06.11.1967

Rolf Becker über Alfred Andersch: „Efraim“SCHICKISSIMO, MON DIEU!

Alfred Andersch, 53, schrieb Romane ("Sansibar oder der letzte Grund“, „Die Rote"), Erzählungen, Hörspiele, Essays und Reisefeuilletons. Er war Nachtprogramm-Redakteur und Zeitschriftenherausgeber. Sein neuer Roman „Efraim“ steht in dieser Woche zum erstenmal auf der SPIEGEL-Bestsellerliste (siehe Seite 223).
Andersch beschreibt einen Regen, der das Blech der Autos "mit einer Haut aus ins Schwarze oxydiertem Silber überzieht" -- aus ins. Er beschreibt Bilder an der Wand: "Marx und Lenin blickten von über der Kredenz auf uns herab" -- von über. Er schreibt: "Er bat die ganzen Sachen mir hinterlassen" -- die ganzen.
"Mit jedem seiner lapidaren Sätze", so schreibt Andersch, "traf der Kohlenhändler einen Nagel auf den Kopf." Ein Mantel hat schon "bessere Tage gesehen". Und wenn den Helden Entsetzen ergreift, so, selbstredend, ein "namenloses".
Der Held hat "ein typisches Journalistengesicht, Kategorie Reporter", und macht "schnelle, clevere Journalisten-Bewegungen". Er beobachtet einen "typischen älteren Engländer" sowie einen Gentleman, dessen "schmales Gesicht in einen Rolls-Royce passen würde". Einen österreichischen Baron läßt Andersch, typischerweise, so reden: "Wissen S'", sagt er mit österreichischer Nonchalance im Ton ..."
"Irgendwie", schreibt Andersch, "bringt dieses Licht es fertig, einen die Tatsache ertragen zu lassen
Und: "Irgendwie hatte ich, als ich den Air Terminal verließ Und: "Irgendwie ... hatte ich, als ich die ersten Bruchstücke von Becketts Werk las ..."
Ach ja. Fast zehn Jahre ist es jetzt her, daß Alfred Andersch uns wissen ließ, seine "Beziehung zum Schreiben" sei "ziemlich sicher erotischer Natur". Sein neuer Roman "Efraim" zeigt, daß es ein ziemlich frustriertes Liebesverhältnis geblieben ist, was den nun 53jährigen an die Literatur bindet.
"Efraim" ist ein neues Beispiel jener uns schon vertrauten Rückversicherungsliteratur: Vieles von dem, was sich gegen das Buch vorbringen läßt, steht bereits darin.
Anderschs Ich-Erzähler George Efraim, ein Journalist, der den Journalismus satt hat und Literatur zu schreiben beginnt ? autobiographisch-selbstkritische Literatur; "beschissene Literatur", sagt sein Chefredakteur -, erkennt, daß er "doch kein richtiger Romancier" ist und "diese ganze Unternehmung ... nicht unbedingt stattzufinden" brauchte.
Das ist nicht nur Rückversicherung, sondern auch fishing for compliments. Doch weder auf das eine noch auf das andere wollen wir uns einlassen -- die "ganze Unternehmung" findet ja statt, und das Ergebnis, der Roman "Efraim", bleibt uns eben nicht erspart.
Manches Fabel-Teilstück dieses Romans vom deutsch-jüdischen Emigranten und englischen Star-Reporter George Efraim -- Efraims Berliner Recherche nach der halbjüdischen" unehelichen Tochter seines Chefredakteurs Horne, der das Kind 1938 seinem Schicksal in Nazi-Deutschland überließ; die "ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte" (Andersch) zwischen dem sexuell gehemmten Efraim, seiner emanzipierten Frau Meg und dem potenten Horne -- ist nicht mal so schlecht erdacht. Und auch das Spiel mit der Reflexion auf den entstehenden Roman, das Schreiben vom Schreiben, das Kompositionsbillard mit den Orten (Berlin, London, Rom) und Zeiten der Handlung mag angehen. Ja, sogar ein Stich ins Mondäne dürfte sein, warum nicht; seit Anderschs Roman "Die Rote" wissen wir, wieviel ihm daran liegt, und wollen nicht kleinlich sein.
Aber "Efraims" Geschichte könnte zwingender sein, als sie ist; ihr "europäischer Intellektueller" George Efraim könnte ein weniger müder Held, ein interessanterer Intellektueller sein, als er ist (er hätte wenigstens so interessant sein sollen wie Saul Bellows amerikanischer Intellektueller Moses Herzog) -- wie Andersch schreibt, wie er sich ausdrückt, läßt an seinen literarischen Möglichkeiten nun doch ernsthaft zweifeln.
Dabei sind es nicht die vereinzelten, wenn auch auffälligen Sprach-Unbeholfenheiten ("aus ins"), ist es nicht das schummerige "Irgendwie"-Gerede und nicht mal das allerdings bedenkliche Klischee-Geschepper ("namenloses Entsetzen") -- was vor allem sein Buch verdirbt, wie es schon "Die Rote verdarb" ist Anderschs Hang zum höheren und auch niederen Schmus, ist seine intellektuelle Putzsucht, sein Stuyvesant-Stil des Manns von großer weiter Welt der Literatur, und ist seine Neigung (mit Tucholsky zu reden), das kleine Einmaleins so aufzusagen, als wären es die Upanischaden.
