21.10.1964

SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOWPinja und die Bombe

Erst fiel das Opfer, dann die Bombe.
Der Fallout wirkte vor der Explosion.
Fünf Stunden lang drang nur verzerrt das Echo eines erderschütternden Machtkampfes durch die Mauer des Kreml an die Außenwelt.
Um 22.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit stand am letzten Donnerstag lediglich der Name des Verlierers fest: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.
Um 16.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit des darauffolgenden Tages leuchtete der Name des Siegers an Asiens Himmel: Mao Tse-tung.
Die erste Atombombe Rotchinas war gezündet. Blitzartig erhellte ihre Explosion Hintergründe und Szenerie des geschichtlichen Dramas vom Vortag: Der Überwinder des Stalinismus war von seinen eigenen Landsleuten den gelben Erben Stalins geopfert worden.
Im Juni war es ein Witz gewesen - aus der Reihe sowjetischer Anekdoten über die nicht existierende Radiostation Jerewan. Anfrage an Radio Jerewan: "Wer gewinnt den Krieg zwischen China und der Sowjet-Union?" Antwort: "Am ersten Tag ergibt sich eine Million Chinesen, am zweiten Tag ergeben sich zwei Millionen, am dritten Tag fünf, am vierten Tag ruft Mao Tse-tung bei Chruschtschow an und fragt: 'Gibst du jetzt auf?'"
Am 14. Oktober war es Ernst. Nikita Chruschtschow, 70, elf Jahre lang Chef der KPdSU, sechs Jahre lang Ministerpräsident der Sowjet-Union, wurde von Präsidium und Zentralkomitee seiner Partei aller Ämter enthoben.
Partei und Staat der Sowjet-Union, die von Chruschtschow zur Entstalinisierung im eigenen Reich und zur Entspannung mit der westlichen Welt geführt worden waren, verweigerten ihm den Gehorsam, als er zum Kreuzzug gegen die gelbe Gefahr aufrief.
Er war besessen von der Zwangsvorstellung, daß eines Tages das Millionenheer der blauen Ameisen über 10 000 Kilometer offener Grenze in sein Land einfallen könnte. In welchen Dimensionen er fürchtete, sprach sein Schwiegersohn, der "Iswestija"-Chefredakteur Alexei Adschubej, der nun mit ihm stürzte, bei seinem Deutschland-Besuch im Juli dieses Jahres unter vier Augen gegenüber Bundeskanzler Erhard aus: "400 Jahre lang haben wir Europa gegen die Mongolen verteidigt. Das ist unsere historische Aufgabe."
Um diese historische Aufgabe erfüllen zu können, nahm Chruschtschow die Schuld auf sich, den Weltkommunismus zu spalten und die Weltrevolution zu verraten. Die Spaltung der kommunistischen Weltkirche wollte er fixiert wissen, Böcke links, Schafe rechts. Er, der zu Beginn seiner Herrschaft den Ketzer Tito mit der roten Kurie aussöhnte, verlor vergangene Woche seine Macht - selbst zum unversöhnlichen Ketzerverfolger geworden.
Noch am Dienstag letzter Woche empfing Chruschtschow in seinem Urlaubsort Pizunda am Schwarzen Meer den gaullistischen Staatsminister Gaston Palewski. Es war der letzte westliche Besucher, der Chruschtschow zu Gesicht bekam. Sein Eindruck: Der rote Zar habe selten so erholt ausgesehen.
Einen Tag später, am Mittwochabend, fuhren vor dem hellerleuchteten Amtssitz des sowjetischen Zentralkomitees schwarze Tschaika-Limousinen vor. Die Elite der KPdSU versammelte sich zu einer Geheimsitzung.
24 Stunden später machte sich Moskau gefaßt: Die Abendzeitung "Iswestija", gewöhnlich um 17.45 Uhr an den Kiosken, blieb aus. Um 18 Uhr versammelte sich zu einem Empfang für den kubanischen Staatspräsidenten Dorticos im Kreml die gesamte Sowjet-Prominenz - ohne Chruschtschow. Um 18.22 Uhr trat das rote Zentralkomitee erneut zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen.
