09.10.1967

FUSSBALL / MERKELTresor gefüllt

Dem erfolgreichsten deutschen Fußball-Klub drohte der Bundesliga-Abstieg und wirtschaftlicher Ruin. Die Mannschaft spielte verkrampft und verlor vor leeren Rängen. Zum fünftenmal in vier Jahren hatte der 1. FC Nürnberg (acht Meistertitel) seinen Trainer davongejagt.
Im Januar 1967 beauftragte der Klub einen Nothelfer, dem der Ruf eines Fußball-Diktators vorausging: den Wiener Max Merkel, 48. "Wir müssen den Zuschauern so viel bieten", programmierte Merkel, "daß wir den Tresor vor lauter Geld nicht mehr schließen können."
Merkel versprach nicht zuviel. Statt vorher 13000 Besucher zahlten nun durchschnittlich 30 000 Eintritt. Die Nürnberger retteten sich vom letzten auf den zehnten Platz. In der neuen Bundesliga-Saison 1967/68 mußte die Polizei Vorverkaufsstellen abriegeln; sonst hätten sich Fans um Eintrittskarten geprügelt. Bisher vier Heim-Vorstellungen der Merkel-Mannschaft schwemmten 200 000 Menschen ins Stadion und fast eine Million Mark in den Klub-Tresor. Nach acht Spieltagen der neuen Saison behauptete der 1. FC Nürnberg unbesiegt die Tabellenspitze.
Der deutsche Sportpräsident Willi Daume traut Nürnberg sogar die Meisterschaft zu, "weil ich Trainer Merkel besonders schätze". Denn Höchstleistungen, die er seinen Kichern unablässig abverlangt, hatte Merkel als Spieler selber vollbracht. Zwölf mal spielte er für Österreich. 1939 setzte ihn der damalige Reichstrainer Josef Herberger in der deutschen Nationalelf ein.
Auf dem Wiener Polytechnikum hatte Merkel Maschinenbau studiert. Als Ingenieur arbeitete er in einem Aufzug-Werk. Doch die Firma zwang ihn zu entscheiden: konstruieren oder kihken. Merkel wollte kicken. Noch mit 35 Jahren spielte er für Rapid Wien. Im Abschiedsspiel gegen die brasilianische Mannschaft FC Bangu glückte ihm 1954 ein artistischer Coup: Er zirkelte einen Eckball -- der aus etwa 30 Meter Entfernung von der verlängerten Torlinie getreten wird -- zum 1:0 ins Tor.
Zwei Tage später machte er Fußball endgültig zu seinem Beruf. Für 700 Mark Monatsgage wurde er Trainer beim holländischen Klub HBS Den Haag. Schon nach sechs Monaten vertrauten ihm die Holländer ihre Nationalelf an. Der frühere Herberger-Schüler führte sie 1956 zum ersten Sieg seit 24 Jahren gegen die Deutschen.
Borussia Dortmund holte den Wiener 1958 nach Deutschland. Sogleich verblüffte Merkel die Fachleute. Er löste die Borussen-Equipe, die 1956 und 1957 Deutscher Meister geworden war, auf und ersetzte die alternden Stars durch namenlose Talente. Nach drei Jahren kämpfte sich seine neue Mannschaft wieder ins Endspiel.
Bei München 1860 wiederholte Merkel (Gehalt: 3000 Mark) sein radikales Rezept. Er entließ 1962 zehn Kicker, darunter sogar Nationalspieler Benthaus. "Sauft Leitungswasser", stachelte er die Stars auf, als sie trotz einer Niederlage Sekt bestellt hatten. Merkels Münchner hatten nur eine Chance, sich 1963 für die neugegründete Bundesliga zu qualifizieren: die Süddeutsche Meisterschaft. Sie schafften es -- erstmals in der Vereinsgeschichte.
Der Umsatz kletterte von 600 000 auf fast vier Millionen Mark. Merkel kassierte ein Monatsgehalt von 11 000 Mark (netto: 6140 Mark), mehr als der Bundeskanzler. Als erster behandelte er seine Schüler wie Berufsspieler. Sie verdienten bis zu 5000 Mark im Monat. Aber sie mußten morgens und nachmittags trainieren und regelmäßig Vorbereitungslager beziehen. "Fußballspieler sind Artisten", meint Merkel, "und müssen sich quälen können."
