28.10.1964

ZEHNKAMPFSoll erfüllt

Der Favorit wurde schon vor dem Wettkampf gestürzt. Zehnkampf -Weltrekordler Yang Chuan-kwang aus Formosa verlor drei Wochen vor den Olympischen Spielen in Tokio durch die Einführung einer neuen Wertungstabelle seinen Punktvorsprung in der Weltrangliste - die deutschen Zehnkämpfer verloren ihren gefährlichsten Gegner.
Als erster Deutscher gewann der Sportstudent Willi Holdort, 24, aus Leverkusen die begehrteste Goldmedaille der Leichtathletik. Hans-Joachim Walde wurde Dritter, Horst Beyer Sechster, drei Punkte hinter Tabellen-Opfer Yang.
Während die meisten deutschen Leichtathleten schon in den Vorkämpfen ausschieden, erfüllten die Mehrkämpfer in Tokio genau das Soll, das ihnen Zehnkampf-Trainer Friedel Schirmer gesetzt hatte: "Alle drei unter den besten Sechs."
Angesichts der bisher bescheidenen deutschen Erfolge in olympischen Zehnkämpfen war Schirmers Ziel hoch gesteckt: Die bisherige Medaillen-Ausbeute bestand aus einer Bronzeplakette durch Wolrad Eberle in Los Angeles 1932. Bis 1960 beherrschten Amerikaner den pathetisch zur "Krone der Leichtathletik" erhobenen Zehnkampf. Sie hatten seit 32 Jahren sämtliche Goldmedaillen gewonnen.
Nachdem Rafer Johnson, Olympiasieger von Rom, seine Karriere beendet hatte, wurde der in Kalifornien lebende Nationalchinese Yang, der Olympiazweite von 1960, sein Nachfolger. 1963 stellte Yang einen Weltrekord auf.
Gerade der Weltrekord mobilisierte die Kritiker gegen die alte Wertungstabelle, die Yang begünstigt hatte. Die Schwierigkeit einer gerechten Bewertung besteht darin, zehn verschiedene Übungen zueinander in Relation zu bringen*.
Weil die Punktzahlen infolge der allgemeinen Leistungssteigerung immer höher kletterten, wurde die Tabelle von 1912 zuerst 1934 der Leistungs-Entwicklung angepaßt und 1952 abermals geändert. Die letzte Tabelle sprengte Yang mit seinem Weltrekord von 9121 Punkten vollends. Im Stabhochsprung hatte er 4,83 Meter übersprungen. Gutgeschrieben wurden ihm 1515 Punkte - etwa ein Sechstel der Gesamtpunktzahl - für 4,82 Meter. Höhere Sprünge sah die Tabelle nicht vor.
Im Vertrauen auf die alte Wertung vernachlässigte Olympia-Favorit Yang im Training andere Zehnkampfübungen wie Kugelstoßen oder Diskuswerfen, in denen er schwächer ist als seine Konkurrenten. Er konzentrierte sich auf seine Stärken, den Speerwurf, das Hürdenlaufen und vor allem den Stabhochsprung, in dem er allen Zehnkämpfern überlegen ist. Denn die seinerzeit gültige Tabelle belohnte hohe Leistungen in einzelnen Disziplinen unverhältnismäßig hoch. In höheren Leistungsstufen stieg die alte Tabelle progressiv stärker an. Je höher die Einzelleistung, desto bedeutender der Punktzuwachs.
Der deutsche Zehnkampf-Trainer Schirmer hatte seine Schüler nach einer anderen Taktik vorbereitet: Er hatte sie auf ein möglichst gleichmäßiges Leistungsniveau getrimmt (SPIEGEL 39/ 1964). Zudem konnten die besten deutschen Zehnkämpfer sich dank der 16 000 Mark-Spende eines Kölner Mäzens auf die Tokio-Vorbereitung konzentrieren. Aus dem Sonder-Fonds wurden sie beruflich entlastet und mit zweckmäßiger Verpflegung versorgt. Die Frau des Olympiasiegers Holdorf, Handball-Nationalspielerin Doris von Jutrzenka: "Mein Fleischer glaubt wahrscheinlich, ich könnte nicht kochen, sondern nur riesige Steaks braten."
Sportlich hatte Schirmer seine Zehnkämpfer so hochgepäppelt, daß die Russen schon im Oktober 1963 einen Länderkampf in Lübeck aus Furcht vor einer Niederlage gegen die Schirmer-Truppe kurzfristig absagten.
Olympia-Favorit für Tokio blieb vorerst freilich der Chinese Yang, der auch 1964 noch über 300 Punkte mehr als der beste Deutsche erreicht hatte. Schirmer war dennoch zuversichtlich: "Yang kann uns nur eine Medaille fortschnappen."
Da führte der Internationale Leichtathletik-Verband im September 1964 die neue Wertung ein. Diese "offensichtlich deutschfreundliche Tabelle" ("Sport-Informations-Dienst") benotete Leistungssteigerungen nicht mehr progressiv, sondern nur noch linear.
Zwei in fast allen Übungen gleichstarke Deutsche standen nun plötzlich in der Weltrangliste vor Yang. Die starken Übungen des Chinesen waren erheblich weniger Punkte wert als vorher. "Die neue Tabelle ist unfair", protestierte Yang. "Man durfte sie nicht unmittelbar vor Tokio einführen."
Deprimiert durch den Verlust aller Vorteile infolge der neuen Wertung, kämpfte Yang in Tokio schwächer als je, so daß er selbst nach der alten Wertung nur Zweiter (tatsächlich wurde er Fünfter) geworden wäre. Holdorf hätte ihn auch ohne Tabellen-Änderung besiegt.
Den Deutschen aber fehlte ihr bester Zehnkämpfer: Der deutsche Rekordler Manfred Bock aus Hamburg saß in Tokio verletzt auf der Tribüne.
* Im Zehnkampf werden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in dieser Reihenfolge te fünf Übungen ausgetragen: 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung, 400 Meter, 110 Meter Hürden, Diskuswerfen, Stabhochsprung, Speerwerfen, 1500 Meter. Jede Leistung wird nach der Tabelle in Punkte umgerechnet. Die Summe aller zehn Punktzahlen ergibt das Endresultat.
Zehnkämpfer Holdorf in Tokio
Steaks aus dem Sonderfonds

DER SPIEGEL 44/1964
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