Um 19.55 Uhr ersuchten Parteidienststellen westliche KP-Korrespondenten, Radio Moskau einzuschalten. Um 21.20 Uhr zeigte sich das erste untrügliche Indiz: Das überlebensgroße Chruschtschow-Porträt an der Fassade des Luxushotels "Moskwa" verschwand.
Um 22.00 Uhr verkündete die sowjetamtliche Nachrichtenagentur "Tass" die Entmachtung Chruschtschows: "Angesichts seines fortgeschrittenen Alters und der Verschlechterung seines Gesundheitszustandes" habe er selbst um seinen Rücktritt ersucht.
"Ich fühle mich wie ein Kater im März", hatte Chruschtschow noch kurz zuvor über seinen Gesundheitszustand geäußert. Und es war nicht Krankheit, sondern der Partei-Ideologe Michail Suslow, der ihm den Rücktritt - namens des ZK - aufgezwungen hatte. Kern-Vorwurf: Chruschtschow habe die Politik der Sowjet-Union an einen "Punkt der Stagnation" geführt.
Der Zwangspensionär mit dem entlaubten, grauborstigen Schädel und den drei unregelmäßig um die Nase gruppierten Warzen kehrte nicht mehr in sein Kreml-Dienstzimmer zurück - in jenen Raum mit gelben Vorhängen, grünbezogenem Konferenztisch, zwei Lehnsesseln und einem Schreibtisch unter den Bildern von Marx und Lenin, von dem aus einst Stalin die russische Nation zur Weltmacht emporgezüchtigt hatte und von dem aus Chruschtschow diesen Aufstieg weiterkommandierte: mit neuen Mitteln.
Er war der faszinierendste Schaumann auf der weltpolitischen Bühne. Wenn es liebenswürdige Berserker gibt, dann war er ihr Prototyp. Unwiderstehlich war er in seinem Widerspruch. Freunde und Feinde unterwarf er unablässig heißen und kalten Wechselbadkuren.
Viel von seiner Widersprüchlichkeit und Dynamik wurzelte in Komplexen. Nikita war klein (1,59 Meter), dick und deshalb schon als Kind dem Spott der Gleichaltrigen ausgesetzt. Am 17. April 1894 als Enkel eines früheren Leibeigenen und Sohn eines Bergmannes im ukrainischen Dorf Kalinowka geboren, verließ er mit 17 Jahren sein Dorf - angeblich, nachdem ihn der Ortspolizist wegen unerlaubten Fischens in den Gewässern des Feudalherrn mit der Nagaika geprügelt hatte.
So begann er beizeiten, sich als trinkfestes Rauhbein aufzuführen und versuchte es bei den Mädchen mit Frechheiten. "Der kleine Dicke", sagte Stalin über den Genossen, der 1918 in die Partei eingetreten war, "hat nur Weiber, Alkohol und Lieder im Kopf." Und dann ließ er ihn tanzen.
Stundenlang hatte Chruschtschow, nun schon Erster Sekretär der Partei in der Ukraine, in Stalins Vorzimmer
- warten müssen - nur um schließlich
einer Versammlung von Parteispitzen mit dem Kommando vorgeführt zu werden: "Los, Genosse Chruschtschow, zeig uns mal, was man in der Ukraine macht. Tanz uns den Gopak vor! Tanz, Ukrainer!"
Aber auch nachdem Chruschtschow dem toten Stalin heimgezahlt hatte, als er selbst alle Macht besaß, verwandelte sich der Kreml-Chef immer wieder mit Wonne in den bösen Buben zurück, der dreist und schmutzverkrustet von der Straße kommt und lauthals Anzüglichkeiten auftischt, um die Erwachsenen zu schockieren.
Nur daß er jetzt nach jedem Faustgefuchtel und nach jeder Schimpfkaskade eine kleine, genüßlich ausgekostete Pause machte, in der er aus schmalen Augenschlitzen belauerte, ob die Salve wohl im Ziel gesessen habe und ob die Welt es wohl wagen werde, ihn aufzuhalten.
So 1960 in den Vereinten Nationen, als Chruschtschow während einer langatmigen Tirade plötzlich aufsprang, seinen rechten Schuh auszog und Anstalten machte, damit nach dem philippinischen Delegierten Sumulong zu schmeißen, dessen Rede ihm nicht gefiel.
