18.11.1964

BITTERE MANDELNGift im Stollen

Die 56 Jahre alte Frau brach auf der Straße zusammen. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, stöhnte und schrie sie unter krampfartigen Schmerzen.
Die Ärzte der Düsseldorfer Städtischen Krankenanstalten vermuteten eine Vergiftung und spülten der Patientin den Magen aus. Ohne Erfolg: Etwa eine halbe Stunde nach der Einlieferung ins Krankenhaus starb die Frau an einer Lähmung des Atmungs- und Kreislaufsystems.
Als später die Leiche untersucht wurde, stellte sich heraus, daß die Patientin an einer Blausäure-Vergiftung gestorben war. Im Magen und im Zwölffingerdarm der Toten entdeckten die Ärzte Reste einer orientalischen Frucht, mit der deutsche Hausfrauen bevorzugt ihr Weihnachtsgebäck würzen: bittere Mandeln.
Die Gerichtsmedizinerin Professor Dr. Elisabeth Trube-Becker berichtete in den "Ärztlichen Mitteilungen" über diesen Mandel-Tod und über vier weitere Fälle von schweren Bittermandel -Vergiftungen. Ihre alarmierende Untersuchung blieb nicht ohne Widerhall: Am Donnerstag dieser Woche berät der Innenausschuß des Bonner Bundesrats einen Verordnungsentwurf aus dem Gesundheitsministerium, wonach der Handel mit bitteren Mandeln künftig beschränkt werden soll.
Dabei ist unter anderem vorgesehen, daß
- Bittermandeln nur noch in Tüten zu höchstens 50 Gramm - statt wie bisher zu etwa 100 oder 125 Gramm gehandelt werden dürfen;
- die Packungen durch signalrote Aufschriften wie "Vorsicht! Rohverzehr gesundheitsgefährlich! Nur zum Kochen und Backen! Für Kinder unzugänglich aufbewahren!" gekennzeichnet sein müssen.
"Bei einem Teil der Verbraucher", begründete Bonns Gesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt Ende Oktober ihren Verordnungsentwurf, reichen die "warenkundlichen Kenntnisse über bittere Mandeln zur Zeit nicht mehr aus".
Nur wenige deutsche Hausfrauen wüßten beispielsweise, daß schon fünf bis zehn roh genossene Bittermandeln ein Kind vergiften könnten und daß mitunter 60 bittere Mandeln (rund 60 Gramm) bei einem Erwachsenen tödlich wirken.
Bislang war das Bonner Gesundheitsministerium davon ausgegangen, daß der Geschmackssinn ausreiche, Verbraucher vor übermäßigem Genuß der "scheußlich schmeckenden Früchte" ("Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin") zu bewahren. Die Düsseldorfer Ärztin Trube-Becker konstatierte jedoch, daß für viele Gaumen keineswegs bitter ist, was landläufig als bitter gilt.
Geschmackstests, bei denen Versuchspersonen zwischen sauer, bitter, süß und
salzig unterscheiden mußten, zeigten das deutlich:
- Bei einem Test mit 320 Jugendlichen versagten fast 70 Prozent der Prüflinge, als sie die richtige unter den vier Geschmacksrichtungen nennen sollten.
- Bei einem Versuch mit 25 naturwissenschaftlich vorgebildeten Erwachsenen rieten 14 Testpersonen falsch, wenn es sich um mäßige Geschmacksunterschiede handelte, fünf täuschten sich auch bei geschmacklich starken Differenzen.
"Es gibt Individuen", notierte schon 1885 der französische Fin-de-sincle -Feinschmecker Anthelme Brillat-Savarin in seiner "Physiologie des Geschmakkes", "denen die Natur jene Feinheit der Geschmacksorgane ... versagt hat."
Gleichwohl will das Bundesgesundheitsministerium den Handel mit bitteren Mandeln nicht generell verbieten. Denn verbacken oder gekocht sind Bittermandeln - selbst wenn sie in größeren Mengen wie etwa für Weihnachtsstollen (rund 200 Gramm) verarbeitet werden - absolut ungefährlich: Beim Kochen und Backen entweicht die Blausäure. Nur beim Genuß roher Bitterkerne wird die Blausäure (pro Mandel bis zu 2,5 Milligranm) durch Einwirkung von Speichel und Magensäften im Körper als tödliches Gift freigesetzt.
Auch zur bevorstehenden Weihnachts -Backsaison sollen nach Schätzungen des Waren-Vereins der Hamburger Börse wieder rund 100 000 Kilogramm bittere Mandeln auf Ladentheken und in Selbstbedienungsregale geschleust werden - eine Menge, die ausreichen würde, zehn Millionen Kinder oder anderthalb Millionen Erwachsene tödlich zu vergiften. Weil aber dieser Vorrat an Küchenwürze zum größten Teil bereits abgepackt ist, werden Westdeutschlands Konsumenten frühestens zu Weihnachten 1965 offiziell vor Blausäure-Verzehr gewarnt werden.
Gesundheitsministerin Schwarzhaupt Mit der Küchenwürze für Weihnachten ...
Bittere Mandeln in Berliner Feinkostladen
...tödliche Gefahr für 10 Millionen Kinder

DER SPIEGEL 47/1964
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