07.10.1964

GENIE AUF DEM GLATTEIS

Billy Wilder, 1906 in Krakau geboren, Ende der zwanziger Jahre Zeitungsreporter in Wien und Berlin, ist einer der berühmtesten Filmregisseure und -produzenten Hollywoods, wo er 1934 als Drehbuchautor begann und bisher dreimal mit einem "Oscar" ausgezeichnet worden ist. Zu seinen erfolgreichsten Filmen gehören "Sunset Boulevard", "Reporter des Salons", "Manche mögen's heiß", "Das Appartement", "Irma la Douce".
Ich glaube, es war Samuel Goldwyn, der gesagt hat, nur Gott könne einen Star machen. Bei Chaplin jedenfalls war Gott in Hochform. Er wird ein oder zwei Jahrhunderte brauchen, um ein neues Genie dieses Kalibers herauszubringen.
Trotzdem hatte ich schon immer den Verdacht, daß Chaplin kein sehr intelligentes Genie sei. Nachdem ich mich durch die endlosen Windungen seiner Autobiographie gearbeitet habe, sehe ich meinen Verdacht bestätigt.
Chaplin war ein Gigant, solange er seinen stummen kleinen Tramp spielte. Kaum machte er den Mund auf - als Schauspieler oder als Verkünder politischer Weisheiten -, da kam peinliche Banalität hervor.
Das Übel begann, als der größte Pantomime der Welt sich plötzlich dem Tonfilm konfrontiert sah. Chaplin war Hollywoods unbestrittener Fünfkampf -Champion gewesen: als Star, Produzent, Regisseur, Komponist und Autor seiner Filme. Nun nahm er den Kampf mit dem Dialog auf. Ergebnis: Er fiel auf den Bauch. Es war, als hätte ein Quintaner Texte zur Vierten Symphonie von Brahms geschrieben.
Für Chaplins sämtliche Tonfilme gäbe ich keinen einzigen seiner Stummfilme her - gewiß nicht den unvergleichlichen "Goldrausch", aber auch nicht einen frühen bescheidenen Zweispuler wie "Charlie als Pfandleiher".
Dieselbe Hilflosigkeit zeigte sich, als er zu politisieren begann. Ausgerüstet mit der Gelehrsamkeit eines "Reader's Digest"-Abonnenten, wirft er mit großen Worten um sich: "Sozialismus", "Weltbürger", "Brüderlichkeit aller Menschen". Seine Volksrednerei begann während der ersten Kriegsjahre, als er den plötzlich erkrankten amerikanischen Diplomaten Joseph E Davies auf einer Versammlung in San Francisco vertrat. Chaplin begrüßte die Leute als "Genossen" und beschwor sie leidenschaftlich, sich für die Errichtung einer zweiten Front in Europa zur Entlastung der von den Deutschen bedrängten Russen einzusetzen. Nachdem er die Menge jubeln gehört hatte, wollte er von seiner
Margarine-Kiste gar nicht mehr herunter. Nach einer Zeit der Frustration hatte er nun glücklich wieder in die Rolle des kleinen Tramps zurückgefunden, er war endlich wieder der Vorkämpfer aller Entrechteten und Geknechteten.
Aber in seinem Buch verrät dieser Chaplin sich selbst als Snob und Kapitalist par excellence. Stolz entrollt er eine Liste von Genossen, die er am Wege traf: den Prinzen von Wales, Sir Philip Sassoon, Sir Thomas Lipton, Lord und Lady Astor, Lord Boothby, die Gräfin Noailles, die Gräfin Yorck, Graf Chambrun, Prinz Georg von Griechenland, Lord Strabolgi, Lady Wilson,
den Marquis de Talleyrand-Périgord, den Herzog von Sutherland, den Grafen und die Grafin Cherreau d'Antraigues sowie Elsa Maxwell, selbstredend.
Ebenso froh und zufrieden zählt er die Einspielergebnisse seiner sämtlichen Filme und all seine raffinierten Geschäftsmanipulationen auf seine Freunde und Kollegen in Hollywood kannten ihn freilich auch als Geizhals im Großformat, der manche bürgerlichen Verpflichtungen vernachlässigte und keinen Pfennig für wohltätige Zwecke ausgab. Man hat mir erzählt, daß die Russen nach Chaplin-Filmen lechzen, aber keine bekommen können, weil er zu hohe Preise fordert.
Als er Amerika verließ, nach freier nichtkapitalistischer Luft schnappend, zog er keineswegs in seine englische Heimat, sondern in die Schweiz - wegen der niedrigeren Steuern, wie er selbst zugibt.
Gewiß billigt kein anständiger Mensch, wie Chaplin von gewissen Rechts-Gruppen in den USA behandelt worden ist, und jeder bedauert die Umstände, unter denen ihm die Rückkehr nach Amerika verweigert wurde. Diesen Vorgängen lag aber eine natürliche Verbitterung darüber zugrunde, daß er 40 Jahre hier gelebt und gearbeitet hatte, ohne sich um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Selbst ein Einwanderer und naturalisierter US-Bürger, kann ich diese Verbitterung verstehen. Amerikaner werden mißtrauisch, wenn man nicht einer von ihnen werden will - im Gegensatz zu Franzosen, Engländern, Schweden und den meisten anderen Völkern, die es gerade mißtrauisch macht, wenn man zu ihnen gehören mochte.
