20.11.1967

„ER SPIELTE WIEDER MAL DEN TOTEN“

SPIEGEL: Frau Heß, vor 26 Jahren und 172 Tagen haben Sie Ihren Mann zum letztenmal gesehen, obgleich Sie ihn im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis jeden Monat einmal besuchen könnten. Warum tun Sie das nicht?
ILSE HESS: Weil mein Mann es nicht wünscht. Er hat um sich eine Schutzmauer errichtet und will nicht, daß sie eingerissen wird, etwa durch starke Gefühlserregung.
SPIEGEL: Lehnt er Verwandten-Besuche auch deshalb ab, weil er es als ehrenrührig empfindet, im Kriegsverbrechergefängnis beispielsweise seine Frau zu empfangen?
ILSE HESS: Mein Mann sagt, das sei unwürdig.
SPIEGEL: Als er nach dem mißglückten Hitler-Putsch vom November 1923 in Landsberg einsaß, war das anders Da haben Sie ihn besucht.
ILSE HESS: Das war Festung. Das ist ein ganz großer Unterschied, das war Ehrenhaft.
SPIEGEL: Sie sahen Ihren Mann zum letztenmal vor seinem Flug nach England am 10. Mai 1941?
ILSE HESS: Ja, am 10. Mai 1941, das war ein Sonnabend. Er hat noch daheim gegessen und ist kurz nach Mittag nach Augsburg gefahren. Spätestens Montag wollte er zurück sein. SPIEGEL: Glaubten Sie ihm?
ILSE HESS: Eigentlich nicht. Ich hatte so ein komisches Gefühl und ahnte, daß er irgend etwas vorhatte. Aber ich tippte nicht auf England, vielmehr nahm ich an, er wolle sich mit dem französischen Marschall Pétain in Vichy treffen. Mein Mann hat sich ja 1940 nach dem Frankreich-Feldzug dafür eingesetzt, daß die Franzosen einen milden Waffenstillstand bekommen, und Pétain hat er sehr geschätzt.
SPIEGEL: Mithin wußten Sie auch nicht, welche Gründe ihn zu seinem England-Flug veranlaßten?
ILSE HESS: Mein Mann wollte immer die Verständigung mit England. Wir hatten vor dem Krieg gute Kontakte zu Engländern, und kurz vor Kriegsausbruch waren unsere Koffer für eine England-Reisegepackt.
SPIEGEL: Die Polen, die Franzosen waren besiegt, der Rußland-Krieg stand unmittelbar bevor. Als ließ nach seinem Fallschirm-Absprung über England in Gefangenschaft geriet, sprach er von einer Vision, die immer wiederkehre: eine unendliche Reihe von Kindersärgen, und hinter jedem Kindersarg eine weinende Mutter. Psychologen mutmaßten, diese Vision spiegelte Hitlers Ausrottungspolitik in Polen wider.
ILSE HESS: Ich glaube, daß sich diese Vision auf den Krieg insgesamt
* Mit SPIEGEL-Redakteur Dr. Wolfgang Malanowski (r.) und SPIEGEL-Mitarbeiterin Ina Heckel am 29. Oktober im Gartenhaus von Heß-Freunden.
bezog. Mein Mann hat immer sehr nüchtern gedacht. Vor allem fürchtete er den Luftkrieg, dessen Auswirkungen er als Fliegeroffizier des Ersten Weltkrieges weitaus realer einschätzte als viele andere. Und da sorgte er sich natürlich um die Mütter und Kinder in den deutschen Städten.
SPIEGEL: Wußte er davon, daß der Angriff auf die Sowjet-Union unmittelbar bevorstand? Der Überfall war seit Juli 1940 geplant. Er begann 43 Tage nach dem England-Flug.
ILSE HESS: Mein Mann hat mit mir darüber nicht gesprochen. Und Sie wissen ja: Es war Hitlers Prinzip, immer nur die Leute einzuweihen, die unbedingt davon wissen mußten.
SPIEGEL: War Heß zum Zeitpunkt seines England-Fluges normal?
