23.10.1967

ZEITGESCHICHTE / WILHELM II.So furchtbar jung

Auf einer Weide an der Landstraße grunzte eine Sau. Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. fuhr vorüber, zog den Hut und grüßte: "Guten Tag, liebes Schweinchen, guten Tag, liebes Schweinchen, guten Tag, liebes Schweinchen!"
Auch jedem anderen Borstentier, das er sah, entbot der abgedankte Monarch seinen Gruß. Es geschah am 2. Mai 1923 unweit der holländischen Stadt Utrecht. Drei Herren begleiteten den Kaiser auf einer Autotour. Zweien war der Brauch neu, der dritte -- des Kaisers Flügeladjutant Sigurd von Ilsemann klärte sie später auf: Es sei "ein alter Aberglaube von S. M., daß diese Zeremonie Glück bringe".
Der ehemalige Generalstabshauptmann von Ilsemann schilderte diese Marotte des Monarchen in seinem Tagebuch, das er 23 Jahre lang akribisch geführt hat und dessen erster Teil jetzt im Münchner Biederstein-Verlag veröffentlicht wurde*.
Ilsemann war von 1918 bis zum Tode Wilhelms II. im Jahre 1941 einer der engsten Vertrauten des Ex-Kaisers im holländischen Exil. In dem Tagebuch, das erst 26 Jahre nach dem Tode Wilhelms 11. und 15 Jahre nach Ilsemanns Tod freigegeben wurde, erwähnt der Autor, daß Wilhelm bis in seine letzten Kaiser-Tage hinein für den Endsieg kämpfen wollte. Am 25. Oktober 1918 -- 14 Tage vor seiner Abdankung -- drohte der Monarch in seinem Hauptquartier in Belgien eine "Militärdiktatur" an, falls die Regierung Frieden schließen wolle.
Am 1. November erwog er: "Wenn zu Hause der Bolschewismus kommt, stelle ich mich an die Spitze einiger Divisionen, rücke nach Berlin und hänge alle auf, die Verrat üben."
Als am 5. November 1918 gemeldet wurde, nur noch die SPD verlange die Abdankung, frohlockte Wilhelm II.: "Wie gut, daß ich mal die Faust gezeigt habe, da fallen sie gleich um."
Und am 8. November 1918, nachdem Bayern zur Republik erklärt worden war, hoffte er auf fremde Hilfe: "Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Engländer mir noch Truppenhilfe anbieten, um den Bolschewismus in Deutschland zu unterdrücken!"
Am 9. November, dem Tag der Abdankung, hielt Ilsemann sogar die Uhrzeiten in seinem Tagebuch fest:
> 12 Uhr: Der Kronprinz erscheint zu einer Besprechung, die der Kaiser bereits seit Stunden mit Hindenburg und anderen Generälen über die Auflösungserscheinungen an der Front und in der Heimat führt.
> 13 Uhr: Eine erste Entscheidung: "Abdankung Seiner Majestät als
* Sigurd von Ilsemann: "Der Kaiser in Holland (1918 bis 1923)". Biederstein-Verlag, München; 338 Seiten; 22 Mark.
Kaiser, Bleiben als König von Preußen."
> 14.30 Uhr: Wilhelm II. erfährt, daß ihm die Regierung in Berlin zuvorgekommen ist und bereits die Nachricht verbreitet hat: "Kaiser und Kronprinz haben abgedankt, Prinz Max ist Reichsverweser, Ebert Reichskanzler." Wilhelm I. erklärt, in die Abdankung als Kaiser werde er sich fügen, als König von Preußen bleibe er bei seinen Truppen. > Nachmittags: "Zusammengebrochen sitzt er (Wilhelm) in seinem Lehnstuhl am Kamin und raucht, ohne viel zu sprechen, eine Zigarette nach der anderen."
> 16.45 Uhr: Hindenburg, Groener, Admiral Scheer und andere Paladine raten Wilhelm, auch als König von Preußen abzudanken. " 5. M. setzt sich energisch zur Wehr."
> 19.10 Uhr: Abdankung und Flucht scheinen beschlossen zu sein. Generaladjutant von Plessen befiehlt den Adjutanten: "Packen Sie alle Sachen ein, um acht Uhr fährt der Kaiser zur Bahn.
