09.10.1967

RUNDFUNK / RADIO ONEDienst der Nation

Die alte Tante BBC", frohlockte die "Herald Tribune", "lüpfte ihre traditionsgebundenen Röcke und schloß zum swingenden Britannien auf."
Die konservative British Broadcasting Corporation hat sich entschlossen, eine neue Rundfunkwelle einzurichten: "Radio One", ein Nonstop-Programm mit Beat- und Pop-Musik von früh bis spät. "Damit", so befand die Londoner "Daily Mau", "ist Pop-Musik offiziell als nationale Dienstleistung anerkannt wie Gas, Wasser und Strom."
Eine halbe Minute zu früh, um dreißig Sekunden vor sieben Uhr, kam im Morgengrauen heißer Beat auf der Mittelwelle 247 Meter über die britischen Inseln. Es war der 30. September -- der erste totale (19-Stunden-)Pop-Tag im Leben der betagten Tante ("Auntie") BBC.
Während sich bundesdeutsche Radio-Stationen noch vornehmlich im Takt ihrer hauseigenen Ärmelschoner-Tanzkapellen wiegen, hat sich die BBC zum Äußersten entschlossen: Jeden Tag von halb sechs morgens bis zwei Uhr in der Nacht wird "Radio One" die jeweils aktuellen Nummern populärer Beat-Bands und -Solisten senden. Der Pop-Schwall wird nur unterbrochen von Kurz-Nachrichten, gelegentlichen Interviews mit Plattenstars und von den Wort-Katarakten der Disc-Jockeys.
Harte Rhythmen nach dem Geschmack von Englands Beat- und Love-Generation hämmerten sonst auch bei BBC-Stationen allenfalls stundenweise. Die Folge war, daß sich das Viel-Millionen-Volk der britischen Junghörer vom Staatsradio angeödet fand und seine Sympathien den meist zu Schiff vor Englands Küsten swingenden Piratensendern zuwandte. Ähnlich verzeichneten auch Deutschlands Sender einen Massen-Schwund junger Hörer zu Pop-freundlicheren Stationen wie AFN, BFBS und Radio Luxemburg.
Seit dem 15. August jedoch sind Piratensender nach britischem Gesetz illegal. Außer "Radio Caroline"" das außerhalb britischen Hoheitsgebiets unverdrossen weiterdudelt, hat die BBC keine Rivalen mehr: Insgesamt neun Plattenjockey-Crews strichen vor der Gesetzesdrohung die Segel und verließen ihre schwimmenden Plattenteller-Studios. Gerade rechtzeitig bot BBC den geschädigten Teens und Twens mit "Radio One" Ersatz.
Brandneue Hits allein, das erkannten die BBC-Experten, machen indes noch keine Pop-Station. So entschloß sich BBC, die Arbeitslosen zu umwerben. 17 einstige Piraten-Jockeys wurden in Staatsrundfunk-Dienst übernommen, darunter der (selbsternannte) Kaiser aller Beat-Conférenciers, "Emperor Rosko" (bürgerlich: Michael Pasternak).
Der rotblonde Amerikaner hatte seine Laufbahn bei dem französischen Musiksender "Europa 1" begonnen und war vor wenigen Monaten -- nach einem Gastspiel bei "Radio Caroline" -- für eine Monatsgage von 16 000 Mark nach Paris zurückgekehrt. Er produzierte dort (nunmehr als "President") im eigenen Studio -- nackt bis zur Taille -- Sendungen für Radio Luxemburg. Wenn "Rosko La Dynamite" seine Ansage-Salven durch den Äther jagte, werkte er dabei im Beat-Takt mit Tamburinen und Hippie-Glöckchen.
Rosko herrschte am vorletzten Wochenende erstmals auch wieder in England: "Radio One" sicherte sich Roskos Wortschwall für die prominenteste Sendezeit, den Samstagnachmittag.
Rosko, laut "Radio One"-Chef Scott die "wichtigste neue Stimme im Kampf der Generationen", genießt Sonderrechte. Die BBC fand sich bereit, seine Ansage-Assoziationen, wie unkonventionell auch immer, unzensiert zu senden.
Den musikalischen Auftakt allerdings, den Rosko-Pasternak für seine Erstsendung geplant hatte, vereitelte die Direktion: eine Rock"n"Roll-Version von "God Save the Queen".

DER SPIEGEL 42/1967
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