21.10.1964

FRANKREICH / FACEL-VEGAGIoire auf Rädern

Bei Eröffnung des Pariser Automobil -Salons am 1. Oktober 1964 glitzerten auf Stand 27 drei Luxuswagen der Marke "Facel-Vega": 180, 195 und 240 Stundenkilometer schnell - 15 360, 28 270 und 38 000 Mark teuer. Am gleichen 1. Oktober 1964 stellte Frankreichs kleinste und feinste Autofabrik Produktion und Zahlungen ein.
Vorher hatte Facel-Generaldirektor Jean Daninos, 57, bei Ford und anderen Großen der Autobranche vorgesprochen. Auch mit dem französischen Stahlkonzern Pont-à-Mousson und der Mobil Oil Francaise, die Facel-Anteile besitzen, hatte er verhandelt und schließlich sogar Premierminister Pompidou um Audienz und Subventionen gebeten.
Doch niemand wollte dem exklusiven Auto-Zwerg, der schon seit Jahren mit Verlust arbeitete, wieder auf die Beine helfen. Damit mußte Daninos seiner Idee entsagen, im Zeitalter des Fließbandes einen kleinen Kreis reicher Liebhaber mit weitgehend handgefertigten Luxuswagen zu versorgen.
Diese Idee wurde noch vor dem Kriege geboren: 1939 wollte er in Amboise an der Loire die Auto-Fabrikation aufnehmen. Doch der Kriegsausbruch kam dazwischen, und Daninos mußte zunächst Flugzeugmotoren herstellen. Erst ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg verließen die ersten Typen, "Facel-Vega" und "Excellence", sein inzwischen hinzugekauftes Werk in Dreux westlich von Paris. Die Motoren mit 300 PS kamen aus dem Gestüt des amerikanischen Chrysler -Konzerns. Um die Kapazität auszunutzen, fertigte Daninos Einzelteile für die Firmen Panhard, Simca und Vespa sowie Ausrüstungsmaterial für Flugzeuge.
Da sich diese Mischproduktion jedoch als wenig ertragreich erwies, brachte Daninos 1960 seinen Sportwagen "Facellia" auf den Markt. Seine Konstrukteure hatten dem Gefährt einen Eigenbau-Motor unter die Haube gepackt, der innerhalb von nur zwei Jahren entwickelt worden war (übliche Dauer einer Motorenentwicklung: fünf bis zehn Jahre).
In der Absicht, Frankreichs Gloire auch auf Rädern heller strahlen zu lassen, leistete die Regierung de Gaulle Verkaufshilfe. Sie steckte in den einzigen Sportwagen französischer Machart über die "Banque Francaise du Commeree Exterieur" einen Exportfinanzierungs-Kredit von 1,6 Millionen Mark.
Die Hoffnungen auf weltweite Reputation trogen jedoch. Denn der französische Export-Renner (182 Stundenkilometer) kam nur selten ans Ziel: Seine Leistung war lediglich durch hohe Kompression erzielt worden; die Kolben des Motors streikten. Mit schweren Zylinder-Schäden kehrten etliche der ausgelieferten Exemplare in die Werkstätten zurück.
Der Mißerfolg des "Facellia" brachte die ganze Facel-Vega-Familie in Verruf. Besonders der sportliche Luxuswagen "Facel II", der weiterhin mit einem Acht-Zylinder-Chrysler-Motor ausgerüstet wurde, ließ sich immer schlechter verkaufen.
1960 wurden noch 779 Facel-Vega produziert, 1962 waren es nur noch 330. Im Herbst 1962 geriet die Firma erstmals in Zahlungsschwierigkeiten und konnte nur in letzter Minute durch die Pariser Bank "Crédit National" vor dem Konkurs gerettet werden.
Um den Facellia-Makel loszuwerden, stellte Daninos 1963 die Produktion eigener Motoren wieder ein. Als Nachfolger des Facellia brachte er den "Facel III" mit dem schwedischen 1800 -Kubikzentimeter-Volvo-Motor "B 18 B" heraus. Ergebnis: Das relativ schwere Fahrzeug erreichte zwar 180 Stundenkilometer, beschleunigte aber recht lahm.
Im Sommer 1963 stand das Unternehmen zum zweitenmal kurz vor der Pleite. Wieder half die Regierung, um Frankreichs Luxus-Automobil zu retten. Die von der staatlichen "Sud Aviation" kontrollierte Firma "Sferma" schloß mit Facel-Vega am 1. Juli 1963 ein Verwaltungs- und Finanzierungsabkommen, das auf 15 Monate befristet wurde.
Vor allem Könige und Filmstars bereicherten ihren Wagenpark mit einem Auto aus Daninos' Maßwerkstatt. Einen Facel kauften Hassan II. von Marokko und Saud von Saudiarabien, Norodom Sihanouk von Kambodscha und Felix Houphouet-Boigny von der Elfenbeinküste, Ava Gardner, Tony Curtis, Jean Marais und schließlich de Gaulles Industrieminister Maurice-Bokanowsky.
Ein Opfer der superschnellen Facel -Wagen wurde der französische Literat und Nobelpreisträger Albert Camus. Er saß auf dem Todessitz eines Facel vom Typ "Excellence", der am 4. Januar 1960 mit 145 Stundenkilometer auf der Straße Paris - Nizza bei Villeblevin gegen einen Baum prallte.
Die Düsseldorfer Firma Auto-Becker, die 1958 die Generalvertretung für die Bundesrepublik übernahm, setzte rund 100 Facel-Vega ab, weniger an Prominente als an durchschnittliche Auto-Snobs, die sich von der Verarbeitung beeindrucken ließen.
Die 300 Automobilarbeiter in Dreux benutzten zwar für die Großteile der Facel-Hüllen moderne Karosserie-Pressen, leisteten jedoch beim Zusammenbau ein Maximum an Handarbeit. So wurden die Blechnähte, die bei Standardautos unter Chromleisten verdeckt sind, in der Regel nach innen gelegt und von Hand verschweißt.
Unter der Sferma-Regie hämmerten die Bastler in Dreux noch einmal einen französischen Luxuswagen zusammen. Im Mai dieses Jahres stellten sie ihren "Facel 6" vor. Hinter dem kleinen quadratischen Kühlergrill röhrte ein 2,8 -Liter-Motor der "British Motor Corporation", der den Wagen auf 195 Stundenkilometer brachte.
Doch auch dieses Modell erwies sich als eine Fehlinvestition. Im Laufe des' Sommers wurden nur zehn Facel 6 verkauft. -
Nach diesem Debakel beschloß die Regierung mit Betrübnis, künftig auf ein französisches Prestige-Auto zu verzichten. Von der Sud Aviation dazu angewiesen, verlängerte die Sferma ihren Vertrag mit Daninos nicht.
Die Arbeiter in Dreux, die früher an jedem Arbeitstag fünf Wagen fabrizierten, haben sich bereits umgestellt. Seit dem 1. Oktober stellen sie nur noch Ersatzteile her.
Facel-Fahrer Saud, Marais, Ava Gardner, Hassan II., Camus: Die Maßschneiderei für Luxuswagen ... . . . stellte ihre Zahlungen ein: Facel II

DER SPIEGEL 43/1964
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