> 19.45 Uhr: Auf der Fahrt zum Bahnhof sagt Wilhelm: "Plessen und Hintze (Staatssekretär des AA) wollen, daß ich heute nacht nach den Niederlanden fahre. Ich kann mich mit diesem Vorschlag nicht einverstanden erklären ... Und wenn wir alle totgeschlagen werden -- vor dem Tod habe ich keine Angst! Nein, ich bleibe hier!"
* V. l.: Oberst von Dommes, Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Friedrich von Preußen, (hinter ihm) Dr. Classemann. Flügeladjutant von Ilsemann, Prinz Hubertus von Preußen. Erbgroßherzog Friedrich Franz von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Eitel Friedrich von Preußen.
> 10. November, 5 Uhr: Wilhelm II. fährt im Sonderzug in Richtung Holland ab.
Nach der Flucht (siehe Auszug Seite 68) blieb der Kaiser mit wenigen Getreuen zunächst 18 Monate auf dem Schloß Amerongen des Grafen Godard van Bentinck, dessen Tochter sein Flügeladjutant Ilsemann freite.
Doch Ruhe fand der Kaiser noch nicht. Neugierige umlagerten das Schloß. 14 Polizisten, mehrere Maréchaussées (Landjäger) und ein Detektiv bewachten den Flüchtling.
Trotzdem gelangte eine Schar Amerikaner bis in das Haus des Rentmeisters. Mit Mühe wurden sie abgedrängt. "Später", so notierte Ilsemann, "veröffentlichten die Herren in der Presse, daß sie die Absicht gehabt hätten, den Kaiser zu fangen und ihn den amerikanischen Besatzungstruppen am Rhein als Weihnachtsgeschenk mitzubringen."
Aus Furcht, an die Entente ausgeliefert zu werden ("Irgendwie werden sie schon einen Grund finden, mich umzubringen"), traf Wilhelm II. absonderliche Vorkehrungen für Flucht und Untertauchen. Zuerst wollte er sich auf dem deutschen Gut Anholt der Erbprinzessin Salm verstecken. Ilsemann, der ihn mit gefälschtem Paß begleiten sollte, bereitete das Unternehmen (Deckname "Teeda") vor.
Da alle Türen des Schlosses ständig verschlossen waren und bewacht wurden, blieb nur die Chance, nachts mit einem Boot über den Schloßgraben zu entkommen. Lange wurde diskutiert, wie man den Kaiser über die Grenze schmuggeln könne: "Mit Fischerboot, durch Geldbestechung oder mit Paß als Gesandtschaftsangehöriger". Abel" dem Kaiser gefiel ein anderer Trick besser: Er wollte auf einem Leiterwagen unter Stroh versteckt heimkehren.
Den vielseitigen Adjutanten Ilsemann drückten noch andere Sorgen: "Sehr viel schwieriger ist die Verkleidung des Kaisers. Ich war für Fortnahme des Schnurrbarts und des größten Teils der Haare. Der Rest müßte gefärbt werden ... dazu noch ein Kneifer."
Wilhelm war einverstanden, nur seine Bartzier (Spott-Slogan: "Es ist erreicht") mochte er nicht opfern: "Den Schnurrbart will er beschnitten nach unten drehen und dann den Kneifer aufsetzen."
Doch dann verdarb die Hauptfigur den Verschwörern das Konzept. Sie hatten den Potentaten nach seinen forschen Kriegsparolen ("Nun wollen wir sie dreschen") für tollkühn gehalten. Aber als es nun ernst zu werden schien, erklärte der "Immer feste druff"-Wilhelm seinen Getreuen: "Die einzige Lösung bleibt, ich lege mich zu Bett und nehme mein Mitteichen, dann ist es aus."
Ilsemann schilderte die Szene: "Dabei fing die Kaiserin furchtbar an zu schluchzen, griff nach seinen Händen und sagte: "Wilhelm, dann gehe ich mit dir ins Jenseits. Estorff (Kammerherr der Kaiserin) sprach ziemlich energisch dazwischen: "Einem streng religiösen Menschen dürfen solche Gedanken überhaupt nicht kommen", worauf der Kaiser erwiderte: "Ja, ja, das geht mir ja auch immer durch den Kopf."