Nikita schmiß nicht. Dafür trommelte er mit dem Absatz seines Schuhs auf das Pult und schrie, indem er fuchtelnd auf den Präsidenten Boland losging: "Warum darf dieser Nichtsnutz, dieser Speichellecker, dieser Knallkopp, dieser Knecht des Imperialismus, dieser Narr, diese Puppe des amerikanischen Imperialismus, dieser Lakai Fragen berühren, die offenkundig nicht zur Sache gehören?"
Dann setzte er sich grinsend und weidete sich am Entsetzen der versammelten Diplomatie. Im Hinausgehen zeigte er Journalisten sein Taschenmesser mit der Bemerkung: "Ich möchte mal wissen, ob es scharf genug ist, solch einen Sack wie Wadsworth (den amerikanischen Chefdelegierten) zu durchlöchern?"
Stalin war während seiner Herrschaft nur zweimal im Ausland gewesen: zu den Kriegskonferenzen in Teheran und Potsdam. Chruschtschow liebte das Reisen und die Reisediplomatie. In den letzten zehn Jahren machte er in 23 Ländern 53 Besuche, darunter in fünf Nato-Staaten.
Als er 1959 Amerika entdeckte, war (bis auf die jüngste Tochter Jelena) die ganze Familie dabei: Ehefrau Nina Petrowna, die Töchter Julia und Rada, Sohn Sergej und Schwiegersohn Adschubej. In Hollywood ließ er sich Cancan vortanzen und fand ihn unmoralisch.
Noch mehr Zeit verwendete er auf Inspektionsreisen im Inland. Es gab Wochen, in denen er die Hälfte seiner Arbeitszeit mit der Kontrolle von Kolchosen, Fabriken und Parteibüros verbrachte.
Wenn er sich freilich unter seinesgleichen fühlte, unter den Söhnen und Töchtern der revolutionären Arbeiterklasse, verließ ihn der böse Drang zur Kompensation. Dann gab er sich aus proletarischer Überzeugung populär - mit handwerklichem Fachwissen, bäurischen Vergleichen, rauher Herzlichkeit und einem Schuß russischer "Seele".
Selbst bei Stalins Tod will er geweint haben. Und als Babyküsser war Chruschtschow stets überzeugender als seine Diktator-Kollegen. Er ist ein vernarrter Großvater; dem jüngsten Sohn der Adschubejs kaufte er einen grünen, leopardenfellgepolsterten amerikanischen Kindersportwagen mit einem richtigen Motor.
Als ihm während seiner Amerikareise in den Pittsburgher Mesta-Werken ein Arbeiter spontan eine 39-Cent-Zigarre des Fabrikats "El Verso" in die Hand drückte, fiel Nikita ihm um den Hals und revanchierte sich mit seiner eigenen "Pobjeda"-Armbanduhr.
In solchen Momenten war er stets geneigt, der Erkenntnis Raum zu geben, daß auch im Lager des Kommunismus das Leben hart, die Arbeit schwer und die Weltrevolution mitnichten ein Triumphzug sei.
"Eine Reihe von Umständen bringt es mit sich", sagte er dann, "daß man manchmal nicht inmitten von wohlriechenden Rosen, sondern umringt von Hagebutten, ja hier und da sogar nicht weit von einem kolonialistischen Klosett leben muß."
Wie er selber seine Rolle in diesem Kampf ums Dasein sah, das hat er in die Geschichte vom kleinen Juden Pinja gefaßt.
Wenige Stunden nach dem Sturz des populären Marschalls Schukow, den man allgemein für einen Freund und Vertrauten des Kremlherrn und nicht für einen Konspirateur gehalten hatte, baten amerikanische Korrespondenten in Moskau den verspätet auf einem Empfang des iranischen Botschafters erscheinenden Chruschtschow um eine Erklärung. Nikita erzählte ihnen diese Geschichte:
"Drei Leute saßen im Gefängnis, ein Sozialdemokrat, ein Anarchist und ein kleiner, bescheidener, gar nicht sehr gebildeter Jude namens Pinja. Sie beschlossen, einen Anführer zu wählen, der bei der Verteilung von Essen, Tee und Tabak achtgeben sollte. Der Anarchist, um seine Verachtung für Recht und Ordnung zu zeigen, schlug vor, den kleinen Pinja zu nehmen, und sie nahmen ihn. Dann beschlossen sie zu fliehen und gruben einen Tunnel. Es war klar, daß derjenige, der als erster durch das Loch kriechen würde, riskierte, von den Wachen erschossen zu werden. Alle schauten den großen starken Anarchisten an, aber der fürchtete sich. Da erhob sich der kleine Jude Pinja und sagte: 'Ihr habt mich zum Anführer gewählt, also gehe ich als erster.'"
