28.10.1964

SOWJET-UNION / ADSCHUBEJSünden in Bonn

Er war Chruschtschows Privataußenminister und fand: "Mit einem Mann wie Bundeskanzler Erhard kann man reden." Sein Schwiegervater, Nikita Chruschtschow, wollte ihn - nach einem Bericht des Londoner KP-Blatts "Daily Worker" - in der vorletzten Woche zum ZK-Sekretär für Fragen der Landwirtschaft machen - und beschleunigte dadurch seinen eigenen Sturz.
Alexej Iwanowitsch Adschubej, 40, verheiratet mit Chruschtschow-Tochter Rada und Vater dreier Söhne, verstand es, sich seinem Schwiegervater unentbehrlich zu machen. Im Herbst 1959 gehörte er zu dem engsten Beraterstab, der Chruschtschow auf dessen Amerika-Reise begleitete. Über ihre Eindrücke schrieben Adschubej und seine elf Journalisten-Kollegen nach ihrer Rückkehr ein Buch, "Auge in Auge mit Amerika". Es wurde zum Bestseller und trug ihnen den Lenin-Preis für Journalistik ein.
Adschubej war auch von Chruschtschow ausersehen, das politische Terrain in der Bundesrepublik zu sondieren und eine Bonn-Visite des sowjetischen Regierungschefs vorzubereiten. Schon im April hatte sich der "Iswestija"-Chef vor der Pariser Presse positiv über Bundeskanzler Erhard geäußert.
Am 20. Juli brach Adschubej auf Einladung dreier CDU/CSU-naher Zeitungen zu seiner Deutschland-Tour auf. Nur mit großen Bedenken hatte das sowjetische Parteipräsidium in die Reise eingewilligt. Um etwaige Pannen nach Möglichkeit auszuschalten, attachierte das ZK-Sekretariat Adschubej den "Iswestija"-Kolumnisten Nikolai Poljanow.
Der gebürtige Wiener - er hieß ursprünglich Feldmann - ließ seinen Chef in der Bundesrepublik nicht aus den Augen. Er war dabei, als Adschubej an Rhein und Ruhr für eine deutschsowjetische Verständigung mit dem Argument warb, SED-Chef Ulbricht werde nicht mehr lange leben.
Poljanow sekundierte seinem Chef auch in Kurt Wessels Fernsehrunde "Unter uns gesagt". Und er verbesserte mißverständliche Formulierungen Adschubejs bei dessen Münchner Interview mit dem SPIEGEL.
In der Bar des Münchner Hotels "Vier Jahreszeiten" pirschte sich Bewacher Poljanow an Adschubej heran, als dieser mit den Barmixern über Ulbricht zu streiten begann. Flüsterte Poljanow: "Alexej Iwanowitsch, ich bitte Sie, mit mir nach oben zu kommen." Als Adschubej zögerte und weitersprach, zupfte Poljanow Chruschtschows Schwiegersohn am Ärmel und insistierte: "Alexej Iwanowitsch, ich muß Sie wirklich dringend bitten, mit mir zu kommen.."
Im Verlagsgebäude des "Münchner Merkur" trank Adschubej mit dem CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß Bier. Wieder war Poljanow Zeuge der Unterhaltung. Adschubej später: "Strauß sagte ziemlich bemerkenswerte Worte."
Nur einmal blieb Adschubejs Moskauer Schatten im Vorzimmer: bei der Kanzlervisite im Bonner Palais Schaumburg. Unter vier Augen mit Erhard rühmte der Polit-Reisende aus Moskau die europäischen Verdienste der russischen Zaren: "400 Jahre lang haben wir Europa gegen die Mongolen verteidigt."
Mit solchen Thesen geriet der Chruschtschow-Schwiegersohn in die Schußlinie der chinesischen Propaganda. Anfang September argwöhnte die Pekinger "Volkszeitung", Chruschtschow plane einen "kriminellen politischen Kuhhandel" und wolle die DDR an die Bundesrepublik verkaufen.
Die "Volkszeitung": "Haben die Bonner Revanchisten vielleicht stillschweigend die Zustimmung oder Winke von Leuten erhalten, die dem westdeutschen Militarismus jüngst Loblieder sangen?"
Adschubejs Lob auf die Bundesrepublik ("Ihr Land ist das mächtigste kapitalistische Land in Europa") hatte auch im Kreise der höchsten Parteiprominenz, wo man an der These vom Bonner Erbfeind festhält, Anstoß erregt.
Am Mittwoch der vorletzten Woche wurde Chruschtschows Schwiegersohn aus dem Zentralkomitee ausgestoßen. Gleichzeitig verlor er seinen mit 10 000 Rubel (44 000 Mark) dotierten Posten als Chefredakteur der regierungsamtlichen "Iswestija".
Begründung: Adschubejs Privatdiplomatie und seine "unverständlichen Äußerungen" über die Bundesrepublik hätten dem Ansehen der Sowjet-Union schwer geschadet und die brüderlichen Beziehungen zu Pankow beeinträchtigt.
Der Moskauer Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen", Hermann Poerzgen, berichtete in seinem Blatt: "Auch die vom SPIEGEL verbreiteten angeblichen Äußerungen über den Gesundheitszustand Walter Ulbrichts wurden Adschubej in Moskau von bestimmten Leuten schwer zur Last gelegt."
Adschubejs Bonner Bewacher, Nikolai Poljanow, aber war unter den 2000 geladenen Gästen, die sich am vorletzten Wochenende zur Siegesfeier im schneeweißen St.-Georgs-Saal des Kreml einfanden.
Polit-Reisende Poljanow (l.), Adschubej (2.v.r.)*: Loblied auf Militaristen
*Mit "Iswestija"-Redakteur Walerij Lednew (2. v. l.) und SPIEGEL-Redakteuren Botho Kirsch (3. v. l.) und Georg Wolff (r.) beim SPIEGEL-Interview am 30. Juli 1964 im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten".

DER SPIEGEL 44/1964
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