11.11.1964

BONN / CDU-KRISEHin und her und her und hin

Eugen Gerstenmaier saß unter seinem Bismarck-Bild von Lenbach und schrieb mit der Hand einen Redetext nieder. Draußen tuckerten die Rheinschiffe durch den diesigen Oktoberabend. Da schrillte im Präsidenten -Büro des Deutschen Bundestags das Telephon.
Am Apparat war Konrad Adenauer. Er müsse den Präsidenten unbedingt heute noch sprechen, so meldete sich der Alt-Bundeskanzler von seinem Abgeordneten-Zimmer am anderen Ende des Hauses.
Zehn Minuten später, am Donnerstag vorletzter Woche, empfing Gerstenmaier den Besuch des alten Herrn.
Konrad Adenauer eröffnete ihm, er wolle am 8. November, den Montag dieser Woche, zur Aufnahme in die französische Akademie der Wissenschaften und zum Besuch bei de Gaulle gern mit einer "einheitlichen Sprachregelung" und einem Brief des Kanzlers Erhard an den General nach Paris fahren. Denn Bundeskanzler Erhard bestimme die Richtlinien der Politik und er, Adenauer, wolle als Privatreisender nichts anderes vertreten als den offiziellen Standpunkt.
Angenehm überrascht von soviel Linientreue, versprach Gerstenmaier, er selbst wolle Erhard bewegen, Adenauer einen Brief an Staatspräsident de Gaulle mitzugeben, der als eine Art Beglaubigungsschreiben für Vermittlerdienste gelten solle, obgleich das Auswärtige Amt einen solchen Wunsch Adenauers bereits im August abgelehnt hatte. Das AA fürchtete, derart bevollmächtigt könne Adenauer seinem Freund de Gaulle die abenteuerlichsten Zusagen machen, an die Bonn dann gebunden wäre.
Einen Tag nach seinem Besuch bei Gerstenmaier empfing der Parteipatriarch zur weiteren Vorbereitung seiner Paris-Expedition Herbert Gelria Haake, 43, Korrespondent des Springer-Blattes "Bild am Sonntag" (BamS).
Fünfundfünfzig Minuten lang breitete Adenauer
seine Sorgen aus: "Wie der Herr de Gaulle hier in Bonn behandelt wurde, ist einfach ein Skandal."
Mit der Endfassung des Interviews kam CDU-Pressechef. Dr. med. Arthur Rathke ("Um in dieser Partei Pressechef zu sein, muß man Arzt gelernt haben") am Abend des gleichen Tages in Adenauers Bundeshausbüro, wo sich der Alt-Bundeskanzler gerade mit seinem Vertrauten außer Dienst Hans Globke besprach.
Vergebens riet Rathke, die außenpolitischen Passagen aus dem Text wieder herauszunehmen. Nur den Satz von der skandalösen Behandlung de Gaulles in Bonn strich Adenauer.
Die Bitte Rathkes, Adenauer möge doch wenigstens noch auf eine Bemerkung über den Gesundheitszustand des
- zur Kur weilenden Außenministers Gerhard Schröder ("Ich hoffte, in diesen bewegten Zeiten hätte der Außenminister eine bessere Gesundheit und wäre an Ort und Stelle") verzichten, wischte der Altkanzler beiseite: "Ich will Ihnen mal was sagen, ich bin sogar schon einmal mit einer Lungenentzündung nach Washington geflogen."
Ebenfalls stehen blieb, was es in Bonn in dieser Form noch nie gegeben hatte: Öffentliche Kritik des CDU-Partei-Chefs am CDU-Kanzler. Adenauer:
- "Denken Sie mal an das Hin und
Her und Her und Hin. Das deutsche Volk verlangt ... eine klare Politik und eine klare Führung."
- "Wenn die jetzige Bundesregierung ...
schlüssig und zügig und konsequent arbeitet und Leistungen hinlegt, dann sind die Aussichten für die Bundestagswahlen für die beiden Parteien gar nicht schlecht. Das ist allerdings die Voraussetzung."
