14.10.1964

HOCHHAUS-BAUMal umgekehrt

Ein renommiertes rheinländisches Architekten-Duo will den Hamburgern "mal eine ganz moderne Hochhaus -Bauweise demonstrieren": von oben nach unten. Professor Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg (Düsseldorf) haben Pläne für ein 50-Meter-Hochhaus ausgearbeitet, dessen elf Bürogeschosse am obersten - zwölften - Stockwerk aufgehängt werden sollen.
Der Gedanke, ein Hochhaus "umgekehrt zu bauen" (so der Hamburger Planungsbüro-Chef Fritz Rafeiner), war den Architekten beim Studium des vorgesehenen Standorts an Hamburgs ehemaliger Prachtstraße Esplanade gekommen: Neue Baufluchtlinien engten das Baugelände derart ein, daß für einen Büroturm in den geplanten Abmessungen nicht genug Platz war.
Normalerweise behelfen sich Architekten in solchen Fällen mit dem Kniff, das Gebäude so zu planen, daß die. Obergeschosse über die Fluchtlinie hinausragen und dafür mit Stützen abgefangen werden. Doch diesen Ausweg verbaute die Hamburger Baubehörde: Stützen wurden nicht erlaubt.
Um die geforderte Büro-Nutzfläche des Gebäudes - das von einer Hamburger Wohnungsbaugesellschaft errichtet und im nächsten Jahr von der Frankfurter "Finnlandhaus GmbH" übernommen wird - dennoch gewährleisten zu können, entschieden sich die Architekten für die ungewöhnliche Konstruktion eines Hochhauses, dessen obere Stockwerke frei über dem an die Baulinie zurückgezogenen Erdgeschoß hängen.
Über dem Doppelkeller, der als öffentlicher Luftschutzbunker für 1500 Personen ausgebaut wird, soll ein nur sieben mal sieben Meter starker Betonkern hochgezogen werden. Am oberen Ende, in 50 Meter Höhe, wird dann ein quadratisches Trägergeschoß (21 mal 21 Meter) mit 16 Stahlstangen betoniert, die bis zur Unterkante des ersten Stockwerks herunterreichen.
In dieses hängende Stahlkorsett aus sogenannten Zugstützen sollen dann die Geschosse eingefügt werden - mit Hilfe einer Arbeitsbühne, die sich von der Spitze des Gebäudes Stockwerk um Stockwerk senkt und jeweils rohbaufertige Etagen hinterläßt. Die umgekehrte Bauweise bot sich bei dem 2,6-Millionen-Projekt laut Rafeiner "vernünftigerweise" an: "Wenn das Haus schon hängt, dann muß man auch von oben nach unten bauen."

DER SPIEGEL 42/1964
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