23.09.1964

MENGELEImmer ein Expreßboot

In Paraguays Hauptstadt Asunción
traf Ende August ein häßlicher Deutscher ein: Josef (José) Mengele, 53, von der deutschen Justiz als ehemaliger Lagerarzt des KZ Auschwitz gesucht, war aus seinem Urwald-Versteck am oberen Paraná-Fluß aufgetaucht.
Der Auschwitz-Arzt (1,74 Meter groß, Dreieckslücke zwischen den oberen Schneidezähnen, linkes Auge schielt leicht, starke Geheimratsecken, graumelierte Schläfen, kleiner Schnurrbart), auf den die höchste Kopfprämie der bundesdeutschen Justizgeschichte - 60 000 Mark - ausgesetzt ist, war mit dem Autobus aus Coronel Oviedo, 130 Kilometer östlich von Asunción, angereist. Im Hauptstadt-Vorort San Lorenzo stieg er aus.
Passagier Mengele wirkte nervös. Nach Jahren ruhigen Asyls und guter Geschäfte fühlt sich Mengele in Paraguay nicht mehr sicher. Seit Anfang dieses Jahres hat das entlegene Land für ehemalige Nazigrößen und Kriegsverbrecher den Nimbus des unbehelligten Verstecks verloren.
13 israelische Agenten mit Erfahrungen von der Eichmann-Jagd waren seit Januar auf Mengeles Spur. Sechs von ihnen stöberten den KZ-Doktor im Frühjahr auf.
Mit gezogenen Pistolen umstellten die sechs Männer knapp nach Mitternacht das Hotel "Tirol" (Besitzer: ein flämischer Ex-SS-Mann), zwischen Encarnación und Hohenau. Sie kamen 20 Minuten zu spät.
Tirol-Urlauber Mengele war telephonisch von dem Farmer Alban Krug aus Hohenau gewarnt worden. José Mengele sprang samt Pyjama in seinen Anzug und entkam in der Dunkelheit.
Einer der israelischen Mengele-Jäger, die auf seiner Fährte blieben, wurde - just zu der Zeit, da Mengele im August nach Asunción reiste - mit einem Kopfschuß an der paraguayisch brasilianischen Grenze tot aufgefunden.
In Asunción beriet Paraguays Staatschef bayrischer Abstammung, General Alfredo Stroessner, 51, mit seinen Mitarbeitern in der weißen Casa Presidencial den Fall Mengele. Auf seinem Schreibtisch lag der SPIEGEL-Artikel über den KZ-Arzt aus dem Heft 32.
Dem Staatschef war durch die Veröffentlichungen über Mengele klargeworden, daß weiterer Schutz für den KZ-Arzt den Ruf Paraguays immer mehr schädigen und die wichtigen Wirtschaftsbeziehungen zur Bundesrepublik stören konnte.
Schon mehrmals hatte der Fall Mengele zu Reibungen der Regierung Paraguays mit ihrem viertwichtigsten Handelspartner geführt. Im Juli hatte Diktator Stroessner Bonns Botschafter, Eckart Briest, die Tür gewiesen. Als Briest im August neuerlich nach Mengele forschte, wurde er von KZ-Arzt -Helfern telephonisch bedroht.
Am Morgen nach der Ankunft Mengeles in Asunción war die Deutsche Botschaft in der Casilla de Correo 471 mit Judenstern, Hakenkreuz und Aufschriften (deutsch und spanisch) beschmiert, wie: "Jüdische Botschaft. Hände weg von Mengele. Wir befehlen!!" Oder: "Verfolgungen einstellen!" Jüdische Geschäftsinhaber fanden Hakenkreuze an ihren Schaufenstern.
Stroessner zog in der Causa Mengele einen vertrauten Geschäftsfreund zu Rate, der nach dem SPIEGEL-Artikel aus Kufstein (Tirol) nach Asunción gekommen und dort im Hotel "Guarani" abgestiegen war: Hans-Ulrich Rudel, höchstdekorierter Deutscher des Zweiten Weltkriegs und Vermittler von Südamerika-Geschäften für die deutschen Firmen AEG, Hochtief und Phoenix -Rheinrohr.
Rudel wurde von einem Mengele -Einbürgerungszeugen, dem Weißrussen Alexander von Eckstein (Botschafter Briest: "Der führende Antisemit des Landes") bereits ungeduldig erwartet.