Da wird uns, immer gleichklingend wichtigtuerisch und immer doch ganz nichtssagend, mitgeteilt, welche Autoren der Romanheld Efraim schätzt (Beckett, wen denn sonst) oder welches Wetter er am liebsten mag ("sanfter Tiefdruck, kühl, aber nicht zu kalt, und drizzle"); wie ihm Gregorianischer Gesang gefallen ("ausgezeichnet") oder wie ihm eine Portion Hackepeter geschmeckt hat ("ausgezeichnet").
Realität (ob Ost-Berlin, Sexus, KZ-Greuel, SPIEGEL-Affäre, Zeitungsarbeit) vermag Andersch offenbar fast immer nur als Staffage und Stimmungsreiz wahrzunehmen und wiederzugeben. Und man wird den Autor hier kaum von seinem Ich-Erzähler scheiden können -- er selber hält zum lahmen Geschmäcklertum seines Helden nicht die nötige kritische Distanz.
Da müssen wir lesen, daß diesen fahlen Gourmet "die spröde Härte der Berliner S-Bahnhöfe anzieht", daß er "einmal, auf einer Insel im Golf von Siam ... tatsächlich Kiplings berühmtes Mandalay-Gefühl empfunden" hat (wenn er doch wenigstens "berühmtes" gestrichen hätte!); daß er ein "Organ für die Ästhetik der Sklaverei" besitzt und daß er sich "nirgends so zu Hause fühlt wie auf den Rolltreppen der Londoner Untergrundbahnhöfe".
Da "gleitet das Dunkelgrün und das Gold schön durch den amorphen Nachmittag"; da "fließt" das "römische Abendlicht über die alten Paläste"; da "windet" sich eine "im cantus planus gesungene Antiphon ... wie ein strenger Tanz durch die Säulen der sehr reinen, silbernen Basilika"; da spielt "der Silen lächelnd mit dem Gedanken des Geschlechts"; da gelingt es dem Kenner Efraim nicht, die junge Brecht-Schauspielerin Anna Krystek "mit dem schweren, sinnlichen Klang Roms zu tingieren".
Überhaupt Anna, die Kommunistin mit dem "aschblonden Haar": "Während eines langen Baß-Solos" im "Nachtlokal" in der Uhlandstraße "schüttelt" sie ihren Körper "nur gerade so viel, daß ihr grünsilbernes Kleid über ihn hinfließen konnte wie Wasser über einen Weidenast"; sie erinnert den Erzähler "an Glas, das helle Schatten spiegelt, an einen See unter einem Himmel aus aquarell-weiß, an leicht Verletzliches also"; und sie "bewegt", was Efraim zu ihr spricht, "in ihrem dialektisch geschulten Geist hinter ihrer von blasser Haut umspannten Stirne".
"So hören Sie doch mit dem Gebrauch auf, den Sie von dem Wort Liebe machen!" So spricht Efraim zu Anna. Und wie er, nachdem Anna ihn mit Hackepeter ("ausgezeichnet, körnig im Biß") bewirtet hatte, ihre weiße Bluse zu öffnen versuchte, schildert er so: "Ich bin dabei nicht weiter gekommen als bis zum allerobersten Knopf; dennoch weht manchmal noch die Anamnese weißen preußischen Leinens in meine römischen Tage und Nächte wie eine kühle Verheißung."
Der weltumgetriebene Pressemensch Efraim, der so "gern stets den Geruch von Blei eingeatmet" hat, der Star-Reporter eines Londoner "conservative paper" (wie er kursiv zu setzen nicht müde wird) -- dieser Efraim also redet doch wohl eher wie ein kerndeutscher Nachtprogramm-Redakteur:
Erleuchtete Berliner Hochhaus-Fenster werden ihm zum "statistischen Lichtgitter aus der Metaphysik des Tiergartens"; ein Romancier ist ihm "ein Mensch, der mit Worten ein Zeit-Kontinuum herstellt"; in einem römischen Café ("Ich habe es gern, in Cafés in Paris und Italien zu sitzen", hat Andersch schon vor fast zehn Jahren enthüllt) "umspielen" Gesprächsfetzen vom Nebentisch "die ungewöhnlichen Gedankengänge von Professor Mario Praz", Efraims Café-Lektüre, "wie aleatorische Musik"
Genug, genug. So "schickissimo, wie die Römer sagen" ("Efraim", Seite 248), ist Anderschs Buch bis zum letzten conservative paper. Es gehe aus wie das Hornberger Schießen, sagt Anderschs Efraim, sich rückversichernd, und da wollen wir wiederum nicht widersprechen. Widersprechen müssen wir aber, wenn er erklärt, das Buch laufe auf "weiter nichts" als "eine kleine perverse Pointe" hinaus.
Von Anfang an, so bekennt nämlich George Efraim am Ende, hat er gewußt und geduldet, daß seine Frau ihn mit seinem Chefredakteur betrog, und er hat auch gewußt wie: "Sie haben es immer auf diesem Schaukelstuhl miteinander getrieben. Der Stuhl knarrte ..."
Eine Pointe -- "mon dieu!" (Seite 325) -- ist dies in der Tat. Aber eine perverse?
"Ich bin ein Narr", ermannt sich George, nachdem es -- "alas!" (Seite 444) -- nun mal heraus ist. "Ich sollte diesen Schaukelstuhl akzeptieren. Meg würde mich lieben dafür, es ist nicht so, daß sie mich verachtet, während sie ihn knarren läßt ..."
Nein, das ist kaum pervers, sondern -- "Gosh!" (Seite 427) -- doch wohl eher komisch, unfreiwillig allerdings.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 46/1967
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