23.09.1964

BARWICH-FLUCHTVerrat in acht Zeilen

Sein Paß war mit den Visa westlicher Länder gespickt - dutzendemal hatte der Chef des größten Atomlabors der Sowjetzone in den letzten Jahren internationale Konferenzen und Atomforschungslabors in den kapitalistischen Ländern besucht: Jedesmal war Professor Heinz Barwich, 53, wieder in das "Zentralinstitut für Kernphysik der DDR" in Rossendorf bei Dresden heimgekehrt - bis zum 9. September 1964.
Die Flucht des Atomforschers nach den USA - die sich am letzten Tag der Genfer Konferenz "Atome für den Frieden" unter den Fittichen des amerikanischen Geheimdienstes vollzog - überraschte Ost wie West. Westdeutsche Wissenschaftler, die - den von seinen Mitarbeitern als "parteilos, jedoch links" charakterisierten - Barwich noch wenige Tage zuvor im Vestibül des Genfer Hotels "Präsident" gesprochen hatten, äußerten: "Er muß ein Schauspieler von hohen Graden sein ... er ließ seine Fluchtabsicht nicht einmal ahnen."
Die ostdeutsche Nachrichtenagentur ADN schwieg betroffen. Erst Montag letzter Woche, fünf Tage nach der Flucht, verzeichnete die Zonenpresse in einer Acht-Zeilen-Meldung den "schändlichen Verrat" des Kernphysikers, der sich in Genf "vom US-Geheimdienst (habe) kaufen" lassen.
Der einzige in der Zone verbliebene aktive Atomforscher von internationalem Ruf, Professor Manfred Freiherr von Ardenne, Dresden, vermutete ein anderes Fluchtmotiv: Barwichs Schwierigkeiten, so Ardenne, "haben wahrscheinlich in der familiären Sphäre gelegen, die wohl etwas kompliziert war".
Die Anspielung des roten Freiherrn aus dem Forschungsinstitut im Dresdner Villenvorort Weißer Hirsch trifft zu - wenngleich nicht ganz in dem Sinne, wie Ardenne es verstanden wissen wollte (Barwich ließ seine zweite Frau bei der Flucht in der Zone zurück, seine erste, geschiedene Frau lebt seit Jahren in der Bundesrepublik). Die Schwierigkeiten in der familiären Sphäre, die Barwich zur Flucht trieben, sind weit eher in den unerfreulichen Farmilienverhältnissen der Ostblock-Brüder zu suchen. "Die Atomforschung in der Zone", so formulierte es ein namhafter westdeutscher Physiker, "wird seit Jahren systematisch ausgetrocknet." Und: "Barwich sah seine Arbeitsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt."
Als Barwich vor knapp einem Jahrzehnt zusammen mit dem Nobelpreisträger Professor Gustav Hertz, Manfred von Ardenne und anderen Physikern aus der Sowjet-Union zurückkehrte - die Wissenschaftler hatten in Suchumi am Schwarzen Meer die Isotopentrennungsanlage für die russische Atombombenproduktion mitaufgebaut -, schwärmte "Neues Deutschland" von "ungeahnten Perspektiven". Barwich sollte das Zentralinstitut in Rossendorf zur "ersten deutschen Heimstätte für
das Atom" machen, wo den Wissenschaftlern "alle Möglichkeiten" geboten werden sollten.
Tatsächlich waren in Rossendorf die Bauarbeiten am ersten Experimentalreaktor schon im Gang, als die Atomforschung in der Bundesrepublik noch in der Vorplanung steckte. Die Sowjetzonen-Regierung stellte bereits 1956 einen Fonds in Höhe von 500 Millionen Ostmark für die Atomforschung bereit, und auch die erste Fakultät für Kerntechnik in Deutschland wurde in der Zone aufgebaut.
Um den bundesdeutschen Kollegen "immer eine Nasenlänge vorauszubleiben" (Ardenne), entwickelten die Rußland-Heimkehrer für die Zone zugleich ein umfangreiches Programm der Atomenergie-Nutzung. Schon 1960 sollte das erste Atomkraftwerk bei Rheinsberg in der Mark Brandenburg betriebsbereit sein. Leistung des Kraftwerks: 70 000
Kilowatt, ausreichend, um eine Stadt von 100 000 Einwohnern mit elektrischer Energie zu versorgen. Die staatliche Plankommission verkündete sogar, bis 1970 würden weitere 20 Atomkraftwerke ihren Strom ins Versorgungsnetz der Zone fließen lassen.
Der ostzonale Vorsprung freilich schwand schnell. Zwar wurde in Rossendorf der erste Forschungsreaktor in Deutschland in Betrieb genommen, ein sowjetisches Standardmodell, wie es auch an andere Ostblockländer und Ägypten geliefert wurde. Auch ein Teilchenbeschleuniger russischer Herkunft wurde in Barwichs Institut noch montiert. Doch beim Bau des Atomkraftwerks Rheinsberg verzögerten sich die zugesagten Lieferungen aus der Sowjet-Union und damit der Fertigstellungstermin immer mehr. Frühestens 1965 - fünf Jahre später als geplant - wird Rheinsberg Strom liefern können.
Ähnliche Lieferschwierigkeiten engten bald auch die Arbeitsmöglichkeiten am Rossendorfer Institut ein. Zudem hemmten Bürokratisierung und die vertraglich festgelegte "Arbeitsteilung" unter den Ostblockländern die Forschung oder brachten die Wissenschaftler um den Erfolg ihrer Arbeit. So entwickelten Techniker in Rossendorf ein Kontrollgerät für Reaktoren, das die Daten von einhundert Meßstellen gleichzeitig registriert und analysiert. "Im Rahmen der Comecon-Absprachen", erläuterte Barwich einmal einem Besucher, "mußten wir die Pläne nach Ungarn liefern, damit die Geräte dort in die Produktion können."
So kommt es, daß neben dem ersten Reaktor sowjetischer Bauart derzeit in der Zone erst ein zweiter kleiner Forschungsreaktor in Betrieb ist. Er wurde unter Anleitung des Reaktorfachmanns Barwich in Rossendorf im Eigenbau erstellt. Und außer Rheinsberg ist im Ulbricht-Staat kein Atomkraftwerk im Bau*.
Meist aus der Ferne verfolgte Barwich in den vergangenen zwei Jahren, wie die Atomforschung in der Zone immer mehr verkümmerte. Als Vertreter der DDR war er zum stellvertretenden Direktor des internationalen Kernforschungsinstituts in Dubna bei Moskau berufen worden. "Mit Unbehagen", so notierte Atom-Schriftsteller Robert Jungk in der "Zeit", sah Barwich denn auch im Frühjahr (als sein Dubna-Turnus zu Ende ging) "seiner Rückkehr nach Rossendorf entgegen".
In Genf war das Unbehagen des Mannes, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Überzeugung nach dem Osten gegangen war, stärker als alle Bindungen an die Zone - er ging nach Westen.
* In der Bundesrepublik sind derzeit 13 Forschungs- und vier Unterrichtsreaktoren in Betrieb; ein Atomkraftwerk ist in Betrieb, drei im Bau, fünf weitere in der Planung.
DDR-Reaktor Rossendorf, Atomforscher Barwich (M.)*; "Schauspieler von hohen Graden?"
* Bei der Übernahme des ersten Forschungsreaktors im Dezember 1957.

DER SPIEGEL 39/1964
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