09.12.1964

DIPLOMATENKoreanischer Krampf

Südkoreas Staatspräsident. Park Tschung-hi, 47, erzählt gern von seiner Kindheit als Hütejunge, daß er sich damals oft mit eigensinnigen Bullen habe plagen müssen.
In Bonn, wo Park in dieser Woche zum Staatsbesuch weilt, begegnet ihm ein ähnliches Problem: der bullige Landkartenhersteller und ehemalige Frontoffizier Dr. Karl Kollbach, 53, aus Remagen. Kollbach fordert von den Südkoreanern 200 000 Mark.
Vor zehn Jahren hatte der frühere Staatschef Syngman Rhee seinen Neffen Hanho Rhee, der in der Schweiz Flekkenwasser produzierte, als Generalkonsul und Leiter einer Handelsmission nach Bonn geschickt. Regierungsrat Oehmler vom Bundeswohnungsbauministerium vermittelte im Auftrag des Auswärtigen Amts dem neuen Konsul die Zehn-Zimmer-Villa "Haus auf Leims" des Ehepaars Kollbach in Remagen.
Ursprünglich hatten die Kollbachs ihr Haus verkaufen wollen; aber der Hinweis Oehmlers auf die Bonität der befreundeten koreanischen Regierung bewog das Ehepaar, in Anwesenheit des Wohnungsbeamten den Mietvertrag zu unterschreiben. Konditionen: zehn Jahre Gültigkeit, 1000 Mark Monatsmiete, kündbar nur dann, wenn die Bundesregierung ihren Sitz verlegen sollte.
Die Bundesregierung blieb in Bonn, aber im Sommer 1956 kündigte Hanho Rhee dennoch. Der ehemalige Judomeister, der durch allzu bewegliche Finanztransaktionen das Mißfallen seiner Regierung erregt hatte, mußte seinen Sitz in die Schweiz zurückverlegen. Sein Nachfolger wurde Dai Young Park.
Der neue Mann kam mit dem Auftrag, sich Wohnung und Amtsräume in Bonn einzurichten, und das Haus am Rhein verwaiste.
Die Kollbachs hatten jedoch ihre Mietforderungen aus dem Zehnjahresvertrag zur Tilgung alter Schulden an die Bonner Kreissparkasse verpfändet. Einige Zeit, nachdem die Koreaner ausgezogen waren, geriet das "Haus auf Leims" auf Antrag der Kasse unter Zwangsverwaltung. Neue Mieter fanden sich nicht mehr, weil auch eine Zwangsversteigerung drohte.
Karl Kollbach begann seinen achtjährigen Korea-Krieg. Dabei hatte er nicht nur die Asiaten, sondern auch das Auswärtige Amt zu Gegnern.
Der neue Generalkonsul erklärte sich zunächst bereit, über eine Abfindung zu verhandeln. Daraufhin bat Kollbach das Bonner Außenamt, es möge seine Forderungen unterstützen.
Die Protokoll-Vorsteherin Erica Pappritz tat jedoch das Gegenteil. Sie erläuterte den Koreanern; der Präsidenten-Neffe Rhee habe zwar den Mietvertrag als "Generalkonsul" unterzeichnet, nicht aber "handelnd im Auftrage der Republik Korea" hinzugesetzt.
Deshalb, so das AA, sei das Schriftstück als eine private Vereinbarung anzusehen; Kollbach könne seine Ansprüche nur gegenüber dem Ex-Diplomaten Rhee geltend machen. Überdies empfahl das Auswärtige Amt seinen koreanischen Schützlingen den Kölner Rechtsanwalt Leinen, der sie vor Abfindungszahlungen bewahren werde.
Generalkonsul Dai Young Park zog sein Verhandlungsangebot zurück.
Den Bittsteller Kollbach fertigte das Amt mit der Ermahnung ab, er müsse außenpolitische Rücksicht üben; Korea sei, wie Deutschland, ein gespaltenes Land.
Der Geschädigte mußte gerichtlich klären lassen, wer denn nun sein Vertragspartner gewesen war. Mitte 1962 entschied das Landgericht Bonn, es sei die Republik Korea gewesen.
Nun begann sogar das Auswärtige Amt, mit Verbalnoten und Vorladungen, schließlich mit einer Demarche in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, auf die asiatischen Freunde einzuwirken. Aber die Koreaner blieben zahlungsunwillig.
Per Remagener, der die immer wieder angesetzten Zwangsversteigerungen nur durch immer neue Zahlungen aus seinem Betriebsvermögen abwenden konnte, suchte bei dem CDU-Abgeordneten Karl August Bühler Rat und Hilfe. Pfarrer Bühler holte den Fraktionsgenossen und früheren Generalbundesanwalt Max Güde herbei. Güde zu Kollbach: "Ich habe die Akten mit wachsendem Kopfschütteln gelesen."
Die beiden Volksvertreter sprachen in der koreanischen Botschaft vor und vermeinten, einen Erfolg errungen zu haben. Sie meldeten dem Auswärtigen Amt im Dezember vorigen Jahres, Korea-Botschafter Choi Duk-shin habe die Forderung "dem Grunde nach" anerkannt und sei bereit, "seiner Regierung die Zahlung eines angemessenen Betrages zu empfehlen, wenn über die Höhe des Betrages ein fairer Kompromiß gefunden werde". Das Außenministerium möge den Inhalt der Unterredung dem Botschafter schriftlich bestätigen.
Aber die Bundesdiplomaten reagierten kühl. Ihnen mißfiel der Alleingang der Parlamentarier, und überdies hatte sie eine Formulierung des Koreaners stutzig gemacht. Ihm sei, so entnahmen sie dem Abgeordneten-Rapport, eine "politische Lösung" des Streits am liebsten.
Damit, so schlossen die AA-Beamten, konnte nur gemeint sein, daß Bonn die Zahlung als Entwicklungshilfe leisten solle.
Das Auswärtige Amt belehrte deshalb die beiden Volksvertreter der Botschafter habe nur seine "private Meinung" geäußert, die von der Regierung in Seoul nicht autorisiert sei.
Am Donnerstag letzter Woche, vier Tage, ehe Koreas Präsident Park in Bonn anreiste, zündete noch einmal eine von Kollbach gelegte Mine. Der Petitionsausschuß des Bundestages, dem der Remagener sein Leid geklagt hatte, beschäftigte sich vier Stunden lang mit dem koreanischen Krampf. Das Ergebnis war die Aufforderung an Außenminister Gerhard Schröder, er solle am Donnerstag dieser Woche den Parlamentariern berichten, was er bei Präsident Park für Dr. Kollbach erreicht habe.
So muß nun der Staatsbesucher, der weitere 300 Millionen Mark deutscher Entwicklungshilfe zu den bereits gezahlten 155 Millionen Mark kassieren möchte, sich zur Frage der koreanischen Schuldner-Moral äußern.
Der Anlaß des Streits, die Rheinvilla "Haus auf Leims", soll am 15. Dezember endgültig zwangsversteigert werden.
Korea-Geschädigter Kollbach
Für asiatische Freunde ...
Kollbach-Villa in Remagen ... in die Zwangsversteigerung

DER SPIEGEL 50/1964
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