09.09.1964

„Herr Hitler will den Frieden retten“

2. Fortsetzung
Henderson gegen Kennard
Am 30. August, um 2 Uhr, gestand Außenminister Hallfax seinem Botschafter in Berlin, Henderson, er halte die deutsche Forderung, ein polnischer Unterhändler solle noch am gleichen Tag bei Hitler erscheinen, für unbillig. Die Deutschen "dürfen nicht damit rechnen". Aber Henderson hatte gehandelt, ehe Halifax ihm seine Bedenken mitgeteilt hatte.
Gleich nach seiner Unterredung mit Hitler am Abend des 29. August hatte der Botschafter seinem französischen Kollegen in Berlin, Coulondre, geraten, seine Regierung möge sich in Warschau für einen sofortigen Besuch des polnischen Außenministers Beck bei Hitler einsetzen, "was meiner Meinung nach jetzt die einzige Möglichkeit darstellt, einen Krieg zu verhüten".
Frankreich sollte auf Polen einen Druck ausüben, da England, "wie üblich, alle Vorarbeiten bei den Deutschen geleistet" habe. Die Polen dürften nicht "die ganze Zeit von ihrem Stolz, Prestige und von Schwächesymptomen sprechen".
Henderson traf auch mit dem polnischen Botschafter in Berlin, Lipski, zusammen und sagte ihm, er zweifele stark daran, "daß Hitler einen Krieg wolle". Hitler sei mit seinen Drohungen jedoch "so weit gegangen", daß man ihm die Möglichkeit "zum Rückzug" geben müsse. Henderson "flehte" daher Lipski an, Beck zur Entsendung eines Unterhändlers nach Berlin zu überreden.
Der britische Botschafter in Warschau, Kennard, begehrte gegen diese Art der Behandlung der polnischen Bundesgenossen auf. Am 30. August, um 10 Uhr, telegraphierte er an Halifax:
"Ich bin überzeugt, daß es unmöglich ist, die polnische Regierung zu veranlassen, unverzüglich Oberst Beck oder irgendeinen anderen Vertreter nach Berlin zu entsenden, um auf der von Herrn Hitler vorgeschlagenen Basis über eine Lösung (des Danzig-Problems) zu verhandeln. Die Polen würden sicherlich lieber kämpfen und zugrunde gehen, als sich einer solchen Demütigung auszusetzen, besonders nach allem, was der Tschechoslowakei, Litauen und Österreich widerfahren ist."
Doch Henderson blieb, auf seinem Kurs. Um 13 Uhr empfahl er Halifax, "die polnische Regierung (sollte) diesen Versuch in elfter Stunde schlucken ... um einen unmittelbaren Kontakt mit Herrn Hitler herzustellen".
Das britische Kabinett trat um 11.30 Uhr zusammen. Kriegsminister Hore -Belisha war gegen die Entsendung eines polnischen Unterhändlers nach Berlin. Er hielt es für wichtig, "wenn wir klar zu verstehen gäben, daß wir in diesem Punkt nicht nachzugeben gedenken". Ein Teilnehmer der Sitzung, der "München" gut in Erinnerung hatte, schlug vor, Chamberlain möge Hitler eine persönliche Botschaft übermitteln.
Auch über die Einschaltung Mussolinis als Vermittler hätte der Kriegsminister seine eigene Meinung. Im Kabinett sagte er: "Mussolini die Möglichkeit zu bieten, am Ende der ganzen betrüblichen Angelegenheit als lachender Dritter aufzutreten, (bedeutete) eine Stärkung des Faschismus." Hore-Belisha versuchte, solange die Deutschen drohten, alle Verhandlungen zu unterbinden.
Um 18.30 Uhr lehnte auch Halifax die während des ganzen Tages von Henderson befürwortete Politik ab. Die Deutschen wollten, daß ein polnischer Unterhändler "mit vollen Befugnissen" nach Berlin komme; das hatte der Außenminister den Äußerungen eines "gemeinsamen Freundes (Dahlerus) entnommen". Aber das Kabinett hatte entschieden: "Wir können der polnischen Regierung
nicht empfehlen, diesem Verfahren, das völlig unbillig ist, zuzustimmen."
Die Deutschen sollten den "normalen Verfahrensweg" einschlagen und ihre Vorschläge dem polnischen Botschafter "zur Weiterleitung nach Warschau" übermitteln. Hatte man sich einmal der normalen Kanäle bedient, dann ließ sich darauf zählen, daß die Briten in Warschau ihr Bestes tun würden, um die Verhandlungen zu erleichtern".