- "Ich glaube, daß das Verhalten de Gaulles zum großen Teil auf die vielleicht zu kühle Behandlung zurückzuführen ist, die ihm die Bundesregierung im Juli hier in Bonn hat zuteil werden lassen."
Diese Kernsätze der Adenauer-Kritik (von Nachrichten-Agenturen noch vor Erscheinen von "Bild am Sonntag" verbreitet) hörte tags darauf - am Samstag vorletzter Woche - CDU/
CSU-Fraktionspressechef Eduard Ackermann in den Abendnachrichten des Westdeutschen Rundfunks. Verstört alarmierte er seinen
ahnungslosen Chef, den amtierenden Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel.
Per Telephon verständigte Barzel die Fraktionsprominenz von des Patriarchen Sonntagsschuß auf seinen Nachfolger.
Den Kanzler selbst erreichte Barzel nicht. Protestant Ludwig Erhard feierte an jenem Abend - im Auto des Venusberg-Pfarrers abgeholt - in der Bonner Kreuzkirche den Reformationstag.
Gläubig sang der prominente Kirchgänger mit der Gemeinde: "Und wenn die Welt voll Teufel wär' ... es soll uns doch gelingen ..."
Erst eine Stunde danach erfuhr der Volkskanzler von Rainer Barzel, daß in der Christlichen Union wieder einmal der Teufel los war. Verletzt bollerte der dünnhäutige Pykniker, er werde im Parteipräsidium der CDU nicht mehr mitmachen, wenn der Parteichef ihn derart angreife.
Telephonist Barzel hatte zunächst auch Präsident Gerstenmaier nicht erreichen können. Der Bundestagspräsident fand um drei Uhr nachts, von einer Parteiversammlung aus Schwäbisch Gmünd in seine Godesberger Residenz zurückgekehrt, auf seinem Nachttisch eine Zettelnotiz seiner Frau Brigitte vor, Barzel habe angerufen und bitte um sofortigen Rückruf.
Gerstenmaier: "Ich dachte mir, 3 Uhr 10 ist nicht, die rechte Zeit für eine christliche Partei." Er wartete bis zum Morgengrauen. Vom Bett aus klingelte er dann den Fraktionsleiter an.
Der Präsident, der noch abends zuvor in Schwäbisch Gmünd von der Eintracht zwischen Alt- und Neu-Kanzler geschwärmt hatte, wurde nun von Barzel ins "Bild am Sonntag" gesetzt. Gerstenmaier traute seinen Ohren nicht. Er mochte an eine Krise nicht glauben.
Barzel sarkastisch: "Der Herr Regierende Bundeskanzler sieht die Sache doch als sehr viel ernster an."
Zur selben Stunde eilte Kanzleramtsminister Ludger Westrick zu seinem Chef und Freund. Im Reihenhaus Schleichstraße 8 fand er einen tief getroffenen Ludwig Erhard. Gefährte Westrick leistete nicht nur amtlichen Beistand, sondern spendete auch menschliche Wärme, um den Niedergeschlagenen aufzurichten.
Gerstenmaier über diesen Allerheiligentag, an dem die Christ-Unionler am Telephon ihre Ausgangspositionen für den Krisen-Kampf vorbereiteten: "Es war ein Tag ohne Sonntagsheiligung."
Es war der Tag, an dem die gerade ein Jahr bestehende Regierung Erhard in ihre bisher schwerste Krise stürzte. Heute, eine Woche danach, ist diese Krise nur scheinbar beigelegt. Das Kampffeld ist frisch geharkt wie ein Parkweg; die Wunden, die von den Akteuren einander geschlagen wurden, sind geleckt und rosig übergepudert; die starkmachende Einigkeit wird von den Todfeinden wieder öffentlich beschworen. Aber in Wirklichkeit wird die Zerreißprobe der CDU andauern, bis die Partei entweder wieder einen anerkannten Führer gefunden hat oder tatsächlich zerrissen ist.
