04.11.1964

HUGENBERGAuge wundermild

Im Kriegsjahr 1916 kaufte sich die Ruhr in das deutsche Zeitungswesen ein. Eine Finanzgruppe unter Führung von Dr. Alfred Hugenberg übernahm eines der renommiertesten Pressehäuser des Reiches, den Berliner Scherl-Verlag - für 6,1 Millionen Goldmark.
Im Kriegsjahr 1944 wechselte der Scherl-Verlag abermals den Besitzer. Von Alfred Hugenberg übernahm ihn die NSDAP - für 64,1 Millionen Reichsmark.
Über diese Transaktion ist jetzt, zwei Jahrzehnte danach, vor dem Landgericht Frankfurt ein Rechtsstreit entbrannt um 150 Millionen D-Mark.
Denn die Rechtsnachfolger des 1951 verstorbenen Hugenberg (eine Gruppe von mehr als 80 Beteiligten, darunter Familienangehörige, ehemalige Scherl -Manager und Scherl-Miteigentümer) fordern Schadenersatz. Für sie ist die Veräußerung des Scherl-Verlags im Jahre 1944 nicht das "Geschäft des Jahrhunderts" gewesen - wie Manfred Klasperkowitz, Justitiar im Abwicklungsstab der ehemaligen Reichsbank, heute meint -, sondern der "Zwangsverkauf eines blühenden Unternehmens". Für den reklamierten Schaden soll die ehemalige Reichsbank aufkommen, stellvertretend die Bundesrepublik Deutschland. "Letztlich", so heißt es in der Klageschrift, seien "alle Beteiligten Opfer... des Deutschen Reiches und der NSDAP" gewesen.
So tritt, als "NS-Opfer", noch einmal die legendenumwobene Figur eines Mannes aus den Kulissen der Zeitgeschichte, der einst zu den heimlichen Herrschern Deutschlands zählte. Scharfsinniger Jurist, gewiegter Finanzmann, moderner Manager, reaktionärer Politiker - Alfred Hugenberg war alles in einem.
Zu Zeiten Bismarcks gehörte er einem antibürgerlichen Literatenkreis an; vor dem Ersten Weltkrieg avancierte er zum Intimus der Ruhr-Barone; während der Weimarer Republik kämpfte er gegen
den Parlamentarismus; im Dritten Reich schützte er jüdische Mitarbeiter.
Er war es, der sich vom Verfasser süßlicher Studentenlyrik ("Und ich blickte Dir ins Auge, jenes Auge wundermild") zum Herrscher über ein Presse- und Film-Imperium aufschwang, das eine noch nie dagewesene publizistische Machtfülle verkörperte.
Dabei war der "kleine, putzige Mann", wie ihn der Autor Curt Riess beschreibt, mitunter angezogen, "als müsse er eine Familie von fünf Köpfen mit dem Gehalt eines zweiten Buchhalters ernähren". Alles sei "ein wenig komisch an diesem Mann" gewesen: das bürstenartig emporstehende weiße Haar, die Brille, der Schnauzbart - "eine Figur, die, erfände sie der Autor eines Films, vom Publikum als 'unwahrscheinlich' verworfen werden würde".
Seine unwahrscheinliche Karriere begann 'der gebürtige Hannoveraner (Jahrgang 1865) erst im Alter von 42 Jahren. Sie führte den Geheimen Finanzrat, der 1907 aus preußischen Staatsdiensten ausschied, zunächst zur Frankfurter Berg- und Metallbank, zwei Jahre später - als Vorsitzender des Direktoriums - zu Friedr. Krupp nach Essen.
Von diesem Steuerpult aus koordinierte und kontrollierte er bald auch den Spendenstrom, den die Ruhr-Industrie für politische Zwecke in verschiedene Kanäle laufen ließ. Denn nach Ansicht Hugenbergs hatte die Industrie, wie des Geheimrats jüdischer Freund und Biograph Ludwig Bernhard später schrieb, "die Pflicht, dafür zu sorgen, daß nicht die gesamte Organisation der öffentlichen Meinung unter den direkten oder indirekten Einfluß internationaler Tendenzen gerate".