Wilhelms Gefolge machte unverzüglich einen neuen Plan: Der Kaiser müsse wieder "von seinem alten Ohrenleiden" befallen werden, so daß die Einlieferung in eine Klinik jedermann verständlich sei. Das gefiel
* Nach dem Grenzübergang auf dem holländischen Bahnhof Eijsden am 10. November 1918.
Wilhelm II. schon besser. Eilends legte er sich mit verbundenem Ohr ins Bett und ließ sich einen Vollbart stehen.
Während sich der bettlägerige Wilhelm zusehends beruhigte, wurden Attentatspläne gemeldet. Ilsemann schlief nur noch "mit dem Revolver neben mir". Die Polizeiwachen wurden verstärkt, doch nichts geschah.
Als sicher war, daß Holland den Exil-Kaiser nicht ausliefern würde, entwickelte Wilhelm II. neue Pläne: die Heimkehr ins Reich und auf den Thron, denn: "Ich bin der einzige, der die Fähigkeit hat, Deutschland wieder aus dem Dreck herauszuführen."
Als er im März 1920 vom Krieg zwischen Polen und der Sowjet-Union erfuhr, rechnete der abgedankte Hohenzoller mit einem Einmarsch der Bolschewisten in Deutschland. "Dann müsse", referiert Ilsemann, "das ganze Land aufstehen, ein jeder zu den Waffen greifen, und er würde in dem Augenblick auf dem Plan erscheinen. Auf diesem Wege sieht der Kaiser eine Möglichkeit, auf den Thron zurückzukehren."
Die Nachricht vom Kapp-Putsch (13. bis 17. März 1920) begeisterte den Kaiser. Ilsemann notierte: "Wie im Kriege, wenn eine Siegesnachricht eintraf, sagte er: "Heute abend gibt es Champagner!"
Und als es in Schlesien im selben Jahr zu Zusammenstößen zwischen deutschen Freikorps und polnischen Aufständischen kam, verkündete Wilhelm II.: "Ich kehre jetzt nach Deutschland zurück, und wenn sie mich dort nicht als Herrscher wollen, übernehme ich ein Korps oder ein sonstiges militärisches Kommando; aber ich kann nicht länger zusehen, wie mein Volk ganz zugrunde gerichtet wird!"
Auch das Durcheinander nach dem Hitler-Putsch im November 1923 in München versetzte den Emigranten in grimmige Hochstimmung: "Die Ereignisse zeigen aufs neue, daß eben nicht wieder Ruhe und Ordnung kommt, bis sie wieder ihren Kaiser in Deutschland haben.". Seinen Feldherren Ludendorff. Mackensen und Falkenhayn schrieb er damals: "Wenn Ihr mich braucht, ruft mich, ich bin jederzeit bereit, zurückzukehren."
Manchmal freilich verriet der unausgeglichene Mann sogar Einsicht in die Wirklichkeit, zuerst im Oktober 1921: "Ich kehre nur zurück, wenn das deutsche Volk mich als Monarchen zurückruft, ich glaube aber, daß dies nie der Fall sein wird."
Ein halbes Jahr später tönte schon wieder der alte Wilhelm: " Ich traue jetzt keinem Menschen mehr. Und wenn ich zurückkomme, wird das deutsche Volk mit der Rute regiert."
Als die Konservativen daheim sich kritisch über den Ex-Kaiser äußerten, suchte Wilhelm im Traum vom Thron neue Verbündete. Er müsse -- so Ilsemann -- "sich seine Stützen suchen, wo er sie finde, gleichgültig, welcher Partei sie angehörten und wenn sie aus der Sozialdemokratie kämen". Und er nannte auch einen Favoriten unter den Roten: Der Reichswehrminister Gustav Noske sei zum Beispiel "so ein Mann, den man sich später heranholen" müsse.
Fünf Monate später schaltete Wilhelm auf rechts: "Ich glaube, daß der Faschismus auf Deutschland übergreifen und daß dadurch die Monarchie wiederhergestellt wird."