Zwei Männer sind es, die der Herrschaft des CDU-Volkskanzlers ein Ende setzen wollen: CSU-Parteichef Franz-Josef Strauß und CDU-Parteichef Konrad Adenauer. Strauß hat in seinem Kampf um die Macht in den letzten Jahren bereits eine Aufsplitterung der einst allumfassenden christlichen Staatspartei eingeleitet: die Trennung von CDU und CSU. In dem von den dauernden CSU-Angriffen gegen Erhard umgepflügten Boden ist nun eine neue böse Saat aufgegangen: der Zwist zwischen den auf de Gaulle und den auf Amerika bauenden Christdemokraten.
Oberhaupt der CDU-Gaullisten ist Konrad Adenauer. Er sieht in der Versöhnung mit Frankreich um jeden Preis sein Lebenswerk; seine Memoiren, an denen er schreibt, handeln mehr von Charles de Gaulle als von Konrad Adenauer; Amerika mißtraut er nach dem Tode seines Freundes John Foster Dulles zutiefst.
Seit seinem erzwungenen Rücktritt glaubt Adenauer sein Lebenswerk von einem Mann bedroht, den er jahrelang mit seinem Haß verfolgte, den er als Politiker für ungeeignet hält und der dennoch sein Nachfolger wurde: Amerika-Freund Ludwig Erhard.
Schon während der Präsidentschaftsfehde im Frühsommer 1959 hatte Erhard über Adenauer verbittert zum SPIEGEL gesagt: "Mit diesem Mann bin ich fertig." Adenauer später über Erhard: "Den bringe ich noch auf Null."
Zu der tiefsitzenden Sorge um das deutsch-französische Verhältnis und seiner festverwurzelten Abneigung gegen Erhard trat in diesem Herbst ein drittes Motiv, das seit Kriegsende ein Leitstern Adenauerschen Denkens und Handelns gewesen war: Wahlen. Die CDU -Niederlagen in den jüngsten Kommunalwahlen und die bevorstehenden Bundestagswahlen ließen ihn zum letzten Gefecht antreten - im "Bild am Sonntag".
Der reißende Strudel, in den Adenauer seine Partei damit stürzte, war so mächtig, daß in dem anhebenden Kampf ums Überleben selbst die beiden führenden CDU-Protestanten, Parlamentspräsident Gerstenmaier und Außenminister Schröder, zum erstenmal öffentlich als Rivalen antraten. Nach Spaltung der CDU/CSU in Regierung und Partei brach an Allerheiligen in der christdemokratischen Union der Krieg aller gegen alle aus.
Vierundzwanzig Stunden später, am letzten Montag (Allerseelen), eröffnete Eugen Gerstenmaier selbst des langjährigen Bonner Diadochen-Dramas zweiten Akt. Im Deutschen Presseclub an Bonns Koblenzer Straße erhob sich der Schwabe am Montagmittag nach Rehrücken und Obstsalat und setzte die strengen Diskretions-Regeln der Journalistenloge außer Kraft: "Sie können über alles, was ich jetzt sage, berichten."
CDU-Politiker Gerstenmaier, als Parlamentspräsident seit Jahren bei der Verteilung Bonner Exekutivmacht übergangen, brachte dann von sich aus den Gedanken eines personellen Wechsels in der Regierung aufs Tapet: "Die Meinung einiger Leute (der Präsident spielte auf Telephongespräche mit CDU -Landesvorsitzenden an) in meiner Partei geht darauf hin, daß ein Wechsel (im Außenamt) stattfinden sollte." Allerdings: Man solle sich "einen so schweren chirurgischen Eingriff" so kurz vor den Bundestagswahlen nicht leisten.
Ein Zeitungsmann fragte: "Glauben Sie, daß sich das Klima zwischen Bonn und Paris wieder bessern würde, wenn wir einen anderen Außenminister hätten?"
Gerstenmaier ohne Zögern: "Das könnte sein."
Zehn Jahre lang hatte Gerstenmaier als Bundestagspräsident außenpolitische Abstinenz geübt, nachdem er 1954 den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuß abgegeben hatte und Parlamentspräsident geworden war. Um so mehr überraschte es, als er im Mai dieses Jahres im fernen Japan außenpolitische Thesen aufstellte, die ihn, im Gegensatz zu früheren Ansichten, in die Nähe gaullistischer, also auch Adenauerscher Gedankengänge rückten.
