12.08.1964

HENSCHELBillige Tochter

Am Donnerstag vorletzter Woche signierte Dr. rer. pol. h. c. Fritz-Aurel (Prinz Aurel") Goergen, 55, auf seinem Landsitz in Hösel bei Düsseldorf den Vertrag: Er hatte seine Mehrheitsbeteiligung an den Kasseler Henschel-Werken AG für 60 Millionen Mark dem Ruhrkonzern Rheinische Stahlwerke verkauft.
"Das war die schwerste Unterschrift meines Lebens", klagte der entthronte Henschel-Boß. Drei Monate nachdem die Koblenzer Staatsanwaltschaft Goergen wegen Betrugsverdachts im Zusammenhang mit Reparaturen von Bundeswehr-Panzern verhaftet hatte (SPIEGEL 19/1964), entglitt dem Erfolgs-Manager sein Unternehmen.
Eine Woche später als Goergen verkauften die amerikanischen Henschel -Aktionäre, die sich vor drei Jahren dem Stern des bulligen Industriekapitäns in der Hoffnung auf schnellen Gewinn anvertraut hatten, ihren Anteil. Sie erhielten von Rheinstahl für 43 Prozent des Kapitals 50 Millionen Mark.
Der Essener Konzern war Herr bei Henschel geworden. Er sprang durch den Zuwachs von einer halben Milliarde Mark Henschel-Umsatz in der Rangliste westdeutscher Großunternehmen vom fünfzehnten auf den elften Platz.
Als der kreislaufkranke Untersuchungshäftling Goergen erkannt hatte, daß seine Kasseler Position nicht mehr zu halten war, bot sich ihm Rheinstahl als prädestinierter Nothelfer. Verbindungen zwischen Rheinstahl und Goergens Henschel-Werken hatte es schon seit langem gegeben.
Beide Unternehmen sind in die Rüstungsproduktion für die Bundeswehr eingeschaltet. So hatten sich die Rheinstahl-Tochter Hanomag und Henschel in den Bonner Großauftrag über 700 Kanonenjagdpanzer brüderlich geteilt. Sie gründeten für den Panzerbau schon im vergangenen Jahr gemeinsam eine Koordinierungsstelle mit dem harmlosen Namen "Gesellschaft für Kraftfahrzeuge GmbH" (Geka) in Düsseldorf.
Längst ehe die Staatsanwälte kamen, hatte Goergen schon einmal dem Rheinstahlchef Werner Söhngen, 58, eine Henschel-Beteiligung angetragen. Er wollte, um Investitionsmittel zu bekommen, sein Firmenkapital um zwölf Millionen erhöhen. Rheinstahl sollte sie zahlen und damit Henschel-Aktionär werden. Söhngen hatte jedoch kein Interesse an einer Minderheitsbeteiligung.
Als Goergen inhaftiert worden war, nahm der Essener Konzernchef die Verhandlungen wieder auf. Er konferierte zunächst mit Goergens Bruder Willy und suchte später den aus der Haft entlassenen Prinzen Aurel in der Höseler Villa auf. Söhngens Forderung: Das ganze Henschel-Paket oder gar nichts.
Mit dem angeschlagenen Goergen, den seine Kasseler Aktien praktisch nichts gekostet hatten, wurde er um so rascher einig. Durch den hohen Preis, den ihm die Amerikaner für ihre Beteiligungen zahlten, hatte Goergen nicht nur seinen eigenen niedrigen Einstand wieder herausbekommen, sondern noch zwei Millionen Mark mehr. Söhngens Kursangebot von 175 bedeutete mithin für Goergen einen Gewinn von 60 Millionen Mark.
Mehr Schwierigkeiten als von Goergen waren von den Amerikanern zr erwarten. Sie hatten ihre gesamter, Anteile zum Durchschnittskurs von 157 (das entsprach rund 43 Millionen Mark) erworben. Ihr Vertreter, der Finanzmakler Joseph R. Nash, hatte zudem ständig moniert, daß Henschel keine Dividende zahle. Als Goergen schließlich einer Ausschüttung von sechs Prozent für das Geschäftsjahr 1963 zustimmte, hatte Nash zäh um einen höheren Betrag gerungen.
So versuchte Werner Söhngen zunächst, das Rheinstahl-Interesse an dem US-Paket vor den Amerikanern geheimzuhalten. Als Käufer trat bei Joseph Nash die Deutsche Bank auf, die vorgab, sie wolle die Aktien für eigene Rechnung erwerben.
Erst durch eine Indiskretion des hessischen Ministerpräsidenten Zinn wurde der wahre Interessent bekannt, und Joseph Nash konnte den Preis hochtreiben: Käufer Söhngen mußte den Amerikanern acht Kurspunkte mehr als Goergen bewilligen. Somit hatten auch Nash und seine Freunde gegenüber ihrem Einstandspreis rund sieben Millionen Mark verdient.
Das beste Geschäft jedoch hatte Söhngen gemacht. 110 Millionen Mark waren ein mäßiger Preis für das Kasseler Unternehmen, das noch Anfang dieses Jahres auf etwa 190 Millionen Mark Börsenwert geschätzt wurde.
Die Summe aufzubringen, konnte einem Unternehmen nicht schwerfallen, das im vergangenen Jahr 3,1 Milliarden Mark Umsatz erzielte und in seiner Bilanz über 100 Millionen Mark flüssige Mittel sowie 424 Millionen Mark Rücklagen auswies.
Tatsächlich konnte Werner Söhngen seinem Verhandlungspartner Goergen zusichern, die Kaufsumme werde vier Tage nach der Unterzeichnung des Vertrages überwiesen.
