25.12.1967

BERLIN / KAISERDAMMTrotz mit Kopf

Nichts hat sich mir im Leben so deutlich gezeigt wie die Erfahrung: Wo wir nicht bereit sind, unsere Bürgerrechte wahrzunehmen, werden wir übersehen und überfahren. Konrad Adenauer
Am 18. Dezember 1906 empfingen die Stadtväter von Charlottenburg einen Erlaß von Kaiser Wilhelm II.: Die Straße 33 sei künftig der Kaiserdamm zu heißen.
Am 18. Dezember 1967 erhielten die Stadträte von Charlottenburg eine Empfehlung von den Bezirksverordneten: Der Adenauerdamm solle künftig wieder Kaiserdamm genannt werden.
Der Beschluß der (überwiegend sozialdemokratischen) Bezirksverordneten beendet eine Komödie, die zahlreiche Berliner heftiger erregt hat als die Tragödien vor der Oper und an der Mauer: die Umbenennung von Kaiserdamm in Adenauerdamm kurz nach dem Tode des Altkanzlers.
Die Umtaufe des 1600 Meter langen und 50 Meter breiten Teilstücks der Berliner Ost-West-Achse war noch an Adenauers Sterbetag von Berlins erstem Christdemokraten Franz Amrehn empfohlen und eine Woche später vollzogen worden -- "unter Ausnutzung der Trauer", wie Kaiserdamm-Anwohner Dr. Eberhard Sommer argwöhnt.
Doch was in Köln und Bonn, in Lübeck und Stuttgart widerspruchslos hingenommen wurde, gebar in der deutschen Halbstadt Unfrieden: Die Berliner mochten einen Adenauerdamm ebensowenig wie Adenauer Berlin.
Sie murrten nicht, als die Kronprinzenallee zur Clayallee, die Berliner Straße in Neukölln zur Karl-Marx-Straße und das Ufer des Landwehrkanals vom Großadmiral Tirpitz auf den meuternden Matrosen Reichpietsch umgetauft wurden. Sogar ihr geliebtes "Knie" gaben sie für Ernst Reuter hin. Doch den Kaiserdamm wollten sie sich nicht nehmen lassen.
Die Anrainer gründeten eine "Aktionsgemeinschaft Kaiserdamm e. V.". Sie änderten weder Stempel noch Briefköpfe und trotzten der Exekutive mit beleuchteten Hausnummern wie "Kaiserdamm 84".
Zwar verlautete trotz Trotz und Kaiserdamm-Kopf aus dem Rathaus Charlottenburg, man werde "an der Straßenumbenennung festhalten", und SPD-Stadtrat Herbert Grigers grollte: "Wir geben nicht nach."
Doch plötzlich folgten die Bezirksverordneten einem Dringlichkeitsantrag von SPD und FDP und beschlossen mit Zweidrittelmehrheit, dem Bezirksamt die Rückbenennung des Adenauerdamms in Kaiserdamm anzuraten.
Denn mittlerweile hatten die Berliner in Massen bekundet, daß sie ihren alten Kaiserdamm wiederhaben wollten: Mehr als 140 000 -- etwa zehn Prozent aller West-Berliner Wähler -- hatten mit ihrer Unterschrift für eine Rückbenennung votiert.
Die Charlottenburger Sozialdemokraten erblickten darin eine "Willensäußerung der Bevölkerung" und rafften sich zu einer rar gewordenen Reaktion auf: Sie muckten gegen die christdemokratische Minderheit auf, die in einer Rückbenennung "einen Akt grober Undankbarkeit und Mißachtung gegenüber diesem großen deutschen Staatsmann" sieht.
Bezwungen vom Bürgerwillen, beteuerte Bürgermeister Günter Spruch: "Gleich Anfang Januar geht die Sache über die Bühne."
* Bei der Umbenennung am 26. April 1967.

DER SPIEGEL 53/1967
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