ILSE HESS: Davon bin ich fest überzeugt. Ein geistesgestörter Mensch wäre doch gar nicht in der Lage gewesen, den Flug technisch vorzubereiten. Weil mein Mann nicht offiziell flog, bekam er natürlich auch keine offizielle Peilung. Deshalb verabredete er schon Tage zuvor mit dem dänischen Sender Kalundborg, auf eine bestimmte Nachricht seines Adjutanten Pintsch zu bestimmten Zeiten bestimmte Melodien, es waren Schlager, zu senden. So wollte mein Mann seine Peilung überprüfen. Aber in derselben Nacht starteten, was mein Mann nicht wußte, starke Luftwaffenverbände zu einem der schwersten Luftwaffenangriffe auf London. Diese Einheiten waren ebenfalls mit auf die Peilung des Senders Kalundborg angewiesen, denn Radar-Navigation gab es ja damals noch nicht. Dadurch war die Absprache gefährdet. Pintsch konnte schließlich doch noch durchsetzen, daß es bei den Schlagermelodien für meinen Mann blieb. Und schließlich wird ein Geisteskranker auch den Absetzplatz für den Fallschirmsprung nicht so exakt berechnen können, wie mein Mann es tat.
SPIEGEL: Seine Möglichkeiten wie auch die politische Situation hat er aber völlig falsch eingeschätzt, trotz der langen und intensiven Vorbereitungen für seine Expedition.
ILSE HESS: Er hat falsche Vorstellungen von England gehabt -- obgleich, wie mir Engländer heute bestätigen, mehr als die Hälfte der Engländer damals für eine Verständigung mit Deutschland waren, die mein Mann herbeiführen wollte.
SPIEGEL: Die Engländer wollten das sicherlich nicht auf der von Hitler vorgeschlagenen Basis. Heß stellte sich vor, die Engländer würden ihn nach Erledigung seiner selbstgewählten Mission laufenlassen.
ILSE HESS: Warum nicht? Er kam ja als Parlamentär, dann hätte er ja auch als Parlamentär wieder gehen können. Churchill selber hat ihm in seinen Memoiren eine Art Botschafter-Status zugebilligt.
SPIEGEL: Heß trug die Uniform eines Fliegeroffiziers, und die Engländer betrachteten ihn als einen Kriegsgefangenen. Wenn er in Zivil mit einer weißen Fahne gekommen wäre ...
ILSE HESS: ... dann wäre er vielleicht als Spion erschossen worden.
SPIEGEL: Und wenn er heimgekehrt wäre ...
ILSE HESS: ... hätte ihn Hitler erschießen oder in ein Irrenhaus sperren lassen, es sei denn, mein Mann hätte Erfolg gehabt.
SPIEGEL: Glaubte Heß an einen Erfolg?
ILSE HESS: Er selbst schrieb einmal, er habe sich nur eine fünfprozentige Chance gegeben.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß der absolute Mißerfolg Heß in tiefe Depressionen und Hysterie versetzt haben könnte?
* Absprung über England am 10. Mai 1941, gezeichnet für Heß-Sohn Wolf Rüdiger.
ILSE HESS: Depressionen, ja, sicher. Hysterie nicht.
SPIEGEL: Was Sie über den Gesundheitszustand Ihres Mannes sagen, widerspricht allem, was Ärzte und Psychologen diagnostizierten, die ihn auf seinen Geisteszustand untersucht haben. Der britische Arzt Dr. John Rees hat Heß nach der Gefangennahme in England untersucht. Seine Diagnose lautete: Anzeichen von Schizophrenie. Rees nahm diesen Befund jedoch nicht in seinen Bericht auf. Erst kürzlich erklärte er, Kriegspremier Winston Churchill habe ihn dazu veranlaßt, um Heß nicht gemäß der Genfer Kriegsgefangenen-Konvention von 1929 an Deutschland ausliefern zu müssen. Rees schilderte sein erstes Treffen mit Heß so: "Als ich den Raum betrat, war mein erster Eindruck: "Mein Gott, typische Schizophrenie."
ILSE HESS: Dr. Rees' Äußerung ist mir aus jüngsten Veröffentlichungen bekannt. Erstens kam es zu dieser Begegnung unmittelbar nach dem sicherlich nicht leichten Flug meines Mannes und seiner ersten Enttäuschung über das Scheitern seiner selbstgewählten Aufgabe. Zweitens glaube ich, daß gerade ein Psychologe übereilt urteilt, wenn er nach so oberflächlichem Eindruck einen Befund über den Geisteszustand eines ihm völlig fremden Menschen abgibt.
SPIEGEL: Während des Nürnberger Prozesses 1945/46 kamen die amerikanischen Psychologen Kelley und Gilbert, die später in Büchern darüber berichteten, zu ähnlichen Diagnosen. Sie meinten, Heß leide an einer Psychoneurose, verschärft durch seine paranoische und schizoide Anlage.