Auch der Kapitalbedarf der im Sommerschlußverkauf erworbenen Tochterin den nächsten drei Jahren rund 100 Millionen Mark - konnte die Mutter in Essen nicht schrecken. Er nimmt sich relativ klein aus neben den 730 Millionen, die der Konzern ohnehin bis 1966 zu investieren gedenkt.
So durfte Henschel-Käufer Söhngen die Vorteile der Neuerwerbung unbeschwert genießen:
- Er hat nun den gesamten Panzerauftrag im eigenen Haus;
- die bei Henschel gebauten Groß-Lkw ergänzen die bei Hanomag vorwiegend produzierten kleineren Typen, so daß Rheinstahl künftig ein komplettes Lkw-Sortiment anbieten kann;
- im Rheinstahl-Konzern liegt Produktionskapazität brach, die künftig durch Aufträge der überlasteten Henschelwerke genutzt werden kann.
Mit dem vielfältigen Fertigungsprogramm der Kasseler - außer Lkw und Panzern auch Omnibusse, Lokomotiven und Maschinen - gewinnt der Konzern, noch mehr das Ansehen eines "Gemischtwarenladens", wie er an der Ruhr zunächst abschätzig, später aber neidisch apostrophiert worden war. Zu Söhngens Unternehmensfamilie gehören außer Kohle- und Stahlbetrieben sowie Hanomag unter anderem
- die Werft Rheinstahl Nordseewerke GmbH,Emden, die derzeit 15U-Boote für Norwegen baut;
- die Rheinstahl Union Brückenbau
AG, Dortmund;
- die Fahrstuhl- und Rolltreppenfabrik Rheinstahl Eggers & Kehrhahn GmbH, Hamburg, sowie
- die chemischen Betriebe Kunststoffwerk Gebr. Anger GmbH & Co, München, und Carboplast Kunststoff GmbH, Essen.
Seit den Absatzkrisen bei Kohle und Stahl hat die Ruhr den Wert der ertragreichen Verarbeitungsindustrie schätzen gelernt. Bei Rheinstahl werden die "Gemischtwaren", um das Henschel-Sortiment vermehrt, künftig über zwei Drittel der Umsätze einbringen.
Söhngens Henschel-Coup wird ihn auch mit jenen Rheinstahl-Aktionären wieder versöhnen, die ihm frühere Entscheidungen verübelt hatten (das Konzernkapital ist auf 120 000 Aktionäre verteilt). So überließ Söhngen Ende 1959 eine 32-Prozent-Beteiligung an der zukunftsreichen Chemie-AG Dynamit Nobel dem Alt-Industriellen Friedrich Flick und handelte dafür neben 100 Millionen Mark in bar ein Mehrheitspaket der Gußstahlwerk Witten AG ein.
Im Januar 1961 veräußerte Söhngen für 80 Millionen Mark eine ertragreiche Beteiligung an dem Stahlhandelskonzern Handelsunion AG. Generaldirektor Sohl von der August-Thyssen-Hütte erwarb das Paket und damit die Aktienmehrheit der Handelsunion für seinen Konzern.
So sehr sich mithin der Rheinstahl -Chef zu dem Gelegenheitskauf in Kassel beglückwünschen konnte, so hart traf er den abgehalfterten Goergen. Ungewiß, selbst mit 60 Millionen auf dem Konto, präsentierte sich die Zukunft des hochtourigen, manisch selbstbewußten Unternehmers ("Ich habe den Ruf, ein brutaler Hund zu sein").
Als Prinz Aurel zum erstenmal ins Stolpern gekommen war, hatte er sich schnell wieder gefangen. Dem geschaßten Boß des Ruhrkonzerns Phoenix-Rheinrohr, der sich mit seiner Großaktionärin Amélie Thyssen nicht hatte vertragen können, bot sich sogleich eine Auffangstellung: Wohlversehen mit 2,6 Millionen Mark Phoenix-Abfindung, etablierte er sich als einer der Generalbevollmächtigten des vielseitigen Konzernherrn Rudolf August Oetker.
Noch im gleichen Jahr zog Goergen dann bei den Henschel-Werken ein, die der Vorbesitzer Oscar Henschel sanierungsreif gewirtschaftet hatte. Binnen kurzem war der Süßwarenhändlerssohn aus Gelsenkirchen gepriesener Retter, Mehrheitsaktionär und Alleinherrscher des traditionsreichen 13 000-Mann-Unternehmens.
Sieben Jahre später ließen 450 000 Mark, die der vielfache Millionär Goergen nach Ansicht der Koblenzer Staatsanwaltschaft zum Schaden der Bundeskasse auf eigene Konten in der Schweiz
geleitet haben soll, den Kasseler Phönix abstürzen.
Bis heute ist der Haftbefehl nicht aufgehoben; Goergen wurde lediglich Haftverschonung zugestanden. Er darf die Bundesrepublik nicht verlassen.
Aber auch ohne diese Behinderung und ohne den Makel des ungeklärten Betrugsvorwurfs hätte Prinz Aurel sein altgewohntes Chef-Pensum in Kassel kaum noch ableisten können. Der Haftschock hat ihn zum kranken Mann gemacht. So bleibt auch zweifelhaft, ob es ihm zum drittenmal gelingen wird, aus der Asche aufzusteigen.
In seinem Höseler Quartier, um 60 Millionen und bittere Erfahrungen reicher, bemüht sich Fritz-Aurel Goergen um Gelassenheit: "Die größte Sorge ist, was ich mit dem vielen Geld jetzt machen soll."
Henschel-Käufer Söhnger
Henschel-Verkäufer Goergen
60 Millionen Mark aufs Privatkonto
Kanonenjagdpanzer von Rheinstahl/Henschel: Rüstung unter einem Dach

DER SPIEGEL 33/1964
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