30.10.1967

FINNLAND / WÄHRUNGMark und Schere

Die Finnen fürchteten den Scherenschnitt durch ihre Finnmark. 1945, nach dem verlorenen Krieg, hatte jeder Finne seine Banknoten zerschneiden müssen. Eine der Hälften durfte er behalten. Sie blieb Zahlungsmittel zum halben Nennwert. Die andere Hälfte mußte er dem Staat als zinsfreies Darlehen überlassen.
Jetzt kam das Gerücht auf, neues Noten-Schneiden stehe bevor. Am Donnerstag vorletzter Woche verfiel Europas gemächlichstes Volk daraufhin in Hysterie.
Um diesmal möglichst wenig zerteilen und abliefern zu müssen, suchten die Finnen möglichst viel Papiergeld rechtzeitig loszuwerden. Ln Helsinki und der Provinz -- selbst auf den abgelegenen Alandsinseln -- begann der Run zur Bank.
In dem Glauben, auf dem Konto sei ihr Papiergeld vor der Schere sicher, zahlten die Finnen ein, was sie besaßen. Als die Banken um 16.15 Uhr schlossen, stürzten sich die Warteschlangen auf noch geöffnete Sparkassen.
Inzwischen hatte die Regierung von der Panik erfahren. Der angebliche Halbierungsplan wurde in Funk und Fernsehen dementiert, aber die Finnen glaubten dem Dementi nicht. Denn eine Woche zuvor war die finnische Mark um 31,25 Prozent abgewertet worden, obgleich die Regierung mehrmals geleugnet hatte, daß eine Abwertung geplant sei.
Um so glaubwürdiger klang das Fifty-fifty-Gerücht. Wer seine Scheine nicht in den Geldinstituten losgeworden war, eilte in Läden und Warenhäuser. Die Geschäftswelt machte Weihnachts-Umsätze.
Als auch die Geschäfte schlossen, strömten Tausende in Cafés, Bahnhofskioske, Tankstellen und Nachtapotheken -- bis dort das Wechselgeld ausging.
Denn für eine Tasse Kaffee, eine Schachtel Streichhölzer, zehn Liter Benzin oder eine Röhre Kopfschmerztabletten zahlten die Kunden mit 50- oder 100-Mark-Scheinen und erhofften sich möglichst viel Hartgeld -- weil es der Schere widersteht.
Die Bürger wurden schließlich mit dem Hinweis beruhigt, daß eine Geldhalbierung nicht über Nacht von der Regierung, sondern nur vom Parlament beschlossen werden könne. Die Polizei wurde auf die Gerüchtemacher angesetzt.
Am Freitagmorgen standen die Finnen abermals vor den Banken Schlange -- um ihr Geld wieder abzuheben.

DER SPIEGEL 45/1967
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