ILSE HESS: Kelleys Buch habe ich gelesen, als ich selber im Lager saß. Sie können sich denken, daß ich da nervlich nicht auf der Höhe war. Was Kelley berichtete, hat mich zunächst verwirrt. Dann kam aber diese, ich muß schon sagen, wunderbare Passage, in der Kelley meinem Mann einen Vaterkomplex andichtete, der ihn angeblich an Hitler gefesselt hat. Mein Mann wurde von seinem Vater zwar streng erzogen, aber er hat ihn immer geachtet, und ganz gewiß brauchte er keinen stellvertretenden Vater. Und außerdem, mich nannte Kelley ein schlichtes Mädchen aus dem Volke ...
SPIEGEL: Sie kommen aus gutem Bürgerhause, haben das Abitur und wollten studieren.
ILSE HESS: ... und mein Mann habe es vermieden, sich mit mir auf großen Gesellschaften sehen zu lassen. Als ich all das las, da habe ich hellauf gelacht und das Buch in die Ecke geschmissen. Das schlichte Mädchen aus dem Volke sagte sich damals, wenn Kelley solchen Blödsinn schreibt, ist das ganze Buch Blödsinn.
SPIEGEL: Kelley hat Heß mehrere Male untersucht und ihm, wie auch den anderen Angeklagten der Nazi-Hierarchie, eine ganze Reihe psychologischer Tests vorgelegt.
ILSE HESS: Ich bin da sehr skeptisch, vor allem, weil es begründete Annahmen gibt, daß mein Mann den ganzen Zirkus durchschaute. Er nahm Kelley regelrecht auf den Arm und hat ihm beim Testen immer wieder gesagt, was er gern hören wollte. Und bedenken Sie, diese Tests hatten doch schließlich einen Zweck.
SPIEGEL: Sie hatten den Zweck, herauszufinden, ob Heß verhandlungsfähig und mithin verantwortlich ist. Heß wurde in Nürnberg außerdem von einem zehn Mann starken Ärzte-Team -- Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen -- auf seinen Geisteszustand untersucht. Dieses Team stellte latente Schizophrenie fest, meinte jedoch, zur Zeit sei Heß verhandlungsfähig.
ILSE HESS: Latente Schizophrenie. Welch ein Unsinn. Mir hat gerade vor kurzem ein international bekannter Psychiater gesagt, daß es eine derartige Diagnose nicht gebe. Entweder ist jemand schizophren, oder er ist es nicht.
SPIEGEL: 1948 wurde Heß im Spandauer Gefängnis von dem amerikanischen Psychiater Professor Maurice N. Walsh untersucht. Walsh diagnostizierte Schizophrenie. Aber auch er verschwieg seinen Befund auf höheres Drängen wie sein britischer Kollege. Damals fürchteten die Amerikaner zusätzliche Friktionen mit den Russen, die gerade Berlin blockierten. Walsh veröffentlichte seinen Bericht 1964.
ILSE HESS: Sie sagen es selbst: Bei all den Untersuchungen und Diagnosen spielten politische Überlegungen eine große Rolle -- in England, Nürnberg wie auch in Spandau; das ging ja so weit, daß ärztliche Diagnosen gefälscht wurden.
SPIEGEL: Sehen wir einmal von den Diagnosen der Ärzte ab. Es liegen andere Berichte, zum Teil von Heß selbst verfaßt, vor, die auf erhebliche Störungen schließen lassen. In England wie in Nürnberg war er von krankhaftem Mißtrauen gegen seine Bewacher. Er mutmaßte, seine Nahrung enthalte giftige oder sonst schädliche Zusätze. Er nahm Speiseproben, verpackte sie heimlich in Löschpapier, um sie eines Tages einem Gericht als Beweismaterial vorzulegen.
ILSE HESS: Churchill lag offenbar viel daran, aus meinem Mann Staatsgeheimnisse herauszubekommen. Daß dies mitunter auch mit Drogen versucht worden ist, dürfte, so glaube ich, inzwischen hinreichend bekannt sein.
