28.10.1964

TEXASHUT UND TRÄNEN AUF DEM GOLD-PODEST

Die amerikanische Nationalhymne hatte Inflation. In derart kurzer Fassung gespielt, daß Stars and Stripes häufig die Mastspitze erst erreichten, wenn die Musiker bereits abgesetzt hatten, wurde sie in Tokio respektvoll grimmig nur noch Yankee-Doodle genannt. Die XVIII. Olympischen Spiele hießen das "Kennedy-Memorial".
Nur für die Illustrierten war Nikita Chruschtschow der wahre Sieger von Tokio. Nach seinem Sturz verließen die Bilderblatt-Reporter die Bahre des in ihren Augen tödlich verunglückten olympischen Themas flink wie die Windhunde. Die sowjetischen Athleten, seit der Nachricht aus Moskau wie rote Füchse von einer Zeitungsmeute verfolgt, erklärten durch den Mund eines Schwimmers: "Die Welt des Sports hat nichts mit der Welt der Politik zu tun."
Vor Tische las man's anders. Noch zu Beginn der Wettkämpfe hatte Genosse Constantin Andrianow in einer Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees eine in Leder gebundene Chruschtschow-Botschaft hervorgeholt und in das betretene Schweigen seiner olympischen Brüder hineingelesen. Vizepräsident Armand Massard hatte erregt protestiert. Es möge doch bitte in Zukunft so gehalten werden, daß dergleichen Grüße den dafür zuständigen Nachrichteninstituten übergeben würden. In nicht unverständlicher Erinnerung an den Kuß-Freund seines Generals fand der Franzose ein drastisches, wenn auch nicht ganz aktuelles Beispiel: Es könne ja sonst etwa auch der Kollege Daume kommen und eine Adresse von Adenauer vortragen.
Schon vor Schluß der Spiele war Amerika der Sieger von Tokio. An der entscheidenden Front Olympias, in der Leichtathletik und bei den Schwimmern, triumphierten die Staaten. In der Manier freilich, die auch in der Politik ihre Freunde gelegentlich in Panik versetzt. Ungehemmt offenherzig im voraus, in den Ausscheidungen blaß - aber im Finale fit wie Kraulschwimmer Don Schollander, der sich mit vier Goldmedaillen behängte.
Coach Giegengack vom US-Team strahlte die Ruhe eines Bierkutschers aus, dessen Gäule wie heilige Kühe durch die Stauungen abendlichen Berufsverkehrs traben: "Es ist vollständig normal, daß die Burschen mit Verletzungen ankommen, mit tatsächlichen und eingebildeten. Sie werden den ganzen Quatsch vergessen haben, wenn die Kämpfe beginnen."
US-Schwimmer Roth, tatsächlich vom Blinddarm geplagt und bis an den Rand des Medaillengewässers von Ärzten geleitet, siegte nicht nur, sondern sprang auch für einen favorisierten Team -Freund ein, der in Tokio wider Erwarten nicht Höchstform besaß. Diskuswerfer Oerter errang in ununterbrochener
Folge zum drittenmal den Sieg in seinem Fach, obwohl ihn eine Verletzung schon beim Gehen ächzen ließ.
Boys und Girls vergaßen nicht nur den "ganzen Quatsch", sie ignorierten auch ihre bisherigen Bestleistungen in einer Art, daß alle Prognosen purzelten. Amerikas Langstreckler zum Beispiel ließen die fachsimpelnden Experten einbrechen wie einst Truman mit seinem unerwarteten Wahlsieg den Mister Gallup. Lieutenant Mills von der US -Marine siegte in Tokio zum erstenmal auf der 10 000-Meter-Distanz, die er gerade fünfmal gelaufen war, obwohl er eigentlich Marathon-Spezialist zu sein hatte.
Nur noch schaudernd raunten sich die geprügelten Propheten am Ende die Leistungen der amerikanischen Athleten zu, die sich bei den Ausscheidungen jenseits des Stillen Ozeans nicht hatten durchsetzen können. Denn hinter den meisten US-Tokio-Siegern saß der Druck von fünf bis zehn nahezu gleichstarken Daheimgebliebenen. 200-Meter -Goldmedaillist Carr (im Vorlauf kommentiert: ".. ist auch nicht der alte") gewann nicht nur. In der 4X400-Meter -Staffel produzierte er als Startmann eine Zeit weit unter Weltrekord, lässig und ohne Schweiß. Seine Fahrkarte hatte er, in diesem Jahr lange an Verletzungen laborierend, nur einem Gnadenakt seines Verbandes zu danken.
