13.11.1967

LEICHTATHLETIK / WESTERMANNEine Viecherei

Die Fachleute trauten keiner Frau einen neuen Weltrekord im Diskuswerfen zu. Denn er gehörte seit sieben Jahren einer Sowjetbürgerin, die 98 Kilo wog, weder rauchte, trank noch jemals flirtete und ihre Karriere erst beendete, nachdem 1966 ein Sex-Test für Leichtathletinnen eingeführt worden war.
Den Rekord der Tamara Press löschte schon ein Jahr später eine Athletin aus, die gelegentlich raucht, gern Sekt trinkt und deren Verehrer ihr auf Sportreisen bis Amerika gefolgt ist.
Liesel Westermann, 23, aus Sulingen in Niedersachsen, schleuderte den Diskus am vorletzten Sonntag in 550 Paulo anderthalb Meter weiter als Tamara Press -- auf 61,26 Meter.
Die erste bundesdeutsche Leichtathletik-Weltrekordlerin seit elf Jahren ist den Sportbürokraten zuvorgekommen, die alle Press-Rekorde aus den Tabellen ausmerzen sollen. Leistungen von Frauen, die sich als Hermaphroditen entpuppten, hatten der Leichtathletik ständig Skandale beschert.
So hatte 1934 bei den Frauen-Weltspielen in London eine Tschechin namens Vera Koubková in Weltrekordzeit im 800-Meter-Lauf gesiegt. Nach ihrer Geschlechtsumwandlung hieß sie Koubek. Titel und Rekord wurden gestrichen, ebenso wie bei der Bremer Hochspringerin Dora Ratjen, die 1938 Europameisterin geworden war und sich später Hermann nannte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg drängten immer mehr Athletinnen in das sowjetische Frauen-Kollektiv, die sich nicht unter die Gemeinschafts-Dusche trauten, zu deren Reiseausrüstung ein Rasierapparat gehörte und die, wie etwa Tamara Press, im Chor den Baß übernehmen konnten. Die Sportler nannten Tamara und ihre Schwester Irina, die zusammen 25 Weltrekorde aufgestellt und fünf olympische Goldmedaillen gewonnen hatten, seit Jahren die Press-Brothers.
Der sowjetische Verband hätschelte sie, weil ihre Siege das nationale Prestige mehrten. Sie selbst trachteten sich für die Lücke in ihrem privaten Leben durch Titel, Rekorde und die Privilegien eines Ostblock-Spitzensportlers zu entschädigen.
Als erste meuterte die russische Kugelstoßerin Galina Sybina, die ihren Weltrekord an Tamara Press verloren hatte. Sie nannte ihre Rivalin vor Mannschafts-Mitgliedern "mehr Mann als Frau".
Der Kasseler Arzt und DLV-Präsident Dr. Max Danz setzte durch, daß sich alle Teilnehmerinnen vor internationalen Meisterschaften untersuchen lassen mußten. Vor allem die Polen unterstützten den Plan. Sie hofften, die geschwächte russische Mannschaft zu überflügeln.
Zum ersten Sex-Test vor den Europameisterschaften 1966 in Budapest erschienen die Press-Geschwister und zwei andere sowjetische Rekordlerinnen nicht. Seither traten sie nicht mehr zu internationalen Wettkämpfen an.
Aber die Russen rächten sich an den Polen. Im September disqualifizierten ihre Ärztinnen vor dem Europapokal-Finale in Kiew die dreimal operierte polnische Sprint-Weltrekordierin Ewa Klobukowska, die sich mit sorgfältigem Make-up vorgestellt hatte. Ein sowjetischer Journalist breitete den Fall der Klobukowska zuerst genüßlich vor der internationalen Presse aus.
Wieder setzten sich die IAAF-Oberen dafür ein, die Rekordlisten endgültig zu säubern. Aber die russischen Funktionäre wollten sich keine Press-Rekorde entreißen lassen, die sie noch auf Jahre hinaus für unschlagbar hielten.
Allein die Leistungen entwickelten sich so sprunghaft, daß auch Hermaphroditen-Rekorde für normale Sportlerinnen nicht lange unerreichbar blieben. Die inzwischen aus dem Sportverkehr gezogene russische Weitsprung-Weltrekordlerin Tatjana Tschelkanowa verlor 1964 die olympische Goldmedaille und den Weltrekord an die britische Hausfrau und Mutter Mary Rand. Drei Sprinterinnen erreichten den 100-Meter-Weltrekord der Polin Klobukowska (11,1 Sekunden). Eine Russin näherte sich der Kugelstoß-Bestleistung von Tamara Press auf 25 Zentimeter.
Am überraschendsten steigerte sich die deutsche Diskuswerferin Liesel Westermann. Ihre ersten Bezirks-Meisterschaften hatte sie im Brustschwimmen und im Waldlauf errungen. Ihr Wurf-Talent wurde durch einen Zufall offenbar: Bei einem Sportfest sollte sie den Diskus für die nächsten Werfer zurückholen. Um den Weg zu sparen, hatte sie die Scheibe zurückgeworfen.
Als Sprinterin erspurtete sich Liesel Westermann 1964 jedoch die erste Deutsche Meisterschaft in der Staffel ihres Vereins Hannover 96. Die überdurchschnittliche Grundschnelligkeit befähigte die "blonde Walküre" ("Bild") auch, den zwei Pfund schweren Diskus trotz ihres Gewichts von 73 Kilo mit höherer Startgeschwindigkeit aus dem Wurfring zu wirbeln als alle Konkurrentinnen. So glich sie zugleich den Nachteil ihrer geringeren Körperlänge von 1,72 Meter gegenüber den durchweg größeren anderen Weltklasse-Werferinnen aus (Tamara Press: 1,84 Meter).
Ihr Ziel, "einmal um die Welt zu gammeln", hat sie fast erreicht, obwohl ihr erst 1966 in Budapest mit einem zweiten Platz bei der Europameisterschaft der erste internationale Erfolg geglückt war. In Südafrika wurde sie Doppelmeisterin. 1967 siegte sie in Montreal im Erdteilkampf, kehrte aus Tokio als zweifache Studenten-Weltmeisterin zurück, startete in Kiew und Südamerika. Nach Bonn wurde sie als Ehrengast zum Bundespresseball am letzten Freitag eingeladen.
Obwohl sie nahezu täglich trainierte (Westermann: "eine Viecherei") und ständig startete, bestand sie ihr Examen als Lehrerin mit Eins. Seit dem Sommer studiert sie zusätzlich Sport, um sich als Dozentin für ein Pädagogisches Institut zu qualifizieren.
"Die richtige Lockerheit, etwas Wind von vorn und Glück", was sie als Voraussetzung für den ersten 60-Meter-Wurf in der Geschichte der Frauen-Leichtathletik verlangte, fand Liesel Westermann erst nach dem Ende der europäischen Saison in Brasilien.
Zum Weltrekord kabelte ihr Klub-Präsident ein Glückwunsch-Telegramm. Zu spät: Schon vorher hatte Liesel Westermann einen Vereins-Wechsel zu TuS Leverkusen wegen mangelhafter Betreuung eingeleitet.

DER SPIEGEL 47/1967
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LEICHTATHLETIK / WESTERMANN:
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