27.11.1967

SCHRIFTSTELLER / STYRONAlle wie Massa

Wir müssen die weißen Hundesöhne alle umbringen. Hat dir der Herr das nicht verkündet? Stimmt das, Nat?"
Nicht etwa der heutige US-Negerführer Rap Brown fordert so zum gottgewollten Mord an den weißen Herren Amerikas auf, der Dialog zwischen revoltierenden US-Negern spielt vielmehr 136 Jahre früher -- in dem Roman "Die Bekenntnisse des Nat Turner" des amerikanischen Schriftstellers William Styron, 42*.
Styron beschreibt den ersten und bisher einzigen organisierten Negeraufstand in der Geschichte der Vereinigten Staaten -- das Amerika des Jahres 1967, von immer heftigeren Neger-Revolten erschüttert, ist von diesem Griff in die Geschichte fasziniert: Seit drei Wochen steht "Nat Turner" auf dem ersten Platz der amerikanischen Bestsellerlisten.
Dabei beschreibt Styron ein Ereignis, das längst vergessen war. Im Sommer 1831 zogen unter Führung des 31jährigen Sklaven und Laienpredigers Nat Turner 60 Farbige durch den US-Bundesstaat Virginia. Sie töteten jeden Weißen, der ihnen in den Weg kam -- Männer, Frauen und Kinder, insgesamt 55.
Nach zwei Tagen brach ihre Revolte zusammen. 17 der Aufständischen wurden gefangengenommen und gehenkt, 16 wurden beerdigt.
Die Leiche des siebzehnten, des Anführers Nat Turner, wurde, wie der Historiker William S. Drewry im Jahr 1900 in der bisher einzigen Untersu-
* William Styron: "The Confessions of Nat Turner". Verlag Random Hause, New York; 428 Seiten; 6,95 Dollar.
chung des Aufstandes berichtete, "den Ärzten überlassen, die sie abhäuteten und aus dem Fleisch Schmiere kochten". Drewry: "Mr. R. S. Brahams Vater besaß eine Geldbörse, die aus Nat Turners Haut gemacht war. Sein Skelett war lange im Besitz Dr. Massenbergs, ging aber dann verloren."
Vor Drewry beschäftigte sich nur noch die Romanschriftstellerin Harriet Beecher Stowe ("Onkel Toms Hütte") mit dem Aufstand, den sie 1856 in ihrem Roman "Dred" verwertete. Sie stützte sich dabei auf das einzige authentische Zeugnis, das von der Verzweiflungstat der Sklaven übriggeblieben war, ein 5000-Worte-Dokument, das 1831, noch im Jahr des Aufstands, unter dem Titel "Die Bekenntnisse des Nat Turner" in Baltimore erschienen war. Nat Turner selbst soll es in seiner Todeszelle einem Rechtsanwalt diktiert haben.
Auch für den Romancier Styron waren diese "Bekenntnisse des Nat Turner" die wichtigste Datenquelle über das Leben seines rebellischen Helden. Mehr: Sie lieferte ihm auch die Erzählperspektive" denn Styron berichtet in der Ich-Form, als Nat Turner -- mit sensationellem Erfolg.
Styrons Roman-Vorwurf war dem Verlag "The New American Library" schon vor drei Jahren so interessant erschienen, daß er sich die Taschenbuch-Rechte an dem noch unfertigen Manuskript für 100 000 Dollar (400 000 Mark) gesichert hatte. Im September dieses Jahres zahlte das Magazin "Harper's" für einen 50 000 Worte langen Vorabdruck 7500 Dollar, und Amerikas größter Büchergilde, dem "Book-ofthe-Month Club", waren die "Nat Turner"-Rechte 150 000 Dollar wert. Erstauflage des Romans: 200 000.
Styrons Plan, über den Neger-Rebellen Nat Turner zu schreiben, ist so alt wie Styrons literarische Karriere -- 20 Jahre.
Der Ingenieurssohn aus Virginia William Styron brachte es in der Marine-Infanterie bis zum Leutnant, auf der Universität bis zum Bachelor of Arts, im New Yorker Verlag Whittlesey House in vier Monaten bis zur Kündigung. 1951 erschien sein Erstlings-Roman "Geborgen im Schoße der Nacht". 1953 heiratete er die Tochter eines amerikanischen Warenhausbesitzers. Styron: "Rose ist meine jüdische Mama. Sie ist sehr schön, und ich hätte sie auf jeden Fall geheiratet -- aber zufällig ist sie Jüdin. Das wagen nicht viele Jungen aus Virginia."
Mit Frau Rose und vier Kindern lebt Styron heute in Connecticut auf dem Land. Zwischen seinem Debüt-Buch und dem "Nat Turner"-Roman veröffentlichte er einen Roman und eine Erzählung. Die Romane "Geborgen im Schoße der Nacht" sowie "Und legte Feuer an dies Haus" erschienen 1957 und 1961 auf deutsch im Kossodo- und im S. Fischer-Verlag, der 1962 auch die Erzählung "Der lange Marsch" publizierte. Styrons "Nat Turner"-Bestseller wird bei Droemer-Knaur erscheinen.
