25.11.1964

JAZZ UND KLASSIKBach mit da-ba

Seit Benny Goodman um 1930 die Barock-Musik für den Jazz entdeckte, geht Bach aus allen Fugen.
Kaum war Goodmans nachgemachtes Orchesterstück "Bach Goes to Town" in Amerika erklungen, jazzte in Frankreich der Zigeuner Django Reinhardt Bach -Konzerte auf der Gitarre, und Eddie South und Stéphane Grappelly zupften mit. In New York ließen Stan Kenton und Lennie Tristano die Töne des Thomaners swingen; das Modern Jazz Quartet erhob den Bach-Jazz in aller Welt schließlich zum Programm.
Doch zur Hochflut schwoll die jazznahe Bachwelle --st, als vor vier Jahren der französische Gelegenheitspianist Jacques Loussier, 30, von Kontrabaß und Schlagzeug begleitet, das Bachsche Präludien- und Fugenwerk für eine Langspielplatte zum "Play Bach" umarbeitete. Loussiers wohltemperiertes Klavierspiel - "feingliedrige Jazz -Kammermusik", befand ein Kritiker - kam so gut an, daß die Produzenten gleich drei weitere "Play"-Platten nachschoben und den "Play"-boy Loussier nun auch an die Orgel baten.
Insgesamt wurde bislang annähernd eine Million der Bach-Loussier-Titel abgesetzt. Allein die deutschen Platten -Leger kauften 150 000 Exemplare - 10 000 Platten mehr als vom Klassik -Bestseller, dem vom US-Pianisten Van Cliburn gespielten Tschaikowski-Klavierkonzert. Kaum eine Cocktail-Stunde vergeht noch ohne Loussier-Zwischentöne; das Deutsche Fernsehen untermalte kürzlich politische Korrespondentenberichte mit "Play Bach". Über Play back war "Play Bach" früher schon zu Tanzbewegungen gesendet worden.
Von Umsatzzahlen und Hörerpost ermuntert, suchte letzte Woche die Firma "Teldec" bei ihrer französischen Schwester "Decca" um eine fünfte "Play Bach"-Scheibe nach und bestellte den Jazzer Loussier für den 21. November zum ersten deutschen "Play Bach"-Gastspiel in Herbert von Karajans Berliner Philharmonie.
Nicht minder erfolgreich wie die Loussier-Combo war kürzlich ein anderes Team von Bach-Verfremdern: die französischen "Swingle Singers". Sie summten im Eröffnungskonzert der Berliner Jazztage und während der "Woche der leichten Musik" in der Stuttgarter Liederhalle unter anderem "Bach's Greatest Hits".
Doch schon vor seiner Tournee hatte sich der achtstimmige Chor (vier Frauen, vier Männer), den der ehemalige Meisterschüler des deutschen Pianisten Walter Gieseking und Klavierbegleiter der französischen Sängerin und Tänzerin Zizi Jeanmaire, Ward Swingle, 37, vor zwei Jahren gegründet hat, besonders mit der Langspielplatte "Jazz Sebastian Bach" bei deutschen Platten -Spielern bekannt gemacht.
Die acht Stimmen, die auch schon im Weißen Haus in Washington ertönten, singen neben Bach-Fugen auch Händel -Arien, Vivaldi-Konzerte und Mozart -Menuette. Sie singen im jazzgemäßen sogenannten Scat-Stil: Statt eines sinnvollen Textes werden Lautbildungen wie "da-ba, da-ba.", "du-bu, du-bu" oder "papa-da, chin-chin" artikuliert. Die Bach-Imitationen der Swingle Singers entzückten den berühmten kanadischen Bach-Pianisten Glenn Gould dermaßen, daß er sich zu Boden werfen wollte. "Ihr seid", schrie er, "so fabelhaft, so fabelhaft."
Musikhistorisch geschulte Bach-Beat -Fans wie Glenn Gould waren es auch, die der neobarocken Jazz-Bewegung ideologisch aufhalfen. Sie stellten strukturelle Übereinstimmungen zwischen dem Jaz und der Musik der alten Meister fest und zogen schnellfertige Analogieschlüsse aus Ähnlichkeiten von barocker Musizierpraxis und Jazz-Improvisation.
"Die Argumente klingen bisweilen so", tadelt der Komponist und Musikwissenschaftler Siegfried Borris, "als hätte eigentlich schon Johann Sebastian Bach eine Art barocken Jazz komponiert. Ein derart prominenter Ahnherr dient dann nicht nur zu einer (höchst zweifelhaften und überflüssigen) Legitimation für den Jazz schlechthin, sondern auch zur Rechtfertigung mancher anfechtbarer Parodie-Verfahren."
Sicheren Erfolg vor Augen, schreckten die Plattenhersteller in der Tat nicht davor zurück, klassische Stücke auch von lautstarken und kaum noch jazznahen Twist- und Rock-Idolen ächzen und heulen zu lassen:
Elvis Presley bietet für eine "Teldec" -Platte Beethovens Mondscheinsonate dar, eine Dixieland-Band pfeift und trommelt für die Kölner "Electrola" unter anderem Rossinis "Wilhelm Tell" Ouvertüre, das Finale einer Mozart -Symphonie und ein Beethoven-Menuett. "Philips" stülpte für ihre "Classics à la Twist"-Platte den Tonsetzern Brahms, Chopin, Tschaikowski und Grieg nicht nur auf der Platten-Hülle Beatle-Perücken über.
Ein anderes Jazz-Arrangement der Griegschen Peer-Gynt-Suiten erregte unlängst die Musikwissenschaftler des norwegischen "Grieg-Fonds". Die Grieg -Puristen verurteilten Duke Ellingtons Peer-Version als "Perversion der nationalromantischen Grieg-Musik" und ließen den Plattenverkauf verbieten.
Begründung: "Duke Ellington ist ein Schmarotzer der weltweiten Popularität unseres Komponisten Grieg."
Auch In Deutschland werden die Stimmen lauter, die den lockeren Umgang mit der Klassik, besonders das Bach -Verjazzen, eingeschränkt wissen wollen. "Manche, die sich allzu eifrig dem Spiel 'Play Bach' hingaben", schrieb der Jazz -Experte Siegfried Schmidt-Joos, "übersahen die Unterschiede zwischen diesen beiden musikalischen Welten ... Ihre Bemühungen brachten weder saubere Barockmusik noch guten Jazz hervor, sondern allenfalls Unterhaltungsmusik mit einem gewissen Pfiff."
Jazz-Pianist Loussier
Beatle-Perücken ...
... für alte Meisier: Jazz-Chor Swingle Singers

DER SPIEGEL 48/1964
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