Allerdings war nach Ansicht des umsichtigen Finanzmannes eine Zeitung zum Sterben verurteilt, wenn sie allzu deutlich Sprachrohr massiver geschäftlicher Interessen wurde. Er bevorzugte daher die indirekte Einflußnahme, die den nationalen Gedanken als propagandistisches Moment in den Vordergrund stellte, im übrigen aber den Zeitungen ein gewisses journalistisches Eigenleben ließ.
Die Chance, diese Politik in großem Stil zu verwirklichen, bot sich ihm im Dezember 1915. Landwirtschaftsminister Freiherr von Schorlerner alarmierte in vertraulichen Briefen Krupp und andere Konzern-Chefs, daß der Berliner Scherl -Verlag dem Konkurs entgegentreibe: Der Zusammenbruch des Unternehmens oder der Übergang der Scherl-Anteile in "unerwünschte Hände" müsse vermieden werden.
Die unerwünschten Hände, in der Reichskanzlei noch akzentuierter als "jüdische Gefahr" bezeichnet, waren die Berliner Verlage Ullstein und Mosse. Sie abzuschütteln, ließ sich die Ruhr 6,1 Millionen Goldmark kosten. Die Geldgeber wurden von Biograph Ludwig Bernhard diskret als Hugenbergs "Gruppe" umschrieben. Da sie ihren Einstand bei Hugenberg in guten Händen wähnten, konnte der Geheimrat dessen eigener Anteil vergleichsweise gering war - ungehindert mit dem gestifteten Kapital arbeiten.
Jedenfalls verließ er 1918 die Kruppsche Waffenschmiede und etablierte sich im Scherl-Verlag als Hausherr, in der deutschen Politik als Mitglied des Reichstags und Rechtsaußen-Führer der Deutschnationalen Volkspartei.
Zielstrebig baute er nun einen Mammutkonzern aus Tageszeitungen und Zeitschriften (Scherl-Verlag), Nachrichtenbüros (Telegraphen-Union) und Anzeigen-Unternehmen (Ala) auf, der nach eigenem Eingeständnis "maßgeblichen Einfluß auf die Bildung der öffentlichen Meinung im Reichsgebiet und darüber hinaus" nahm.
Seine Absicht, auch auf die "populäre Propagandakraft des Films Einfluß zu nehmen", verwirklichte er 1927, als er seinem Konzern die fast bankrotte Ufa angliederte. Dabei erwarb Hugenberg nicht einmal die Kapitalmehrheit des Filmunternehmens - wohl aber sicherte er sich die Stimmrechtsmajorität durch Übernahme von Anteilen, die dreißigfaches Stimmrecht hatten. Diesen Einfluß erkaufte er sich allein aus Überschüssen des von ihm geführten Konzerns.
Der Scherl-Verlag prosperierte mit Blättern wie "Berliner Lokal-Anzeiger", "Die Woche", "Die Gartenlaube", "Der Silberspiegel", "Filmwelt", "Allgemeiner Wegweiser" und später auch mit der Luftwaffen-Illustrierten "Der Adler". Das Haus betrieb zugleich, wie es in der Klageschrift heute heißt, "ein erfolgreiches Adreßbuchgeschäft", und außerdem "erstreckte sich der Einfluß des Scherl-Verlags durch Beteiligungen und Belieferungen mit Matern weit über das Land".
Die Besitzverhältnisse des Scherl -Imperiums waren anfangs undurchsichtig. Die ehemaligen Spender von Rhein und Ruhr waren aus den reichen Erträgen des Verlages bald weitgehend abgefunden worden, ein sorgsam verschachteltes Gesellschafts-System hielt die Vermögensverteilung vor der Öffentlichkeit verborgen. Erst später sah sich Hugenberg durch das NS-Pressegesetz gezwungen, den Konzern umzugruppieren. Er gründete eine Kommandit-Gesellschaft, an der er seine Freunde von ehemals wieder beteiligte; er selbst besaß nun ein Drittel des Gesamtunternehmens.
Aber während Hugenberg mit den Massenmedien Presse und Film erfolgreich operierte, versagte sich ihm das Glück in der Politik. Die Deutschnationalen, in der sich als typischer Sammelpartei bereits die Vertreter verschiedener wirtschafts- und sozialpolitischer Interessen zerstritten, waren sich vollends uneinig in der Frage, ob man die Opposition gegen den Weimarer Staat bedingungslos führen sollte oder ob man politisch im Rahmen eines - wenn auch abgelehnten - Verfassungssystems mitarbeiten sollte.