Gleichzeitig versuchte Halifax den polnischen Außenminister Beck für Verhandlungen einzunehmen; der deutsche Vorschlag, unmittelbare Unterredungen zu führen, sei das, worauf "es wirklich ankomme". Die polnische Regierung sollte "ohne Zögern darauf eingehen". Aber sie sollte das in Warschau tun. Hore-Belishas Aufbegehren war erfolgreich gewesen.
Für die Briten blieben nur noch zwei Probleme offen: Die Deutschen würden ihre Forderung nach einem polnischen Unterhändler aufzugeben haben, der, mit vollen Befugnissen ausgestattet, eigens nach Berlin kommen müßte; und die Deutschen würden offiziell zu erklären haben, welcher Art ihre Vorschläge seien. Hitler hatte sie vermutlich an jenem Nachmittag entworfen, wenn zutraf, was Göring dem schwedischen Industriellen Dahlerus gesagt hatte.
Um Mitternacht suchte Henderson den deutschen Außenminister auf. Die Zusammenkunft wurde um, eine halbe Stunde verschoben, damit der Botschafter die geänderte Note dechiffrieren konnte. Ribbentrop war "von Beginn an" von einer Stimmung "geballter Feindseligkeit erfüllt, die bei jedem Satz meiner Mitteilung an Heftigkeit zunahm. Er sprang die ganze Zeit über in großer Erregung vom Stuhl auf, hielt die Arme über seine Brust gekreuzt und fragte mich, ob ich noch mehr zu sagen hätte. Ich erwiderte ihm jedesmal, daß das der Fall sei ..."
Der Außenminister behauptete, "die ganze Provokation" sei von Polen gekommen. Henderson wies ihn allerdings darauf hin, daß die Briten die Polen ständig vor jeder "provozierenden Maßnahme" gewarnt hätten, was tatsächlich der Fall gewesen war. Der britische Rat hätte "verdammt wenig gezogen", gab Ribbentrop zurück. "Ich entgegnete ihm gelassen, ich sei überrascht, von einem Außenminister eine derartige Sprache zu hören."
Henderson kündigte an, er werde "es nicht unterlassen ... der britischen Regierung die Äußerungen Ribbentrops zu hinterbringen". Der Minister "mäßigte sich dann ein wenig und meinte, es handele sich um seine persönlichen Äußerungen". Daraufhin besprachen sie dann das Problem polnisch-deutscher Verhandlungen.
Henderson regte an, der polnische Botschafter sollte gebeten werden, die deutschen Vorschläge, sobald sie vorlägen, seiner Regierung "zwecks sofortiger Eröffnung von Verhandlungen" zu übermitteln. Die Regierung Seiner Majestät "würde dann mit Sicherheit auf einen günstigen Verlauf der Verhandlungen einzuwirken suchen".
Statt einer Antwort begann Ribbentrop, "im Eiltempo ein längeres Schriftstück auf deutsch zu verlesen". Das Schriftstück enthielt in 16 Punkten zusammengefaßt die Hitlerschen Vorschläge für eine deutsch-polnische Lösung. Sie besaßen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit den Vorschlägen, die Dahlerus am Tage zuvor nach London gebracht hatte. Die Briten hatten sich nicht getäuscht, wenn sie unterstellten, daß Hitler sie lediglich detaillierter abfassen würde.
Weil Henderson geglaubt hatte. Ribbentrop würde ihm das Dokument mit den Vorschlägen übergeben, machte er, wie er Halifax mitteilte, "nicht den Versuch, meine ganze Aufmerksamkeit den 16 oder mehr Punkten zu widmen, die das Schriftstück enthielt".
In seinen Memoiren schilderte der Botschafter, wie Ribbentrop "im Tone äußerster Gereiztheit und Verachtung den Text herunterratterte". Es sei ihm jedoch gelungen, schrieb. Henderson, "das Wesentliche" von sechs oder sieben Punkten zu erfassen. "Aber es wäre ganz unmöglich gewesen, auch nur deren genauen Inhalt ohne sorgfältiges Studium des Textes wiederzugeben."
Ribbentrop unterließ es, ihm den Text zur Einsicht zu geben; doch war es Henderson möglich, Halifax die Hauptpunkte mit einiger Genauigkeit zu übermitteln. Seiner Ansicht nach bildeten sie "alles in allem keine allzu unzumutbare Verhandlungsbasis", nämlich:
- Rückgabe Danzigs an Deutschland,
- Grenzziehung des Korridors (mit
Einzelheiten über die Südgrenze),
- Volksentscheid im Korridor,
- Einsetzung einer internationalen Kommission zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Korridor,
- Gdingen bleibt Polen-vorbehalten,
- Danzig wird entmilitarisierte Handelsstadt.
