26.08.1964

JUTTA HEINEDrei Trainer für Tokio

Drei Männer bemühten sich teils gleichzeitig, teils nacheinander während der Olympia-Saison 1964 um die erfolgreichste deutsche Läuferin der Nachkriegszeit: Jutta Heine, 24. Drei verschiedene Trainer versuchten sie in Medaillen-Form zu bringen.
Das Ergebnis: Jutta Heine war selten so schlecht. "Viele Köche verderben den Brei", kommentierte einer der . Heine -Köche, ihr Vereinstrainer Heinz Schlundt vom ASV Köln.
Die hochbeinige Volkswirtschaftstudentin, die einen Austin-Healey fährt und 1960 als Amateur-Mannequin Modelle des römischen Modekönigs Emilio Schuberth vorführte, gilt als "Glamour -Girl der deutschen Leichtathletik" ("Sport-Illustrierte").
1960 bei den Olympischen Spielen in Rom hatte sie zwei Silbermedaillen (200 Meter und 4 x 100-Meter-Staffel) gewonnen, bei den Europameisterschaften 1962 in Belgrad eine Gold- und zwei Silbermedaillen (SPIEGEL 38/1962).
Auf die Olympischen Spiele in Tokio bereitete sich die Volkswirfschaftstudentin, zunächst in Köln beim ASV Trainer Schlundt vor. Im Januar 1964 wechselte Jutta Heine zu einem zweiten Trainer über: dem Kölner Ulrich Jonath, Trainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) für 400-Meter-Hürdenläufer und Lehrbuch-Autor.
In dieser Periode, vermutet Schlundt, "hat Jutta zuviel trainiert".
"Das brachte auf die Dauer keinen Spaß", befand Jutta Heine. Sie brach aus und legte eine Urlaubspause ein. "Hinterher war sie braungebrannt, aber die Spritzigkeit war weg", erinnert sich Trainer Schlundt, zu dem Jutta Heine anschließend im Juni wieder zurückkehrte.
Schlundt präparierte Jutta Heine nun besonders auf den 80-Meter-Hürdenlauf. Erfolg: Zweimal unterbot sie die für Tokio geforderte Olympia-Norm.
Um trotz ihrer langen Beine schneller starten zu können, stellte sich Jutta Heine auf eine neue Startstellung um. Der Abstand zwischen den beiden Startblöcken für das rechte und linke Bein wurde vergrößert. Doch bei den Deutschen Meisterschaften vom 7. bis 9. August in Berlin wurde sie über 200 Meter nur Dritte. Im Hürdenvorlauf polterte sie in die zweite Hürde und gab auf.
Da wandte sich Jutta Heine dem dritten Mann zu: Erich Fuchs, dem Cheftrainer für die deutschen Sprinterinnen, den sie von Lehrgängen her kannte. Fuchs stellte Jutta Heine erneut um. Er ließ sie die Startblöcke wieder enger schrauben und riet ihr vom Hürdenlauf ab. "Das ist ein völlig anderer Bewegungsablauf."
Daß der mehrmalige Trainerwechsel Jutta - Heines wechselnde Leistungen beeinflußt habe, räumt auch Fuchs ein: "Alle, haben verschiedene Konzeptionen."
Nach einem Sondertraining bei Fuchs konnte sich Jutta Heine rst in zwei
zusätzlich angesetzten Testrennen als vierte Läuferin für die 4 x 100-Meter -Staffel qualifizieren, die bei der Olympia-Ausscheidung gegen die Zone antreten soll.
Außerdem möchte sie sich bei der Ausscheidung am 29. und 30. August in Jena über 200 Meter für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren.
Aber noch im Olympiajahr will sich Jutta Heine nicht nur den verschiedenen Trainer-Konzeptionen, sondern der Aschenbahn überhaupt entziehen: "Nach Tokio mache ich Schluß."
* Lauferin Jutta Heine
Fehltritt im Vorlauf

DER SPIEGEL 35/1964
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