Zweiten Weltkrieg.
Er besaß bereits einen paraguayischen Paß. Während eines Besuchs hatte die Einwanderungsbehörde in Asunción Mengele am 27. November 1959 unter der Nummer 946/M registriert, das Regierungsdekret 809 - Kosten: 5000 Guarani (150 Mark) - hatte ihn unter dem Namen Jose Mengele eingebürgert:
Name: Mengele José, Sohn des Karl Mengele und der Walli Hepfauer (verstorben). Geboren am 16. März 1911 in Günzburg (Bayern), Deutschland.
Verheiratet mit Martha Maria Weil (Wohnort: Buenos Aires).
Sohn: Rolf Mengele, wohnhaft in Deutschland.
Beruf: Kaufmann.
Äußere Merkmale: Helle Haut. Braune Haare, Ansatz zur Glatze. Kleiner Schnurrbart. Hellbraune Augen. Gerade Nase. Lippenstärke mittelmäßig. Augenbrauen stark, getrennt. Ohren mittelgroß. Fingerabdrücke: V. 1344 - V. 4444.
Im Besitz eines argentinischen Personalausweises, ausgestellt von der Bundespolizei in Buenos Aires unter der Nummer 3 940 484, am 27. November 1955.
Im Besitz eines paraguayischen Personalausweises, ausgestellt von der Polizei in Asunción, Nummer 293 384, Aktenzeichen 425 006.
Letzte Einreise noch Paraguay: Mai 1959. Wohnsitz: Fulgencio Moreno 507, Asunción.
Die Wohnsitzangabe war falsch, es war die Adresse von Mengeles Anwalt César Augosto Sanabria. Falsch waren auch die Aussagen der Einbürgerungszeugen, des Weißrussen Alexander von Eckstein und des Deutschen Werner Jung. Sie bezeugten, Mengele habe bereits fünf Jahre in Paraguay gelebt.
Zeuge Jung war während des Zweiten Weltkrieges Landeschef der NSDAP -Auslandsorganisation Paraguay. Nach Kriegsende besaß er die Firma "Ferreteria Paraguaya SA.", die 1950 die. Vertretung der Firma des Mengele-Bruders Alois in Paraguay übernahm.
1962 machte Altnazi Jung Pleite. Seine Firma übernahm der Auslandsdeutsche Werner Schubeius, in Jungs Haus zog der Kanzler an der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft, Kurt Habermann, ein. Habermann wurde 1963 nach Bonn zurückgerufen und in die Inlandsabteilung des AA versetzt.
Pleite-Pg Jung übersiedelte nach Spanien und vertritt in Eubea (Provinz Vizcaya) eine Filiale der deutschen "Agria-Werke GmbH" in Mockmühl bei Heilbronn.
Mengele fühlte sich im Kreise alter Kameraden in Asunción so sicher, daß er nicht einmal seine auffällige Zahnlücke füllen ließ. Regelmäßige Überweisungen, die er über den Jung-Nachfolger Schubeius erhielt, sicherten ihm ein sorgenfreies Dasein.
Die Geldsendungen kamen aus Buenos Aires. Sie sind Erträge einer 50-Prozent-Beteiligung Mengeles an der argentinischen Eisenwarenfabrik "Fadrofarm KG SA." (Grundkapital: vier Millionen Mark).
Doch 1962 kamen ihm die Nazijäger der Staatsanwaltschaft Frankfurt auf die Spur. Die Deutsche Botschaft in Asunción beantragte auf Weisung Bonns die Feststellung der Identität Mengeles. Die paraguayischen Behörden erklärten nach Monaten, Jose Mengele sei mit dem KZ-Arzt nicht identisch.
Mengele wurde vor Bonns Bemühungen gewarnt und tauchte im Landesinneren unter. Er bezog auf der Farm des Auslandsdeutschen Alban Krug in der deutschen Siedlung Hohenau, nahe der Stadt Encarnación, Quartier. Mit Farmer Krug und Oberst Rudel sei auch öfters, so berichteten Indios den Rechercheuren der Deutschen Botschaft, ein "doctor alemán" zur komfortablen Jagdhütte Krugs gezogen.
Vor etwa zwei Monaten, kehrte Weidmann Mengele noch einmal zu einer Becher-Tour durch die Bars von Asunción in die Hauptstadt zurück. Schluckbruder des letzten Alkohol-Gefechts: wiederum der höchstdekorierte Deutsche Rudel. Danach verlor sich Mengeles Spur im Busch.
Die Frankfurter Fährtensucher geben nicht auf. Sie glauben, durch hartnäckige Interventionen bei Diktator Stroessner - der Ende 1963 von der Bundesrepublik zwölf Millionen Mark Wirtschaftshilfe erhielt - den Auschwitz -Arzt doch noch zu bekommen.
Ihr Chef, Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer, glaubt sogar, im Nazi -Paradies Paraguay einen noch fetteren Fang tun zu können. Er ist sicher, daß dort auch ein Mann lebt, der "von hinten wie Franz-Josef Strauß und von vorn wie eine Kartoffel aussieht" (Bauer) und bis 1954 offiziell als tot galt: der ehemalige Chef von Hitlers Parteikanzlei, Reichsleiter Martin Bormann.
* Die Universität Frankfurt hat Josef Mengele den Dr. med. Im Juli 1961, die Universität München den Dr. phil. im Juli 1964 aberkannt.
Geflüchteter Auschwitz-Arzt Mengele
Kopfprämie 60 000 Mark
Mengele-Unterschlupf bei Encarnacion: Spur im Busch verloren
Paraguays Staatschef Stroessner
Zank mit Bonns Botschafter
Mengele-Freund Rudel
Zechtour mit dem alten Kameraden
Mengele-Gastgeber Krug
Jagd mit dem deutschen Doktor
Mengele-Helfer Jung, Ehefrau
Falsche Aussage für echten Paß

DER SPIEGEL 32/1964
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