Ribbentrop erklärte, die Vorschläge seien überholt, weil kein polnischer Unterhändler in Berlin eingetroffen sei. Aber er sei einverstanden, dem polnischen Botschafter, falls er darum bäte, die Vorschläge zu zeigen.
Henderson sah eine letzte Chance, auf die Polen einzuwirken. Noch bevor er seinen Bericht über die Vorschläge an Halifax absandte und bevor er überhaupt wissen konnte, welche Haltung
die britische Regierung einnehmen
würde, bat er Lipski, ihn aufzusuchen.
Die beiden Diplomaten trafen sich am 31. August, um zwei Uhr. Das war der Augenblick, in dem Henderson wirkliche Macht besaß. Er allein wußte von der Existenz des 16-Punkte-Vorschlags. Er ermunterte Lipski, die Bedingungen seien "nicht unbillig": Ohne zu erwähnen, wie drastisch sich der deutsche Außenminister geäußert hatte, als es darum ging, Lipski zum Empfang zu bitten, gab Henderson dem polnischen Botschafter den folgenden, "aufs entschiedenste formulierten" Rat:
"Er sollte sofort den Außenminister (Beck) anrufen und ihm sagen, daß er von mir über die detaillierte Ausarbeitung der Vorschläge gehört hätte und er gerne Ribbentrop aufsuchen wollte, um sie in Erfahrung zu bringen und der polnischen Regierung zu übermitteln. Ich regte an, daß er das heute nacht auf seine eigene Verantwortung hin tun sollte."
Henderson bat Lipski, Beck auch vorzuschlagen, der polnische Feldmarschall Rydz-Smigly solle sich sofort mit Göring treffen. Lipski "versprach, seiner Regierung diese Anregung zu unterbreiten"; aber er weigerte sich, das noch in dieser Nacht telephonisch zu tun, wie ihn Henderson gebeten hatte.
Urteilte Henderson über Lipski: "Er ist so träge oder durch Anweisungen seiner Regierung behindert, daß ich mir nicht sicher sein kann, ob seiner Maßnahme noch eine lindernde Wirkung beschieden ist."
Da Henderson den Polen die 16 Punkte zeigen und sie vielleicht auch selbst zum erstenmal genau kennenlernen wollte, setzte er sich mit Vermittler Dahlerus in Verbindung. Endlich bekam er den vollen Wortlaut der deutschen Vorschläge zu sehen. Der britische Botschafter scheint sich nicht gefragt zu haben, weshalb es notwendig war, sowohl ihn als auch Dahlerus als Zwischenträger zu benutzen. Konnte die deutsche Regierung denn nicht selbst mit den Polen direkt Verbindung aufnehmen?
Hitler hatte Henderson zu bedenken gegeben, es dauere nur 90 Minuten, um von Warschau nach Berlin zu fliegen. Es dauerte aber noch weniger Zeit, um ein Telephongespräch zu führen. Wenn die Deutschen wollten, daß die Polen ihre 16 Vorschläge ernst nähmen, dann gab es eine leichtere Möglichkeit, sie Beck unmittelbar zukommen zu lassen.
Aber Hitler war nicht an einer Lösung interessiert. Wie er später seinem Dolmetscher, dem Gesandten Schmidt ("Statist auf diplomatischer Bühne"), sagte: "Ich brauchte ein Alibi, vor allem dem deutschen Volke gegenüber, um ihm zu zeigen, daß ich alles getan habe, den Frieden zu erhalten. Deshalb machte ich diesen großzügigen Vorschlag."
Henderson hielt die deutsche Großzügigkeit jedoch für echt. An Halifax schrieb er, Göring habe die 16 Punkte "als sehr gemäßigt bezeichnet ... was mir tatsächlich auch so vorkam, obgleich ich nicht die Möglichkeit hatte, sie mir genau anzusehen".
Noch bevor er sie zu Gesicht bekommen hatte, betonte er in einem Telephongespräch mit Halifax um 11.33 Uhr, die Polen sollten "die Prozedurfrage nicht zur Sprache" bringen. Lipski sollte "auf die britische Verantwortung" hin
Anweisung erhalten, sich "sofort um eine Unterredung zu bemühen". Nachdem Dahlerus endlich mit den Vorschlägen gekommen war und Henderson sie gelesen hatte, schickte der britische Botschafter seinen Stellvertreter Ogilvie Forbes zusammen mit dem Schweden zu Lipgki. Ogilvie Forbes stellte Dahlerus dem polnischen Botschafter Lipski als "einen neutralen Vermittler vor, der das Vertrauen des (britischen) Kabinetts, der Botschaft und der deutschen Regierung genieße".