Vor den Studenten der Kioto-Universität entwickelte er eine Ellipsen-Theorie. Gerstenmaier will das zentrale militärische Kommando Washingtons innerhalb der freien Welt durch ein mehrpoliges Sicherheitssystem ersetzen, das einerseits einen europäisch-atlantischen, andererseits einen amerikanisch-pazifischen Schwerpunkt hat.
Gerstenmaler: "Ich stelle mir die Entwicklung in einer Form vor, die sich am einfachsten in Gestalt zweier miteinander verbundener Ellipsen zur Darstellung bringen läßt ... Der eine Brennpunkt würde sicher Washington bleiben, der andere aber müßte in Europa liegen. Er würde mit großer Wahrscheinlichkeit Paris sein."
Staatsgeneral de Gaulle hörte damals von der Rede und schrieb an Adenauer, er begehre Näheres über "diese sehr interessante Idee des Monsieur Gerstenmaier zu erfahren". Der Kanzler-Pensionär schickte seinem Freund sofort den Text von Gerstenmaiers Ellipsen-Rede.
Einen Aufenthalt des Bundestagspräsidenten in Paris zu einem Vortrag in der Sorbonne nutzte der General wenige Wochen später, im Oktober, für eine Einladung des Bonner Vortragsreisenden in den Elysée-Palast.
Gerstenmaier bereitete sein Tête-à tête mit dem General sorgsam vor. In der Sorbonne schmeichelte der Deutsche dem atomaren Ehrgeiz des Franzosen: Mit Sicherheit könnte schon heute im Fall der Ellipsen-Konstruktion der Nato davon ausgegangen werden, daß in beiden Brennpunkten der Ellipse "Atomwaffen zur Verfügung stehen".
Fünfundfünfzig Minuten lang saßen der französische Staats- und der deutsche Parlamentspräsident einander am nächsten Tag im Elysée gegenüber. Der General, der die Tokio-Rede genau studiert hatte, fragte den Besucher nach Einzelheiten seiner Ellipsen-These. Gerstenmaier hinterher: "De Gaulle fragte so intensiv. Ich war wie abgeschlagen."
Gerstenmaier focht vor dem General in Sachen Getreidepreis und deutscher Bündnistreue zu Amerika entschieden mit den offiziellen Bonner Argumenten: "Wir müssen unsere Interessen nach allen Seiten hin offen vertreten dürfen." Andererseits mühte er sich auch, das Wohlwollen seines Gastgebers für die Ellipsen-Theorie zur Erwärmung des seit dem Sommer eisig abgekühlten deutsch-französischen Verhältnisses zu nutzen.
Der Bundestagspräsident war der erste prominente Bonner Politiker, der den französischen Staatspräsidenten seit einer mißglückten Bonn-Visite des Generals im Juli dieses Jahres sprechen durfte. Für die vertraglich zur Freundschaft verpflichteten Partner hatte in jenem Monat die Stunde der Wahrheit geschlagen.
Zu Adenauers Kanzler-Zeiten war de Gaulle stete Bekundung deutscher Gefolgschaftstreue gewohnt, während "wir die strittigen Hauptprobleme immer unerledigt wie einen Stein vor uns herwälzten" (Außenminister Schröder).
Selbst Konrad Adenauers einstiger Intimus, Herbert Blankenhorn, hatte als Botschafter der Bundesrepublik in Paris seinen Kanzler mehrmals vergeblich gemahnt, Bonn müsse "dem General endlich reinen Wein einschenken", sonst gäbe es eines Tages "ein böses Erwachen"; deutsch-französische Freundschaft könne nicht Unterwerfung unter de Gaulles Willen bedeuten.
Erst der aufrichtige Erhard legte die Karten auf den Tisch. Johannes Gross im "Monat": "In Adenauer sahen die Deutschen ihren Gemeinplatz bekräftigt, daß Politik den Charakter verderbe, unter Erhard mögen sie hinzulernen, daß Charakter die Politik verdirbt. "Offen erklärte Erhard Anfang Juli im Palais Schaumburg seinem Gast de Gaulle, seine Regierung sei zu keinem Arrangement mit Frankreich bereit, das die enge Bindung der Bundesrepublik an Amerika gefährden könne. Der General-Präsident bemerkte kühl: "Sprechen wir von Politik und nicht von Philosophie."