In seiner Autobiographie polemisiert Chaplin zwölf Seiten lang gegen die Tyrannei der amerikanischen Filmzensur. Eine Zusammenkunft mit den Vertretern der Selbstkontrolle wird von ihm wie ein Gestapo-Verhör dritten Grades beschrieben. Am Schluß der Verhandlung hatte er zugestimmt, im Drehbuch seines Films "Monsieur Verdoux" einige Zeilen über die Kirche und die Prostitution zu ändern. Danach setzte er sich in seinen Rolls-Royce und ließ sich von seinem Chauffeur zu seinem Vierzig-Fenster-Herrenhaus in Beverly Hills zurückfahren.
Er erwähnt nicht, daß in Moskau sein Kollege Genosse Eisenstein inzwischen eine ähnliche Begegnung mit der russischen Zensur hatte - und für zwei Jahre nach Turkestan verbannt wurde.
Hier ist Chaplin immer noch der alte unbeugsame Russophile. Als der tschechische Außenminister Jan Masaryk nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Hollywood-Party äußerte, Stalin werde mit der Tschechoslowakei wie mit Litauen umspringen, beschimpfte Mr. Chaplin ihn und verließ den Raum. Bald darauf wurde Masaryk in Prag ermordet, Stalinisten stürzten ihn aus dem Fenster. Ich kann mir vorstellen, daß Mr. Chaplin auch heute noch glaubt, es sei ein Unglücksfall gewesen - der unachtsame Masaryk hat eben einfach das Fenster mit der Tür verwechselt.
Wer von diesem Buch aufregende Enthüllungen über das Film-Handwerk oder spezielle Analysen der Lustspiel -Technik erwartet, wird sehr enttäuscht sein - etwa wie jemand, der eine Schriftrolle vom Toten Meer gefunden zu haben meint und dann feststellt, daß es nur ein altes Drehbuch von DeMilles "Zehn Geboten" ist.
Zum Ersatz bietet Mr. Chaplin eine Serie von pointenlosen Anekdoten und uninteressanten Begegnungen mit Gandhi, Shaw, Chruschtschow und Bulganin. (Ob er sich wohl an einsamen Abenden in Vevey manchmal fragt, was Genosse Chruschtschow mit dem Genossen Bulganin gemacht hat?) Ganz beiläufig ist er dann auch noch anderer Meinung als Freud und bedauert Churchills berühmte Rede über den Eisernen Vorhang.
Großzügig gibt er ein paar Piccadillen mit karrierewütigen Starlets, aber auch mit Stars von damals (Edna Purviance, Pola Negri) zum besten. Eine häßliche Vaterschafts-Affäre und vier Ehen (die ersten drei: Pleiten) kommen vor; ferner Begegnungen mit Künstlern, Wissenschaftlern und Sportlern, die alle einen großen Verein zur gegenseitigen Bewunderung bilden: Thomas Mann, Einstein, Picasso, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht, John Steinbeck, Cocteau, Schönberg, Emil Ludwig, Gertrude Stein.
Manchmal ist Chaplins Gedächtnis erstaunlich: zum Beispiel wenn er von einem Lunch im New Yorker "Time"-Gebäude berichtet, wo er mit Redakteuren über seinen Film "Rampenlicht" sprach - er erinnert sich noch genau, Hühnchen mit gelber Sauce gespeist zu haben.
An seinen "König in New York", einen bösartig und töricht anti-amerikanischen Film, den er bald nach der Abreise aus den USA drehte, erinnert er sich nicht so genau. Er scheint immer noch die Vorstellung zu hegen, daß hierzulande brutale Wall-Street-Kosaken verhungernde Arbeiter über den Haufen reiten.
Über die anderen Regisseure seiner Zeit urteilt er recht jovial. Eisenstein ist in Ordnung und D. W. Grifflith auch. Aber er macht ganz klar, daß der Lubitsch-Effekt in Wirklichkeit von Chaplin erfunden wurde: Lubitschs "Ehe im Kreis" war keineswegs originell, sondern ging auf Chaplins "Skandal in Paris" zurück ... (Das Vorbild war natürlich Mauritz Stillers "Erotikon", so jedenfalls sagte es mir Lubitsch.) Chaplin, der bedenkenlos andere Künstler und andere Werke anzapfte, gesteht nicht ein, daß René Clairs "Es lebe die Freiheit" für seine "Modernen Zeiten" doch recht dienlich war.
Es ist einfach zum Heulen: Ein Durchund-durch-Genie verläßt sein Terrain und macht sich zum Narren - wie wenn Michelangelo von der Decke der Sixtina herabgestiegen wäre, um Schlittschuhe anzuschnallen und mit Sonja Henie zu tanzen.
S. Fischer
Verlag Frankfurt am Main 516 Seiten 28 Mark
Wilder
Chaplin
Von Billy Wilder

DER SPIEGEL 41/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GENIE AUF DEM GLATTEIS

  • "Star Wars"-Finale: Zeit für Antworten es ist
  • Wir drehen eine Runde: Mazda 3 Skyactive X: Der Benziner mit dem Diesel-Gen
  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"