16.09.1964

PRÄSIDENTENWAHLHilfe aus Bonn

Für Washington war es die erfreulichste Lateinamerika-Nachricht des Jahres. In den Mittagsstunden des 5. September funkte der zu den Wahlen nach Chile entsandte Beobachterstab des State Department die Siegesbotschaft: Der Christdemokrat Eduardo Frei, 53, war Präsident geworden.
"Sein Sieg", schrieb die "New York Times" zwei Tage später, "ist für jede wichtige Hauptstadt der westlichen Hemisphäre zwischen Washington und Buenos Aires ein Grund zum Aufatmen."
Freis Rivale, Dr. Salvador Allende, Führer der kommunistisch-sozialistischen Volksfront und Freund Fidel Castros, wollte Chile im Fall seines Sieges zur Volksrepublik machen, die amerikanischen Kupferminen-Gesellschaften verstaatlichen und die deutsche Sowjetzone anerkennen.
Nur wenige der amerikanischen Politiker, die in der vergangenen Woche Freis Sieg feierten, und kaum einer der 300 ausländischen Journalisten, die über die Chile-Wahl berichteten, wußten, wer dazu beigetragen hat, die erste legale Machtübernahme eines kommunistischen Regimes in Amerika zu verhindern: Am Wahlsieg des Christdemokraten Frei sind die Christdemokraten in Bonn maßgeblich beteiligt.
1960 gründete die CDU ein "Institut für Internationale Solidarität" mit dem Sitz in Eichholz bei Bonn. Vorbild der christlich-demokratischen Organisation war die "Friedrich-Ebert-Stiftung", mit der die SPD Genossen in den Entwicklungsländern - hauptsächlich in Afrika - unterstützt. (Konrad Adenauer: "Kommunisten und Sozialisten helfen sich untereinander. Warum sollen wir uns nicht gegenseitig unterstützen?")
Natürliches Betätigungsfeld der christlichen Entwicklungshelfer: das katholische Lateinamerika. 1961 flog der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Heinrich Gewandt, Geschäftsführer des Solidaritäts-Instituts, nach Südamerika, um unterstützungswürdige Parteifreunde zu suchen.
Die ersten organisierten Christdemokraten fand er in Venezuela. In Caracas entstand eine deutsch-venezolanische Funktionärsschule. Ihre Leitung übernahm Klaus Noeldner aus dem Vorstand der Hamburger "Jungen Union". Ein Institut zur Ausbildung christlicher Gewerkschaftler folgte. Die CDU gab Geld, entsandte Lehrkräfte und lud südamerikanische Funktionäre nach Deutschland ein. Gewandt: "Wir bringen den Leuten das 'know how' der Partei-Organisation und der Führung eines modernen Wahlkampfes bei."
Die deutsche Aktivität in seinem lateinamerikanischen Hinterhof störte bald den US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO, der in der Costa-Rica -Hauptstadt San José eine eigene Gewerkschaftler-Ausbildungszentrale unterhielt. "Deutschland klerikalisiert Lateinamerika", verkündete ein AFL -CIO-Kommunique gegen die Konkurrenten vom Rhein. "Der deutsche Imperialismus, von den Goten bis zu Hitler ungebrochen, stürzt sich jetzt auf Südamerika."
Gewandt flog nach Washington und verscheuchte das Gewerkschafts-Mißtrauen gegen die Deutschen. Die US -Gewerkschaftler boten schließlich den Bonnern sogar ihre San-Jose-Schule an, die - von einheimischen Nationalisten als US-Spionagezentrum verschrien - an Schülerschwund litt. Das Geld kommt weiterhin aus Amerika.
Die deutsch-südamerikanische Christ -Ehe war bald fruchtbar:
- In Venezuela verdoppelte die von CDU-Wahlmanagern unterstützte Christdemokratische Partei bei den Wahlen Ende 1963 ihren Stimmenanteil von elf auf 22 Prozent;
- In Peru verband sich die kleine Christdemokratische Partei auf Empfehlung des Bonner Beraters Gewandt (Spitzname: "Gordito" = Dickerchen) mit dem Gefolge des Volkshelden Fernando Belaúnde, der zum Präsidenten gewählt wurde.
