16.10.1967

SCHRIFTSTELLER / GRUPPE 47Dichter, Dichter

Dein Ja zum fröhlichen Gruppenbegräbnis" forderten demonstrierende SDS-Mitglieder aus Erlangen. Wären sie zwei Tage früher gekommen, sie hätten der Zustimmung gewiß sein können.
Gruppenverdrossen, tagungsmüde, aber immer noch gehorsam, waren über hundert Schriftsteller, Kritiker und Verleger (und am letzten Tag auch noch Wirtschaftsminister und Graf)-Freund Karl Schiller) der Einladung Hans Werner Richters in den Landgasthof Pulvermühle beim oberfränkischen Waischenfeld gefolgt. Mit der 29. Tagung der "Gruppe 47" (5. bis 8. Oktober) sollte auch das 20jährige Bestehen des uneingetragenen Literatenvereins begangen werden.
Aber Routine, Altersabnutzung und massierte Kritik am Gruppenstatus hatten, wenn nicht die Kritiker und Verleger, so doch vor allem die Literaten immer trennungswilliger gemacht.
Als die SDS-Studenten jedoch auf Transparenten die Auflösung der Richter-Runde forderten, dachte kaum noch jemand der Angesprochenen daran, die Aufforderung zu befolgen. Ein Stimmungsumschwung hatte zuvor die Schriftsteller erfaßt und ihr Gruppenbewußtsein verändert.
Zum erstenmal seit ihrer Erklärung zur SPIEGEL-Krise vor fünf Jahren bezogen die Schriftsteller als Mitglie-
* Ehefrau Toni Richter, Graß, Schiller.
der der Gruppe 47 wieder politisch Stellung mit, wie konnte es anders sein, einer Anti-Springer-Resolution.
Auf dem dunklen Pulvermühlen-Hof hatten sich am Ende des ersten Lesungstages ein knappes Dutzend Autoren versammelt. Der Biertische müde, drangen sie unter Führung von Günter Graß, Peter Rühmkorf, Martin Walser und Reinhard Lettau in den Tanzsaal ein, in dem tagsüber vorgelesen und kritisiert wurde. Einziges Diskussions-Thema der Nacht: Axel Springer und sein Anteil am westdeutschen Bewußtseinsmarkt.
Das Thema erwies sich als so faszinierend, daß der Tanzboden beinahe zur Hälfte gefüllt war, als Gruppen-Vater Richter, 59, der Sondersitzung ansichtig wurde, seine Überraschung niederkämpfte und flugs die Diskussionsleitung übernahm. Gegen zwölf stand fest: Die Anti-Springer-Resolution sollte von einem fünfköpfigen Literaten-Komitee ausformuliert werden. Es formulierte bis vier Uhr früh.
Das Ergebnis blieb zunächst geheim. Unbeirrt fuhr Richter im Tagungsritual fort. Am ersten Tag hatten nur die österreichische Erzählerin Barbara Frischmuth und der deutsch schreibende Grieche Vagelis Tsakiridis Gnade vor dem Gruppentribunal gefunden. Am zweiten Tag konnten die Romanautorin Renate Rasp mit Gedichten, der Lyriker Günter Eich mit Prosa, die Dichterin Helga Novak und der Prosaist Jürgen Becker Beifall buchen.
Die Kritik mußte ohne die sonst stets intonationssicheren, diesmal aber verstimmt ferngebliebenen Vorsänger Walter Jens und Hans Mayer auskommen. Sie wurde vorwiegend von den Autoren selbst bestritten und erwies sich als wenig prominentenfürchtig.
Enthusiastische Töne aber vermochte ihr der Kölner Jürgen Becker, 35, zu entlocken. Kollege Reinhard Lettau: "Dies ist die beste Prosa, die ich seit Jahrzehnten gehört habe. Ich habe keine Lust mehr, nach diesen Texten etwas zu veröffentlichen ... Ich könnte stundenlang zuhören."
Becker, 1964 durch den Prosaband "Felder" bekannt geworden und erst kürzlich von einem zweijährigen Stipendien-Aufenthalt in der Villa Massimo aus Rom nach Köln zurückgekehrt, hatte einen Text unter dem Titel "Ränder" gelesen, der die Sprachexperimente seines Erstlings "Felder" fortsetzte. Tags darauf verlieh die Gruppe Becker ihren Preis.
Die Höhe des Preises hatte Richter auf 6000 Mark festgesetzt. Das Preisgeld, in früheren Jahren jeweils von Verlegern aufgebracht, kam diesmal auf Anregung des krank zu Hause gebliebenen Heinrich Böll aus den Taschen früherer Preisträger, so von Böll, Graß, Walser, Eich und Bichsel.
Die Verleger sollten jedoch nicht ungeschoren davonkommen.
Zwar hatte Jürgen Becker die Stichwahl mit 69 Stimmen sicher gewinnen können, 30 Stimmen aber waren für den in Berlin lebenden Lyriker und Schweißplastiker Vagelis Tsakiridis, 31, abgegeben worden.
Der gebürtige Grieche führt eine doppelt prekäre Existenz: Wegen Wehrdienstverweigerung entzogen ihm die griechischen Behörden den Paß, die deutschen Behörden verweigern ihm indessen die deutsche Staatsbürgerschaft. Vor Ausweisung und Inhaftierung bewahrt ihn einzig ein bisher als Legitimation stillschweigend akzeptiertes Schreiben Willy Brandts, vor materieller Not schützt ihn nichts.