Parteiführer Graf Westarp hielt es mehr mit der Mitarbeit, Hugenberg als rechter Flügelmann war dagegen. Hugenberg damals: "Es ist mit der Partei wie mit dem Volke, das in demokratischen Formeln und Floskeln erstickt. Es wird einmal der Tag kommen, wo dieses Volk sich aufrafft, um all diesen Plunder von sich zu schütteln."
Nach der Niederlage der Deutschnationalen bei der Reichstagswahl im Mai 1928 trat Westarp zurück, Hugenberg wurde sein Nachfolger und steuerte die Partei auf Radikalkurs. Sein Rechtsdrall, der ihn zwangsläufig auf Hitlers Weg trieb, und seine Opposition gegen die Verständigungspolitik Stresemanns löste 1929 die erste Parteirevolte bei den Deutschnationalen aus. 1930 brach eine weitere Gruppe gemäßigter Parteianhänger aus.
Mit Hitler und Seldte formierte Hugenberg nun die "Harzburger Front" als "Nationale Opposition" aus Nationalsozialisten, Deutschnationalen, "Stahlhelm" und der Vereinigung Vaterländischer Verbände. Aber sein Versuch, Hitler zu überspielen, mißlang. Ebensowenig glückte es ihm, bei der Reichspräsidentenwahl 1932 einen eigenen Kandidaten durchzusetzen.
Gleichwohl stellte er sich und seine Anhänger am 30. Januar 1933 den Nationalsozialisten als Koalitionspartner zur Verfügung. Hugenberg wurde in Hitlers erstem Kabinett Reichsminister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung.
Wiederum trog seine Hoffnung, Hitlers Politik in konservative Bahnen lenken zu können. Er demissionierte schon nach wenigen Monaten. Seine Partei wurde aufgelöst; seinen Sitz im Reichstag behielt er, fortan einflußlos.
Was dann geschah, ist heute in der Klageschrift so umschrieben: Der Einfluß des Hugenberg-Konzerns, "dieser Einfluß einer nicht im Machtbereich der NSDAP stehenden, eigenwilligen Meinung, war der NSDAP naturgemäß ein Dorn im Auge, und sie versuchte - zunächst behutsam, aber bald mit immer größerem Nachdruck - diesen Einfluß auszuschalten".
Oder anders: Auch Hugenberg, der auf seine Weise mitgeholfen hatte, die Weimarer Republik ins Grab zu schaufeln, wurde "gleichgeschaltet".
Zuerst kauften ihm NS-Gesellschaften die Telegraphen-Union, seine Ala-Anzeigen AG, die Materngesellschaften und eine Reihe anderer Tochter-Unternehmen ab. Dann, 1937, ging Hugenbergs Aktienanteil an der Ufa auf die NS-kontrollierte Cautio GmbH über.
Freilich bekam Hugenberg zu diesem Zeitpunkt (erneut) die Zusicherung von Hitler und Goebbels, daß sein restliches Pressereich nunmehr unangetastet bleiben werde. Es blieb bis Ende 1943 unangetastet.
Als sich jedoch der 78jährige Hugenberg - er war alleiniger, persönlich haftender Gesellschafter der "August Scherl Handels- und Verwaltungs-KG"
- zurückziehen und seinem Schwiegersohn Dr. von Boehmer die Konzernleitung übertragen wollte, meldete Reichsleiter Amann, Chef des Zentralverlags der NSDAP, Interesse am Scherl-Verlag an.
In einem Telegramm an Hitler rief, Hugenberg am 23. Dezember 1943 um Hilfe und erinnerte an die Zusage, daß der Hugenberg-Besitz von der Partei nicht angetastet werde. Hitler sah ein, daß der alte Geheimrat wegen seiner "Verdienste um die nationale Sache" (Reichskanzlei-Chef Dr. Lammers) der Schonung bedürfe. Nur: Verkaufen sollte er trotzdem.
Hugenberg sah die Zeichen der Zeit. Aber noch einmal erwies er sich als ausgefuchster Finanzmann. Nur unter zwei Bedingungen wollte er - so seine Rechtsnachfolger heute - den Scherl -Verlag aufgeben:
- Keine Abfindung durch Reichsmark -Barzahlung, sondern Zusicherung von Industriebeteiligungen entsprechend dem zu vereinbarenden Kaufpreis für den Scherl-Verlag;
- Erwerb dieser Industrie-Beteiligung von einem Bankinstitut nicht direkt von den Gesellschaften, aus deren Besitz sie stammten.
Hugenbergs mangelndes Vertrauen in die Währung des Reiches, an der Jahreswende 1943/44 kein Beweis für den Glauben an den Endsieg, fand bei den Vertretern von Reich und Partei volles Verständnis. Hitler dekretierte: "Hugenberg braucht sich keinesfalls mit der Kaufsumme in Bargeld abzufinden."
Hugenberg brauchte auch nicht mit Amann (Hitler: "Ein robuster und rücksichtsloser Geschäftsmann") zu verhandeln. Amanns Rolle übernahm Bürgermeister a. D. Max Winkler, der als Strohmann für Goebbels bereits zahlreiche Presseverkaufsgeschäfte getätigt hatte. Winkler schätzte den Wert des - mittlerweile ausgebombten - Scherl-Verlags auf rund 30 Millionen Reichsmark. Hugenberg drückte eine Verkaufssumme von 64 106 500 Reichsmark durch.
Ein Versuch des Geheimrats, beim Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsidenten Funk einen noch höheren Verkaufserlös herauszuschlagen, scheiterte indes. Erinnert sich der damalige Reichsfinanzminister von Schwerin -Krosigk: "Herr Funk hat mir damals gesagt, daß ihm diese Forderungen etwas deftig zu sein schienen."
Im Auftrag Hitlers stellte Funk dann eine Liste von Industriebeteiligungen zusammen, die für Hugenberg in Frage kamen. Hugenberg wählte Aktien der Vereinigten Stahlwerke (VST) und der Ilseder Hütte.
Am 6. September 1944 wurde der Verkauf des Scherl-Verlags notariell protokolliert. Am 7. September wurde der Preis von 64 106 500 Reichsmark bei der Reichsbank in Berlin der August Scherl Handels- und Verwaltungs-KG gutgeschrieben. Dafür waren nun Aktien erhältlich.
Die Übernahme des Ilseder Pakets für 30 Millionen Reichsmark, das Hugenberg die Sperrminorität gesichert hätte, scheiterte allerdings am Widerstand der Ilseder Manager, die den Ruhr-Abkömmling nicht in ihrem niedersächsischen Revier zu sehen wünschten. Als Ersatz erhielt Hugenberg wenig später für den gleichen Betrag Vorzugsaktien der Deutschen Golddiskontbank (die 1962 vom Bund mit 170 DM für 100 Reichsmark recht günstig abgelöst wurden).
Das Aktienpaket der Vereinigten Stahlwerke (VST) - Nominalwert 30 Millionen Reichsmark, Kaufpreis rund 50 Millionen Reichsmark - konnte Hugenberg ebenfalls bar bezahlen, da ihm die NS-Machthaber gestatteten, außer dem Verkaufserlös noch aus eigenen liquiden Mitteln wertlose 16 Millionen Reichsmark für die Aktienkäufe anzulegen.
Gleichzeitig änderte Hugenberg den Firmennamen, da er bei dieser Transaktion nicht nur den Haus- und Grundbesitz sowie die Verlagsrechte, sondern auch den Namen Scherl verkauft hatte. Hugenbergs neue Gesellschaft bediente sich dazu eines alten Firmenmantels, der Ostdeutschen Privatbank (Opriba) und nannte sich von da an "Opriba Handels- und Verwaltungs-KG"*.
Diese Firma war es, welche die von Hugenberg erhandelten Aktienpakete übernahm - und zwar von der Reichsbank, deren Zwischenschaltung dem gewiegten Finanzjuristen Hugenberg wichtig erschienen war. Denn er hatte, wie seine Rechtsnachfolger heute betonen, den Verlag auf "Veranlassung des Reiches" verkauft und wollte die Gegenwerte demgemäß von der Hausbank des Reiches erwerben. Die Reichsbank sollte damit quasi die Verantwortung für die Herkunft der Aktien übernehmen.
Eben die Herkunft eines Aktienpaketes, nämlich der VST-Aktien, war fragwürdig. Die Papiere stammten aus dem Besitz des Dr. Fritz Thyssen, der sich 1939 mit Hitler zerstritten hatte.
Der Ruhr-Industrielle Thyssen, Reichstagsabgeordneter und Parteimitglied seit 1923, hatte sich zwar mit Geldspenden um die NSDAP verdient gemacht. Den Weg des Führers in den Krieg aber mißbilligte er: Statt auf Görings Geheiß bei Kriegsbeginn zur Reichstagssitzung nach Berlin zu kommen, schickte er Göring aus der Schweiz ein Telegramm, in dem er öffentlich gegen die deutsche Kriegspolitik protestierte.
Hitler ließ daraufhin die deutsche Staatsangehörigkeit Thyssens aberkennen und dessen gesamtes Vermögen einziehen. Auf der Suche nach den weitverzweigten Teilen des Thyssen-Besitzes stießen die amtlichen Rechercheure auch auf eine holländische Spur: Sie erfuhren, daß bei der Rotterdamer "Bank voor Handel en Scheepvaart" Stahlwerke-Aktien im Nominalwert von 60 Millionen Reichsmark lagerten**.
Versuche, die Niederländer zur Herausgabe der Aktien zu bewegen, scheiterten am Widerstand des Bank-Direktoriums. Erst nachdem deutsche Bomber am 14. Mai 1940 Rotterdam zerstört und Fallschirmjäger die Stadt besetzt hatten, lagen die Safes der "Bank voor Handel en Scheepvaart" dem Zugriff eines deutschen "Devisenschutzkommandos" offen.
Auf zwei Lastwagen wurden die Aktien nach Berlin in das Depot der Reichsbank geschafft; als Treuhänder firmierte nunmehr die Gewerkschaft Preußen, die aus der ehemaligen August Thyssen Hütte Gewerkschaft gebildet worden war.
Die Hälfte dieses Holland-Pakets aus dem Preußischen Treuhand-Besitz bekam Hugenberg, als er 1944 seinen Scherl-Verlag gegen Aktien eintauschte. Daß die Wertpapiere zu dem rechtswidrig eingezogenen Vermögen Fritz Thyssens gehörten, war offenkundig. Daß sie aus dem holländischen Depot stammten, konnte Hugenberg hingegen schwerlich wissen.
Nach Kriegsende forderte Thyssen sein Vermögen zurück. Auch die holländische Regierung verlangte die Rückgabe des gesamten Aktienpakets an die Rotterdamer Bank - was wiederum Thyssen mißfiel, denn er mußte damit rechnen, daß die zurückgegebenen Aktien in Holland als Feindgut beschlagnahmt würden und damit auch für ihn verloren wären.
Die' gemeinsame Bedrohung brachte die Vertreter Thyssens und Hugenbergs an den Verhandlungstisch. Am 2. April 1950 einigten sie sich über einen formlosen Vergleich, in dem sich Hugenbergs Finanz- und Verwaltungsgesellschaft, die Opriba, verpflichtete, die Hälfte der 30 Millionen Stahlwerke-Aktien an Thyssen auszuliefern.
Erinnert sich der jetzige Opriba-Geschäftsführer Dr. Rudolf Haus: "Hugenberg tat es nur knurrend."
Als Gegenleistung versprachen Thyssens Unterhändler, etwa vorhandene holländische Forderungen an Hugenberg auf ihre Kosten zu bereinigen.
Zwei Jahre später - die Regierung in Den Haag hatte inzwischen ihren Restitutionsanspruch zurückgezogen - bekräftigten die Kontrahenten ihre Abmachung formell vor dem Wiedergutmachungsamt Duisburg. Und die Opriba-Gesellschafter machten sich nun auf, Ersatz für das an Thyssen zurückgegebene 15-Millionen-Paket zu suchen. Sie wandten sich an die Treuhänder der ehemaligen Reichsbank und verlangten Schadenersatz.
Die Treuhänder lehnten jede Rückerstattungspflicht ab. Erst das Gesetz zur Liquidation der Reichsbank vom 2. August 1961 gab der Hugenberg-Opriba die Möglichkeit, ihre Forderung vor der 5. Kammer für Handelssachen beim Landgericht Frankfurt einzuklagen. Am 20. September letzten Jahren sondierten Opriba-Beauftragte das juristische Gelände mit einer Teilklage über 4,5 Millionen Mark.
Sie begründeten ihren Anspruch damit, daß die Reichsbank seinerzeit Aktien an Hugenberg weitergegeben habe, die mit dem Restitutionsanspruch Hollands und dem Rückerstattungsanspruch Fritz Thyssens belastet gewesen seien. Mithin sei die Reichsbank zur Gewährleistung verpflichtet.
