09.10.1967

KUNST / LEHERBMaus im Ohr

Die Einladungskarte verhieß eine "surrealistische Aktion" und verbot Hunden ausdrücklich den Zutritt: In der Pariser Galerie "Mona Lisa" peinigte der Wiener Maler Helmut Leherbauer, 34, der sich Leherb nennt, vor feinem Publikum -- etliche Barone Rothschild waren gekommen -- eine nackte Puppe mit rituellen Gesten.
Der in schwarzen Strumpfhosen und Samtwams mit Spitzenkrausen erschienene Künstler stach ein Florett in den grellgelben Haarschopf einer lebensgroßen Pappdame, ihre Schenkel peitschte er mit einer neunschwänzigen Katze, die er zuvor in rote Farbe getaucht hatte; auf den Brüsten ließ er sechs rohe Eier platzen.
Noch zwei Tage vor diesem "Akt echt masochistischer Selbstzerstörung" (Leherb) hatte der Maler die Pappmamsell, das Ergebnis drei Monate langer Arbeit, in seinem mit Goldstaub lackierten Citroen über die Champs-Elysées geführt und mit ihr Gänseleber und Champagner für die öffentliche Hinrichtung in der Galerie eingekauft.
Mit der Puppenschändung wollte Leherb auf 39 vornehmlich blau getönte Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Kupferstiche hinweisen, von denen allerdings nur noch zwei zu haben sind -- die meisten Arbeiten sind
*Bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Pariser Galerie "Mona Lisa".
Leihgaben, unter anderem von Guggenheim und Rothschild.
Zum Verkauf steht jedoch ein Hauptwerk des Malers: das "Déjeuner chez Leherb". Es kostet 80 000 Mark und vereint die meisten Leherb-Motive: den Maler im Samtwams, seine Frau Lotte -- eine Graphikerin, die ihrem Mann zuliebe nicht mehr arbeitet -- nackt mit orangeroten Haaren, mehrere Kleiderständer (Leherb: "Ein phallisches Symbol"), ein Fabelwesen mit drei Geisterhänden und einer Amphore an Stelle des Kopfes, dazu ein paar weiße Mäuse.
Weiße Mäuse liebt Leherb nicht nur als Bild-Zutaten. Er lebt in ihrer Gesellschaft seit den Kindertagen und hat zwei von ihnen, Peter und Paul, zu seinen "Sekretären" ernannt (Leherb). Sie begleiten das Ehepaar ständig in einem Holzkäfig. Nur zur Nachtzeit wechselt die Maus Paul das Lager. Sie logiert dann auf dem Ohr des schlafenden Künstlers. Frau Lotte: "Leider haben Mäuse ein so kurzes Leben, und es macht Mühe, immer neue zu dressieren."
Mit den weißen Mäusen, mit Fabeltieren, Labyrinth-Darstellungen und "Monumenten der Absurdität" -- so der bevorzugte Titel der Skulpturen -, mit erotischen und sadistischen Gesten will Leherb, gleich anderen Mondänen in der Nachfolge Dalis, auf apokalyptische Daseinsängste hinweisen. Leherbs vieldeutige Symbole, so glaubt der Leherb-Deuter Gustav Rene Hocke ("Die Welt als Labyrinth"), verkünden den "explosiven Zeitwandel in konkreter Weise".
Leherb verkündet vor allem immer wieder die selbsterfundene Theorie der "Zeitzerstörung": In Bild und Manifest demonstriert er gegen die Vergänglichkeit. Am eindrucksvollsten 1965 in Rom. Vor verschrecktem Publikum öffnete er das Jackett, ritzte sich mit einem Messer die Herzgegend und setzte ein perlenumrahmtes Zifferblatt auf die Wunde. Hocke als Augenzeuge: "Das Fakirstück gelang. 4' Die Perlen blieben in der Wunde haften, und der Künstler warf das Zifferblatt aus dem Fenster, "die falsche, die nur mechanische Zeit, war getötet" (Hocke). Freunden schenkt Leherb gelegentlich Zifferblätter, die mit Tropfen seines Blutes gefärbt sind.
Neben dem Selbstversuch erprobt Leherb auch das Tierexperiment, um die Empfindung für Vergänglichkeit auszulöschen: Tote Tauben läßt er als Leherb-Kunstwerke weiterleben. Von einem Vogeltöter in Mailand bezieht er vergiftete Tauben -- die farbigsten Exemplare verziert er mit Glassplittern, Kieselsteinen oder bunten Perlen, manchmal mit Edelsteinen von Cartier in Paris. Preis eines so präparierten Tieres: 1000 Mark, Tierfreundin Brigitte Bardot akzeptierte kürzlich zwei Leherb-Tauben von Gunter Sachs als Geschenk.
Dem Treiben und Tüfteln des Malers zeigte sich seine Geburtsstadt Wien -- der Vater des Künstlers war dort Gymnasialdirektor und lehrte den "lieben Bub" ("Wiener Wochenpresse") Latein, ehe er deutsch sprechen durfte -- wenig aufgeschlossen. So wurde Leherb, der 1964 Osterreich auf der Biennale in Venedig vertreten sollte, fünf Wochen vor Ausstellungs-Eröffnung brüskiert. Dem neuernannten Unterrichtsminister Piffl-Percevic, zuvor in der steirischen Landwirtschaftskammer beschäftigt, erschien Leherbs Venedig-Kollektion zu exzentrisch. Denn der Künstler wollte Österreichs Pavillon tiefblau anstreichen, und tiefblaues Wasser sollte über Leherbsche Skulpturen rieseln. Zur Verzierung der Pavillon-Wände waren tote Tauben, Flitterpuppen und Regenschirme vorbereitet. Doch Piffl pfiff Leherb zurück. Österreich blieb der Biennale fern und gab das bereitgestellte Geld für die Krebsforschung aus. Leherb über seine Unkosten in Höhe von 14 000 Mark: "Die hat mir bis heute niemand ersetzt."
Zu einer Wiedergutmachung fand sich hingegen die Wiener Zentralsparkasse bereit. Sie beauftragte den Surrealisten, ihren Gesellschaftsraum in Wien mit einem Monumentalrelief aus Delfter Porzellankacheln zu dekorieren. Motiv: surrealistische Fabelwesen unter Regenschirmen. Leherb-Verehrer Curd Jürgens preist den Anblick des Kunst-am-Bau-Werks als "ungeheuer eindrucksvoll".
Mehr als um Anerkennung und Aufträge sorgt sich der heute in Paris lebende Maler jedoch um seine Gesundheit. Den Einzelgänger quälen Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfälle: "Ich leide", erläutert er, "an einer Arthrose der Gehirnwirbel, einer Alterserscheinung, die sonst nur bei Siebzigjährigen vorkommt." Ein Pariser Arzt, der sich erboten hatte, den Schaden zu operieren, zog aus Furcht, "den genialsten Maler der Welt zu zerstören" (Leherb), die Offerte zurück.
Nun will in Lausanne ein mutigerer Spezialist den Leidenden behandeln.

DER SPIEGEL 42/1967
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