Als er so weit gekommen war, wandte Chruschtschow sich zum Gehen. Aber die verdutzten Korrespondenten hielten ihn auf. Wo war die Moral von der Geschichte?
Nikita sagte: "Die Moral ist einfach. Wie bescheiden man auch beginnt, man wächst in seinem Amt." Und wieder wollte er gehen, drehte sich dann
aber noch einmal um: "Übrigens - der kleine Pinja, das bin ich."
Wie den mächtigen Marschall Schukow hatte der kleine Pinja alle anderen Rivalen und Oppositionellen im Zentrum der sowjetischen Macht überspielt - und kaltgestellt: den Geheimpolizeichef Berija, die Regierungschefs Malenkow und Bulganin, und auch Stalins Testamentsverwalter Molotow.
Die Beseitigung von Berija war zugleich die letzte Ermordung einer Figur aus dem Zentrum der Sowjetmacht. Sie war nicht Chruschtschows Werk allein.
Er war nur einer der Erben Stalins, die sich zusammengefunden hatten, den Terror des Stalin-Regimes durch die Liquidierung seines Symbols ein für allemal zu brechen.
Alle anderen Feinde wurden nur noch entmachtet, nicht mehr entleibt. Und so wie Berija die Tyrannenherrschaft verkörperte, so war der letzte von Chruschtschow verbannte Gegenspieler, Molotow, Inbegriff der gesamten Opposition. Molotow warnte vor der Verwirklichung der drei großen Ziele des Nikita Chruschtschow:
- Entstalinisierung,
- Entspannung,
- Kampf mit China.
In einer Februarnacht des Jahres 1956 strich der erste Hauch von Freiheit über die Sowjet-Union: In einer Marathon-Rede vor dem XX. Parteitag der KPdSU rechnete Chruschtschow mit dem Personenkult ab und kündigte die Rehabilitierung der Opfer Stalins an. Die Entstalinisierung begann.
Es war Chruschtschows Versuch, den Kommunismus auf eine neue Basis zu heben, ein Versuch, Recht, Sicherheit und Menschenwürde im russischen Reich wiederherzustellen.
Der Staat wurde erschüttert, aber die innerpolitische Atmosphäre entkrampfte sich. Die allgegenwärtige Angst wich von Führern und Geführten, in Literatur und Kunst zog Tauwetter ein.
In der Wirtschaft fühlten sich Manager und Techniker schrittweise mehr und mehr von der Bevormundung durch die Partei-Apparatschiks befreit. Chruschtschow setzte das Ziel, die Vereinigten Staaten bis 1970 auf allen wichtigen, Wirtschaftsgebieten zu überholen. "Wenn wir den Wettlauf mit dem Westen gewinnen wollen", mahnte er dabei, "dürfen wir nicht'- auf Ochsen reiten."
Wirtschaftliche und technische Erfolge halfen ihm. 1957 schossen die Russen den ersten Sputnik, 1961 den ersten Menschen in den Weltraum. Die Kosmonauten wurden die modernen Helden der Sowjet-Union.
Ein anderes gigantisches Chruschtschow-Projekt schlug fehl. 45 Millionen Hektar Neuland hatte er umbrechen lassen und den Mais als "Rakete des Friedens", als "Wurst am Stiel" gefeiert. Doch die erhofften Erträge blieben aus. Chruschtschow schaltete um und empfahl den sowjetischen Kolchosniki das Beispiel der hoch rationalisierten US-Landwirtschaft.
Im Satelliten-Reich führte die Entstalinisierung zur kalten Revolution in Polen und zum blutigen Aufstand in Ungarn. Chruschtschow überlebte beides. Aber die innerparteiliche Opposition gegen ihn wuchs.
Chruschtschows Hauptwidersacher hatten sich im Parteipräsidium verschanzt. 1957 geriet der Parteichef bei einer Abstimmung über sein wirtschaftliches Reformprogramm im Parteipräsidium in die Minderheit. Molotow triumphierte und schickte sich an, die Macht zu übernehmen.
