06.11.1967

THEATER / AMERYRipple und Wein

Carl Amery sei als Autor zu schade für den Katholizismus, meinte Heinrich Böll. Und: "Er sollte wieder Romane schreiben" -- vor allem Kriminalromane.
Aber der Bayer Amery, 45, katholischer Katholiken-Kritiker, engagierter Polit-Publizist und Gruppe-47-Mitglied, hat schon, so sagt er, "mit viel zuviel Aufwand Prosa geschrieben". Jetzt hat er ein Schauspiel verfaßt.
"Ich stehe zur Verfügung" (Titel), ein knappes Diskussionsstück mit einem halben Dutzend Rollen, wird am Mittwoch dieser Woche in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es handelt von einem DDR-Grenzen, der einen Flüchtenden erschoß, später "nach dem Westen machte" und hier der vorsätzlichen Tötung beschuldigt wird.
Den Vorgang verdankt Amery der Wirklichkeit -- im Jahre 1963 war der DDR-Gefreite Fritz Hanke wegen versuchten Totschlags in Stuttgart verurteilt worden. Den Einzelfall lenkt Amery allerdings auf Gedankenbahnen, die zu einer Art Inventur deutscher Gemütslage führen.
Analytische Vorarbeit hatte der Bayer in seiner Streitschrift "Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute" (1963) verrichtet. Amery, ein praktizierender Katholik, hatte dem "deutschen Katholizismus" vorgeworfen, er sei "fast ausschließlich von den Werten und Tugendvorstellungen seines Mehrheitsmilieus abhängig".
Jene Milieu-Tugenden bestünden vor allem aus "Sekundärtugenden" wie Gehorsam, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit Amery: "Tugenden also, die keine Ziele in sich enthalten, sondern auf bestimmte Ziele zugeordnet werden müssen, um "positiv' zu sein.
Beispiel: "Ich kann pünktlich zum Dienst im Pfarramt oder im Gestapokeller erscheinen." Nach Amerys Schauspiel sind solche Sekundärtugenden heute gesamtdeutsches Gut.
Amerys DDR-Grenzer, Wilhelm Kroeger geheißen, gerät in ein Modell-Stück. In der Untersuchungshaft wird er von einem schwäbelnden Kriminalrat Beuerle verhört, der schon seine Pflicht als Juden-Jäger tat; und verteidigen will ihn der jüdische Remigrant Cohen, der selbst einmal, im Jahre 1936, über eine deutsche Grenze geflohen war.
Kroeger gibt, nach einigem Leugnen, die Schüsse zu, will aber danebengezielt und aus Versehen getroffen haben. Cohen ist mit dieser Version zufrieden und lobt Kroeger als "Partisanen der Menschlichkeit". Beuerle hingegen, das "Falkenauge" ("Weil mir keiner auskommt"), bohrt weiter.
Der Kriminalrat mag nicht glauben, daß ein deutscher Uniformträger "die Disziplin vergißt" und zum "Verräter" wird: "Natürlich wollten Sie ihn nicht erschießen. Aber Sie mußten es, weil Befehl Befehl ist." Der Jude Cohen, meint Beuerle, möchte den Kroeger doch nur als "Drückeberger" aufbauen"; aber "wenn wir Deutsche wieder zusammenkommen wollen, dann müssen die Grundlagen stimmen ... dann brauchen wir: Disziplin, Geschlossenheit."
Der Appell verhallt nicht ungehört. Kroeger gesteht seinem Verteidiger Cohen, er habe befehlsgemäß geschossen und getroffen. Das "Schachspiel" (Amery) zwischen Cohen und Beuerle endet dennoch remis: Cohen muß zwar den "Partisanen der Menschlichkeit" aus dem Spiel nehmen, aber der Kriminalrat kann die Partie nicht zu Ende führen -- eine "Ludwigsburger Akte" drängt ihn vorzeitig in Pension. Das dialektisch behende Denkspiel, das im vergangenen Jahr in einer Frühfassung schon als Hörspiel Beifall bekam, birgt neben Ameryschen Theorien auch praktische Erfahrungen.
Amery -- bürgerlich: Christian Mayer -- war im inneren Kreis der reformfreudigen katholischen "Hochland"-Zeitschrift herangewachsen. Im Krieg wurde er "mit Mühe Gefreiter", hat "nachweislich niemanden getötet" und "der deutschen Wehrmacht sehr viel Geld gekostet". Amery: "Ich war ein Schwejk."
1948 studierte er per Stipendium ein Jahr lang an der Catholic University in Washington, lernte in einer amerikanischen Studentin seine Frau kennen und begegnete auch den Vorbildern der Cohen-Figur -- exilierten Juden, "die äußerlich sehr unerbittlich sind, im Verschwiegenen aber selbstmörderisch mitleidig".
Ein Erstlingsdrama -- Titel: "Dampfer Progress" -- hatte das Münchner Residenztheater zur gleichen Zeit auf den Spielplan gesetzt, aber (Amery: "Zu meiner großen Erleichterung") nicht gespielt. Es war ein "ungeheuer expressives Ding".
Heute meint Amery, er hätte beim Drama bleiben sollen; das Aufsehen, das seine "Kapitulation" erregte, fixierte ihn allerdings bald zum Publizisten. "Linkskatholik" will er in dieser Rolle nicht geheißen werden; er fühlt sich als "Moralist" -- im Sinne der französischen Rationalisten.
Seit der fünffache Vater nahe der Strauß-Residenz, dem "idyllischen Rott am Inn" (Amery), ein Bauernhaus besitzt, hat er auch über "Die Provinz" geschrieben. Aber schlimmere Wirtshausgespräche als in Bayern mußte Amery in Schwaben anhören -- den Kriminalrat Beuerle traf er in einem Gasthaus bei Geislingen.
Dort saß Amery neben Bürgern, die "alle alten Ressentiments herauswürgten"; die schwäbische Diktion dünkte ihm das Rechte für die "verbohrte Weise" des Beuerle, für die "Unerbittlichkeit, die gern Ripple ißt und Wein trinkt". Amery: "In keiner Landschaft ist der Pflichteifer so entwickelt wie in Schwaben."

DER SPIEGEL 46/1967
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