18.11.1964

DEUTSCHLANDFlucht nach Teneriffa

Die Filme heißen "Holiday in St. Tropez" oder "Die schwarzen Adler von Santa Fe", sie spielen in Hongkong oder auf schwedischen Schäreninseln, ihre Stoffe stammen von James Hadley Chase oder Edgar Wallace, gedreht werden sie in Jugoslawien oder Spanien - "deutsch" ist nur noch die Herkunftsbezeichnung, unter der sie ins Kino kommen.
Der Hang zum Exotischen, die Lust am Duft der weiten Welt - im Film aller Länder von jeher virulent, jedoch bisher niemals dominierender Zug irgendeiner nationalen Produktion - ist im neueren deutschen Filmschaffen übermächtig geworden und hat zu einem. Phänomen ohne Parallele geführt: zum Verschwinden des deutschen Menschen und des deutschen Milieus aus dem deutschen Film.
Schon französischen, englischen oder italienischen Durchschnittsfilmern ist es selbstverständlich, ihre Unterhaltungsstücke im heimischen Milieu anzusiedeln. Erst recht hat alle ambitionierte Filmkunst - vom russischen Revolutionsfilm über Amerikas gute Gangsterfilme bis zu Frankreichs "Neuer Welle"
- stets die jeweils eigene Nation, Gesellschaft und Gegenwart gespiegelt.
"Der Film", verkündete der französische Filmtheoretiker Leonce Burel schon in der Kino-Frühzeit, "wird national sein, oder er wird überhaupt nicht sein!" Der italienische Drehbuchautor und Neorealist Cesare Zavattini forderte: "Der Film sollte die Gegenwart als seine conditio sine qua non akzeptieren. Das Heute, Heute, Heute, Heute."
Von der Erfüllung solcher Forderungen ist der sogenannte deutsche Film heute weiter denn je entfernt. Mehr deutsche Filme denn je meiden die deutsche Wirklichkeit, mehr deutsche Filmhelden denn je heißen Johnny, Joe oder Jim.
Von 100 deutschen Filmen, die in diesem Jahr uraufgeführt wurden oder in Produktion gingen,
- spielen 82 in Asien, Amerika, Afrika
oder im europäischen Ausland - nur 18 spielen vor heimatlicher Kulisse (am liebsten vor der von gestern: "Lausbubengeschichten", "Wälsungenblut");
- handeln 58 von Helden des Wilden Westens, von internationalen Abenteurern und anderen exotischen Figuren - nur 42 von Deutschen.
Die erfolgreichste deutsche Produktionsgesellschaft, die Berliner "Rialto" - sie stellte die meisten Wallace - und May-Verfilmungen her -, hat ihren letzten Film mit deutschem Thema ("Ich bin auch nur eine Frau") vor zwei Jahren gefertigt. Fast so lange ist es her, daß Will Tremper ("Die endlose Nacht") - der Regisseur, den deutsche Kritiker für den fähigsten hielten, deutsche Realitäten zu belichten - überhaupt einen Film gemacht hat.
Am deutlichsten aber spiegelt sich die Verfremdung des deutschen Films, dessen wohl beliebtester männlicher Star zur Zeit ein Ausländer ist - der May-Filmheld Lex Barker -, im Rollenregister seiner Darsteller.
So spielt Horst Frank in Hongkong einen Heroinschmuggler ("Weiße Fracht für Hongkong"), in Bangkok einen Interpol-Agenten ("Die Diamantenhölle am Mekong"), in der Tschechoslowakei einen Trapper ("Die Goldsucher von Arkansas"), in Kalifornien einen Maler ("Die Tote von Beverly Hills"), In Spanien einen Banditen ("Die letzten Zwei vom Rio Bravo") und wiederum in der CSSR einen Secret-Service -Leutnant in dem Weinert-Wilton-Krimi "Das Geheimnis der chinesischen Nelke", der mit Prager Mauern Londoner Kolorit vortäuscht.
Im selben Film spielt Klaus Kinski einen Gangster namens Speranzo und setzt damit seine erfolgreiche Rollenserie anglo-amerikanischer Unholde fort - in den Filmen "Der letzte Ritt nach Santa Cruz", "Winnetou 2. Teil", "Die Gruft mit dem Rätselschloß", "Wartezimmer zum Jenseits" und "Das Geheimnis der schwarzen Witwe" (alle allein in der letzten Saison) ist er jeweils im selben Fach tätig.
Für die Protagonisten des positiven Fachs bietet der deutsche Film derzeit an:
- englische Detektive (Joachim Fuchsberger und Heinz Drache in mehreren Wallace-Filmen, Adrian Hoven als "Tim Frazer" und in "Der Fluch
der grünen Augen", O. W. Fischer in "Das Geheimnis der schwarzen Witwe", Götz George in "Wartezimmer zum Jenseits"),
- amerikanische Cowboys (Götz George in "Sie nannten ihn Gringo" und "Unter Geiern") oder
- südamerikanische Verkehrspiloten
(Harald Juhnke in "Die goldene Göttin vom Rio Beni", Helmut Schmid in "Der Satan mit den roten Haaren").
Nach einer in der Branche kolportierten Anekdote hat der "Rapid" -Filmproduzent Wolfgang Hartwig dem Horst Frank kürzlich voll stolzer Freude eröffnet, er könne ihn demnächst wieder zu einem Großfilm in die Südsee schicken; darauf Frank verdrossen: "Haben Sie nicht mal einen kleinen im Schwarzwald für mich?"