Da griff die Armee ein. Marschall Schukow, der sowjetische Verteidigungsminister, ließ in Flugzeugen die 170 Mitglieder des Zentralkomitees nach Moskau in den Kreml schaffen. Über den Kopf seiner elf Präsidiumskollegen hinweg appellierte Chruschtschow an das ZK - und setzte sich durch. Molotow wurde gestürzt, Schukow mit einem Präsidiumssitz belohnt. Danach ging Chruschtschow daran, sein zweites Ziel zu verwirklichen: die Entspannung und den Machtausgleich mit den Vereinigten Staaten.
Der Herr der Sowjet-Union mußte sich auf Zickzackkurs begeben, um sich diesem Ziel überhaupt nähern zu können. Immer wieder zwangen ihn äußere Ereignisse und Widerständler in der eigenen Partei zu aggressiven Handlungen.
Nachdem er schon Im Herbst 1959 mit dem US-Präsidenten Eisenhower den Versöhnungsgeist von Camp David beschworen hatte, sprengte er im Frühjahr des nächsten Jahres nach dem U-2-Zwischenfall die Pariser Gipfelkonferenz.
Nach seinem ersten Zusammentreffen mit dem Eisenhower-Nachfolger Kennedy in Wien 1961 rühmte er sich, "den jungen Mann das Fürchten gelehrt" zu haben, und zettelte Im Herbst des nächsten Jahres das Kuba-Abenteuer an. Am Abgrund des Krieges aber ließ er die Raketenfrachter abdrehen, nannte wenig später Kennedy einen "Friedenspräsidenten" und installierte die direkte Telephonleitung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml.
Vorläufiger Höhepunkt der Entspannungspolitik Chruschtschows war das Atomteststopp-Abkommen mit Amerika. Es war unverkennbar gegen eine Macht gerichtet, die Chruschtschow nun zum Verhängnis wurde: Rotchina.
Noch 1957 hatte der Sowjet-Chef den gelben Genossen Hilfe bei der Entwicklung atomarer Waffen verbrieft. Aber zwei Jahre später annullierte er den Vertrag und rief die nach China entsandten 10 000 Sowjet-Wissenschaftler und. Ingenieure vom Entwicklungseinsatz zurück. Moskau wiegte sich, wie Amerika, in der Gewißheit, daß die Chinesen allein in die Geheimnisse des Atombombenbaus auf absehbare Zeit nicht würden eindringen können.
Der Kreml wollte es so: Die Atombombe, Zepter einer Weltmacht dieses Jahrhunderts, sollte den Chinesen versagt bleiben.
Dieser. Affront schürte zwangsläufig den Konflikt, der nun zwischen Peking und Moskau aufflammte: Bis Anfang letzten Jahres hatten sich die Chinesen mit anonymen Anklagen gegen ihre sowjetischen Freunde begnügt. Im April aber gingen sie- entgegen einem damals mit Moskau vereinbarten Ideologischen Waffenstillstand - dazu über, ihren Erzfeind beim Namen zu nennen: "den Spalter, Verleumder und Demagogen Chruschtschow".
Immer wieder - auf Massenversammlungen, in Zeitungsartikeln, in Radiokommentaren - erklärten die Chinesen, daß der Sturz Chruschtschows Vorbedingung für Wiederherstellung der kommunistischen Einheit sei.
Chinas Kommunisten hätten eine solche Sprache kaum geführt, wenn sie nicht der Unterstützung einer einflußreichen Fraktion im sowjetischen Zentralkomitee sicher gewesen wären.
Nikita Chruschtschow wußte die Zeichen zu deuten. "Ich habe das schwerste Amt der Welt", sagte er, "für jeden, der glaubt, daß ich nichts falsch mache, gibt es einen anderen, der glaubt, daß ich nichts richtig mache."
Im November vorigen Jahres vertraute er sich einem westlichen Kreml-Besucher, dem französischen Expremier Guy Mollet, an: "Ich bin nie sicher, ob ich morgens in meinem Bett aufwache." Wie im Selbstgespräch fuhr er fort: "Sie sind alle gegen mich."
Was das im Ernstfall bedeuten könnte, war Chruschtschow klar. Sein Lieblingssprichwort: "Wer seinen Kopf verliert, kümmert sich nicht mehr um die Haare."
