25.11.1964

NAMENSana fürs Kind

Vor dem Krieg dachten sich deutsche
Mütter und Väter für ihre Kinder mitunter Vornamen aus wie Hitlerine Blücherine oder Gneisenauette. Nach dem Krieg verfielen sie auf Micky-Maus und Atomfried.
Zwar werden den Standesämtern wie eh und je Gang-und-gäbe-Namen mitgeteilt - zur Zeit sind am populärsten für Jungen: Michael, Thomas, Peter und Klaus; für Mädchen: Petra, Gabriele, Karin, Sabine und Andrea. Aber dieser Grundton deutscher Namengebung wird auch immer häufiger durch fremdsprachige Wohllaute à la Ullus und Solingo, Tehani und Sneewitta moduliert.
Solche Vornamen, so schreibt die Wissenschaftlerin Dr. Rosa Katz in ihrer jetzt erschienenen Studie "Psychologie des Vornamens", seien "ein Beleg dafür, daß die ... chaotische Namengebung ... noch immer nicht abgeschlossen ist".
Was sich Philologen als chaotisch darbietet, erscheint Standesbeamten mitunter sogar anstößig. Denn nach Paragraph 172 ihrer Dienstanweisung haben sie darüber zu wachen, daß keine "sinnlosen" oder "anstößigen" Vornamen in die Register der Standesämter eingetragen werden.
"Später einmal, beim Aufgebot, wird dann uns die Schuld in die Schuhe geschoben", klagt der Standesbeamte Werner Mangelsdorff vom Standesamt für die Hamburger Stadtteile Barmbek -Uhlenhorst. Ihm ist aufgefallen, daß sich deutsche Eltern bei der Namengebung nicht selten von Kino- und Mattscheiben-Erlebnissen beflügeln lassen
- etwa vom "Abenteuer unter Wasser"
des TV-Helden Mike Nelson. Mangelsdorff: "Viele Eltern wollen nicht das englische Mike, sondern konstruieren Maik."
Der Hamburger Standesbeamte sieht in dem gesteigerten Bedürfnis solcher Lautverschiebung und den "oftmals aus Groschenromanen entliehenen schwülstigen Fremdnamen" eine Kompensation des Sozialprestiges: "Besonders uneheliche Mütter kommen auf die blödesten Ideen."
Im Zweifelsfall orientieren sich Deutschlands Standesbeamte bei besonders ausgefallenen Benennungen an der Namensfibel "Hans und Grete" von Autor Dr. Wasserzieher oder an dem Werk "Wie nennen wir unser Kind?" von Autor Wilfried Seibicke, der sich seit Jahren auf die Erforschung deutscher Namen konzentriert hat und mitunter selbst Ratschläge erteilt. Seibicke: "In einem Fall wollten Eltern ihrer Tochter den Namen Sana geben. Ich riet ab. Das klang doch zu sehr nach Molkereiprodukt."
In einem anderen Fall bewahrte Seibicke ein Mainzer Wickelkind vor dem Namen Perdita: Der Namensfachmann wies den Vater darauf hin, daß seine Tochter durch diese Bezeichnung lateinischen Ursprungs einer "Verworfenen" gleichkomme.
Mitunter rücken phantasievolle Eltern von ihren Namenswünschen jedoch partout nicht ab, so daß der Richter darüber zu entscheiden hat, ob die standesamtliche Eintragung vorgenommen wird oder nicht. So entschied sich
- das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg im Juni letzten Jahres gegen den Namen Princess Anne, denn "ähnlich wie das Wort Gräfin ist die Bezeichnung Princess als Bestandteil eines Vornamens für ein Mädchen in Deutschland gänzlich ungebräuchlich und bei objektiver Betrachtungsweise in erheblichem Umfang geeignet, das Kind der Lächerlichkeit preiszugeben";
- das Amtsgericht Hamburg im Februar dieses Jahres gegen den - vom Vater gewünschten - Namen- Atomfried in der Kombination Mario Atomfried Vladimir und gab damit der Mutter recht, die sich mit Mario Vladimir begnügen wollte.
Hingegen befand das Landgericht Verden im Mai dieses Jahres, daß ein Elternpaar die neugeborene Tochter Ildico nennen dürfe. Die Standesbeamten hatten sich geweigert, den Namen einzutragen, weil vermutet werden könne, daß es sich beim Namensträger möglicherweise um einen Mann handle; denn nur männliche Vornamen wiesen die Endung "o" auf. Der Vorname sei aber nun einmal dazu da, den Träger eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen.
Das Gericht befand jedoch: "Der Name Ildico ist ein weiblicher Vorname ostgermanischen Ursprungs, der historisch auf den Namen der letzten Frau des Hunnenkönigs Attila zurückzuführen ist."
Zudem lasse die Endung "o" des Namens allein noch nicht auf einen männlichen Namen schließen, konstatierte das Gericht. Und auch eine etwaige Doppeldeutigkeit des Namens rechtfertige nicht die Ablehnung der Eintragung, "weil auch bei zahlreichen gebräuchlichen deutschen Namen das Geschlecht des Namensträgers nicht ohne weiteres zu erkennen ist (zum Beispiel Helge, Elke, Christel, Gustel, Friedel)".
Ganz und gar ohne Rücksicht auf die geschlechtskennzeichnende Nomenklatur wählte vor zwei Jahren eine Natobedienstete Französin den Namen für ihr erstes Kind aus. Sie ließ "Souvenir" (Andenken) ins Geburtenregister von Lindau eintragen.
Als sie in diesem Jahr wiederum niederkam, wollte sie - bisher ohne Erfolg - auch ihr zweites Andenken standesamtlich registrieren lassen: unter dem Namen "Deuxième Souvenir".
Standesbeamter Mangelsdorff
Maik, Micky-Maus und Atomfried

DER SPIEGEL 48/1964
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