Der Schwede las dem Polen dann die deutschen Vorschläge vor und "betonte, wie sich ihr vernünftiger und gemäßigter Charakter für eine für beide Seiten in Ehren annehmbare Lösung eignete". Beck sollte "heute" nach Berlin kommen. Wenn das unmöglich sei, sollte Lipski selbst um eine Unterredung mit Hitler nachsuchen.
Der polnische Botschafter "sah überarbeitet aus". Dahlerus ging in einen Nebenraum, um "die Vorschläge zu Papier zu bringen". Während seiner Abwesenheit sagte Lipski zu Ogilvie Forbes, daß "dieser Plan ein Bruch der polnischen Souveränität sei und einfach nicht in Frage käme ... Es wäre fatal, wenn Herr Beck oder ein anderer polnischer Unterhändler nach Berlin käme. Wir müssen um jeden Preis festbleiben und uns einig zeigen. Wenn Polen von seinen Verbündeten im Stich gelassen werden würde, nähme es den Kampf allein auf und ginge es allein zugrunde".
Um 12.30 Uhr rief Dahlerus in der Downing Street Nr. 10 an. Am Telephon war der einflußreiche Berater Chamberlains, Staatssekretär Horace Wilson. Dahlerus erzählte ihm, er habe "diese Nacht mit Göring gesprochen", und die deutschen Vorschläge seien "äußerst liberal". Hitler habe sie "einzig und allein in der Absicht" so formuliert, um England zu beweisen, wie sehr ihm an einem "freundschaftlichen Einvernehmen" mit den Briten gelegen sei.
Dahlerus begann, Wilson auch von seiner Begegnung mit Lipski zu berichten. Wilson meinte, der Schwede solle seine Informationen Henderson übergeben. Dahlerus jedoch sprach unbekümmert weiter. Er beklagte, die Polen "torpedierten" die Möglichkeiten für Verhandlungen.
Wilson wartete nicht ab, bis ihm Dahlerus erklärte, warum er und seine britischen Freunde die Polen für obstruktiv hielten. "Ich sagte Dahlerus noch einmal, er solle schweigen, aber da er nicht still war, legte ich den Hörer auf."
Eine halbe Stunde später warnte Halifax seinen Botschafter in Berlin: "Sie müssen wirklich beim Telephonieren Vorsicht walten lassen. Das Gespräch, das Dahlerus mittags von der Botschaft aus am Telephon führte, war höchst indiskret gewesen."
Um 12.30 Uhr telegraphierte Henderson an Halifax: Die deutschen Forderungen "erscheinen mir gemäßigt zu sein und sind es gewiß auch im Hinblick auf den deutschen Wunsch nach guten Beziehungen mit England".
Aber die polnische Regierung wollte sich nicht zu Verhandlungen zwingen lassen, bevor sie die deutschen Bedingungen gesehen hatte. Was Dahlerus vorzuweisen gehabt hatte, konnte kaum als eine offizielle deutsche Verlautbarung gelten.
Halifax bat Außenminister Beck, seinen Botschafter in Berlin anzuweisen, "sofort" um die deutschen Vorschläge einzukommen. Lipski sollte sich bereit halten, sie nach Warschau zu übermitteln, damit die Polen "sie sogleich begutachten und Vorschläge für baldige Besprechungen machen könnten".
Halifax und Henderson waren nun aber doch zu weit gegangen. Selbst Premierminister Chamberlain war bestürzt, und das Foreign Office nahm dem Botschafter seinen Einfluß bei Halifax und seine antipolnische Einstellung übel.
Der Botschafter erhielt einen Verweis. Die britische Regierung, hieß es darin, teile "nicht die im Telephongespräch von Dahlerus geäußerte Ansicht über eine obstruktive Haltung der polnischen Regierung". Nun hatte auch Chamberlain begriffen, daß die Schuld nicht allein in Warschau lag. Es sei unmöglich, die Polen zu bitten, ihre Rechte auf Danzig aufzugeben, noch bevor es zu Verhandlungen gekommen war.
Der italienische Außenminister Ciano richtete Halifax um 12.50 am Telephon eine persönliche Botschaft Mussolinis aus. Die Italiener schlugen für den 5. September eine Konferenz zwecks Revision des Versailler Vertrages vor, wenn sie auch die Deutschen noch nicht gefragt hatten. Würden die Briten bereit sein, eine solche Konferenz zu unterstützen? Halifax besprach sich mit Chamberlain. Wiederum blieb der Premier fest. Eine Konferenz, die "unter der Drohung mobilgemachter Heere" stattfände, könne, betonte er, keinen Wert haben.