SPIEGEL: Heß selbst schrieb: "Als die Vergiftungssymptome sich häuften, kratzte ich in meiner Verzweiflung den Kalk von den Wänden, in der Hoffnung, daß dies die Wirkung der Giftstoffe neutralisieren würde, doch ohne Erfolg." Als Giftstoffe glaubte er analysiert zu haben: "Seife, Spülwasser, Dünger, faulen Fisch, Petroleum und Karbolsäure." Das Schlimmste seien, so schrieb er weiter, "Drüsensekrete von Kamelen und Schweinen" gewesen.
ILSE HESS: Dazu kann ich Ihnen nur wiederholen, was ich Ihnen eben gesagt habe, und außerdem -- wenn man schon weiß, daß ärztliche Befunde gefälscht worden sind, warum sollte man dann nicht auch den als Dokument deklarierten angeblichen Bericht meines Mannes mit Vorsicht behandeln?
SPIEGEL: Aber der auf Schizophrenie lautende Befund wurde doch gerade deshalb nicht veröffentlicht, weil die Engländer für die bereits geplanten Kriegsverbrecherprozesse einen gesunden -- verantwortlichen -- ließ haben wollten und nicht einen Geisteskranken.
ILSE HESS: Jedenfalls konnte ich aus den persönlichen Briefen meines Mannes, die er mir aus England schrieb, leider waren es sehr wenige, keinerlei Krankheitssymptome herauslesen. Er hat es in seinem Zustand immerhin fertiggebracht, den britischen Geheimdienst zu täuschen. Er legte seinen Briefen häufig Abschriften von früher geschriebenen Briefen bei, die er aber in entscheidenden Punkten abänderte. Der Zensor bemerkte die Änderungen nicht, ihm war die Tatsache der doppelt abgeschickten Briefe nur weiterer Beweis für seine Verrücktheit. Aber auch die Briefe aus Spandau lassen einwandfrei auf klaren Verstand schließen.
SPIEGEL: Während des Nürnberger Prozesses litt ließ unter erheblichem Gedächtnisschwund.
ILSE HESS: Er hat simuliert.
SPIEGEL: Unterstellen wir, Heß habe, wie er selbst sagte, simuliert. Als er jedoch nicht mehr simulierte, was er wiederum selbst sagte, sprach er von "eigenartigen Augen", "glasigen, verträumten Augen", die er überall sehe. Er führte den sonderbaren Blick auf Drogen zurück. Überall, wo Unrecht geschah, vermutete er Menschen mit glasigen Augen. So bei den Bewachern in britischen Konzentrationslagern, in denen während des Burenkrieges tausende Frauen und Kinder umkamen, wie auch bei den Bewachern in den deutschen Konzentrationslagern.
ILSE HESS: Hat er das bei den psychologischen Tests gesagt?
SPIEGEL: Nein, das hat er in seinem Schlußwort vor dem Tribunal gesagt. Aber wenn Sie nicht an eine geistige Erkrankung Ihres Mannes glauben wollen oder können, wäre es da nicht doch klüger gewesen, sich dem Urteil der Ärzte anzuschließen? Einen kranken ließ würde man vielleicht eher freilassen als einen gesunden. Schließlich wurde der ehemalige in Nürnberg zu 15 Jahren verurteilte Reichsaußenminister von Neurath wegen Krankheit nach acht Jahren entlassen, und der frühere Großadmiral Raeder, der, wie Heß, lebenslänglich erhalten hatte, kam nach neun Jahren frei.
ILSE HESS: Selbstverständlich habe ich auch einmal daran gedacht. Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, hat auch Dr. Seidl ...
SPIEGEL: ... der Verteidiger Ihres Mannes ...
ILSE HESS: ... nach Bekanntwerden des Walsh-Berichtes 1964 mit diesem Argument operiert. Aber er hatte damit keinerlei Erfolg. Hinzu kommt, daß mein Mann es ihm bei einem Besuch ausdrücklich verboten hat, diese Taktik weiter zu verfolgen.
SPIEGEL: Hat ließ es seinem Verteidiger verboten, weil der ehemalige "Stellvertreter des Führers" nicht krank sein darf?
ILSE HESS: Nein. Dann hätte er ja das ganze Theater, das er in Nürnberg gemacht hat, auch nicht machen dürfen. Im Gegenteil: Er selbst hat Hitler vor seinem England-Flug in einem Brief anheimgestellt, ihn für verrückt erklären zu lassen.
SPIEGEL: Was Hitler denn ja auch getan hat.
ILSE HESS: Ja, aber nicht einmal Juppchen Goebbels wäre sonst auf diesen Gedanken gekommen. Die, wenn Sie so wollen, Verrücktheits-These stammt eindeutig von meinem Mann selber.
