23.10.1967

FUSSBALL / REGIONALLIGATrikots vermietet

In der Luxus-Etage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat sich ein Millionärsklub eingerichtet -- die Bundesliga mit vielen Zuschauern und hohen Einnahmen. Die Amateur-Vereine im Erdgeschoß haben ihr solides Auskommen, denn sie brauchen ihre Spieler nicht zu bezahlen.
Aber zwischen beiden hausen hochverschuldete Armenhäusler: die Regionalliga-Klubs. Sie müssen meist vor leeren Tribünen spielen, aber ihre Kicker entlohnen.
Zum vorletzten Sonnabend hatte der DFB seinen Bundestag nach Düsseldorf einberufen, um eine Zweite Bundesliga einzurichten und so die Regionalliga zu sanieren. Das DFB-Parlament lehnte sogar Kompromisse ab.
Von den 15 785 DFB-Vereinen bezahlen nur 103 ihre Spieler nach offiziellen Tarifen: 18 in der Bundesliga, 85 in den Regionalligen.
Von 1947 an durften die Klubs der fünf Oberligen (West-, Süd-, Südwest-, Norddeutschland und Berlin) ihre Vertragsspieler bezahlen. 1963 hatte der DFB die Bundesliga eingeführt. Sie entzog den Oberligen -- die zugleich in Regionalligen umbenannt wurden -- die zugkräftigsten Klubs und warb ständig die besten Spieler ab. Die Zuschauer folgten den Stars zu den Spielen der Bundesliga.
Nur die westdeutsche Regionalliga zog noch durchschnittlich 6000 Zuschauer pro Spiel an. In Südwest- und Norddeutschland sank der Schnitt auf Bei Altona 93.
2800 Besucher pro Spiel, in Berlin auf etwas mehr als tausend.
Besonders leistungsschwache oder einem Bundesliga-Konkurrenten benachbarte Klubs erreichten nicht einmal den Durchschnitt. Einen Minus-Rekord stellten in der Berliner Stadtliga die Reinickendorfer Füchse auf: Zu ihrem Punktspiel gegen Blau-Weiß 90 erschienen 36 Zuschauer. Rest nach Abzug der Unkosten: 18,62 Mark.
Den katastrophal sinkenden Einnahmen standen jedoch gleichbleibende Ausgaben gegenüber: Gagen für Spieler und Trainer, die Anreise zu Auswärtsspielen erforderten wenigstens 7000 Mark monatlich -- wie etwa bei den Sportfreunden Saarbrücken. Einige Vereine kürzten die Gehälter sogar bis auf 40 Mark. Die Regionalliga-Klubs dürfen aber höchstens drei unbezahlte Amateure einsetzen.
Risikofreudige Klub-Vorstände investierten hohe Summen, um auf den Bundesliga-Expreß aufzuspringen. So verpflichtete Hessen Kassel einige prominente Spieler. Doch die Mannschaft verpaßte den Aufstieg, die Stars wanderten weiter. Ergebnis: eine halbe Million Mark Schulden.
Findige Vereins-Funktionäre tüftelten einen Trick aus, um kostenlos in die Bundesliga zu gelangen: Sie strebten die Fusion mit Nachbar-Klubs an. So wollte sich in Saarbrücken Saar 05 an den erfolgreicheren 1. Fußball-Club klammern. Doch der 1. FC erreichte das Ziel aus eigener Kraft. Nachdem er seinen Trainer Helmut Johannsen davongejagt hatte, der dann Eintracht Braunschweig zur Deutschen Meisterschaft führte, stieg der 1. FC Saarbrücken ab.
Nun forderte der Klub zum Zusammenschluß auf. Aber inzwischen mochte Saar 05 nicht mehr, obwohl zeitweise so wenig Zuschauer erschienen waren, daß der Vorsitzende Johann Stolz nach eigener Aussage "jeden einzeln mit Handschlag begrüßen" konnte. Lieber schoß der Butter- und Eiergroßhändler Fehlsummen aus eigener Kasse zu. "Wenn meine Frau das erfährt", fürchtete Stolz, "läßt sie sich scheiden."
Der dritte Saarbrücker Regionalliga-Klub fand keinen Mäzen: Bei den Sportfreunden Saarbrücken sank der Schnitt auf weniger als 1000 Zuschauer. Die Schulden stiegen auf 70000 Mark. Zwei Spieler kündigten fristlos, weil der Verein mit der Gehaltszahlung in Rückstand geraten war.
"Wir warten nicht, bis wir 150 000 Mark Schulden haben", resignierte Klub-Präsident und Zahnarzt Willi Hans und kündigte die Rückgabe der Lizenz an. Da verhinderte die Mannschaft eine Blamage: Sie spielte ohne Gehalt weiter. Den Abstieg konnte sie nicht vermeiden -- wie sich erwies, zum wirtschaftlichen Vorteil des Vereins. "In der Amateurliga", freute sich der Vorsitzende später, "haben wir uns finanziell erholt."
Auch der Verein für Volkssport Hildesheim (120 000 Mark Schulden), der seinen Trainer Klemens Heyduck nicht mehr zu bezahlen vermochte, und Altona 93, das seine Adolf-Jäger-Kampfbahn an die Stadt Hamburg zu veräußern plante, erwogen den freiwilligen Abstieg zu den Amateuren.
Wormatia Worms dagegen hoffte sich durch eine neue Einnahme-Quelle zu sanieren: Als erste deutsche Mannschaft vermieteten die Wormser ihre Trikots an die amerikanische Baumaschinen-Firma Caterpillar Tractor Company. Der DFB stoppte die kickenden Schleichwerber durch ein Verbot.
Rettung für wenigstens ein Jahr verheißt die Aufstiegsrunde zur Bundesliga, an der jeweils die zwei Besten aller fünf Regionalligen teilnehmen dürfen. Zu den Aufstiegsspielen drängten durchschnittlich 25 000 Zuschauer. Arminia Hannover (300 000 Mark Schulden) kündigte während der letzten Saison öffentlich an, es werde auf seine Lizenz verzichten, falls nicht die Aufstiegsrunde erreicht würde. Arminia wurde 1967 Norddeutscher Meister und schaffte sich finanziell in der Aufstiegsrunde Luft.
Das Aufstiegs-Turnier gilt als Anhaltspunkt für die Anziehungskraft einer Zweiten Bundesliga, in der auch die besten deutschen Regional-Equipen spielen. Aus der neuen Fußball-Klasse sollen jedes Jahr die zwei besten Mannschaften in die Erste Bundesliga aufsteigen. Dafür nimmt sie die Absteiger aus der höchsten Spielklasse auf.
Hermann Neuberger, der Vorsitzende des Saarländischen Fußball-Verbandes und Mitbegründer der Bundesliga, verhieß den Sozialfällen des Bundes-Fußballs in der Regionalliga trotz der vorläufigen Ablehnung dennoch Rettung durch die Zweite Bundesliga:
"Spätestens vom 1. August 1969 an wird sie spielen. Dann ist die Regionalliga pass&"

DER SPIEGEL 44/1967
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