Hitler beschloß an jenem Nachmittag - was die Briten nicht wußten -, jeden Gedanken an einen Verhandlungsgewinn fahren zu lassen. Er gab Anweisungen, in der Frühe des 1. Septembers mit dem Einmarsch nach Polen zu beginnen. Der 16-Punkte-Vorschlag war damit endgültig hinfällig geworden.
Der italienische Botschafter in Berlin, Attolico, sah Hitler um 19 Uhr und riet ihm, sich der Vermittlung seiner Regierung zu bedienen. Hitler lehnte ab. War "nun alles zu Ende?" fragte Attolico. "Ja", sagte Hitler. Die Italiener wußten als erste, daß Hitler den Angriff auf Polen beschlossen hatte.
Attolico setzte sich sofort mit Ciano in Verbindung und alarmierte ihn mit der Mitteilung, ein Krieg stehe unmittelbar bevor. Ciano ließ den britischen Botschafter Loraine rufen. "Ich habe vor", sagte er, "eine Indiskretion zu begehen. Entsteht daraus ein Skandal, werde ich verbrannt, aber die Lage wird gerettet sein."
Der Minister versicherte dem Briten, Italien werde "niemals gegen Sie und die Franzosen einen Krieg beginnen". Ciano: "Percy Loraine ist gerührt. Seine Augen glänzen, er ergreift meine beiden Hände und sagt: 'Seit 14 Tagen wußte ich das.'"
Der Botschafter in Rom wußte schon seit langem, daß Italien neutral bleiben wollte. Aber daß ihm Ciano das so klar mitteilte, war ein Eingeständnis dessen, daß der Krieg bevorstand und die Italiener darüber einiges in Erfahrung gebracht hatten. Halifax erhielt diese Nachricht von Loraine um 23 Uhr. Vor ihm lag gerade ein Telegramm von Kennard aus Warschau, das ihn eine halbe Stunde zuvor erreicht hatte:
"Der Botschafter Seiner Majestät in Berlin scheint die deutschen Bedingungen für billig zu halten. Ich befürchte, daß ich vom Standpunkt Warschaus aus seine Meinung nicht teilen kann. Während sie dem Uneingeweihten akzeptabel erscheinen mögen, wird die polnische Regierung sie bestimmt als einen Versuch betrachten, ihr unter dem Deckmantel der Gesetzlichkeit den Hals zuzudrücken ...
"Jeder Verdacht, daß Polens Verbündete den Wunsch haben könnten, solche Bedingungen als Verhandlungsbasis gelten zu lassen, könnte auch die Polen dazu veranlassen, aus eigenen Kräften den Provokationen entgegenzutreten, die sie so lange mit Stärke und Klugheit ertragen haben."
Kennards Argument blieb ungehört. Kurz nach Mitternacht telegraphierte Henderson: Die "polnische Regierung sollte in nicht mißzuverstehender Sprache" angewiesen werden, einen Unterhändler nach Berlin zu entsenden. "Die deutschen Vorschläge", schrieb er, "gefährden gewiß nicht die Unabhängigkeit Polens."
Und wieder pflichtete Außenminister Halifax bei. Zwanzig Minuten nachdem er Hendersons Vorschlag erhalten hatte, telegraphierte er an Kennard: "Ich verstehe nicht, warum die polnische Regierung es schwierig finden sollte, den polnischen Botschafter zu ermächtigen, ein Dokument von der deutschen Regierung in Empfang zu nehmen." Was den Bevollmächtigten betraf, "so wurde der Gedanke daran, daß eine Forderung nach (seiner) Anwesenheit auf ein Ultimatum hinausliefe, aufs entschiedenste von Herrn Ribbentrop zurückgewiesen".
Die britische Regierung hatte nach Ansicht des Außenministers noch immer eine Rolle zu spielen: "Wenn Verhandlungen eingeleitet werden", fuhr Halifax fort, "wird die Regierung Seiner Majestät auf Wunsch jederzeit bereit sein, alle in ihrer Macht stehende Hilfe
zu gewähren, um eine gerechte Lösung herbeizuführen."
Aber Hitler wollte weder einen Polen in Berlin sehen noch einen Engländer, der ihm behilflich sein wollte. Um 4.45 Uhr, am 1. September, überschritten deutsche "mechanisierte Truppen" die polnische Grenze.
Krieg ohne Krieg
Freitag, 1. September: Um 5.30 Uhr telephonierte General Gort, der britische Oberstkommandierende, mit Kriegsminister Hore-Belisha: "Die Deutschen haben die Grenze überrannt."
Zehn Minuten später sendete der deutsche Rundfunk einen Aufruf Hitlers an die Wehrmacht. Es hieß darin, daß die deutsche Armee "mit harter Entschlossenheit für die Ehre und die Lebensrechte eines wiedergeborenen Deutschland kämpft". Halifax erhielt den Text dieser Rede von der Nachrichtenagentur Reuter um 7.28 Uhr. Eine Stunde später hörte er von Botschafter Kennard aus Warschau, Krakau und Kattowitz seien um 6 Uhr bombardiert worden.
Unter den Bedingungen des Beistandspaktes vom 25. August war England verpflichtet, "sofort" alle in seiner Macht stehende Hilfe zu gewähren. Das geschah nicht. Wenn Hitler kalkuliert hatte, daß es noch einmal möglich sein müßte, in Osteuropa ohne britische Einmischung Gewinne einzuheimsen, dann war das eine schlaue Berechnung. Jene, die für die britische Außenpolitik verantwortlich waren, zeigten sich nicht willens, ihren Vertrag mit Warschau lediglich deshalb einzuhalten, weil Polen angegriffen worden war.
Der Wunsch nach einer Lösung auf dem Verhandlungsweg - selbst angesichts offener Drohungen - war in den Tagen und Stunden vor dem deutschen Überfall offenkundig gewesen. Die britische Bereitschaft zum Verhandeln blieb auch noch angesichts des Überfalls und des Bombardements polnischer Städte bestehen. Die klaren Bedingungen eines Vertrages, der fünf Tage zuvor unterzeichnet worden war, wurden ignoriert.
Kurz vor 10 Uhr (am Freitag) telephonierte der schwedische Vermittler Dahlerus wieder mit dem Foreign Office. Er eröffnete seinem Bekannten im Ministerium, Spencer, er wolle eine neue Zusammenkunft Hendersons mit Hitler "in die Wege leiten". Nach der Zusammenkunft würden, schlug der Schwede vor, er und der britische Geschäftsträger in Berlin, Ogilvie Forbes, nach London fliegen. Spencer fragte: "Könnten Sie die Feindseligkeiten begrenzen, bis Sie in London gewesen waren?"
In dem gleichen Moment, als Dahlerus mit dein Foreign Office telephonierte, suchte der polnische Botschafter in London, Raczynski, Außenminister Halifax auf und teilte ihm mit, daß ganz "eindeutig der Vertragsfall eingetreten" sei. Halifax äußerte sich unverbindlich.
Eine Viertelstunde später meldete Henderson nach London: "Herr Hitler wird mich nach der Reichstagssitzung sprechen wollen, um einen letzten Versuch zu unternehmen, den Frieden zu retten."
Der Botschafter nahm die Möglichkeit von Verhandlungen immer noch ernst. Er meinte, "die einzige Hoffnung auf Frieden" bestünde jetzt noch darin, daß der polnische Marschall Rydz-Smigly "seine Bereitwilligkeit erklärt, sofort nach Deutschland zu kommen, um als Soldat und Bevollmächtigter die ganze Frage mit Feldmarschall Göring zu besprechen".
Henderson, der von Göring und vielleicht auch von Hitler das Stichwort erhalten hatte, hoffte, ein polnischer Besuch in Berlin könnte zu einem Verhandlungsfrieden führen. Da England und Frankreich nicht den Krieg erklären wollten, blieb ihnen nur ein einziger Ausweg übrig: Sie mußten verlangen, daß sich die Deutschen aus Polen zurückzögen.
Der Gedanke, den Deutschen eine Zurücknahme ihrer Truppen zu gestatten und dann eine Konferenz anzuberaumen, wurde in London und Paris den Vormittag über erwogen. Cambon, der französische Botschaftsrat in London, sprach im Foreign Office vor und sagte, wenn man die Deutschen zur Zurücknahme ihrer Truppen aufforderte, müßte diese Aufforderung "zeitlich begrenzt sein". Cambon befürchtete, daß - gäbe man kein Rückzugsdatum - die Deutschen mit Gegenvorschlägen aufwarten würden, nur um eine englisch-französische Kriegserklärung hinauszuschieben. Jede Andeutung darüber, daß sich über das Datum eines deutschen Rückzuges noch verhandeln ließe, böte den Deutschen die Möglichkeit, "das ganze Problem zu vernebeln".
Die Franzosen waren daran interessiert, daß Mussolini den Gedanken einer Konferenz aufs Tapet brachte. Sie gaben den Italienern zu verstehen, sie wünschten "die friedliche Lösung des Konflikts, der zwischen Deutschland und Polen ausgebrochen war".
Außenmimister Ciano konstatierte, die Engländer seien bezüglich der Aussichten einer Konferenz "skeptischer" als die Franzosen. Doch hofften sowohl England als auch Frankreich noch immer, daß sich eine Lösung aushandeln ließe. Die Italiener, schrieb Ciano, waren "am skeptischsten", denn sie kannten "den verbohrten Kampfwillen der Deutschen".
Eine Stunde später rief Dahlerus wieder an und teilte mit, er habe mittags Göring und Hitler gesprochen. Hitler habe "sein Bestreben betont, keinen Weltkrieg heraufzubeschwören", und erklärt, er sei nicht auf einen Eroberungskrieg aus; er wünschte, die Dinge mit England zu besprechen.
Dahlerus selbst wollte sofort mit Ogilvie Forbes nach London fliegen, aber Staatssekretär Cadogan, der mit ihm sprach, "sah nicht ein, welchem Zwecke das dienen könnte". Binnen einer Stunde hatte Dahlerus nochmals angerufen. Diesmal konnten ihn die Briten über ihre Politik unterrichten.
Das Kabinett war vor dem Mittagessen zusammengetreten, und um 13.25 Uhr war die Lage klar. Die Engländer würden die Tatsache einer Invasion nicht als Kriegsgrund ansehen. Sie wären bereit, die Lösung des deutsch-polnischen Problems auf dem Verhandlungsweg für angemessen zu erachten. Sie stellten nur eine Bedingung: "Solange deutsche Truppen in Polen einfielen", könne weder von Verhandlungen noch von einer Vermittlung die Rede sein. Ein solcher Gedanke sei "völlig undiskutabel".
Aber wenn Deutschland die Feindseligkeiten einstellte und seine Truppen, zurückzöge, würde eine Lösung ohne Krieg noch möglich sein. Eine zeitliche Befristung für den Rückzug der deutschen Soldaten Wurde nicht gefordert. Der Gedanke an eine Lösung "ohne Krieg" nachdem der Krieg bereits, begonnen hatte, war ungewöhnlich.
Während eines deutschen Luftangriffs telephonierte Außenminister Beck mit dem britischen Botschafter in Warschau, Kennard. Auf die Kriegshandlungen Deutschlands könne es, wie er sagte, nur eine einzige britische Antwort geben: England sollte mit "militärischen Maßnahmen" den Druck an der polnischen Front erleichtern. Ein britischer Luftangriff im Westen würde einige deutsche Flugzeuge vom Angriff auf Polen abziehen. Beck gab klar zu verstehen, daß verschiedene offene Städte bombardiert und Zivilisten getötet worden waren.
Zwei Stunden nach dem Bericht Kennards über deutsche Angriffshandlungen änderte Botschafter Henderson, der bis Mittag den Polen noch zu Verhandlungen geraten hatte, seine Meinung. Es war ein dramatischer und ein vollständiger Wandel. Dieser unentwegte Beschwichtigungspolitiker hatte noch am Vormittag verlangt, daß der polnische Oberstkommandierende seine Truppen sich selbst überlasse und nach Berlin eile. Nachmittags war es mit seiner Nachgiebigkeit vorbei. Um 15.45 Uhr telegraphierte er an Halifax:
"Ich glaube nicht, daß es Sinn hat, wenn ich mich weiterhin hier auf Vorschläge einlasse, die nur demnächst wieder von den Ereignissen überholt werden würden oder infolge der eingeschlagenen Methoden - oder auch, weil Gründe der Ehre und des Prestiges voranstehen - zu nichts führen ... Die letzte Hoffnung liegt in dem unbeugsamen Entschluß unsererseits, der Gewalt zu begegnen."
Um 16.00 Uhr übermittelte Kennard aus Warschau weitere Einzelheiten über deutsche Angriffe. Kattowitz, Krakau und Posen waren bombardiert worden.
Im Laufe des Nachmittags verbrannten die Angestellten der Britischen Botschaft in Berlin sämtliche Chiffren und vertraulichen Dokumente und verließen ihre Wohnungen, um ins Hotel Adlon zu ziehen, das sich in der Nähe der Botschaft befand. Der Geschäftsträger der Vereinigten Staaten wurde "für den Kriegsfall" um Wahrnehmung der britischen Interessen gebeten.
Vielleicht war es diese Festigkeit, die Dahlerus ermutigte, noch einmal mit London zu telephonieren. Die Lage sei, sagte er zu Spencer vom Foreign Office, "sehr schlimm, sehr traurig". Aber es gebe keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen: "In ein paar Tagen (wird es) zu einer Lösung kommen; sie sind hier daran sehr interessiert." Dahlerus sagte nicht, an welche Lösung die Deutschen dachten. Aber um zu zeigen, daß die deutsche Großmut kein leerer Wahn sei, erklärte er sich bereit, jederzeit nach London zu fliegen.