Im Februar dieses Jahres prophezeite Mao durchreisenden französischen Abgeordneten in Peking den Sturz Chruschtschows: "Chruschtschow ist ein Papiertiger. Sie werden seinen Sturz noch erleben."
Im selben Monat erinnerte in Moskau der Parteiveteran Schaumjan in der "Prawda" Chruschtschow mit einer Korrektur der Parteigeschichte aus dem Jahre 1934 an dessen eigene unbewältigte Vergangenheit: als Stalins Führungsgehilfe bei den blutigen Säuberungen der dreißiger und vierziger Jahre.
Gleichzeitig veröffentlichte ein Moskauer Staatsverlag die Kafka-Erzählung "In der Strafkolonie" - eine unverhohlene Anspielung auf den Stalin-Schüler Chruschtschow. Kafka: "Die Organisation der Strafkolonie war so perfekt, daß sein Nachfolger, auch wenn er tausend neue Pläne machen würde, noch auf viele Jahre hinaus nichts zu ändern vermöchte."
In dieser Situation schrieb Mao am 5. Februar einen zornigen Brief an Chruschtschow. Er nannte ihn den "größten Sektierer, Krakeeler und Schurken" der Geschichte. Mao: "Chruschtschow gibt sich abwechselnd hart und weich, bläst warm oder kalt, redet einmal so und einmal so und besteht doch darauf, daß die Bruderparteien bei jeder Melodie nach seiner Pfeife tanzen, ohne zu wissen, warum und wieso."
In Wahrheit tanzten die Bruderparteien schon nicht mehr nach Chruschtschows Pfeife. Schritt um Schritt hatten kleinere Satelliten Moskaus den Konflikt zwischen den beiden großen Parteien genutzt, die sowjetische Vormundschaft abzuschütteln. Ihre Erfolge auf diesem Wege waren zugleich Stationen von Chruschtschows Niederlage:
- Im November 1963 stimmte Rumäniens Uno-Vertreter zweimal gegen einen von der Sowjet-Union eingebrachten Resolutionsentwurf zur Abrüstungsfrage.
- Im April 1964 setzte Chinas Außenminister Tschen Ji in Djakarta den Ausschluß der Sowjet-Union von der 1965 stattfindenden zweiten Bandung-Konferenz durch.
- Im Juni fühlten Ungarn und Tschechen bei der Weltbank, dem westlichen Zoll- und Handelsabkommen Gatt sowie dem Internationalen Währungsfonds in Genf wegen eines möglichen Beitritts vor.
- Selbst die traditionell russophilen Bulgaren und Walter Ulbrichts DDR -Kommunisten wurden im Glauben an Moskau wankend: Die Bulgaren wurden vom Kreml mit einer 300 -Millionen-Rubel-Anleihe, Ulbricht mit einem 20jährigen Freundschafts- und Beistandspakt besänftigt. Chruschtschow klagte: "Solange uns der Imperialismus am Kragen hatte, waren wir einig und schlossen uns zusammen. Aber wenn die Drohung nachläßt, sagt jeder: 'Wir werden uns selber durchschlagen.'"
In seiner Not wandte sich Chruschtschow an den Stammvater aller kommunistischen Selbständigkeitsgelüste: an den Nationalkommunisten Josip Broz-Tito, einst Partisanenmarschall und Stalinfeind.
Anfang Juni landete Tito in Leningrad. Eine Woche darauf traf sich Tito mit Rumäniens Parteichef Gheorghiu -Dej in einem Schloß an der jugoslawischrumänischen Grenze. Der Rumäne versprach, sich im Streit der beiden roten Giganten neutral zu verhalten.
Im Vertrauen auf die Autorität des jugoslawischen Marschalls bei den Anti-Moskau-Rebellen Gomulka (Polen) und Kádár (Ungarn) griff Chruschtschow zu einem verzweifelten Mittel. Ohne vorherige Absprache mit seinen Verbündeten stellte er am 15. Juni Mao ein Ultiimatum: "Wir schlagen vor, uns in kürzester Zeit grundsätzlich auf die Einberufung einer Konferenz zu einigen."