Nicht einmal die Kaiserin nahm Wilhelms Pläne ernst. So erzählte Friedrich von Berg, Minister des Königlichen Hauses, dem Tagebuchautor: "Als ich in Amerongen einmal allein mit den Majestäten war, sagte der Kaiser in seiner bekannten Erregung: "Na, wenn ich erst wieder zu Hause bin, fliegen aber die Köpfe! Kaum hatte S. M. das Zimmer verlassen sagte die Kaiserin: "Nicht einen Finger wird er rühren, wenn er zu Hause ist."
Wie Wilhelm die große Welt nicht mehr verstand, so verlor er auch den Kontakt zu seiner nächsten Umgebung: Als er am Abend nach einem Deichbruch die biblische Geschichte über die Sintflut verlas, "schliefen die meisten Herren dabei ein" (Ilsemann).
Des Kaisers Getreue im Exil litten überdies unter der hektischen Betriebsamkeit Wilhelms. Am eifrigsten war er beim Holzsägen. Unter allerhöchster Aufsicht entwickelte sich der ehemalige Generalstäbler Ilsemann zum perfekten Forstarbeiter. Auch die Damen mußten mit anpacken. Ilsemann: "Der Kaiser hält den Baum, die Gräfin Elisabeth (Hofdame der Kaiserin) und ich sägen. Die Kaiserin legt die abgeschnittenen Stücke auf einen Haufen zusammen."
Des Kaisers Sägerei wurde zum Trauma des Flügeladjutanten. Er klagte: "Nur sonntags und bei besonders schönem Wetter wird nicht gesägt."
Nach zwei Monaten Kaiser-Einquartierung wurde der generöse Gastgeber Bentinck unruhig. Er fürchtete um seinen Baumbestand. Denn nun ging es Wilhelm nicht mehr um die Gesundheit ("Da kommt der ganze Dreck "raus, der nicht in den Körper gehört"), sondern um Rekorde. Bentincks Tochter: "Wenn er ins Haus kommt, erzählt er jedem: "Ich habe heute früh 50 oder 80 Bäume gesägt", auch wenn die Hälfte ohne sein Zutun bewältigt wurde. Das wiederholt sich fast täglich."
Mittlerweile hatte sich Wilhelm einen Holzarbeiter aus Deutschland kommen lassen. Auch Kammerdiener Prawitt wurde an den Sägebock kommandiert, desgleichen Gutsarbeiter des Grafen. An einem Junimorgen des Jahres 1919 erreichte das kaiserliche Team seine Bestleistung: 88 Stämme.
Durch Ilsemanns Tagebuch ziehen sich die Meldungen über des Kaisers Hobby wie eine Heimsuchung: > "26. Juni 1919: Bis heute wurden bereits 4824 Bäume gesägt." > "30. Oktober 1919: Der Kaiser sägte
heute den 11 000. Baum."
> "5. Dezember 1919: Der Kaiser sägt heute seinen 13 000. Baum." Am 15. Mai 1920 kehrte Ruhe ein in des Grafen Bentincks gelichteten Waldungen. Wilhelm bezog sein Haus Doorn, zu dem ein 40 Hektar großer, reichbewaldeter Park gehörte -- für Wilhelm kein Problem. Schon im November 1920 notierte Ilsemann: "Der Park wird immer kahler, ein Baum nach dem anderen fällt."
Doch dem rastlosen Schloßherrn ging die Roderei noch zu langsam. Im nächsten Herbst schaffte er sich eine Motorsäge an. Als ein halbes Jahr später Photographen am Zaun standen und den Kaiser knipsten, retirierte Wilhelm ins Haus und wütete: "Jetzt können mich diese Kerls, weiß Gott, verhindern, in meinem eigenen Garten zu arbeiten."
Aber da verließ selbst den getreuen Ilsemann das Mitgefühl: "Schließlich ist der Kaiser selber daran schuld, er hat alle Bäume und Sträucher abgeschlagen, die die Einsicht in den Park verwehren."