Dann fragte der Franzose den Deutschen, welchen Nutzen sich die Bundesrepublik denn von militärischem und finanziellem Engagement in der multilateralen Atomstreitmacht verspreche: "Werden Sie dabei etwas zu sagen haben?"
Erhard konterte mit der Gegenfrage: "Wenn sich die Bundesrepublik am Aufbau der Force de frappe beteiligt, haben wir dann etwas zu sagen?"
De Gaulle antwortete mit einer einzigen Silbe: "Non!"
Hinterher mokierte sich Außenminister Schröder über die französische Vorstellung von einer "klaren Arbeitsteilung" auf nuklearem Gebiet: "Bonn bezahlt. Paris regiert."
Beim Abschiedsessen im Palais Schaumburg war die Atmosphäre an jenem Julitag trotz der Sommerhitze so eisig, daß ein hoher französischer Diplomat anschließend räsonierte: "Erhard hat sich dabei verhalten, als ob er gar keinen Gast hätte - wie ein Ehemann nach einem Streit mit seiner Frau."
Bald nach der Abreise de Gaulles aus Bonn legte Minister Schröder die Amtsgeschäfte aus der Hand. Anfang August reiste er zu mehrwöchiger Sommerpause in sein Ferienhaus "Atterdag" in Kampen auf Sylt. Dann ereilte ihn in Bonn eine Virus-Grippe. Am 15. Oktober, als Chruschtschow stürzte, mußte der Minister zur Kur auf die Bühlerhöhe in den Schwarzwald reisen. Dort kurte er auch noch, als Frankreich am 21. Oktober in Brüssel ultimativ drohte, es werde seine Mitarbeit in der EWG einstellen, falls die Bundesrepublik sich weigere, "ihre Verpflichtungen zu erfüllen" (Couve de Murville) und nicht bis zum 15. Dezember einem einheitlichen EWG-Getreidepreis zustimme.
Obgleich die deutsche Außenpolitik unter Schröder keinen einzigen Fehlschlag erlitten hat, der auf eigenes Verschulden zurückgeht und durch den Wahlsieg des auf Deutschland bauenden US-Präsidenten Johnson in ihrer proamerikanischen Grundlinie bestätigt und gerechtfertigt worden ist, zeigte sich während der Schröder-Kur im Schwarzwald, wie weitgehend Flüsterpropaganda seiner, gaullistischen Gegner diesseits und jenseits der Grenzen die Position des deutschen Außenministers bereits unterwühlt hat. Offen wurden in Bonn Nachfolge-Spekulationen angestellt. Ins Gespräch kamen oder brachten sich:
- EWG-Präsident Professor Walter
Hallstein, 63, der für 1965 mit einer Bundestagskandidatur in Stuttgart liebäugelt; bei de Gaulle ist der frühere AA-Staatssekretär als Oberhaupt der Europa-Technokraten allerdings auch nicht gelitten.
- CSU-MdB Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, 43, der Autor des Buches "Wenn der Westen will" (SPIEGEL 37/1964), ist Favorit der Gaullisten, hat aber bei Erhard und bei Bundespräsident Lübke keine Chance.
- Bundestags-Präsident Eugen Gerstenmaier, 58, seit seiner Ellipsen -Theorie, der aber lieber Kanzler als Außenminister werden möchte.
Hoffnungen auf eine Rückkehr des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich von Brentano in das einst von ihm verwaltete Außenminister-Amt sind dagegen überall zerronnen, seit klar geworden ist, daß die Krankheit des hessischen Edelmannes noch nicht so bald auskuriert sein wird.
Von der Tür seines Arbeitszimmers im Bundeshaus, wo jetzt Stellvertreter Rainer Barzel residiert, ist das Schild mit dem Namen "Dr. von Brentano" bereits entfernt worden.