SPIEGEL: War ließ so düster, wie er aussah?
ILSE HESS: Keine Spur. Er konnte wirklich quietschvergnügt sein. Aber er ist im Grunde ein sehr verschlossener Mensch, und er hat Eigenschaften besonderer Art, die, wenn sie falsch gedeutet werden ... Schauen Sie, nach der Urteilsverkündung in Nürnberg stand in den Zeitungen, ließ sei nun völlig verrückt geworden; er liege auf seiner Pritsche und starre unentwegt zur Decke. Als ich das las, war ich erleichtert: Ich wußte -- er spielt wieder einmal den Toten. Mein Mann nannte das ulkigerweise Relaxieren, heute würde man es autogenes Training nennen. Wenn der Posten ihn so sah, sagte der natürlich: "Heß spinnt."
SPIEGEL: ließ ging zu Naturheilkundigen und Pendlern. Er ließ sich weissagen und Horoskope stellen
ILSE HESS: Zu Pendlern ging er nicht. Aber er ließ sich ein Horoskop stellen, und für Hitler ließ er eines anfertigen.
SPIEGEL: Und was stand darin?
ILSE HESS: Ich habe es nie gesehen. SPIEGEL: Vor seinem Flug nach England hatte der Geopolitiker Professor Karl Haushof er, der mit Hel 3 befreundet war, ein Gesicht: Er sah Ihren Mann durch teppichbehangene Hallen englischer Schlösser wandeln und Frieden stiften.
ILSE HESS: Ein Weissager sah meinen Mann in der Nordsee schwimmen.
SPIEGEL: Einen Tag nach dem England-Flug Ihres Mannes wurden in Deutschland sämtliche Astrologen verhaftet.
ILSE HESS: Zwei Tage danach.
SPIEGEL: Heß war nicht nur Stellvertreter des Führers, sondern auch Chef der "Auslandsorganisation der NSDAP", die im Ausland als "Fünfte Kolonne" verschrieen war, Mitglied des Geheimen Kabinettsrats, der die Kriegsanstrengungen koordinieren sollte.
ILSE HESS:... aber nicht ein einziges Mal tagte.
SPIEGEL: Heß war ferner Reichsminister ohne Geschäftsbereich und SS-Obergruppenführer.
ILSE HESS: SS-Obergruppenführer blieb er nur kurze Zeit, weil er sich sagte, als "Stellvertreter des Führers" könne er nicht Untergebener vom Reichsführer SS sein. Ich habe das bedauert. Ich fand ihn in der schwarzen Uniform so hübsch. Wie wenig er auf diese meine weiblichen Gefühle Rücksicht nahm, wird durch eine kleine Anekdote deutlich. Ich wollte so gern, daß er dunkelblaue Hemden trüge, er ist jedoch nie darauf eingegangen -- mit einer Ausnahme: als er sich von mir vor seinem England-Flug verabschiedete, aber das fiel mir erst viel später ein.
SPIEGEL: Trotz seiner vielen und wichtig klingenden Ämter spielte Heß im Machtapparat kaum eine Rolle. Sein Büro war nicht viel mehr als ein Büro zur Bearbeitung von Bagatell-Beschwerden.
ILSE HESS: Sicherlich hat es sich wohl nicht nur um Bagatell-Beschwerden gehandelt. Der bayrische Staatsminister Alois Hundhammer schrieb jedenfalls vor kurzem, es solle nicht übersehen werden, daß das "Büro Heß" "in den Jahren zwischen 1933 und 1945 für viele Verfolgte und Bedrängte in ihrer Not eine letzte Zuflucht war, auf die sie einen Schimmer von Hoffnung setzten mit ihren Bitten und Gesuchen und mit ihrem Appell an die Menschlichkeit". Ich kann zwar nicht beurteilen, welche Funktionen mein Mann im einzelnen ausübte, aber schließlich hatte er jedes Gesetz gegenzuzeichnen, und deshalb ist es wohl falsch, wenn man neuerdings versucht, meinen Mann als besseren Trottel hinzustellen.
SPIEGEL: Er war also, wenn man es strafrechtlich fassen wollte, zumindest Mitwisser der Verbrechen, die bis zu seinem England-Flug 1941 von den Nationalsozialisten verübt wurden.
