28.10.1964

FERNSEHENVolk ans Gerät

Zum Kampf der Waden und Gelenke
stellte Deutschlands Fernsehindustrie ihre Werbung ganz in den Dienst Olympias. Auf ganzseitigen TV-Anzeigen tummelten sich bereits Monate vor dem Begebnis muskelfrohe Athleten in Sportler-Leibchen unter den olympischen Ringen. Die Schaufenster der Fernsehläden waren mit Spruchbändern ("Tribüne erste Reihe" und "Sperrsitz in Tokio") verhängt. Aufkleber auf Fenster- und Mattscheiben, Wimpel, Firmen-Embleme und sogenannte Händlerschürzen in den TV-Basaren riefen die Käufer an den Start.
Die Schwarzwälder Saba-Werke reduzierten 1964 ihr Reklameprogramm von sonst fünf bis acht Sujets auf das Thema eins. Sabas Sprinter unter dem japanischen Sonnensymbol war bald in allen Läden. Rund 2000 Händlern stellte die Firma ihre Spezialdekoration zur Verfügung. Einzelhändlern, die in ihren Lokalblättern Eigenwerbung betreiben wollten, schickten die Schwarzwälder Matern mit einem Saba-Gerät und den fünf Ringen zu. Auch Graetz warf Matern an die Verkaufsfront.
Telefunken bediente den Fachhandel mit Plastikfolien, die mit dem Olympia -Symbol in verschiedenen Farben versehen waren und auf die Mattscheiben der Schaufenster-Ware geklebt wurden. Firmen-Slogan: "Mit Telefunken in Tokio."
Hamburger und westdeutsche Ladeninhaber wiesen den Käufern den kürzesten Weg zu den Tokioter Wettkampfstätten: "Kaufen Sie jetzt, bezahlen Sie nach der Olympiade."
Während der Handel die von den Werken empfohlenen Listenpreise normalerweise um 25 bis 30 Prozent unterschreitet, bot er an den Brennpunkten des Werbe- und Verkaufsringens bis zu 35 Prozent Nachlaß. Großformatige Photos mit lokalen olympischen Sportgrößen rundeten das Programm der Ladenhändler ab. In Hamburg sprang der Olympia-Kämpfer Wolfgang Klein die Passanten bildlich an.
"Mit Nordmende sind Sie dabei", trompetete derweil das Bremer Unternehmen und befahl: "Miterleben!" Philips verhieß den Kunden "Das Erlebnis des Jahres".
Bei Philips hatte man sich nach eigenem Bekunden "150 prozentig auf Tokio eingestellt". Die von den Japanern entwickelten drei Olympia-Plakate wurden flink mit Philips-Aufklebern angereichert und breit gestreut. Ein Philips -Schaufensterwettbewerb, zu dem das Unternehmen sein Werbematerial zur Verfügung stellte, wurde von der
Branche als Verstoß gegen den olympischen TV-Geist empfunden.
Als ersten Preis hatte Philips eine Tokio-Reise für zwei Personen ausgesetzt, für die Plätze gab es ein Taschenradio und eine Armbanduhr: Den Nichtplacierten spendete das Unternehmen mit jeweils einer Pfunddose Ceylon-Tee Trost und das Gefühl, sie seien dabeigewesen.
Im Windschatten der Olympia-Werber lief Grundig ein kraftsparendes, indes nicht minder erfolgreiches Rennen. Im listigen Vorbedacht, daß die Werbefanfaren der Branche Grundig ohnehin Käufer zutreiben würden, verzichtete die Firma nahezu völlig auf athletisches Reklame-Beiwerk. Statt dessen verblüffte der Fürther Max Grundig die olympisch aufgeladene Kundschaft - mit der Anpreisung von Bildqualität und Röhrengüte.
Der Ruf: Volk ans Gerät! verhallte nicht. Während sich die olympische Goldausbeute deutscher Sportler in Grenzen hielt, spülten die Tokioter Spiele das edle Metall in um so größerem Umfang in die Kassen der Fernsehindustrie. Die TV-Röhrenleger blicken einem neuen Absatzrekord entgegen; bis zum Jahresende werden 50 Prozent der deutschen Haushalte kollektiv Augenfreud und -leid teilen. Noch im Juli 1963 stand erst in einem Drittel der Haushalte ein Fernseher.
Bereits in den ersten Monaten des laufenden Jahres produzierte die Fernseh-Industrie 14,4 Prozent mehr Geräte als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Umsatz wuchs um 42,8 Millionen Mark. Frohlockt der Branchen -Sprecher und Philips-Pressechef Alfred Sanio: "Die Olympiade ist für uns einfach bombig."
Die Riesenwelle der Nachfrage ließ die Gerätehalden, die sich bei Handel und Industrie vor zwei Jahren gestaut hatten, in Vergessenheit geraten. Die sonst so gefürchtete Sommerflaute blieb diesmal aus. Lediglich im Urlaubsmonat Juli neigte sich die Absatzkurve ein wenig. Der Tokio-Boom brachte die Hersteller bei manchen Gerätetypen sogar in Lieferschwierigkeiten. Philips-Sanio: "Wir sind bis Weihnachten ausgebucht."
Offenbar hat der olympische Produktionsaufschwung der Qualität der Geräte nicht immer genützt. So klagt der Düsseldorfer Händler Evertz, einer der großen TV-Detaillisten: "Fast jedes dritte Gerät, das von der Fabrik ankommt, ist defekt."
Derartige Händler-Querelen vermochten den Käuferandrang jedoch nicht zu stören. Für das Jahr 1964 wird ein Produktionsausstoß von insgesamt 2,2 Millionen neuen Geräten erwartet. Das sind über 300 000 Guckkästen mehr als im Erfolgsjahr 1963.
Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden 798 280 Geräte bei der Post angemeldet, 100 000 mehr als Im gleichen Zeitraum 1963. Noch in diesem Jahr erwarten die Statistiker der Deutschen Bundespost dank der Olympischen Spiele den zehnmillionsten lizenzierten Fernseher. Weitere 150 000, so schätzt die Branche, blicken schwarz in den Kanal.
Fernsehgeräte-Werbung in Hamburg: Rabatt für Tokio

DER SPIEGEL 44/1964
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