Damit sein Schild nicht auch so schnell abgeschraubt wurde, reiste Rekonvaleszent Schröder am Montag letzter Woche
- einen Tag nach Erscheinen des Adenauer-Interviews und dem Ausbruch der Unions-Krise - aus dem Schwarzwald -Sanatorium nach Bonn.
Der Außenminister kam gerade noch zur Sitzung der CDU-Spitze zurecht, die sich - von Barzel zusammengetrommelt - nach Tisch im Bundeshaus eingefunden hatte.
Hinter gepolsterten Türen, im Zimmer des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden, trafen die Widersacher aufeinander: der ungerührte Konrad Adenauer mit dem schmollenden Ludwig Erhard und seinem äußerlich gelassenen Minister Schröder, die sich vorher schnell unter vier Augen abgestimmt hatten.
Die Vermittler Krone, Dufhues, Barzel, Gerstenmaier und Kanzler-Sekundant Westrick, seit kurzem in Berlin von der CDU ehrenhalber als Mitglied adoptiert, saßen bestürzt dabei, als Adenauer aggressiv auf Erhard losfuhr: "Was ist eigentlich in Bonn im letzten Jahr geschehen, Herr Erhard. Sagen Sie mir mal, was von Ihrer Regierung geleistet worden ist?"
Schröder fiel dem alten Herrn ins Wort und nahm Erhard in Schutz: "Ich verstehe diese Argumente nicht. Ich habe doch mit Ihnen alle Dinge, die jetzt anstehen, durchgesprochen und beschlossen, als Sie noch Kanzler waren und ich Ihr Außenminister."
Selbst Erhard raffte sich zu harter Replik auf: "Wer so vorgeht wie Sie, Herr Adenauer, der schadet nicht nur sich selbst, sondern der ganzen CDU und hilft unseren politischen Gegnern."
Adenauer spielte beleidigte Unschuld: "Meine Herren, ich glaube, Sie haben den Artikel noch gar nicht gelesen. Es steht doch ausdrücklich drin, daß ich meinen Nachfolger nicht kritisieren will."
Darauf wieder Schröder: "Meine Frau und ich haben den Artikel sogar schon vor dem Sonntagsfrühstück gelesen. Wir waren empört darüber, daß Sie auf meine Krankheit angespielt haben, wo ich doch in den elf Jahren meiner Minister-Tätigkeit noch kaum einen Tag krank gewesen bin."
Als die Diskussion der CDU-Oberen um die Schuldfrage begann, zog Eugen Gerstenmaier sich ins Zimmer nebenan zurück: "Ach, jetzt beginnt der historische Teil." Er machte sich daran, einen innerparteilichen Friedensvertrag zu Papier zu bringen.
Auch Schröder und Barzel versuchten sich an einer Einigkeits-Deklamation. Erhards Wunsch nach einem Tadel für Adenauer bog Schröder dabei mit dem Argument ab, man dürfe die Lage nicht unnötig zuspitzen, solange im Parteivorsitz kein Personen-Wechsel möglich sei (nur ein Sonderparteitag könnte statt Adenauer, der in diesem März für zwei weitere Jahre in seinem Amt bestätigt worden war, einen anderen Vorsitzenden wählen).
Immerhin ließ der Außenminister durchblicken, Erhard und ei seien entschlossen, "im Wiederholungsfall" durch Rücktrittsdrohungen eine Entscheidung zu erzwingen.
Deshalb blitzte auch Eugen Gerstenmaier ab, als er mit einem umfänglichen Friedenspapier wieder im Beratungszimmer auftauchte. Schröder überflog den Text: "Sie wollen ja hier alle Sachprobleme einzeln ansprechen, Herr Kollege. Aber dann wird ja alles noch kontroverser als es schon ist. So eine Programmatik kann hier nicht überstürzt aufgestellt werden."
Gerstenmaier aufgebracht: "Ja, was wollen Sie denn eigentlich? Stimmungen beschwören? Das will ich Ihnen sagen - das ist eine ganz ernste Führungsfrage. Wir müssen dem Volk den Blick auf die sachlichen Differenzen öffnen und zu erkennen geben, daß Lösungen politisch möglich sind."
