13.11.1967

„DIE KUNST VOM MONTAG IST AM DIENSTAG VERGESSEN“

Keine Kunstausstellung in Deutschland ist so berühmt und so umstritten wie die Kasseler „Documenta“, die 1955, 1959 und 1964 fast 500 000 Besucher mit neuer Kunst lockte und schockte. Auch die nächste Documenta, für 1968 geplant, erregt schon wieder Zwist -- die bislang internen Dispute wurden durch Dr. Werner Schmalenbach, 47, öffentlich hörbar. Der Chef der Düsseldorfer „Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen“ amtete während der letzten Jahre als Juror der Biennalen von Paris, Ljubljana, Tokio, Sao Paula und seit 1959 in Kassel. Aus Mißvergnügen am Programmentwurf seiner Kollegen quittierte Schmalenbach jetzt den Dienst im Documenta-Rat.
SPIEGEL: Herr Dr. Schmalenbach, nach acht Jahren Mitverantwortung für die Kasseler "Documenta' haben Sie, mitten in den Vorbereitungen für die vierte Ausstellung, den Documenta-Rat unter Protest verlassen.
SCHMALENBACH: Ich habe nicht protestiert, ich ·habe mich distanziert. SPIEGEL: Wovon?
SCHMALENBACH: Von der Grundkonzeption dieser Documenta, mit der ich nicht mehr übereinstimme ...
SPIEGEL: ... der Konzeption, in einem Überblick zu zeigen, was sich seit der letzten Documenta, seit 1964, in der Kunst Neues getan hat?
SCHMALENBACH: Ja, da wird das Neue als Neues auf den Schild gehoben. Ich meine aber, daß es einen enormen Substanzverlust für die Documenta bedeutet, wenn die wesentlichen Gestalten der mittleren Generation ausgeschaltet werden. Und das ist der Punkt, an dem ich mich nicht mehr den demokratischen Spielregeln des Documenta-Rates unterwerfen konnte.
SPIEGEL: Diese Spielregeln galten auch in den Documenta-Gremien früherer Jahre.
SCHMALENBACH: Nein, das war anders. Früher wurden die teilnehmenden Künstler von einem Arbeitsausschuß bestimmt. Der bestand aus elf Leuten, die einander in ihren Anschauungen respektierten, die hart diskutierten, die sich aber nicht gegenseitig überstimmten: Wenn einer von uns sich am Ende der Diskussion immer noch für einen Künstler einsetzte. dann war dieser Künstler angenommen.
SPIEGEL: Und heute?
SCHMALENBACH: Heute wird die Auswahl im kompletten Documenta-Rat getroffen, einem Gremium von 26 Personen. In einem so großen Kreis kann man sich kaum noch zusammenraufen, da muß man abstimmen. Damit ist das Ganze zu einer Abstimmungsmaschinerie geworden, und damit trägt nicht mehr jeder einzelne die Verantwortung.
SPIEGEL: Fachausschuß oder Documenta-Rat -- das Auswahlgremium hatte sich schon vor Ihrem Rücktritt gewandelt: Documenta-Pioniere wie Werner Haftmann, Alfred Hentzen und Will Grohmann ließen sich diesmal nicht wieder berufen. Dafür sind andere, zum Teil jüngere Leute nachgerückt. Fühlten Sie sich dadurch überrumpelt?
SCHMALENBACH: Nein, ich stoße mich allein an der Anzahl derer, die nachgerückt sind.
SPIEGEL: Jedenfalls haben Sie sich in diesem Kreis mit Ihren Auffassungen nicht durchsetzen können. Die Majorität im Documenta-Rat möchte zum erstenmal auf das verzichten, was schon anerkannt ist, und nur die noch ungesicherten jüngsten Kunstrichtungen präsentieren. Also die Pop Art, die Reklamebilder übernimmt; die Op Art, die optische Tricks verwendet; die Kinetik mit ihren bewegten und leuchtenden Apparaturen; die "Hard Edge" genannte geometrische Malerei in grellen Farben und die "Minimal Art" der plastischen Grundformen. Damit wird die Documenta zu einem Diskussionsforum; Sie hätten anscheinend lieber eine Ruhmeshalle.
SCHMALENBACH: Eine Ruhmeshalle? Nein! Aber die Documenta hat eine so große Autorität wie keine zweite internationale Kunstausstellung in der Welt. Ich halte es für ein Unglück, wenn diese Autorität geopfert wird.
SPIEGEL: Die Autorität der Documenta hat 1964 gerade dadurch gelitten, daß ein paar Hauptvertreter der damals ganz aktuellen Pop Art fehlten, beispielsweise Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg und Andy Warhol. Die Documenta kann also durch eine konsequente Auswahl junger Kunst nur gewinnen.
SCHMALENBACH: Das ist auch meine Meinung; ich kritisiere ja nicht den Gewinn, ich kritisiere den Verlust. Deswegen hatte ich vorgeschlagen, den neuen Ausdrucksformen eine äußerst strenge Auswahl aus der Kunst der letzten zwanzig Jahre voranzustellen.
SPIEGEL: Dieser Vorschlag ist niedergestimmt worden?
SCHMALENBACH: Darüber ist diskutiert worden; eine Abstimmung hat nicht stattgefunden. Aber eine ganze Reihe entscheidender Künstler der mittleren Generation wurde auf die Seite geschoben: Antonio Tapies ...
SPIEGEL: ... der Spanier, dessen ungegenständliche Bilder wie verfallene Mauern aussehen
SCHMALENBACH: ... oder die Amerikaner Sam Francis, Mark Rothko und Jackson Pollock.
SPIEGEL: Schließlich hat Pollock, der Klassiker des abstrakten Expressionismus in Amerika, auch seine große Zeit schon um 1950 gehabt, und jetzt ist er schon elf Jahre tot.