Mit den Problemen der amerikanischen Farbigen ist Styron von Jugend auf vertraut. Seine und seines Bestseher-Helden Heimat Virginia gehört zu den US-Bundesstaaten, die der Neger-Emanzipation den härtesten Widerstand entgegensetzten.
Styrons Jugenderfahrungen und seine Studien zum Rassenproblem konnten das Risiko, das er mit seinem "gottgesandten Thema" (Styron) einging, allenfalls verringern, nicht jedoch aufheben. Herman Melville ("Moby-Dick") wagte es nicht, seinen "Benito Cereno", die berühmteste Darstellung einer Neger-Revolte in der amerikanischen Literatur, aus der Perspektive des farbigen Anführers zu schreiben. Eben dies aber unternahm Styron.
Styron geht über die äußere Schilderung der Revolte hinaus und versucht, Bewußtes und Unterbewußtes in Nat Turners Seele darzustellen.
Negerknabe Nat wächst bei dem aufgeklärten und wohlmeinenden Pflanzer Samuel Turner auf, der ihn unter seine Obhut nimmt, als Nat mit zwölf ein Buch stiehlt und lesen zu lernen
* zeitgenössische Darstellung seiner Festnahme.
versucht. Turner macht Nat zum "house nigger", der sich seiner Feldarbeit verrichtenden Rassegenossen schämt, seine weißen Herren jedoch haßt. Als der bankrotte Turner den jungen Nat an einen brutalen weißen Geistlichen verkauft, der Nat für 460 Dollar an einen sadistischen Farmer weitergibt, und Nat sich in eine weiße Frau verliebt, kommt es in dem zwischen Schwarz und Weiß, Altem und Neuem Testament, Liebe und Haß schwankenden Nat Turner zur Explosion.
Ausgerechnet jene Weiße, die er liebte, bringt er um. Sie ist sein einziges Opfer; in allen anderen Fällen war Nat unfähig zum Mord. Widerstandslos läßt er sich schließlich festnehmen. "Time": "Ein Heiliger ohne Gott." Autor Styron über seinen schwarzen Heros: "Der Archetypus des tragischen amerikanischen Helden."
Darüber, ob dem Romancier Styron die zeitweise Verwandlung in seinen Ich-Erzähler Nat Turner, ob ihm der Sprung über die Schranken von Zeit und Rasse geglückt sei, waren die amerikanischen Kritiker geteilter Meinung. Die "New York Times Book Review" erklärte die "Bekenntnisse des Nat Turner" zum literarischen Fehlschlag: "Eine Vierhundert-Seiten-Imitation." "Newsweek": "Man glaubt an Nat, an den Wert seiner verzweifelten, hoffnungslosen Revolte."
Das schmeichelhafteste Urteil über Styrons Experiment, mit der Stimme eines seit 136 Jahren toten Neger-Rebellen zu sprechen, fällte jedoch ein Neger und Kollege. Styron-Freund James Baldwin ("Eine andere Welt"): "Ja, ich glaube, etwas von mir ist auch in Nat Turner. Wäre ich Schauspieler, ich könnte die Rolle spielen."
Eine nicht unbeträchtliche Rolle hatte Baldwin schon bei der Entstehung des "Nat Turner" gespielt: Fünf Monate lebte er als Gast der Styrons in Connecticut und diskutierte mit dem Autor das Roman-Projekt. Erst Baldwins Beispiel, so bekennt Styron heute, habe ihm erlaubt, die Figur des Nat Turner zu konzipieren, und erst in dieser Zeit sei in ihm auch das zäheste aller Südstaaten-Vorurteile zusammengebrochen -- "daß ein Neger niemals wirklich intelligent sei".
Für den Neger-Intellektuellen Baldwin ist Styrons Roman ein Appell vor allem an die Weißen: "Jetzt wird die Rechnung präsentiert. Ihr seid alle wie Massa Samuel Turner. Ihr gebt vor, ihr würdet uns nicht verkaufen, aber wir wußten immer, daß ihr uns zusammenschießen würdet."
Dem Autor Styron ist bei der Arbeit am Roman noch ein anderer Gedanke gekommen: Die Debatte um die Sklavenbefreiung, erklärt er, habe 1831 in Virginia unentschieden gestanden. Die Neger-Revolte beendete sie jedoch ein für allemal. Styron: "Ich glaube, es bestand eine Chance, daß der Staat Virginia seine Sklaven befreit hätte, und ich bin überzeugt, der ganze obere Süden wäre seinem Beispiel gefolgt."
Ohne Nat Turner, so glaubt William Styron, hätte der amerikanische Bürgerkrieg nicht stattzufinden brauchen.

DER SPIEGEL 49/1967
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