Die Amerikaner traten in Tokio diszipliniert auf wie nie; ihr Block und der japanische allein hielten bei der Eröffnung durch Brundage getreu eisern die Plätze, während etwa Deutschlands Teilnehmer sich im Innenraum heftig als Zuschauer und nicht als Objekt für das Zuschauen empfanden. Die Amerikaner vermieden es auch sorgsam, Sportruhm als Extrakt ihres way of life zu deuten. So beschränkten sich die Schützen zum Beispiel auf die Erklärung, ihre acht Medaillen würden ihnen hoffentlich zu Hause endlich zu Übungsplätzen verhelfen. Bislang gäbe es lediglich drei Stände des Militärs und keine zivilen Einrichtungen, die ein Olympia -Training gestatteten.
Nicht erspart blieb den Amerikanern dennoch das Lamento, mit dem sich Weltmächte im Sport wie in der Politik abzufinden haben. "Sie sind zu stark", jaulten verdrossene Kommentatoren und hechelten, Spuren von Überheblichkeit zu finden.
Eines ihrer Opfer war 100-Meter -Sieger Hayes. Den Texashut auf dem Kopf, wartete er als einziger in Tokio nicht die Aufforderung ab, das Siegespodest zu besteigen: Einzog er, König Hayes, und faßte Fuß mit einem Schritt auf seinem Thron.
Doch der gewaltige colored gentleman, wenn auch nach den Papieren ein "Student", war falsche Spur. Ein gutmütiger Riese, selig, weil eine Sammlung seiner Mitbürger "Mom" die Teilnahme am Glück des Sohns ermöglicht hatte, wußte er auf die anflutenden Fragen nur eine Antwort: "I won the goldmedal." Wenn er etwas zur Schau trug, dann den Stolz aller Farbigen, die in Tokio gegen Weiße siegten.
Zwischen den diesmal dominierenden Vereinigten Staaten und der Sowjet -Union, die sich offensichtlich im Übergang von einer bereits zu alten zu der noch zu jungen Generation von Aktiven befindet, blieb ausreichend Platz für Länder, die nicht aus einer Unzahl von Talenten auswählen können, auch zu ihren Erfolgen zu kommen. Sie standen in Tokio keineswegs im Schatten der Kolosse.
Britische Teilnehmer demonstrierten, daß der legendäre englische Kampfgeist noch nicht der Vergangenheit angehört. Robbie Brightwells silberner Endspurt in der 4X400-Meter-Staffel und der 800 -Meter-Überraschungssieg seiner Braut Ann Packer ließen selbst die Journalisten, deren Länder aus dem Commonwealth drängen, Fleet-Street-Vertreter umarmen mit dem Schrei: "That's british.". Äthiopiens Abebe, zum höheren Ruhm seines Landes Überlebender des Aufstandes der kaiserlichen Leibwache, deren Mitglied er ist, errang nicht nur als erster den zweiten Sieg auf der Marathonstrecke: Er bot auch eine perfekte Athletenvorstellung. Frisch durchs Ziel gegangen mit gewaltigem Vorsprung, begann er auf dem Rasen inmitten von 72 000 applaudierenden Zuschauern ungerührt Lockerungsübungen zu treiben. Sportmediziner auf der Tribüne brachen in Jubel aus: "Endlich einer, der es richtig macht."
Australiens Dawn Fraser, mit 27 Jahren unter Schwimmerinnen eine Greisin, gewann ihre dritte Medaille. Ein Stoffkänguruh stand mit ihr auf dem Siegerpodium. Und 100 000 Landsleute warten auf ihre Rückkehr. Belgien erlebte eine Familienfeier. Tempoläufer Roelants gewann die 3000 Meter Hindernis. Prinz Alexander überreichte ihm die Medaille, und in der königlichen Loge hatte Prinzessin Paola Tränen in den Augen.
Die deutsche Stimmung in Tokio war derart auf Moll gestimmt, daß globale Pläne germanischen Expansionsstrebens befürchtet werden müssen. Während der Medaillenpegel stetig stieg und endlich ein imponierendes Volumen erreichte, erhoben sich Klagen zum Himmel, als sei die "Volkssubstanz" am Verröcheln. Typisches Beispiel: Ingrid Becker, Vierte im Weitsprung, mußte nach hervorragenden 6,40 Meter hören, daß ihr Platz sehr hübsch sei, "aber hier zählen nur Medaillen".