Gepflegt ging es zu, wenn die Blumen versorgt wurden. Ilsemann über das Zeremoniell: "Das Blumengießen geht folgendermaßen vor sich: Ein Gartenarbeiter schöpft mit Eimern das Wasser aus den Gräben und gibt sie dem Kaiser, der sie einzeln einige Schritte bis zum nächsten Arbeiter trägt, bis der letzte sie ausgießt."
Des Kaisers Gefolge glaubte, nun könne es nicht schlimmer mehr kommen. Doch es sah sich getäuscht: Knapp ein halbes Jahr nach dem Tod der Kaiserin ging der rüstige Witwer auf Brautschau. Der 63jährige trug plötzlich elegantere Anzüge, Ringe und Armbänder. Damenbesuch riß bei Wilhelm nicht mehr ab, darunter eine 25jährige lungenkranke Baronesse. Schließlich entschied er sich für die verwitwete Prinzessin Hermine ("Hermo") von Schönaich-Carolath, 39, eine geborene Prinzessin Reuß ältere Linie und Mutter von vier Kindern.
Hermines Ankunft in Haus Doorn erlebte Ilsemann mit: "Selten sah ich den Kaiser derart erregt. Dauernd sah er nach dem Torgebäude, ob das Auto mit dem sehnsüchtig erwarteten Gast nicht bald käme, dann zog er sich den Anzug zurecht, fragte recht nervös nach dem Begrüßungsbukett (dunkelrote Rosen), und als endlich der Wagen anrollte, sagte er sehr feierlich majestätisch in alter kurzer Schärfe zu Sell (früherer Adjutant Bethmann Hollwegs) und mir: "Auf Ihre Plätze, meine Herren!' Ich wußte gar nicht, was "Plätze" hier bedeutete, kapierte nur, daß wir zunächst verschwinden sollten."
Argwöhnisch beobachtete Ilsemann die Besucherin ("Ihr Mund hat etwas Unsympathisches") und holte Referenzen über sie ein ("Sagte mir die Fürstin Castell ... daß die Prinzeß in Deutschland als falsch und männertoll bekannt sei"). Und er war "traurig, weil ich an die gute Kaiserin denken mußte". Denn schon am ersten Abend des Hermo-Besuches änderte Wilhelm, der sonst nie ins Bett fand, seine Gewohnheit: "Schon um 10 Uhr zog der Kaiser sich mit ihr in ihre Gemächer zurück."
Der betagte Bräutigam konterfeite, da er sich auch für einen begabten Maler hielt, die Braut. Voller Stolz wies er das Werk Ilsemann vor und wollte dessen Urteil hören. Der wand sich: "Ich kann ihm, der so glücklich über seine Kunst ist, doch nicht sagen, daß ich das Bild furchtbar finde, daß ich es einfach nicht begreifen kann, wie er jemanden, den er liebt, so entstellen kann." Das Kleid sei noch "ganz gut" gelungen, aber "das Gesicht geradezu erschreckend garstig". Schaudernd stellte sich Ilsemann vor: "Dabei will er es seiner Angebeteten schenken! Die wird einen schönen Schreck bekommen!"
Zur Hochzeit am 5. November 1922 ließ sich der Kaiser in der Uniform des 1. Garderegiments photographieren und bat Ilsemann, er möge auf etwaige Anfragen nach dem Grund erklären, "daß ich mich noch im Krieg befinde, daß ich deshalb meine Kriegsuniform" mit der ich seinerzeit hier über die Grenze kam, weitertragen werde".
Der neuen Kaiserin ging es bald wie den anderen in Doorn: Der impulsive Exil-Monarch war auch ihr zu anstrengend. So nutzte sie jede Gelegenheit, um auf ihre Besitzungen in Deutschland zu reisen -- verfolgt von sehnsüchtigen Briefen ihres Gatten. Als das nicht gleich half, schrieb Wilhelm, er fürchte zu sterben, wenn sie nicht bei ihm sei.
Hermo kehrte zurück nach Doorn und befragte Ilsemann; der versicherte ihr, "daß an Sterben bei S. M. gar nicht zu denken" sei.
Darauf die Kaiserin: "Ach ja, manchmal ist der Kaiser ja so furchtbar jung!"

DER SPIEGEL 44/1967
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