30.09.1964

ENGLAND / WETTENGewinn einer alten Dame

Die alte Dame hopste einen Freudentanz. Ihr adliger Sohn, so hätte sie eben erfahren, war Nachfolger des kranken Briten-Premiers geworden. Hintergrund der Mutterfreuden: Sie hatte auf den Sohn 50 Pfund gewettet; seine Ernennung brachte ihr 1650 Pfund (18 590 Mark) ein.
Diese Szene der Posse "Der widerspenstige Lord" belacht das Publikum des Londoner Duchess-Theaters seit Mitte Januar (SPIEGEL 5/1964). Denn der Autor, William Douglas Home, Bruder des Briten-Premiers Home, hatte in seinem Stück, für jedermann erkennbar, die überraschende Nominierung seines Bruders und die Wettleidenschaft der 82jährigen Home-Mutter karikiert
- eine Leidenschaft, die zu den ausgeprägtesten englischen National-Eigenschaften zählt.
Die Briten wetteten 1963 für elf Milliarden Mark. Astronomisch war die Wette eines Bürgers der Stadt Preston: Für zehn Pfund Einsatz erhält er 10 000 Pfund Gewinn ausbezahlt, wenn bis Ende 1969 ein Mann auf dem Mond landet.
Wie die alte Dame auf der Bühne, hatten im Oktober 1963 Tausende Engländer in dem bis zuletzt offenen Rennen um die Macmillan-Nachfolge ihre Wetten placiert.
Binnen neun Tagen wurden damals bei Londoner Buchmachern 150 000 Mark
auf das Politiker-Rennen gesetzt. Englands größte Wettfirma, Ladbroke's, notierte den Favoriten, Außenminister Butler, 4:5, den späteren Premier Home aber nur 10:1.
Die Wettspiele um Kandidaten-Köpfe waren damals nur als private Vereinbarungen zwischen den Buchmachern und ihren Kunden möglich gewesen. Für die Unterhauswahlen am 15. Oktober aber können die Engländer erstmals ihre politischen Pfunde, wie bei Pferde- und Hunderennen oder Fußballspielen, nach einem ausgelegten Wettprogramm placieren. Die Buchmacher haben Wahl-Wetten in ihr Standard -Programm aufgenommen.
Ladbroke's-Generaldirektor Ron Pollard, 38, erwartet, daß seine 20 000 Dauerkunden am Wahltag sechs Millionen Mark über die 220 Telephonanschlüsse der Firma placiert haben werden.
Wettergott Pollard studierte die Umfragen der Meinungsforscher und holte Wettervorhersagen für den Wahltag ein. Zur Zeit notiert ein Home-Sieg zur Quote von 11:8, ein Wilson-Sieg 8:15 (bei 300 Mark Einsatz: 160 Mark Zugewinn). Zu Beginn des Sommers hatte Ladbroke's einen Labour-Sieg noch 1:5 bewertet.
Bisher nahm Ladbroke's für 2,5 Millionen Mark Wahl-Wetten an. Der niedrigste Einsatz betrug drei Mark, der höchste - auf einen Labour-Sieg in mehreren Einzelwetten abgeschlossen - 370 000 Mark.
Um das neue politische Wettgeschäft anzukurbeln, nimmt Ladbroke's auch in Amerika verbotene - Wetten auf den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen an. Bisher wurden 350 000 Mark eingezahlt, davon der Großteil auf den 2:13-Favoriten Johnson. Goldwater steht zur Zeit bei 4:1.
Im nächsten Jahr will Ron Pollard für Ladbroke's ein neues Spielfeld diesseits des Kanals erschließen: Deutsche sollen bei ihm Wetten auf den Ausgang der Bundestagswahlen 1965 abschließen können.
Wahl-Wettzentrale bei Ladbroke's in London: Auf den Mann im Mond gesetzt

DER SPIEGEL 40/1964
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