Auf einer solchen Weltkonferenz der 92 kommunistischen Parteien hoffte Chruschtschow, eine qualifizierte Mehrheit für die Neugründung der 1943 auf Stalins Geheiß aufgelösten Kommunistischen Internationale (Komintern) zu finden. Erste Amtshandlung der Nachfolge-Komintern wäre dann -die Exkommunizierung der gelben Ketzer aus der roten Weltkirche gewesen. Gleichzeitig wäre damit die russische Vormachtstellung im Weltkommunismus wiederhergestellt worden. Mao schrieb zurück, Chruschtschow betreibe "Pseudokommunismus", fördere die Restauration des Kapitalismus in der Sowjet-Union und halte sich nur durch permanente Säuberungen an der Macht.
Mao: "Wie die Statistik zeigt, wurden fast 70 Prozent der auf dem XIX. Parteitag 1952 gewählten Mitglieder des Zentralkomitees im Verlaufe des XX. und XXII. Parteitages in den Jahren 1956 und 1961 gesäubert. Und fast die Hälfte der auf dem XX. Parteitag gewählten ZK-Mitglieder wurde auf dem XXII. Parteitag ausgestoßen."
Chinas Parteichef behauptete ferner, die breiten Massen der sowjetischen Arbeiter, Kolchosbauern und Intellektuellen würden von der privilegierten Chruschtschow-Clique rücksichtslos ausgebeutet und unterdrückt. Chruschtschow übe eine "despotische Diktatur" über das Sowjetvolk aus und habe die Getreidereserven des Landes verschwendet.
Daraufhin lud Chruschtschow am 30. Juli 25 Bruderparteien - darunter auch die chinesische KP und die illegale westdeutsche KPD - zu einem Vorbereitungstreffen für eine Weltkonferenz "etwa Mitte nächsten Jahres" ein. Chruschtschow schlug vor, eine Vorkonferenz am 15. Dezember in Moskau abzuhalten.
Damit setzte er sich über die Warnung des angesehensten kommunistischen Führers außerhalb des Ostblocks hinweg. Italiens KP-Chef Palmiro Togliatti war gegen die Einberufung eines roten Weltkonzils, weil er die Exkommunizierung Chinas verhindern wollte.
Im August dieses Jahres fuhr er in die Sowjet-Union, um Chruschtschow umzustimmen. Er starb auf der Krim, ohne sein Ziel erreicht zu haben. Doch sein politisches Vermächtnis, in dem er vor Weltkonzil und Komintern warnt, wurde bald nach seinem Tode in der parteiamtlichen "Prawda" veröffentlicht - ein Signal, daß die Anti-Chruschtschow-Opposition in der sowjetischen Parteiführung an Boden gewonnen hatte.
In dieser Situation spielte Mao seinen höchsten Trumpf aus. In einem Gespräch mit japanischen Sozialisten erinnerte er im Spätsommer an die zaristischen Eroberungen in Mittelasien und im Fernen Osten. Ein Gebiet von 1,5 Millionen Quadratkilometern, einschließlich Wladiwostok und der Halbinsel Kamtschatka, wurde im 19. Jahrhundert von China annektiert. Mao: "Wir haben die Rechnung dafür noch nicht präsentiert."
Diese Erklärung beunruhigte die Marschälle der Sowjet-Union. Ohnehin waren sie über die rapide Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen besorgt. 1962 hatte es 5000 Grenzzwischenfälle gegeben.
Die russischen Marschälle, deren militärische Laufbahn in der Regel bei der Fernost-Armee begonnen hatte, befürchteten, in eine strategisch verhängnisvolle Zweifrontenlage zwischen der hochgerüsteten Nato und dem nunmehr offen revanchistischen China zu geraten.
Bereits im April hatte das Militärorgan "Krasnaja Swesda" ("Roter Stern") an Lenins These von der Notwendigkeit der militärischen Einheit aller kommunistischen Staaten erinnert. In diesem Sinne warnte Verteidigungsminister Marschall Malinowski immer wieder vor den "süßen Worten der Imperialisten". Ihnen dürfe man nicht trauen.
Malinowski im Herbst 1963: "Zahlreiche Tatsachen beweisen, daß die aggressiven Kreise des Westens ihre Sache auf Krieg gestellt haben."