Barzel drängte zur Eile: Fraktionsvorstand und Presse würden ungeduldig. So wurde für den ein paar Zimmer weiter wartenden gesamten Fraktionsvorstand ein Einigkeits -Kommuniqué entworfen. Grundlage war der Schröder-Barzel-Entwurf; von Gerstenmaiers Vorschlag wurde nur eine kurze Passage übernommen.
In dem Kommuniqué hieß es, daß "die Politik von Bundeskanzler Ludwig Erhard unverändert auf den Grundlagen der bisherigen Außenpolitik ... weiterentwickelt" werde. Und: "Dr. Adenauer hat erklärt, daß er auch fernerhin die Absicht habe, die Politik der Bundesregierung mit voller Kraft zu unterstützen."
Im Fraktionsvorstand, wo anschließend weitergetagt wurde, blieb Konrad Adenauer vollends allein. Einer
nach dem anderen warf ihm parteischädigendes Verhalten vor.
Fraktionschef Barzel: "Wer künftig als Solist arbeitet, muß wissen, daß er ohne Netz turnt."
Wirtschaftsminister Kurt Schmücker: "Wenn sich noch einmal zwei führende Leute unserer Partei in der Öffentlichkeit streiten, haben entweder der eine oder der andere oder gar beide zu gehen."
Adenauer trotzte: "Ich bin hier nicht auskunftspflichtig." Er sei einzig und allein der Partei und nicht dem Fraktionsvorstand verantwortlich. Herr Erhard hat dem Volk Versprechungen gemacht, die er nicht halten kann. Das habe ich nie getan." Dann kam sein "Ernst der Lage"-Refrain: "Ich habe doch nur einen Stein ins Wasser werfen wollen, um zu zeigen, wie ernst die
Lage ist."
Adenauer verdächtigte die Amerikaner der Unzuverlässigkeit: "Herr Johnson war zwanzig Jahre Zwischenhändler der Parteien im Kongreß. Was denken Sie, wie oft er in dieser Zeit gelogen hat." Und: "Mit Chruschtschow hat Herr Johnson schon 140 Briefe gewechselt."
Auf den Vorhalt, die "Bild"-Zeitung sei doch unter Niveau, gab Adenauer zurück: "Aber sie hat fünf Millionen Auflage."
Zwischenruf: "Das war ja 'Bild am Sonntag'. Die haben doch nur fünfhunderttausend*."
Adenauer: "Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich das Interview gar nicht gegeben."
Fünf Minuten später, nachdem der Fraktionsvorstand den vorbereiteten Kommuniqué-Entwurf angenommen hatte, drohte Adenauer beim Hinausgehen schon wieder: "Wenn der Zirkus so weitergeht, gebe ich gleich wieder ein Interview."
Gerhard Schröder hatte die ganze Zeit am Vorstandstisch zur Linken
Adenauers gesessen und kein Wort gesagt. Noch am selben Abend fuhr der Minister kalt in die Schwarzwald-Kur zurück.
Bei weitem nicht so optimistisch wie sein Außenminister wirkte Volkskanzler Erhard, als er gegen 15 Uhr am letzten Dienstag allein in eine Sitzung der CDU/CSU-Fraktion stapfte. Gesenkten Hauptes schritt er durch die Saaltür. Adenauer ließ auf sich warten.
Das Bemühen der Fraktionsführung, eine neue Debatte über den Streit, diesmal vor versammelter Fraktionsmannschaft, zu verhindern, blieb fruchtlos. Der vom Barzel-Schröder-Gerstenmaier-Kommuniqué überdeckte Riß brach wieder auf. CDU-Veteran Storch beklagte, daß Adenauer "ausgerechnet einem Organ der Asphaltpresse ein solches Interview" gewährte.
Gemeinsam verließen die Minister Westrick und Krone im Verlauf der Debatte den Sitzungssaal. Westrick zog Krone am Ärmel auf den Treppenflur und unterhielt sich eine Viertelstunde mit ihm. Westrick fragte Krone, ob er nicht Adenauer nach Paris begleiten und ein bißchen nach dem rechten sehen wolle. Der Sonderminister akzeptierte. Adenauer sollte statt mit Kanzler-Brief mit Kanzlers Krone reisen.