Die beste Chance, Helden eigener Nationalität darstellen zu dürfen, bietet sich deutschen Schauspielern immer noch in ausländischen Kriegsfilmen, wo sie als deutsche Offiziere Verwendung finden: so O.E. Hasse - in Deutschland zuletzt als englischer Raketenforscher eingesetzt ("Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse") - in dem französischen Film "Das Laster und die Tugend"; so Richard Münch - im deutschen Film letzthin ein italienischer Gangsterboß ("Das Wartezimmer zum Jenseits") - in dem amerikanischen Film "Der längste Tag".
Beklagenswert ist das Los der deutschen Filmschauspielerinnen, die das von aller Welt bestaunte deutsche "Fräuleinwunder" in welschen Verkleidungen zur Schau stellen müssen und ohne Unterlaß durch den Nebel von London oder die Wildnisse ferner Erdteile gehetzt werden. Sie verkörpern vorwiegend blasse englische Erbinnen (Karin Dor in Wallace-Filmen), Indianerinnen (Karin Dor in "Winnetou 2. Teil"), Dschungel-Ärztinnen (Marianne Koch in "Todestrommeln am großen Fluß", Marianne Hold in "Diamantenhölle am Mekong"), Wildwest -Bräute (Marianne Koch in "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" und "Nur einer kam zurück") oder halbnackte Urwald -Göttinnen (Catharina von Schell als "Lana - die Königin der Amazonen").
Besonders arg ergeht es der einstigen Favoritin des Gründgens-Ensembles, Elisabeth Flickenschildt: Als heruntergekommene Bordell-Mutter west sie mal auf einer Balkan-Insel ("Einer frißt den anderen"), mal im finstersten London ("Das Phantom von Soho").
Wie sehr der deutsche Film bemüht ist, deutsche Wirklichkeit auszusparen, zeigt sich aber auch in den wenigen Filmen, deren Helden doch noch deutscher Nationalität sind - sie werden vorzugsweise als Urlauber außerhalb Deutschlands vorgeführt. Schon die Titel schweifen werbend in die Ferne, etwa "Holiday in St. Tropez", "Wenn man baden geht in Teneriffa" oder "Unsere tollen Tanten in der Südsee".
Bei "Holiday in St. Tropez" trieb die fragwürdige Internationalisierung besonders wunderliche Blüten: Dieser deutsche Film mit halbenglischem Titel wurde in Jugoslawien gedreht und spielt unter Jugoslawien-Urlaubern; seine Handlung kreist, den Titel zu rechtfertigen, um ein jugoslawisches Hotel namens "St. Tropez" und präsentiert den deutschen Eislauf-Meister Manfred Schnelldorfer als schlagersingenden französischen Polizisten.
Als Sinn des Reisens erweist sich Im deutschen Kino freilich nur selten das Kennenlernen anderer Länder. Häufiger geht es um das rechte Klima für erotische Eroberungen - in Schweden ("Maibritt, das Mädchen von den Inseln"), in Meran ("Erzähl mir nichts") oder in Venedig ("Heirate mich, Chérie!"). Den derzeitigen Chef-Liebhaber des deutschen Films, Thomas Fritsch, macht dieser Trend zum Dauerreisenden: Kaum hat er auf der Via Veneto in Rom geliebt ("Volles Herz und leere Taschen"), schon muß er den Schönen Dänemarks nachjagen ("2 x 2 im Himmelbett").
Die neueste Fort-von-Deutschland -Bewegung des deutschen Films kommt nicht von ungefähr. Noch nie ist realistische Darstellung der einheimischen Zustände seine Stärke gewesen, und Weltgeltung hat er nur einmal besessen - in der frühen Periode des künstlerischen Gruselfilms, der surrealen und expressionistischen Monstren vom Schlage des "Doktor Caligari". Der derzeitige deutsche Film-Eskapismus aber ist radikaler und kurioser als alle frühere Realitätsflucht deutscher Kino-Kunst.
Die deutsche Filmindustrie selbst steht diesem Phänomen einigermaßen verwirrt gegenüber. In ihrem Fachblatt "Film-Echo/Filmwoche" wurde zur Erklärung ein ungenannt bleibender Mann aus der Branche zitiert: Die Ausländer, so räsonierte diese deutsche Koryphäe, seien "besser dran": "Ein Film in den Straßen von Neapel oder Rom, von Paris oder Stockholm, von New York oder Frisco, von Rio oder Lissabon, das locke und lohne doch, da haben die Menschen Gesichter, die die Kamera reizen können. Den französischen Arbeiter als Typ, den gebe es wirklich ..."
Eine schon eher einleuchtende Erklärung dafür, daß der deutsche Film seine Helden heute mit Vorliebe als Londoner Gangster und Londoner Detektive verkleidet, fand die Pariser Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma": "Mangel an eigenen Ideen und eigenen Polizisten."
Frank in "Mekong"
Kinski in "Santa Cruz"
Deutsche Filmdarsteller als Ausländer: Mehr denn je ...
Hoven In "Tim Frazer"
Deutsche Karin Dor (in "Winnetou")
... heißen deutsche Helden ...
Schnelldorfer in "St. Tropez"
Catharina von Schell in "Lana"
Elisabeth Flickenschildt in "Soho"
... Johnny, Joe oder Jim. Deutsche Filmdarsteller als Ausländer
Hasse als Deutscher (französisch), als Engländer (deutsch)*: Prag als London
* In den Filmen "Das Laster und die TUgend" (l.) und "Die Todesstrahlen des Dr. Mabuse".

DER SPIEGEL 47/1964
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