Einer der höchsten Funktionäre, der das Vertrauen der opponierenden Militärs genoß und ihre Sorgen teilte, war der frühere Generalleutnant und spätere Staatspräsident der Sowjet-Union Breschnew, der jetzt Chruschtschows Nachfolge als Parteichef angetreten hat. Breschnew vermittelte im vergangenen Winter zwischen Chruschtschow und den gegen eine vorgesehene Kürzung des Rüstungsetats aufbegehrenden Marschällen.
Im Gegensatz zu Chruschtschow hat Breschnew die Rotchinesen nie mit Eifer angegriffen. Bereits im Dezember 1960 bewies er seine Bereitschaft zur Versöhnung. Stellvertretend für den demonstrativ abwesenden Chruschtschow umarmte er, damals im Moskauer Sportpalast Chinas Staatschef Liu Schao-tschi und drückte ihm Bruderküsse auf beide Wangen.
Nach seiner Ablösung als Staatspräsident durch den Armenier Mikojan übernahm er Zuständigkeiten für Polizei und Armee im Parteisekretariat. Und möglicherweise war er es, der in dieser Funktion und mit seiner Autorität das Attentat auf den deutschen Abwehrspezialisten Schwirkmann (siehe Seite 25) und auch den Überfall auf vier anglo-amerikanische Militärattachés in Chabarowsk (siehe Seite 132) deckte, um Chruschtschows Politik - so die Bonn-Visite - zu durchkreuzen.
Immer mehr geriet Maos Gegner Chruschtschow in der eigenen- Partei und in der eigenen Armee in die Isolierung. Anfang dieses Monats wurde zum erstenmal eine Rede von ihm über die Lage der Sowjetwirtschaft in der Sowjetpresse nicht mehr im Wortlaut veröffentlicht.
Und das Trommelfeuer aus Peking dauerte an. Noch am letzten Montag ließ Mao Tse-tung einen Band Chruschtschow-Reden aus den dreißiger Jahren veröffentlichen, um ihn durch seine "Erklärungen von gestern als großen Verschwörer, Karrieremacher und doppelgesichtigen Heuchler in seiner ganzen Häßlichkeit zu entlarven".
Von seinen eigenen Genossen und den Bruderparteien im Ausland verlassen - nur elf der 25 Angesprochenen hatten bis zur vergangenen Woche Chruschtschows Einladung - zur Vorkonferenz im Dezember angenommen -, hatte der Herr des Kreml keine Chance mehr, als am letzten Mittwoch das Zentralkomitee zur Geheimsitzung zusammentrat. Er wurde gestürzt.
Die Machtfülle, die er jahrelang besessen hatte, wurde unter seine Nachfolger Breschnew und Kossygin aufgeteilt, wie einst nach Stalins Tod die Führung von Partei und Staat zwei Männern anvertraut worden war. Damals erwies sich der neue Parteiführer Chruschtschow im Rivalenkampf mit dem neuen Regierungschef Malenkow als der Stärkere.
Eine Wiederholung eines solchen Zweikampfes zwischen Chruschtschows Nachfolgern, die in den Hauptstädten des Westens durch ihre Botschafter versichern ließen, sie wollten die Koexistenz-Politik Chruschtschows fortsetzen, erscheint 'unabwendbar.
Für Chruschtschow bleibt nur die Hoffnung, daß er in den Genuß einer jener segensreichen Einrichtungen kommt, die er in der Sowjet-Union eingeführt hat. Chruschtschow auf seiner letzten Skandinavien-Reise über das Schicksal innersowjetischer Opposition: "Es ist für alle gesorgt - entweder mit guten Pensionen oder mit guten Posten."
Gestürzter Chruschtschow: "Verschwörer, Karrieremacher, doppelgesichtiger Heuchler"
Mit Malenkow
Mit Schukow
Mit Berija
Mit Bulganin
Chruschtschow, Rivalen: "Es ist für alle gesorgt"
Westreisender Chruschtschow in der Uno, Paris: Schuh auf dem Tisch
Sowjetherrscher. Chruschtschow
mit Mais, Kosmonauten: Wurst am Stiel
Sieger Mao Tse-tung
Die Rechnung noch nicht präsentiert"
Tagesspiegel
Begraben oder begraben werden - das ist die Frage!

DER SPIEGEL 43/1964
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SOWJET-UNION / CHRUSCHTSCHOW:
Pinja und die Bombe

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