Ob Hugenberg von diesen Belastungen gewußt habe oder nicht, sei dabei unerheblich, denn "der Gewährleistungsanspruch des Rückerstattungspflichtigen gegen seinen unmittelbaren Rechtsvorgänger besteht ohne Rücksicht darauf, ob er als Käufer bei Kaufabschluß von den die Rückerstattung begründenden Tatsachen Kenntnis hatte und ob den Verkäufer ein Verschulden trifft".
Reichsbank-Justitiar Manfred Kasperkowitz hingegen: "Die Reichsbank ist bei diesem durchlaufenden Geschäft, das damals nur Stunden dauerte, lediglich Kommissionärin, aber nicht Rechtsvorgängerin gewesen. Damit ist sie nach einhelliger- Rechtsprechung auch nicht rückerstattungspflichtig."
Erbittert zeigen sich die Reichsbankliquidatoren darüber, daß der Hugenberg-Clan sich nicht mit dem beträchtlichen Gewinn zufrieden gibt, den der Verkauf des Scherl-Verlages 1944 einbrachte. In der Erwiderung zur Klage heißt es: "Die Aktien... waren um das Vielfache wertvoller als der Scherl -Verlag, der schon 1944 ausgehöhlt war und nur einen Bruchteil des Wertes vor dem Kriege hatte."
Tatsächlich hat sich der Finanz-Weitblick des alten Geheimrats auch bei dieser Transaktion bewährt. Allein die Nachfolge-Aktien, die Hugenbergs Opriba für das ihr verbliebene Paket Stahlwerke-Aktien im Nominalwert von 15 Millionen Reichsmark eintauschen konnte, sind heute rund 110 Millionen D-Mark wert.
Die gleiche Summe zuzüglich der seither aufgelaufenen Zinsen und Dividenden - zusammen rund 150 Millionen D-Mark - soll jetzt die Reichsbank noch einmal zahlen.
Das vorhandene und das noch erwartete Kapital aber wollen die Erben des Presse-Geheimrats nicht wieder in publizistische Unternehmen investieren. Zwar waren die ehemaligen Scherl -Leute in der Opriba nahe daran, über die damals zum Verkauf stehende Hamburger Zeitung "Die Welt" wieder ins Meinungsgeschäft einzusteigen. Opriba -Geschäftsführer Dr. Haus riet so energisch ab, daß sich die Gesellschaft fortan nur noch - vermutlich lukrativeren
- Industrie-Geschäften widmete.
"Die Welt" kam in andere Hände. Nach Alfred Hugenberg war Axel Cäsar Springer da.
* Hugenberg besaß in der Opriba KG rund ein Drittel der Anteile, die übrigen zwei Drittel gehörten befreundeten Angehörigen des Scherl-Hauses und Industriellen. Diese Kommanditgesellschaft verwandelte sich im Laufe der fünfziger Jahre in die "Opriba Privatverwaltung GbR", als deren Geschäftsführungs-GmbH die "Opriba Vermögensverwaltung GmbH" fungiert. Zu den etwa 80 Gesellschaftern der Opriba Privatverwaltung gehören auch der Hugenberg-Schwiegersohn Jürg Hartmann und der Hugenberg-Enkel Dankwart von Knobloch.
** Wie die Thyssen-Aktien zu der Rotterdamer Bank gelangten, ist bis heute nicht geklärt. Nach gängiger Lesart hatte der Konzernherr das Aktienpaket bereits 1930 für einen 47-Millionen-Kredit an die Bank verpfändet. Vertreter der Reichsbank aber wollen erfahren haben, daß Thyssen entgegen den Devisenbestimmungen des Dritten Reichs die Aktien erst 1938 nach Holland transferiert habe, um Vermögenswerte im Ausland in Sicherheit zu bringen.
Konzern-Chef Hugenberg (1932)
150 Millionen Mark für die Nachfolger?
Scherl-Zeitungen.
"Geschäft des Jahrhunderts"
Hugenberg (x) in Bad Harzburg bei der Gründung der "Harzburger Front" (1931): "Das Volk erstickt in demokratischen Floskeln"
Ruhr-Industrieller Thyssen
Aktien in Holland

DER SPIEGEL 45/1964
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