Auf Tsakiridis lenkte Hans Werner Richter daher den Spendierwillen der anwesenden Verleger. Schon nach wenigen Minuten konnte er die Zurufe stoppen: Der Grieche durfte eines Schecks über 6500 Mark sicher sein.
Auch politisch wurden die Verleger gefordert. Am Samstagmittag ließ Richter die über Nacht erarbeitete Anti-Springer-Resolution vor dem Poeten-Plenum von Reinhard Lettau verlesen. Die Schriftsteller befanden, daß Springers Meinungsmacht die Meinungsfreiheit einschränke, verletze und die parlamentarische Demokratie gefährde. Sie
beschlossen, in keiner Zeitung oder Zeitschrift des Springer-Konzerns mehr mitzuarbeiten,
> erwarteten, daß ihre Verleger in keinem Springer-Blatt mehr für ihre Bücher werben,
> baten alle Publizisten, Kritiker und Wissenschaftler sowie die Kollegen im PEN-Club und in den deutschen Akademien zu "überprüfen", ob sie "weitere Zusammenarbeit mit dem Springer-Konzern noch verantworten können".
Verleger Klaus Piper versicherte die Autoren der Verleger-Solidarität. Die anwesenden Büchermacher -- neben Piper unter anderen Unseld (Suhrkamp/Insel), Raddatz (Rowohlt), Wagenbach -- versprachen, den Wunsch ihrer Autoren achten zu wollen und auf der Frankfurter Buchmesse mindestens 20 weitere Verleger für die Anti-Springer-Aktion zu gewinnen. Sie erwogen sogar, Springers "Welt
* Mit Ehefrau Rango.
der Literatur" sämtliche Verlagsanzeigen vorzuenthalten und ihr, so ein Vorschlag Pipers, auch keine Rezensionsexemplare mehr zu schicken.
Gestärkt durch soviel Einverständnis, schritten die Autoren zur Unterschrifts-Leistung: Es unterzeichneten insgesamt fast 80 Literaten.
Die Probe aufs derart bekräftigte Engagement ließ nicht lange auf sich warten. Angekündigt hatte sie sich schon am Morgen des Resolutionstages -- mit einer rot-blauen Vietcong-Fahne, die von den SDS-Aktivisten an Stelle der vor der Pulvermühle aufgezogenen Landesfahne Frankens (rot-weiß) gehißt worden war, mit Flugblättern und handgemalten Parolen wie "Lieber tot als Höherer" oder "Politisch werden ist nicht schwer, kauf keine Springer-Zeitung mehr".
Am Samstagmittag wurde weiterprovoziert. Der Schwede Lars Gustafsson las gerade eine Arbeit über den russischen Anarchisten Bakunin, da ertönten draußen vor der Tür Kindertrompeten. Herein spazierte ein Student. Das luftballonverzierte Pappschild vor seiner Brust behauptete: "Hier tagt die Familie Saubermann." Erregt verwies ihn Richter des Saales. Die Luftballons platzten.
Als die Richter-Dichter neugierig auf den Hof drängten, empfing sie die SDS-Delegation aus Erlangen mit dem Sprechchor "Dichter, Dichter", mit zahlreichen Transparenten ("Gruppe 47 ein modernisierter Osterzopf"), mit dem rhythmisch vorgetragenen Wunsch nach Diskussion, der Aufforderung, die Gruppe 47 aufzulösen und dem Ultimatum, sich der Anti-Springer-Kampagne des SDS anzuschließen.
Die Demonstranten kamen zu spät. An eine Auflösung der Gruppe glaubte kaum einer mehr der vom Anti-Springer-Geist befeuerten Autoren. Und mit ihrem Springer-Manifest waren die 47er "all hier": Betreten vernahmen die Studenten aus Lettaus Mund -- Graß mißbilligte den Vorgang -- den Wortlaut der Gruppen-eigenen Resolution. Den von Richter energisch in den Saal zurückgewinkten Autoren konnten die SDS-Provos nur noch den Wunsch nach "Formulierungshilfe" nachsenden. Vor dem Haus verbrannten sie 30 "Bild"-Zeitungen -- Graß mißbilligte es.
Die SDS-Twens hatten indes mehr erreicht, als ihnen zunächst scheinen mochte. Ihr Auftritt provozierte die 47er zu bemerkenswert unterschiedlichen Reaktionen: Sie reichten von dem Ruf nach der Polizei über die Aufforderung, die Demonstranten einfach zu ignorieren, bis zum Vorschlag, sie zu Kaffee und Kuchen einzuladen. Einige Dichter verließen dann doch noch die Kaffeetafel, um mit den "Bild"-Stürmern zu diskutieren, die vor der Glasfront des Speisesaals laut SDS-Aktionsplan "Verarschungsweisen" bliesen.
Martin Walser, der den Tagungen jahrelang ferngeblieben war: "Es ist interessanter geworden. Es gibt jetzt so etwas wie verschiedene Flügel in der Gruppe. Jetzt komme ich wieder."

DER SPIEGEL 43/1967
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