27.11.1967

TOURISMUS / BERLINOst zu West

Was dem West-Berliner Senat und der DDR-Regierung bisher nicht gelang -- die ostdeutsche Reichsbahn vollbringt's: Sie organisiert jetzt, zusammen mit dem Reisebüro Manfred Möwis am Kurfürstendamm und gegen gute Devisen, Wochenend-Wiedersehen der voneinander getrennten Berliner.
Die gemeinsame Reise der Bürger aus beiderlei Berlin führt nach Prag. Denn dort ist erlaubt, was daheim nicht sein darf: Für 89 Westmark pro Person (alles inklusive) findet in den Hotels der Moldau-Metropole während der Sonnabendnacht die Wiedervereinigung statt.
Jeden Sonnabendmorgen klettern auf dem West-Berliner Bahnhof Zoo westliche Ost-Fahrer in den Schnellzug Paris-Moskau, der sie um 8.24 Uhr über die Mauer-Grenze bringt. Auf dem Berliner Ost-Bahnhof steht dann ein sozialistischer Salonwagen des Typs "Görlitz" bereit, der an den "Vindobona"-Expreß angehängt wird.
Wenn der gelb-rote Dieselzug um 9.24 Uhr die Hauptstadt der DDR nach Wien via Prag verläßt, sitzen die Verwandten noch getrennt. Die DDR-Reichsbahn pflegt zwei Triebwagen-Einheiten zusammenzukoppeln -- eine für den Westen, eine für den Osten. Führerstand stößt an Führerstand, vom Ostzug zum Westzug führt keine Tür und keine Brücke.
Solange der Luxus-Zug -- Edelhölzer an den Wänden, Teppiche auf dem Fußboden -- durch die DDR dieselt, reist die Staatsgrenze immer mit. Ost bleibt Ost und West bleibt West -- bis Döcin erreicht ist, die erste Station in der Tschechoslowakei. Dort steigen die separierten Reisenden um, von einem Abteil ins andere, West zu Ost und Ost zu West.
Das Weekend in der Goldenen Stadt währt 23 Stunden -- ein bißchen Familienplausch, ein bißchen Shopping, vielleicht eine Stadtrundfahrt. Ältere Herrschaften lassen sich im "Yalta", "Ambassador" oder "Flora" nieder, um ein paar Flaschen Wein zu köpfen. Die jungen Prag-Touristen gehen tanzen im "Alhambra" oder in der "Lucerna".
Die Hast durch Kultur und Knödel, Slop und Slibowitz endet am Sonntagmittag auf dem Prager Bahnhof im "Vindobona"-Expreß Richtung Berlin. Bis zur CSSR-Grenze sind die Berliner noch vereinigt. Dann spaltet sich die staatlich sanktionierte Familienfuhre wieder in Ost und West.
Als die Reichsbahn der DDR die Gesamt-Berliner Trips nach Prag arrangierte, ersuchte sie den West-Berliner Vertragspartner, die Möglichkeit vom Familienausflug nach Böhmen in der Öffentlichkeit nicht breitzutreten. So kleidet denn das Reisebüro Möwis auch die Aussicht auf ein Treffen mit den östlichen Verwandten dezent in die Form, es könne "darauf hingewiesen werden, daß Bürger der DDR für die Einreise in die CSSR keine Visa mehr benötigen".
In der Hoffnung auf ein Devisengeschäft spielen die konzilianten Tschechen mit, und sie behandeln die Touristen aus der DDR gar zuvorkommender als sonst. Denn die Ost-Berliner zahlen nicht, wie üblich, mit schwacher Ostmark: Bedingung für die Reise ist, daß die West-Berliner den Aufenthalt ihrer Verwandten in der tschechoslowakischen Metropole in Westmark entgelten.
* Auf dem Bahnhof Zoo in West-Berlin.

DER SPIEGEL 49/1967
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TOURISMUS / BERLIN:
Ost zu West

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