Ex-Major Eckstein ist ebenso intimer Freund des Generals Stroessner wie Ex-Oberst Rudel, den der Staatschef 1961 vergebens zum paraguayischen Honorarkonsul in Tirol zu machen suchte (Stroessner bot Österreichs Außenminister Kreisky an: "Sie bekommen dafür unsere Uno-Stimme für Südtirol").
Eckstein drängte Stroessner in täglichen Audienzen. Mengele weiterhin zu schützen. Paraguays Außenminister, Dr. Raúl Sapena Pastor, der 1963 aus Bonn einen Zwölf-Millionen-Mark-Kredit mitgebracht hatte, riet dem unsicheren Diktator, den belastenden Auschwitz-Arzt abzuschieben.
Stroessner sitzt in der Klemme. Eine Auslieferung Mengeles würde die 30 000 Köpfe zählende deutsche Kolonie, die ein Viertel der Exportgüter Paraguays erzeugt, gegen den Präsidenten aufbringen. Deutsche Extremisten haben bereits gedroht, jeden Schritt gegen Mengele an den etwa tausend jüdischen Familien des Landes zu rächen.
Eine Auslieferung Mengeles würde auch mit einer fast hundertjährigen Tradition Paraguays brechen, der das rückständige Land seinen Aufschwung verdankt: Jedermann wurde, auch wenn etwas gegen ihn vorlag, in Paraguay aufgenommen und konnte sich innerhalb der Landesgrenzen sicher fühlen.
Denn nach einem Krieg Uruguays, Argentiniens und Brasiliens gegen Paraguay waren 11870 im ganzen Land (anderthalbmal so groß wie die Bundesrepublik) nur 28 000 Männer und 200 000 Frauen übriggeblieben. So nahm das unwegsame, aber fruchtbare Land jeden auf, der arbeiten konnte: darunter Russen, Balten, Polen, Italiener, Juden und Japaner.
Das Hauptkontingent der Einwanderer stellten jedoch die Deutschen. Im Ersten Weltkrieg kamen sie aus Brasilien, die zweite deutsche Welle wanderte in den zwanziger Jahren ein. Sudetendeutsche und deutschstämmige Mennoniten aus Kanada und Rußland folgten.
Die deutschen Siedler ließen sich, von Seuchen und Revolutionen dezimiert. bei Hohenau, Villarrica, Independencia und Nueva Germania nieder. Der erhoffte Reichtum blieb jedoch aus.
Erst mit dem Dritten Reich rückte er in greifbare Nähe. Unter Hitler kümmerte sich die deutsche Regierung erstmals um die Deutschen im fernen Paraguay. Die deutschen Siedler wurden in der NSDAP-Landesgruppe Paraguay straff organisiert, erhielten ein Parteihaus und wurden intensiv nationalsozialistisch beeinflußt. Hitler versprach den deutschen Paraguay-Pionieren die Rückführung ins Reich. In eroberten Ostgebieten sollten die erfahrenen Buschsiedler große Güter bekommen.
Paraguay schützte die Deutschen auch, als die USA Asunción aufforderten, die NS-Kolonie zu zerschlagen: Die Regierung erklärte alle deutschen Dörfer einfach zu Internierungslagern. Ihre Einwohner lebten unbehelligt weiter.
Trotz des zerstörten Traums vom Lebensraum im weiten Osten Europas blieben die Paraguay-Deutschen nazitreu. Kriegsverbrechen gelten als alliierte Greuel-Propaganda. Bevorzugte Lektüre sind heute die "Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung" und die neonazistische "Nation Europa".
Bayernsproß Stroessner schätzt die Arbeitsamkeit und Verläßlichkeit der deutschen Siedler. Er ist Taufpate vieler Siedler-Kinder und oft gesehener Gast in deutschen Dörfern.
In seiner engsten Umgebung hält der Enkel eines bayrischen Kavallerie -Hauptmanns viel auf deutsche Sitten. Er trinkt "Kulmbacher Mönchshof" -Bier, und seine Leibwache, von Oberleutnant Otto H. Friedrich befehligt, besteht größtenteils aus Deutschen, die über 1,80 Meter messen.