ILSE HESS: Er hat einiges stillschweigend geduldet, anderes durch seine Unterschrift akzeptiert. Aber was Sie hier als Verbrechen bezeichnen, wurde jedenfalls vom Nürnberger Gericht, dem allzu große Milde wohl nicht nachgesagt werden kann, nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder als Kriegsverbrechen gewertet, und nur diese kann ich als Verbrechen anerkennen. Der Vorwurf, Verbrechen gegen den Frieden begangen zu haben, ist durch die Entwicklung seit 1945 vielfach ad absurdum geführt worden. Mein Mann sagte schon in Nürnberg, daß er das Gericht nur insoweit bejaht, als es tatsächlich Verbrechen aburteilt.
SPIEGEL: Heß wurde von der Anklage der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen freigesprochen, wegen Verbrechen gegen den Frieden und Vorbereitung des Angriffskrieges verurteilte ihn das Nürnberger Tribunal zu lebenslänglicher Haft.
ILSE HESS: Vorbereitung des Angriffskriegs war im Sinne des Völkerrechts nie ein Verbrechen, und Verbrechen gegen den Frieden hat es im strafrechtlichen und völkerrechtlichen Sinne ebenfalls nicht gegeben. Beides gibt es heute noch nicht, sonst säße in Spandau eine illustre Gesellschaft beisammen -- Engländer, Franzosen, Russen, Amerikaner, Israelis. Und ich muß schon sagen, der Herr Mosche Dajan imponiert mir schon. Aber ich bin dagegen, daß man den einen erlaubt, Lebensraum zu erobern, den anderen nicht. Immerhin ist die Sinai-Halbinsel ein ganz schöner Batzen.
SPIEGEL: In Nürnberg sagte Heß, er sei stolz darauf, Hitler gedient zu haben. Und er bezeichnete ihn als den "größten Sohn, den mein Volk in seiner tausendjährigen Geschichte hervorgebracht hat". War das seine Überzeugung, ist er noch gläubig, oder war es eher eine Trotzreaktion vor dem, wie er es nannte, Strafgericht der Sieger?
ILSE HESS: Ob es eine Trotzreaktion war oder seine Überzeugung, kann ich selbstverständlich nicht sagen. Ich nehme an, das war seine ehrliche Überzeugung. Aber selbst, wenn er inzwischen anderer Meinung gewesen sein sollte, hätte er sich, so vermute ich, zu Hitler bekannt.
SPIEGEL: Hat Heß damit gerechnet, in Nürnberg zu lebenslänglicher Haft verurteilt zu werden?
ILSE HESS: Er rechnete mit der Todesstrafe.
SPIEGEL: Hoffte Heß, wie andere Spandauer Häftlinge, man würde ihn nach ein paar Jahren freilassen?
ILSE HESS: Nein, im Gegenteil. Er hat eisern gesagt: "Ihr werdet euch täuschen." Als sich in Nürnberg der britische Arzt Dr. Johns von ihm verabschiedete und sagte: "Na, Heß, nächstes Jahr oder in zwei Jahren trinken wir wieder in Freiheit eine Tasse Tee zusammen", meinte Heß: "Ich glaube, Sie täuschen sich sehr." Und aus Spandau schrieb er mir: "Meine Genossen wiegen sich in der Illusion, daß wir bald wieder draußen sind, ich bin da absolut anderer Ansicht."
SPIEGEL: Als die letzten Genossen -- Speer und Schirach -- Spandau verließen, glaubte Heß da, er würde ebenfalls entlassen werden? Die Westmächte hatten sich ja dafür eingesetzt.
ILSE HESS: Er hoffte es wohl.
SPIEGEL: Jetzt hat Heß ein 500-Mann-Gefängnis ganz für sich. Jährlich werden von West-Berlin und der Bundesrepublik 480 000 Mark für die Verwaltung ausgegeben. Haben Sie Nachrichten, die auf baldige Entlassung schließen ließen?
ILSE HESS: Es gibt keinerlei Hinweise. Dennoch hoffe ich, daß 26 Jahre und 172 Tage -- Sie haben das ja ausgerechnet -- genug sind für einen Mann, der inzwischen 73 Jahre alt geworden ist. Schließlich bedeutet lebenslänglich in zivilisierten Staaten nirgends länger als 25 Jahre. Und die Einzelhaft, in der mein Mann sich nun befindet, ist nicht einmal im Nürnberger Urteil vorgesehen.
SPIEGEL: Frau Heß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 48/1967
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