04.11.1964

KOMMUNALWAHLENGenosse Trend

Das Bonner Stimmungsbarometer stand kopf: Die Sieger des Wahlsonntags von Hessen, Rheinland-Pfalz und vom Saarland, die Sozialdemokraten, unterdrückten jede offene Freude; die christdemokratischen Verlierer trugen fröhliche Zuversicht zur Schau.
In seinem Bundeshaus-Büro ließ sich CDU-Chef Konrad Adenauer am Montagnachmittag letzter Woche von Parteigeschäftsführer Dr. Kraske das Kommunalwahl-Debakel der Christdemokraten in Einzelheiten darlegen. Augenzwinkernd tat der Parteipatriarch, als komme ihm dies gerade recht: "Dat war'n aufmunternder Schock. Dat gibt Antrieb für ordentliche Arbeit."
Fünfhundert Meter entfernt in der Vorstands-Baracke der Sozialdemokraten, mühten sich die SPD-Oberen zur selben Stunde, vorzeitigen Überschwang ihrer Genossen zu dämpfen. Vor dem Parteipräsidium, wo man über den Einbruch in die katholischen CDU-Hochburgen von Rheinland-Pfalz jubelte, kritisierte Fraktionschef Fritz Erler lokal bedingte Mißerfolge: "Was war denn in Zweibrücken los? Da haben wir 4,9 Prozent verloren " Und Partei-Vize ("Onkel Herbert") Wehner mahnte generell: "Nur nicht triumphieren. Ganz ruhig bleiben."
Die Zurückhaltung der Sozialdemokraten hat ihre Wurzel freilich nicht allein im Volksaberglauben, daß man sein Glück nicht "berufen" soll. Vielmehr beschleicht die SPD-Führungsspitze die Furcht, der nach den Bundestagswahlen von 1961 einsetzende Trend des stetigen Stimmenzuwachses für die SPD (inzwischen als "Genosse Trend" in den Sprachgebrauch der Vorstandsfunktionäre aufgenommen) werde nicht bis zum Wahltermin 1965 durchhalten.
Tatsächlich sind die Sozialdemokraten durch frühere Mißerfolge vor Optimismus gewarnt: Die SPD hatte in den Vor-Wahljahren 1952, 1956 und 1960 nach demoskopischen Umfragen auch stets einen Sympathie-Vorsprung vor der CDU, und dennoch zogen die Christdemokraten bis zum Bundestags-Wahltag immer wieder siegreich nach vorn.
Entgegen den Bedenken ihrer Parteispitze trauen die Wahlstrategen in der Bonner SPD-Baracke dem "Trend" diesmal jedoch mehr Ausdauer zu. Denn:
- Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik war der Stimmenvorsprung der SPD vor der CDU so groß wie bei den jüngsten Kommunalwahlen;
- nie gewann die SPD so stark in
katholischen Gegenden (Stimmenzuwachs in Saarbrücken 16,8 Prozent, in Trier neun).
In der Mitgliederentwicklung erblicken Parteiarbeiter vollends den Beweis, daß die SPD auf dem Weg ist, eine Volkspartei zu werden. Früher stießen pro Jahr im besten Fall 41 000 neue Genossen zur SPD. 1964 haben sich schon in den ersten drei Quartalen 48 812 neue Mitglieder registrieren lassen, davon 26 512 Arbeiter, der Rest setzt sich aus Mitbürgern zusammen, die nicht traditionsgemäß zur SPD tendieren: Beamte, Angestellte, Selbständige, Angehörige freier und geistiger Berufe, Hausfrauen.
Die Christdemokraten beschwichtigten sich mit Zahlenvergleichen. Auf einer Zusammenkunft der CDU-Landesgeschäftsführer, die am Dienstag letzter Woche in Bonn stattfand, wurde festgestellt, daß die CDU gegenüber den Kommunalwahlen von 1960/61 einen Stimmengewinn von 1,1 Prozent erzielt habe; verglichen mit den Kommunalwahlen von 1956 seien die CDU-Stimmen sogar um 7,7 Prozent angewachsen, die der SPD aber nur um vier Prozente
Trotzdem brachte der Geschäftsführende CDU-Vorsitzende Josef Hermann Dufhues am selben Nachmittag fünf Stunden bei Kanzler Erhard im Palais Schaumburg zu. Eindringlich verlangte der Parteimann vom Regierungschef, nun endlich eine klare und härtere Politik einzuleiten. Ludwig Erhard versprach, sein Bestes zu tun.
Schon anderntags im Bundeskabinett demonstrierte der Kanzler die gewünschte Härte und walzte den FDP -Widerstand gegen das Gesetz zur Vermögensbildung für Arbeitnehmer mit dem Hinweis nieder, es müsse nun wegen der christdemokratischen Wahlverluste endlich etwas unternommen werden.
Das angeschlagene Vertrauen zu ihrer "Wahllokomotive" Ludwig Erhard will die CDU-Führung jetzt dadurch kompensieren, daß sie neben dem Kanzler auch wieder andere Politiker stärker
hellausstellt. Noch ehe die SPD am 23. November ihren Parteitag in Karlsruhe beginnt, auf dem die Sozialdemokraten ihre "Regierungsmannschaft" vorstellen werden, will die CDU am 19. Dezember auf einer Tagung des Parteiausschusses ihre Führungskräfte präsentieren.
Copyright: Die Welt (Hicks)
"Qualmt noch gut, aber die Zugkraft fehlt ..."

DER SPIEGEL 45/1964
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