Stroessners lange Kerls beherrschen den zackigen Stechschritt. Um zwei Köpfe überragen sie die uniformierte Indio-Musikkapelle, die den "Bayrischen Präsentiermarsch" und "Alte Kameraden" bläst, wenn der General sein Frühstück einnimmt.
Als 22. Präsident in 21 Jahren drillte Stroessner seit seinem Putsch im Jahre 1954 Regierung und Volk auf deutsche Pünktlichkeit und hektische Betriebsamkeit. Asunción wurde zur saubersten Stadt des lateinamerikanischen Festlands. Sonntags wie werktags wird an Fabriken und Straßen, die oft von deutschen Firmen projektiert worden sind, gebaut. Der zur Zeit in Paraguay beliebteste Schlager hat den Refrain: "Vorwärts, vorwärts, mein geliebter General!"
Stroessners Wunsch, von Bonn offiziell in das Land seiner Vorfahren eingeladen zu werden, ging bisher jedoch nicht in Erfüllung. Seine Freundschaft mit Nazis und der Schutz für Mengele waren einem Staatsbesuch hinderlich. Als Außenminister Sapena Pastor 1963 in Bonn für einen Stroessner-Besuch vorfühlte, flüchtete sich das Auswärtige Amt in "Terminschwierigkeiten".
Damals hatte Bonn bereits einmal offiziell in Paraguay nach Mengele geforscht, war aber abschlägig beschieden worden, obwohl der Flüchtling längst eingebürgert war. Als Fritz Fischer getarnt, hatte Mengele im Dorf Hohenau bei dem deutschstämmigen Farmer Alban Krug gelebt. Der "Herr Fritz" war bald in allen deutschen Siedlungen bekannt.
Krug über Mengele zum SPIEGEL: "Ein außerordentlich intelligenter und vornehmer Mensch. Der Mann ist für mich kein Verbrecher."
Gladys, Alban Krugs ehemaliges Dienstmädchen: "Der Herr Fritz war immer sehr nett und höflich. Er hat im Haus mitgeholfen. Wenn wir krank waren, wußte er immer Bescheid."
Mit Krug zusammen nahm Fischer -Mengele an den Veranstaltungen der deutschen Kolonie teil. In der Schule von Obligado lauschte er einer Rede des Stroessner-Freundes Rudel. Mithörer war auch der Deutsche Werner Jung, in dessen Haus in Asunción Rudel und Mengele verkehrt hatten.
Krug-Gast Mengele, nie in Geldnöten, zeigte starkes Interesse, Land zu erwerben. Der Bürgermeister von Obligado, Paredes: "Er wollte bei Kilometer 45 einige tausend Hektar kaufen." Über Strohmänner kaufte Mengele später Land am oberen Paraná Fluß.
Der unwegsame Urwald am Alto Paraná ist als Unterschlupf ideal. Der Fluß bildet die Grenze gegen Argentinien und Brasilien. Nahe dem Dreiländereck bei Puerto Stroessner kann man - ohne Grenzkontrollen - jederzeit in die Nachbarländer überwechseln.
Mengele wurde mehrfach an den Grenzübergängen Puerto Stroessner - Fez do Iguacú (Brasilien) und Encarnación-Posadas (Argentinien) gesehen. Der Fährmann von Enearnación erinnert sich: "Der Herr mietete immer ein Expreßboot."
Seit Anfang September ist Mengeles kleiner Grenzverkehr gefährlich geworden. Die brasilianische Polizei überwacht nach dem Tod des israelischen Mengele-Jägers die Flußgrenze. Auf der argentinischen Seite wollen sich Peones und Indianer die 60 000 Mark Kopfprämie verdienen.
In den vergangenen Wochen wurde Mengele nur noch auf der paraguayischen Seite des Paraná gesehen. Ein Guarani-Indianer berichtete SPIEGEL -Redakteur Herbert John, er sei nahe der Garnison Antonio López einem Deutschen begegnet, "der auf einem Auge humpelt".
Paraguay-Bürger Mengele
Ei Anruf um Mitternacht
Beschmierte Deutsche Botschaft in Asunción: Ein Toter an der Grenze
Paraguay-Besucher Rudel
Ein Treffen mit dem Präsidenten
Paraguay-Diktator Stroessner
"Vorwärts, mein geliebter General!"
Stroessner-Leibwoche in Asunción. "Der Herr Fritz war immer nett und höflich"

DER SPIEGEL 39/1964
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