Wenn wirklich darüber diskutiert werden muß, ob die Deutschen ihren Rang als große Leichtathletik-Nation verloren haben, dann ist nicht von den Aktiven, sondern von den Verbänden zu sprechen. Der Leichtathletikverband der Bundesrepublik wird von Max Danz angeführt, einem Mann mit Verdiensten, dem nur die Fähigkeit zum rechten Wort am rechten Platz fehlt, der keinen Sinn für Nuancen hat, wohl aber für Verbandspolitik. Ihm sind die jungen Leute Bücher mit sieben Siegeln. Er ist der Prototyp des westdeutschen Sportfunktionärs, der einerseits Disziplin verlangt, andererseits aber von dem keimenden Mut der Aktiven zur eigenen Person zehrt, ohne den hervorragende sportliche Leistungen nicht mehr gelingen können.
Die Ironie und Konsequenz wollte es, daß die Erfolge der Bundesrepublik in der Leichtathletik durch junge Männer zustande kamen, die mit ihrer eigenwilligen Art dem Verband schon lange unheimlich waren. Norpoth, Zweiter über 5000 Meter nach einem gescheiten und tapferen Rennen, bekam noch am Tag seines Vorlaufs einen Boten vom Sportwart der Leichtathleten an den Mittagstisch geschickt, was ihm einfalle, jetzt noch etwas zu essen. Norpoth verbat sich die Einmischung höflich.
Wolfgang Reinhardt, der den deutschen Einbruch in das US-Stabhochspringerrevier anführte, war noch kurz vor seinem Wettbewerb in tiefer Nacht in Tokio anzutreffen. Willi Holdorf, Zehnkampfsieger, gehörte zu der Truppe des Zehnkampftrainers Schirmer, die schon lange eine mißtrauisch betrachtete Sonderexistenz im besten amerikanischen Trainingsstil führte.
Uwe Beyer, dem Hammerwerfer-Altmeister Conolly aus den USA als Zeichen seiner Hochachtung seinen Trainingsanzug schickte, hatte sich mit seinen 19 Jahren unterhalb der Wachsamkeitsgrenze der Senioren eingeschmuggelt und bot das Bild eines vollständig unbekümmerten jungen Mannes, den nichts und vor allem keine ihm nicht einleuchtende Vorschrift hindern kann, zu tun, was seines Sinnes ist.
Danz, mit der geschulten Reaktionsfähigkeit des altgedienten Funktionärs: "Solche Leute brauchen wir." Daß er derartige Leistungen braucht, ist klar, doch ob die deutsche Leichtathletik nicht andere Männer zur Betreuung solcher Leistungssportler benötigt: darüber wurde schon in Tokio offen gesprochen.
Die Leistungen der internationalen Sportverbände in Tokio waren indessen ganz allgemein die schlechtesten. Einmal warteten die 4x100-Meter-Staffeln fünf Minuten lang im kalten Wind, bereits ohne Trainingsanzüge: Die Herren von der Internationalen Amateur Athletic Federation in roten Jacken hatten ihre Aufsichtsposten an den Wechseln noch nicht eingenommen. Und jedesmal, wenn Regen fiel, war es ein Anlaß für Besinnlichkeit, zu sehen, wie die zuschauenden Teilnehmer an den Spielen außerhalb des Tribünendaches hockten. Die IOC-Loge bot sich, vornehmlich an Regentagen, an denen der Wind Tropfen unters Dach wehte, leer. Die Herren zogen das Turnen vor.
Das alles war Tokio. Tokio war auch die Siegerehrung im Rückenschwimmen der Damen. Cathy J. Ferguson gewann gegen die Favoritin Caron aus Frankreich. Sie stand auf dem Podest, 16 Jahre alt, und empfing die Medaille wie einen Blumenstrauß von ihrem date. Aber dann setzte die Nationalhymne ein. Die Ferguson, rötlichblond, die Tränen stürzten, und sie schlug den rechten Arm vors Gesicht. Die Caron neben ihr, kräftig, fast drall, eben noch bemüht, Unbekümmertheit zu demonstrieren nach dem überraschenden Ausgang, merkte auf, strich der Siegerin über den Arm und ergriff, als es nichts nutzte, endlich ihre Hand. Hand in Hand standen die beiden bis zum Schluß, zwei Mädchen in einem großen Augenblick ihrer Sportlaufbahn, im Ansturm eines Zeremoniells, das sie nicht gemeint hatten, das nicht das Ziel gewesen war, um das sie Weltrekord geschwommen waren - auch das war
Tokio.
Japanische Militärkapelle bei der Siegerehrung: Im Siegen ungehemmt
US-Kraulschwimmer Schollander (M.)
"Den ganzen Quatsch vergessen ...
US-Sprinter Hayes (M.)
...wenn der Kampf beginnt"
Brite Brightwell, Braut Ann Packer
Gold und Silber vor der Ehe
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 44/1964
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