Die erfolgreichste Kur verschrieb der gelernte Drogist Gewandt den Polit -Christen in Chile. 1962 schloß der Hamburger Freundschaft mit Eduardo Frei, einem Juristen österreichisch schweizerischer Abstammung, der die damals noch unbedeutende und stark linksorientierte Christlich-Demokratische Partei Chiles leitete.
Im Frühjahr 1963 führte Gewandt seinen Duzfreund Frei der CDU-Prominenz vor. Dann gingen die vereinten Christen daran, Chile zu erobern, das von einer kommunistischen Machtübernahme bedroht wurde.
Schon bei den Präsidentschaftswahlen von 1958 war der kommunistische Volksfrontkandidat Senator Salvador Allende nur um 35 000 Stimmen hinter dem konservativen Sieger Jorge Alessandri zurückgeblieben.
Da eröffneten die Christdemokraten Freis im November 1963 den längsten, teuersten und heftigsten Wahlkampf in der Geschichte des Landes. Ehrengast bei der Versammlung von 10 000 Funktionären im Caupolitán-Saal von Santiago: Heinrich Gewandt.
Nach der Drei-Minuten-Rede des deutschen Einpeitschers - er hatte in einem Hamburger Dolmetscher-Seminar Spanisch gelernt - verzeichnete das Protokoll: "Frenetischer Beifall. Anwesende auf den Stühlen." Frei: "Der Dicke ist ein richtiger Kampfhahn."
Da die Mittel des Bonner Solidaritäts-Instituts (offizielles Jahresbudget: vier Millionen Mark) für die Finanzierung des Frei-Wahlkampfes nicht ausreichten, griff der deutsche Klerus in den Klingelbeutel: Aus den reichen Einnahmen der "Misereor"-Kollekte* wurden mehrere Millionen Mark für die Organisation "Demokratische Sozialarbeit für Lateinamerika" (Desal) in Chile abgezweigt.
Die Desal ist eine klerikale Organisation für die Unterstützung von Politikern und Parteien, die der katholischen Kirche nahestehen. Die Desal -Gelder für Chile werden von dem belgischen Jesuiten Roger Vekemann und dem Frei-Schwager Pater Tagle Ruiz verwaltet.
Der antikommunistische Feldzug der Frei-Männer führte alle bedeutenden nichtkommunistischdn Gruppen zusammen, einschließlich der in Chile einflußreichen Freimaurer - obwohl Frei -Konkurrent Allende Logenbruder ist. Dann deckten die rheinisch geschulten Frei-Kreuzzügler die Volksfront - noch im März hatte sie eine Nachwahl mit Zweidrittelmehrheit gewonnen - pausenlos mit Propagandaschlägen ein.
"Uns ist die Spucke weggeblieben, als die Christdemokraten loslegten", bekannte Volksfront-Führer Allende: "Die haben uns die Berliner Mauer, den Bart Ulbrichts und den Aufstand in Ungarn um die Ohren gehauen. Wir hatten nicht die geringste Gelegenheit, über chilenische Probleme zu sprechen"
Volksfront-Vizepräsident Pepe Figueroa erzählte, sein Dienstmädchen sei nachts schreiend aufgewacht und habe geschluchzt: "Ich träumte, die Kommunisten wollten mich hinrichten."
Die schwarze Horror-Propaganda zerstörte die Hoffnung der Rotfront, erstmals in der westlichen Hemisphäre durch freie Wahl an die Macht zu kommen. Der christliche Bonn-Protegé und Sozialreformer aus Santiagos Hindenburgstraße. Eduardo Frei, bekam 55,8 Prozent der Stimmen - die sicherste Mehrheit eines chilenischen Präsidenten seit 1942.
Am Freitag vergangener Woche bedankte sich Frei bei dem Begründer der christdemokratischen Internationale mit einer Einladung: Der CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer soll am 4. November in Santiago Ehrengast der feierlichen Amtsübernahme des Präsidenten sein.
* "Misereor" ist eine von der Fuldaer Bischofskonferenz 1958 beschlossene Hilfsaktion der deutschen Katholiken "gegen Hunger und Krankheit in der Welt". Die Sammlungen - in der Fastenzeit durchgeführt - ergaben bisher 270 Millionen Mark, von denen Südamerika etwa ein Drittel erhielt.
Christdemokraten Erhard, Gewandt (2. v. r.), Frei (r.): "Der Dicke ist ein Kampfhahn"

DER SPIEGEL 38/1964
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