Göring wollte, wie der Schwede weiter mitteilte, "Luftangriffe auf Flughäfen und Befestigungen beschränken". Es würden "keine Angriffe auf die Zivilbevölkerung geflogen". Das Foreign Office nahm die Bemerkungen Dahlerus' zur Kenntnis und war einverstanden, daß er später wieder anrufe.
Halifax bereitete unterdessen an Stelle des von Polen erhofften Ultimatums eine neue Note für die deutsche Regierung vor. Vorsichtshalber ließ er Henderson wissen, die Note trage "den Charakter einer Warnung" und sei "nicht als Ultimatum zu betrachten".
Die Warnung besagte, wenn die deutsche Regierung nicht "jede aggressive Maßnahme gegen Polen einstellt und bereit ist, ihre Streitkräfte aus polnischem Gebiet zurückzuziehen, (wird) die Regierung Seiner Majestät ... ohne Zögern ihre Verpflichtungen gegenüber Polen erfüllen".
Die Warnung enthielt aber noch immer keine zeitliche Begrenzung. Wann sollten die Deutschen ihre Streitkräfte zurückziehen? Sollten sie damit sofort beginnen? Dürfte der Rückzug, wenn er einmal eingesetzt hatte, 24 oder 48 Stunden dauern? Würde die Unterbrechung der Feindseligkeiten allein schon genügen und könnte über einen Rückzug auch später noch verhandelt werden?
Diese Fragen ließen sich auf Grund der Note nicht beantworten. Gerade der ausdrückliche Hinweis darauf, es handele sich um eine Warnung und nicht um ein Ultimatum, schwächte sie ab. Henderson sprach Ribbentrop um 21.30 Uhr und bat weisungsgemäß um eine "sofortige Antwort". Der Außenminister sagte, er müsse die Note erst Hitler zeigen, was Henderson verstehen konnte. "Ich stand ihm zur Verfügung, wann immer" die Antwort fertiggestellt sein würde. Ribbentrop war wieder "höflich und zuvorkommend" gewesen.
Henderson kalkulierte, Hitlers Antwort auf die Warnung würde "in einem Versuch bestehen, einen Krieg mit England und Frankreich zu vermeiden". Aber der Botschafter glaubte nicht mehr an die Möglichkeit einer Lösung ohne Krieg. Er schrieb an Halifax, er nehme nicht an, daß "die Antwort Hitlers so ausfallen wird, daß wir sie akzeptieren könnten". Die Briten blieben fest, aber nicht sehr. Sie versuchten es noch einmal mit dem Beschwichtigen. Aber sie waren nicht mehr mit ganzem Herzen bei der Sache.
Duff Cooper dinierte an diesem 1. September mit Churchill im Savoy Grill. Beim Verlassen des Hotels traf er den Herzog von Westminster, einen überzeugten Verfechter der Beschwichtigungspolitik. Der Herzog fing an, "auf die Juden zu schimpfen", und "freute sich darüber, daß wir noch keinen Krieg hätten". Er sagte zu Duff Cooper, daß "Hitler eben doch wisse, daß wir seine besten Freunde sind".
Der Ex-Minister war empört. "Ich hoffe", gab er dem Herzog zur Antwort, "daß wir morgen seine unversöhnlichsten und erbarmungslosesten Feinde sind."
Aber der nächste Tag sollte kommen und vergehen, ohne daß der Krieg erklärt wurde. Wenn es überhaupt dazu kommen würde behauptete Westminster, seien Duff Cooper und die Juden daran schuld.
IM NÄCHSTEN HEFT
Tauziehen um das britische Ultimatum an Deutschland - Aufruhr im Unterhaus - Churchill will nicht gegen Chamberlain rebellieren - Krieg mit Deutschland
Deutsche Soldaten beim Niederreißen eines polnischen Schlagbaums 1939: "Können die Feindseligkeiten ...
... noch ein bißchen begrenzt werden?": Henderson, Halifax*
Briten-Botschafter Kennard
"Wenn Polen im Stich gelassen wird ...
Polen-Botschafter Lipski
... wird es allein den Kampf aufnehmen"
Ciano, Halifax, Chamberlain, Mussolini*: "Niemals Krieg gegen England"
Italien-Botschafter Attolico, Ribbentrop
"Ist nun alles zu Ende?"
Hitler im Reichstag am 1. September 1939: "Ich brauchte ein Alibi"
Einmarsch deutscher Truppen in Polen 1939*
"In ein paar Tagen ...
... gibt es eine Lösung": Polnische MG-Schützen in Warschau 1939
* 1937 in Berlin.
* Am 13. Januar 1939 in Rom.
* Mit erbeutetem polnischen Grenzpfahl.
Von Martin Gilbert und Richard Gott

DER SPIEGEL 37/1964
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