SCHMALENBACH: Tot ist seit Jahren auch Yves Klein, aber der paßt in die Optik dieser Documenta.
SPIEGEL: Auf Klein, den Meister der Monochromen, berufen sich viele Op- und Pop-Künstler. Meinen Sie denn, daß Pollock auch noch einen solchen Einfluß hat?
SCHMALENBACH: Nein, die Jungen setzen sich von Pollock ab. Aber wenn man nun schon das Neue zum Prinzip erhebt, dann macht man es um so deutlicher, wenn man da Ältere danebenstellt.
SPIEGEL: Was muß man denn noch alles zeigen, um deutlich zu machen, daß das Neue anders ist? Wo ist da die Grenze?
SCHMALENBACH: Zynisch gesagt: Da profitieren wir vom Krieg, der setzt eine Zäsur. Auch ich bin im Documenta-Rat der Meinung gewesen, daß man nicht noch ein viertes Mal die Väter und Urgroßväter wie Kandinsky, Mondrian und Picasso zeigen muß.
SPIEGEL: Also Künstler, die bislang ein Abonnement auf alle Documenta-Ausstellungen hatten. Da wären noch andere, jüngere zu nennen, etwa Bazaine, Vieira da Silva, Soulages -- sämtlich Vertreter der heute leicht aus der Mode geratenen Ecole de Paris. Die waren bisher immer dabei, und vielleicht kann man sie deswegen jetzt einmal weglassen.
SCHMALENBACH: Wenn sie ein Abonnement in der Documenta haben, dann spricht das nicht gegen die Documenta, sondern für die Maler. Es ist doch großartig, wenn es einem Künstler gelingt, seinen historischen Augenblick zu überleben.
SPIEGEL: Aber dieses Überleben hängt nicht allein von der Documenta ab. Tapies beispielsweise ist nach wie vor ein ausgezeichneter Künstler - in diesem Sommer hat er, sicher auch mit Ihrer Stimme, sogar den Großen Preis der Graphik-Biennale in Ljubljana bekommen. Er wird nicht in Vergessenheit geraten, nur weil der Documenta-Rat sagt: Der Stil von Tapies stammt aus den fünfziger Jahren, und darauf wollen wir diesmal verzichten. Leute wie Tapies brauchen die Documenta-Chance bestimmt nicht so nötig wie die Jüngeren.
SCHMALENBACH: Nicht Tapies braucht die Documenta, sondern die Documenta braucht Tapies. Was nun aber die avantgardistischen Künstler betrifft, so soll man nicht vergessen. daß die Avantgarde 1967 es bedeutend leichter hat, als es etwa die Avantgarde 1925 hatte. Sie kann sofort mit der Akklamation rechnen. Deshalb wäre es mir fatal, selbst in den Geruch eines Avantgardisten zu kommen. Das ist mir zu billig geworden, da ist mir der Applaus zu sicher.
SPIEGEL: Applaus von wem? Das breite Publikum hat Op Art und Pop Art, um nur davon zu reden, noch keineswegs akzeptiert.
SCHMALENBACH: Nein, dieses sogenannte breite Publikum findet auch Pollock genauso scheußlich und unverständlich wie beispielsweise die vergrößerten Comic strips von Roy Lichtenstein. Aber im Kunstbetrieb --Ausstellungen, Preisverleihungen, Zeitschriften -- hat die Jugend eine größere Publizität als jemals zuvor.
SPIEGEL: Wahrscheinlich, weil auch dieser Kunstbetrieb weitgehend von jüngeren Leuten gemacht wird.
SCHMALENBACH: Es findet heute überhaupt eine Explosion der Jugend statt -- auf allen Ebenen; wir haben sie auf dem Kurfürstendamm, wir haben sie bei den Studenten und genauso in der bildenden Kunst. Das ist ein Faktum ...
SPIEGEL: ... das auch auf der Documenta zum Ausdruck kommen sollte.
SCHMALENBACH: Das ist unbedingt notwendig. Nur muß man erkennen, daß darin auch eine Gefahr steckt, gerade für die jungen Künstler. Denn wer heute eine große, geradezu bedenklich große Publizität hat. der hat sie in zwei Jahren vielleicht schon nicht mehr. Die Stile lösen einander in einem solchen Tempo ab, daß die Kunst vom Montag am Dienstag schon vergessen ist. Nächstens wird man die Todesanzeigen der Stile pünktlich in den Zeitungen veröffentlichen, nach dem Muster: "Pop Art ist tot."
SPIEGEL: So was scheint der Pop-Künstler Andy Warhol auch vorauszusehen. Er hat prophezeit, bald würde jeder nur noch 15 Minuten lang berühmt sein.
SCHMALENBACH: Genau das ist die Gefahr: daß dem Künstler keine Zeit mehr für das notwendige Reifen gegönnt wird. Gerade diese Gefahr wird durch das neue Documenta-Konzept noch verstärkt. Wer heute in die Documenta kommt, hat, fürchte ich. nur eine geringe Chance, auch in die nächste zu kommen -- außer er präsentiert wieder einen neuen, Documenta-gerechten Stil. Das ermuntert die Künstler, alle vier Jahre ihre Haut zu wechseln.
SPIEGEL: Sehen Sie in Pop und Kinetik, Hard Edge und Minimal Art auch Resultate solcher willkürlichen Häutungsprozesse? Möchten Sie sich von diesen Kunstrichtungen distanzieren?
SCHMALENBACH: Im Gegenteil -- ich möchte, daß sie zu Worte kommen. Aber ich lehne es ab, dafür schwerwiegende Verluste in Kauf zu nehmen. Darum habe ich den Documenta-Rat verlassen.

DER SPIEGEL 47/1967
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