19.08.1964

FLUCHTVERDACHTKieler Wache

Schleswig - Holsteins ranghöchste Polizisten haben neuerdings eine Nebenbeschäftigung. Ihnen obliegt außer ihren Amtsgeschäften die Aufsicht über einen Mann, der des mehrfachen Mordes verdächtigt wird, sich gleichwohl aber frei bewegen darf. Entflieht er dennoch, müssen die Polizisten zahlen.
Der Mann, dem die Bluttaten angelastet werden, gehörte gleichfalls zur Polizeispitze des nördlichsten Bundeslandes: Regierungs- und Kriminalrat Waldemar Krause, 55. Er leitete drei Jahre lang in Flensburg die Bezirks-Kriminalpolizeistelle und war als Kripochef für den Landesteil Schleswig zuständig, ehe er Ende August vergangenen Jahres verhaftet wurde.
Die "Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Kriegsverbrechen" beim Oberstaatsanwalt in Dortmund beschuldigte ihn, als Chef eines Einsatzkommandos in der Sowjet-Union für widerrechtliche Exekutionen verantwortlich gewesen zu sein.
Nach fast einjähriger U-Haft, in der Krause stets seine Unschuld beteuerte und seine Verfolger nicht recht vorankamen, fand kürzlich der zuständige Haftrichter am. Amtsgericht in Ratingen bei Düsseldorf, Gerichtsassessor Jansen: ein probates Mittel, den unter Fluchtverdacht stehenden Krause vor weiterem Warten in der Zelle zu verschonen und sich seiner dennoch zuverlässig zu versichern.
Jansen zitierte dazu Anfang dieses Monats die Polizeioberen Schleswig-Holsteins zum Haftprüfungstermin ins Kieler Justizgebäude, um sie als Leumundszeugen zu der Frage zu vernehmen, ob Krause fluchtverdächtig sei. Es erschienen:
- Ministerialdirigent Johannes ("Väterchen") Baß, Chef der Polizei und des Verfassungsschutzes in Schleswig-Holstein;
- Ministerialrat Werner Laskowski,
Chef der Polizeiabteilung im Innenministerium;
- Oberregierungs- und Kriminalrat
Kurt Zillmann, Kripochef des Landes, und
- weitere 16 höhere Polizeibeamte.
Baß und seine 18 Nachgeordneten, zu wahrheitsgemäßer Aussage ermahnt, mußten sich nacheinander vor Assessor Jansens Richtertisch einer Prozedur unterziehen, die sie allesamt "sehr erstaunt" hat. Denn nachdem ein Beamter nach dem anderen bekräftigt hatte, daß jeder Gedanke an eine Fluchtabsicht des Polizeikameraden Krause - der selber 20 000 Mark Kaution aufgebracht hatte - abwegig sei, stellte der aus Dortmund angereiste Staatsanwalt Dr. Schermer jedesmal eine Zusatzfrage.
Er erkundigte sich bei allen 19 Beamten, ob und wenn ja in welcher Höhe sie ihre Bürgschaft für Krause auch materiell abzusichern bereit seien. Baß und Gefolge akzeptierten das ungewöhnliche Verfahren und stellten Kautionen von 500 bis 6000 Mark zur Verfügung. Zwar war der Staatsanwalt auch jetzt noch immer gegen die Freilassung des Beschuldigten, Haftrichter Jansen aber gab sich zufrieden und verfügte Krauses Haftverschonung.
Im Kieler Justizministerium stieß die von nordrhein-westfälischen Staatsdienern an schleswig-holsteinischen Kollegen praktizierte Methode, honorige Beamte statt nur beim Wort auch beim Portemonnaie zu packen, auf Befremden. Die Justizbehörde erwägt daher - wie ein Sprecher des Ministeriums vorsichtig formulierte - "im Rahmen einer fachjuristischen Erörterung eine Art von Anfrage an das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen zu richten, ob es im Fall Krause sinnvoll war, von Vorgesetzten und Kameraden Kautionen zu verlangen".

DER SPIEGEL 34/1964
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