Erfolg: München 1860 wurde 1964 Pokalsieger, spielte sich 1965 in das Endspiel um den Europapokal und siegte im letzten Jahr in der Deutschen Meisterschaft. Die ständige Nervenbelastung schlug Merkel auf die Galle. Zweimal mußte er sich in einem Sanatorium auskurieren lassen.
Der musikbeflissene Wiener rückte zum meistzitierten Bundesliga-Trainer auf. Was im liebenswürdigen Wienerisch wie ein pointenreicher Plausch klang, wirkte freilich gedruckt und auf hochdeutsch für Spieler und Funktionäre oft kränkend:
> "Jahn-Turner, die nicht wissen, daß im Ball Luft und kein Stroh ist", nannte er uneinsichtige Vorstands-Mitglieder.
> "Ein Philharmoniker kostet mehr als ein Schrammel-Musiker", begegnete er Kritikern seiner Einkaufs-Politik. "Aber er spielt auch besser."
> "Kindergarten" und "Knabenchor" kritisierte er seine Mannschaft. Freimütig kündigte Merkel 1966 an, er wolle die Mannschaft "ausmisten". "Das traf die Grundlage unserer Existenz", meuterte Mannschafts-Kapitän Peter Grosser. Er und der jugoslawische Torwart Petar Radenkovic, die unter Merkel hochbezahlte Stars geworden waren, riefen zu einer Spielersitzung in das Kurhotel Moorbad Wetterstein. Die Kicker wählten Merkel mit 14:3 Stimmen ab. Der Vorstand ließ ihn ziehen.
Noch im Januar dieses Jahres erhielt Merkel in Nürnberg umfassende Vollmachten. Er trainierte bis zu vier Stunden täglich. Elf Spieler, die sich seinen Forderungen nicht fügten, trennte er von dem willigen Rest. Die jährlichen Treue-Prämien wurden den Spielern nicht mehr im voraus ausgezahlt. Prämien schüttete der Klub nicht länger pauschal für alle aus, sondern nach einer Leistungs-Staffel. Merkel: "Geld ist die beste Psychologie."
Aber er befreite die Nürnberger auch aus der spielerischen Zwangsjacke, die seine Vorgänger ihnen angelegt hatten. Merkel stärkte ihr Selbstvertrauen, indem er sie im Spiel selbständig handeln ließ. Über die Taktik diskutierte er, "bis alle überzeugt sind: Wir haben die beste Lösung gefunden".
Den Kickern half Merkel, durch geschickte Geldanlagen und Abendkurse rechtzeitig eine Existenz aufzubauen. Er selbst investierte einen Teil seiner Einnahmen in einen Tabakhandel, den in München seine Frau Hertha und sein Sohn Kurt führen. "Wenn ihr mit 40 Jahren noch einen teuren Sportwagen fahren könnt, seid ihr Kerle", warnte er verschwenderische Stars. "Jetzt ist es leicht."
Auch für die Zukunft seines jetzigen Klubs sorgte Merkel. Er gründete eine Fußball-Schule, die später ein geräumiges Internat beherbergen soll. Vorerst leben sieben auswärtige Jung-Spieler in einer klubeigenen Acht-Zimmer-Wohnung. Morgens arbeiten sie als Lehrlinge. Jeden Nachmittag trainieren sie zusammen mit einheimischen Talenten. Klub-Gönner versorgen sie mit Lebensmitteln und Kleidung.
Trainer Merkel will nicht mehr lange am Spielfeldrand zittern. "Ich werde bald ein Buch schreiben", versprach er, "in dem alles über Schiedsrichter und Vereins-Vorstände steht, was ich jetzt noch für mich behalten muß."

DER SPIEGEL 42/1967
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