Drinnen Im CDU-Saal hielt CSU -Baron Guttenberg dem abwesenden Außenminister Schröder ein Sündenregister vor:
- Schröder habe das Verhältnis zu
Paris empfindlich gestört;
- Schröders Entspannungspolitik nach Osten sei ein Fehlschlag gewesen, wie Chruschtschows Sturz zeige;
- Schröder beuge sich noch immer vor der amerikanischen Hegemonie;
- Schröder habe von den Engländern, auf die er sich so sehr verlasse, keinen Dank geerntet;
- Schröder fehle eine rechte Konzeption für die Israel- und Nahost-Politik.
Während der Abgeordnete Ernst Majonica, Außenpolitiker seiner Fraktion, anschließend den Außenminister verteidigte, lief Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner auf dem Treppenflur vor dem Fraktionssaal aufgeregt hin und her und hielt in Richtung Hauptgebäude Ausschau, von wo Parteichef Adenauer allein und spät heranmarschiert kam. Zwischen Tür und Angel erstattete Rasner hastig Lagebericht.
Adenauer bat sogleich ums Wort. In den Beziehungen zwischen zwei Staaten komme es wesentlich auf die Atmosphäre an: "Ich habe das beste Verhältnis zu Herrn de Gaulle gehabt."
Was die multilaterale Atomstreitmacht der Nato angehe, so sei es wichtig, daß die Bundesrepublik "irgendwie in die Nähe der Atomwaffen" gelange.
Ludwig Erhard beteuerte in seiner Erwiderung, auch er habe alles getan, um mit de Gaulle ins reine zu kommen. Aber: "De Gaulle
macht es uns schwer." (Der Kanzler zum SPIEGEL: "Was für ein Erbe habe ich angetreten!") Nur müder Beifall belohnte den alten und den neuen Kanzler.
Eugen Gerstenmaier hatte abgewartet, bis alle Redner durch waren. Dann bot er der aufs tiefste verwirrten Fraktionsschar als erster endlich festen Halt. Er weihte seine Parteifreunde in seine Gespräche mit dem französischen Staatsgeneral, ein. Viermal habe de Gaulle die Kernfrage gestellt, ob Gerstenmaier wirklich glaube, daß die Amerikaner im Ernstfall Europa mit Atomwaffen verteidigen würden: "Wer gibt. Ihnen diese Sicherheit?" Dazu Gerstenmaier vor der Fraktion: "Darüber kann man nicht hinweggehen. Darüber muß man nachdenken."
Anders als alle Vorredner erntete Gerstenmaier stürmischen Applaus. Mit einem Schlag vergaßen die bangenden Christdemokraten ihre Ratlosigkeit. CSU-Guttenberg zum SPIEGEL: "Die Fraktion hat erkannt, daß hier ihr nächster Bundeskanzler sprach, falls die CDU nach Erhard noch einen Bundeskanzler stellt."
Gerstenmaier, dem ein adliger Mitkämpfer im Widerstand vom 20. Juli
1944 dieser Tage sagte: "Du bist nicht umsonst vom Galgen davongekommen", und der am Sonnabend letzter Woche von der "Bild"-Zeitung als Kanzler -Kandidat aufgebaut wurde, bekannte selbst im Bismarck-Stil: "Wenn die Pflicht es fordert, werde ich antreten - nicht aus Neigung."
* Verkaufte Auflage der "Bild"-Zeitung 3,8 Millionen; "Bild am Sonntag" 1,9 Millionen.
CDU-Kanzler Erhard, CDU-Chef Adenauer
An Allerseelen Frieden ohne Frieden
Adenauer-Interview in "BamS": An Allerheiligen Krieg aller gegen alle
Bonn-Besucher de Gaulle, Gastgeber im Juli 1964: "Non"
Außenminister-Aspirant Hallstein
Beim General nicht gelitten
Außenminister-Aspirant Guttenberg
Beim Kanzler keine Chance
Handelsblatt
Der Ofen ist aus

DER SPIEGEL 46/1964
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1964
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BONN / CDU-KRISE:
Hin und her und her und hin

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt