28.10.1964

Die Chinesische Mauer

Der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg folgte im Sommer 1961 die endgültige Teilung Berlins - der Bau der Mauer. In einer Analyse kam der spanische Schriftsteller Salvador de Madariaga am 28. August 1961 in der "Neuen Zürcher Zeitung" zu dem Schluß, die Sowjets hätten im Kalten Krieg eine Schlacht gewonnen.
Bei der Errichtung der Chinesischen Mauer quer durch Berlin, die das Ulbricht-Regime auf Geheiß Moskaus mit so großer Beflissenheit in Szene setzte, entwischte ein ostdeutscher Volksgardist auf Westberliner Territorium. Er machte sich die begreifliche Abneigung seiner Kameraden, in der Uniform des Moskauer Satellitenregimes fotografiert zu werden, zunutze, um den Sprung in die Freiheit zu wagen.
Auf der Westberliner Seite der Sektorengrenze hatte sich eine Gruppe westlicher Fotoreporter eingefunden, um die hinter den Stacheldrahtverhauen postierten Gruppen der Volkspolizei zu fotografieren. Instinktiv kehrten darauf alle dem Grenzverhau
den Rücken zu - bis auf den einen, der die Kehrtwendung seiner Genossen dazu benützte, sich durch einen kühnen Sprung über den Grenzverhau aus dem ostdeutschen Gefängnis herauszuretten.
Die Episode hat symbolhaften Wert. Chruschtschow hatte sich selbst in eine Lage manövriert, die ihn der Gefahr aussetzte, sich zu blamieren. Er war im Begriff, den ersten Siedler nach dem Mond zu entsenden, doch sein deutsches Kolonialreich, die deutsche Sowjetzone, entleerte sich in immer rascherer Gangart westwärts durch die Berliner Bresche in der Chinesischen Mauer seines Reiches.
Er hatte eben erst seinen Untertanen für das Jahr 1970 unentgeltliche Ernährung und freien Transport versprochen; doch im Jahr 1961 gab es in der Sowjetzone Deutschlands nicht genügend Brot, und niemandem war es gestattet,
ohne Polizeierlaubnis
zu reisen aus Furcht, daß aus Reisenden Flüchtlinge würden.
Die deutsche Sowjetzone wurde damit für die Sowjetunion in zwiefacher Hinsicht zu einer immer größeren Verlegenheit: Während der Welt täglich vor Augen geführt wurde, daß ein freies Deutschland ein
Wunder von Wohlstand, Friede und Freiheit werden konnte, zeigte sich das kommunistische Deutschland hoffnungslos unfähig, seine Untertanen für den Verlust ihrer Freiheit materiell oder moralisch zu entschädigen.
Es blieb diesem Zwangsregime keine andere Wahl, als seine Polizei bis an die Zähne zu bewaffnen - doch das Volk floh nach dem Westen, und zwar in einem Ausmaß, daß durchschnittlich jede Minute eines jeden Tages ein Bewohner der Ostzone die Sektorengrenze überschritt.
Doch dies war nicht alles. Die katastrophale Senkung des Lebensstandards in der Sowjetzone wurde sowohl für das Prestige der Sowjetunion wie für das Ansehen des kommunistischen Regimes immer abträglicher; im gleichen Maß vergrößerte sich der Kontrast zum prosperierenden Westdeutschland. Damit wurde der SED-Staat immer mehr zu einem Schaufenster des ganzen Sowjetimperiums.
Wer aus den wohlversorgten, blühenden Städten Westdeutschlands in die dunkle, schäbige und schlechtversorgte Sowjetzone, vom prosperierenden West -Berlin in das ausgepowerte Ost-Berlin hinüberkam, wurde zu der Schlußfolgerung geführt, daß der Kommunismus unfähig ist, seine Untertanen in genügendem Maß zu versorgen. Muß man daher nicht aus dem Umstand, daß die Sowjets es zuließen, daß ihre deutsche Kolonie in einem solchen armseligen, schmutzigen und unterernährten Zustand verharrte, den naheliegenden Schluß ziehen, daß auch die wirtschaftliche Lage der Sowjetunion nicht so rosig sein kann, wie emsige Propagandisten behaupten?
Dies war die Lage, der sich der Rote Zar gegenübersah. Wie begegnete er ihr? Es ist nicht zu leugnen, daß er mit größtem Geschick und mit kühler Berechnung vorging. Die Fakten gestatten es, die von ihm verfolgte Strategie aufzudecken.
Seine Überlegungen lauten: "Es ist uns verwehrt, die Lage in der Sowjetzone zu verbessern. Aber es ist uns möglich, mindestens zwei Sofortziele zu verwirklichen. Wir können die Entleerung der Sowjetzone verhindern, und wir können namentlich die Flucht der jungen Kräfte aus unserem deutschen Machtbereich eindämmen.
"Ebenso ist es uns möglich, dem skandalösen Schauspiel des Kontrastes zwischen den beiden Deutschland und den beiden Berlin ein Ende zu bereiten, einem Schauspiel, das die Bewohner des Ostblocks demoralisiert,und das uns um unser Prestige in der Welt bringt. Um diese beiden Ziele zu erreichen, brauchen wir bloß eine Mauer quer durch Berlin zu bauen. Natürlich verletzt dies die Abmachungen, die wir mit den Westmächten über Berlin getroffen haben, und erschwert dies neue Abmachungen, die wir mit ihnen treffen möchten. Doch da wir ja schon andere solche Abkommen verletzt haben, ohne daß der Westen sich deshalb rührte, ist das Risiko, das wir eingehen, verhältnismäßig gering.
"Um unseren Erfolg zu sichern", so sagte sich der Rote Zar weiter, "müssen wir den Westen nur ablenken, übers Ohr hauen und, wenn möglich, einschüchtern. Im Namen der heiligen Koexistenz und mit unserer erprobten Atombombendrohung müssen wir gebieterische Forderungen stellen, natürlich nicht ohne darauf zu beharren, daß es der Westen ist, der uns bedroht.
"Wir müssen unseren festen Willen bekräftigen, einen Friedensvertrag mit beiden Teilen Deutschlands zu unterzeichnen, gleichzeitig aber auch unseren Entschluß unterstreichen, einen Separatfrieden mit unserem ostdeutschen Satelliten abzuschließen, sofern man uns irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg legen sollte. Indem wir auf die friedfertige Natur dieser Forderung hinweisen, die durch unsere Raketen - und Atombombendrohung wirkungsvoll unterstrichen werden kann, versichern wir der Welt, daß alle Zugangswege nach Berlin feierlich gewährleistet werden sollen, daß jedoch jeder Versuch, das geschlossene Tor zu durchschreiten, mit Gewalt zurückgewiesen werden wird.
"Wenn aber der Westen unser Begehren nicht annehmen will, dann belasten wir ihn mit der ganzen Verantwortung für die Zerstörung der Welt, sofern sie nach ihrer Zerstörung noch die Lust verspüren sollte, nach dem Urheber des Weltuntergangs zu forschen.
"Diese wohlbedachten gegensätzlichen Erklärungen", so überlegte sich der Rote Zar weiter, "werden im Westen eine riesige Verwirrung auslösen, die unsere dortigen Kameraden mit ihrer gewohnten Scharfsinnigkeit weiter zu steigern versuchen werden und die unsere Freunde in der freien Welt mit ihrer wundervollen Mischung von Idealismus und Dummheit zweifellos auch wirklich weiter zu vermehren bemüht sein werden. Die Regierungen werden dann gezwungen sein, ihre ganze Aufmerksamkeit von den wirklichen Problemen abzuwenden und auf die Frage, wie ein Nuklearkrieg verhindert werden könnte und wie zu diesem Zwecke verhandelt werden soll, zu konzentrieren.
"Während noch die Staatsmänner in den drei westlichen Staaten die Lage eifrig auf ihren Landkarten und in ihren Berichten studieren, werden wir die Mauer überraschend errichten. Natürlich wird es einen Aufschrei geben, und sicherlich werden die drei Staatschefs von ihren Papieren aufblicken. ,Was ist das', werden sie fragen. 'Ach so, nur eine Mauer.' Und dann werden sie ihre Köpfe wieder senken, um sich weiter dem Studium der Frage zu widmen, auf welche Weise man die Zerstörung der Erde verhindern und wie man verhandeln könnte."
Wir müssen anerkennen, daß dem Roten Zaren der Erfolg nicht versagt blieb. Sein Botschafter in Bonn besuchte sogleich Bundeskanzler Adenauer und versicherte ihm, daß es der innigste Wunsch seines Meisters sei, die Spannungen nicht zu erhöhen. "Ich frage Sie, wie eine gewöhnliche Mauer die Spannungen erhöhen könnte?" - "Natürlich", antwortete Adenauer, "niemand will die Spannungen erhöhen." Und so bleibt die Mauer bestehen - ein Monument von Chruschtschows Hingabe an die Ideale der Entspannung.
Es wird ja nur eine ganz vorübergehende Mauer sein, versichert uns dieser Experte der Provisorien - jener Provisorien, wie sie etwa die dauernde Besetzung Osteuropas mit Sowjettruppen darstellt. Das Provisorium, so meint er, soll ja nur bis zur Aushandlung eines Friedensvertrags gelten ...
Die Krise behält ihre ganze Bösartigkeit und wird durch diesen Anfangserfolg Chruschtschows und Ulbrichts höchstens weiter verschärft. Es ist möglich, daß sie im Herbst ihren Höhepunkt erreicht - oder zu Ostern oder Pfingsten. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Errichtung der Mauer für niemanden ein genügender Anlaß für das Eingehen des Risikos eines Nuklearkrieges war.
Und so erhielt Chruschtschow seine Mauer und erreichte damit seine beiden Ziele: Der Eiserne Vorhang verdeckt nun das letzte Fenster, durch das der Westen noch nach dem kommunistischen Osten blicken konnte, und zugleich sorgt er dafür, daß kein Flüchtling mehr aus dem kommunistischen Machtbereich in den Westen entkommen kann.
Jetzt sind die Ostdeutschen endgültig eingesperrt in ihrem Gefängnis, in dem sie für ihren Roten Zaren schuften, hungern oder gar verhungern müssen. Ganz Osteuropa wird entmutigt und demoralisiert werden, und die Sowjetunion kann den sichtbarsten Sieg im Kalten Krieg seit der Niederwerfung des ungarischen Freiheitskampfes im Jahr 1956 für sich verbuchen.
de Madariaga
Berlin 1961: "Ach so, nur eine Mauer"
Von Salvador de Madariaga

DER SPIEGEL 44/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Chinesische Mauer

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht