11.12.1967

Rudolf AugsteinHERRN RUDI DUTSCHKES UMWÄLZUNG DER WISSENSCHAFT

Würde die langsam anhebende Entzopfung der deutschen Universität ohne das wilde Protestieren der Studenten in Gang gekommen sein, ohne Rauchkerzen beim Schah-Besuch, ohne Kommunarden-Scherze, ohne Dutschkes Brandreden, ohne Teufel und Langhans, ohne Spruchband-Zirkus beim feierlichen Einzug der Zopfträger in die Hamburger Universität? Würde sie in Gang gekommen sein nur durch manierliches Demonstrieren und Aufbegehren innerhalb der Grenzen des Schicklichen? Kaum. Und hätten die Studenten nicht den Zustand der Gesellschaft, sondern nur ihrer Universitäten anvisiert, hätten sie dann die zaghaften Ansätze zur Universitätsreform, etwa in Tübingen und Göttingen, zuwege gebracht? Kaum.
Die Revolte gegen alles und jedes kommt den Verfassungen der deutschen Universitäten zugute, soviel steht fest. Eine andere Frage ist, ob gerade die Wortführer der Studenten dies bescheidene, aber nennenswerte Ergebnis gewollt haben. Kann schon von einer Umwälzung der Universitäts-Verhältnisse nicht die Rede sein, so ist die direkte Einwirkung auf die politischen Systeme gleich Null.
Da die Bonner Republik sich immer ausschließlicher als eine Relais-Station zwecks Ausgleichs der Gruppeninteressen versteht, hat sie kein Organ mehr für Bestrebungen, die sich nicht unmittelbar in ökonomischen Interessen und damit in Wahlen manifestieren. Von den 250 000 Studenten in Westdeutschland und West-Berlin können kaum über 80 000 als politische Protestwähler eingeschätzt werden.
Diese 80 000 sind gegen den Krieg in Vietnam, gegen das griechische Diktatur-Regime, gegen Notstandsgesetze und atomare Aufrüstung, gegen den Polizeiknüppel. Eine artikulierbare Vorstellung von einer Gesellschaft der Zukunft, von der Gesellschaft, nicht wie sie ist, sondern wie sie sein sollte, haben die wenigsten.
Diese wenigen haben sich am stärksten im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, organisiert, der an die zweitausend Mitglieder zählt. Maximal zweihundert SDS-Mitglieder können einen Gedanken ausformulieren, keine geringe Zahl, aber darunter kaum einer in einem Rede- oder Schreibstil, der ohne Spezialstudium verständlich ist.
Der SDS versteht sich nicht ohne Grund als der "entschiedenste und weitertreibende Teil der organisierten politischen Führung der Studentenschaft". Seine Kritik an den Eigentums- und Produktionsverhältnissen der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist prinzipiell. Aber es gibt wohl keine Frage auf dem Erdenrund, die der SDS aufgrund seines gesellschaftskritischen Bezugssystems nicht beantworten könnte.
So beschloß die 22. Ordentliche Delegiertenkonferenz des SDS jüngst in Frankfurt: "Der SDS verurteilt die Politik des 'Waffenstillstands' der republikanischen, staatskapitalistischen Regimes mit den feudalen Kräften in Saudi-Arabien und den Scheichtümern des Persischen Golfs."
Allein die Resolutionen und Beschlüsse der 22. Ordentlichen Delegiertenkonferenz in Frankfurt (4. bis 8. September 1967) umfassen sechzig engstens beschriebene Schreibmaschinenseiten Din A 4. Von den 25 Mitgliedern der Bundesorgane des SDS sind 14 Soziologen oder Politologen.
Auch der SDS, wie andere marxistische Bewegungen vor ihm, versteht sich als eine auf wissenschaftlicher Basis tätige Aktionsgemeinschaft, wiewohl der Wille zur Aktion mit den wissenschaftlichen Befunden nicht immer harmoniert. Der SDS, wie andere marxistische Bewegungen vor ihm, hilft sich damit, daß er die Revolution "immer näher" rücken sieht, etwa in dem Beschluß: "Die mögliche Aufhebung der Herrschaft rückt mit den wachsenden Möglichkeiten der wissenschaftlich-technischen Entwicklung zu einer revolutionären Umgestaltung der Produktionsweise immer näher." Das Mögliche wird also immer möglicher.
War der SDS bis zu Rudi Dutschkes, des Berliner SDS-Vorsitzenden, Aufstieg ein nur in der Theorie hausender Gralshüter marxistischer Geschichtsbetrachtung, so wurde er von Dutschke einer Zerreißprobe unterworfen, die er noch nicht durchgestanden hat: Dutschke, 27, studierter Soziologe, stellte die Frage nach der Revolution. Nebenbei enthüllte er den pseudo-wissenschaftlichen Charakter jeglicher Ad-hoc-Betrachtung einer auf Umsturz bedachten Soziologie.
Kein anderer Student hat im SDS soviel persönlichen Anhang wie Rudi Dutschke, auch wenn er bislang nur stark genug war, einen Vorstand nach seinem Geschmack, und klug genug, sich nicht selbst zum Vorsitzenden wählen zu lassen.
In der Analyse des bestehenden Zustands unterscheidet sich Dutschke kaum von anderen SDS-Führern. Die parlamentarische Demokratie sollte und konnte, so Dutschke, nur eine Übergangsperiode sein, ein Übergang auf dem Weg in den autoritären Staatskapitalismus. Die Herrschafts- und Besitzverhältnisse in der Bundesrepublik, so der SDS, sind undemokratisch und unmenschlich.
Die vorhandenen Institutionen, von den Parteien bis zu den Gewerkschaften, stellen nicht mehr in Frage, so Dutschke, was an gesellschaftlichen Strukturen vorhanden ist. Die immer stärker werdende Entfremdung in den Parteien zwischen den Menschen an der Spitze und denen an der Basis machen die Parteien selbst nicht mehr zum Gegenstand der Fragestellung. Daher Entpolitisierung in der Bevölkerung und in den Parteien selbst, der ausgebliebenen Demokratisierung folgt die Entdemokratisierung.
Auch in den meisten Zielen dürfte Dutschke mit den bisherigen SDS-Führern einig gehen. Dutschke verlangt eine "völlige Verschiebung der Macht- und Eigentumsverhältnisse", er verlangt die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, der Wurzeln des Faschismus; er verlangt die Verstaatlichung der Schwerindustrie und die Aufteilung des Großgrundbesitzes, beides ist "Voraussetzung der Demokratisierung".
Der SDS auf seiner 22. Ordentlichen Delegierten-Konferenz hat gefordert, "die Presse vom Meinungsmonopol und vom Diktat des Profitinteresses durch ihre Entflechtung und Überführung in öffentliches Eigentum und demokratische Kontrolle zu befreien", jene Institute also, die den Massen systematisch verweigern (Dutschke), was die privilegierten Studenten, man muß hinzusetzen, die privilegierten Studenten der Soziologie, sich aneignen können.
"Ob wir die Landwirtschaft nach sowjetischem oder nach jugoslawischem Vorbild sozialisieren werden", darüber will sich der im September abgelöste SDS-Vorsitzende Reimut Reiche, 25, Soziologe auch er, heute noch keine Gedanken machen. Reiche hat dem 24jährigen Jurastudenten Karl Dietrich Wolff Platz gemacht, stellvertretender Vorsitzender wurde dessen Bruder Frank Wolff, 22 und Soziologe.
Auch Reiche, gewiß kein Dutschke-Mann, stellt dem SDS die Aufgabe, "ein neues Revolutionsmodell zu entwickeln". Aber bei ihm hatte die Revolution noch akademische Züge. So stellte er die Einladung zur Delegierten-Konferenz unter das Motto, daß es "den verstreuten sozialistischen Gruppen und Individuen nicht definitiv gelungen sei, politische Alternativen zu entwickeln, die geeignet gewesen wären, im Ansatz erfolgreiche Prozesse politischer Opposition in Gang zu setzen". Es müsse zu einer "stringenten Formulierung politischer Praxis" kommen.
Die "stringente Formulierung" kam von Dutschke, der zwar auch nicht anders als im SDS-Chinesisch agitieren kann, der den Delegierten aber Brot zwischen die Zähne schiebt. Er, und nur er, redet von der "Revolutionierung der Revolutionäre", er, und nur er, räumt händlings Absperrgitter der Polizei beiseite.
Aber freilich, Dutschke will nur die Revolution revolutionieren. Er will keine Politik machen: "Daß wir dem Volke sagen könnten, was los ist, wäre nichts anderes als eine Reproduktion der Elitetheorie."
Hier wird's spannend. Der SDS, als der bewußteste Teil der Studentenschaft, und erst recht der Bevölkerung, soll einerseits Ziele angehen, die ohne Revolution und ohne Revolutionierung des Volkes nicht zu erreichen sind. Aber: "Ein Dutschke will keine Antworten geben." Er kann und will dem Volk nicht sagen, was los ist. Er hat die Chance zu studieren, und daraus nimmt er die Aufgabe und die Pflicht, "als Wissenschaftler diesen Prozeß der Selbstbefreiung des Menschen von den unbegriffenen Mächten zu forcieren und uns nicht zu Objekten anderer Mächte der Gesellschaft zu machen".
Dutschke will aufklären. Würde er Antworten geben, würde er im System der Manipulation nur integrierend wirken.
So stellt Dutschke dem SDS die Aufgabe, das Volk über die Notwendigkeit der Selbstbefreiung mit Hilfe "sinnlich manifester Aktionen" aufzuklären, freilich ohne ihm politisch den Weg zu weisen. Den muß es, wenn es die unbegriffenen Mächte erst einmal begriffen hat, selbst finden: Tugendhaftes Volk.
Notwendig stellt sich die Frage, wie denn eine Bevölkerung aufgeklärt und "bewußtgemacht" werden soll, die sich von den Aktionen der Aufklärer, von ihrem Habitus und von ihren Methoden, erst recht von ihren Zielen, zunehmend irritiert, wenn nicht abgestoßen fühlt. "Den Kontakt zu den Arbeitermassen haben wir auf lange Zeit verloren", stellte Reimut Reiche kürzlich in Frankfurt fest.
Hier wird Dutschkes Faden ein wenig unmarxistisch. Was immer an der marxistischen Methode, die Zukunft zu bestimmen, wissenschaftlich genannt zu werden verdient: Marx statuiert, daß der Wille einzelner nichts vermag, wo die objektiven, die ökonomischen Bedingungen einer Revolution fehlen.
Daß Studenten keine Revolution machen können, weiß auch Dutschke. "Wir haben begonnen", sagt er, "wir stehen vielleicht am Ende der vor-revolutionären Phase, haben aber absolut noch keine Möglichkeit, als Studenten Revolution zu machen."
Wenn schon nicht als Studenten, warum nicht als Individuen, wenn man folgenden Dutschke-Satz liest: "Die materiellen Bedingungen für die 'Aufkündigung des Bündnisses zwischen Beherrschten und Herrschenden' sind schon längst reif, alles hängt vom bewußten Willen der Menschen ab, die von ihnen schon immer gemachte Geschichte endlich der Kontrolle und den Bedürfnissen des Menschen zu unterwerfen."
Hier enthüllt die unscharfe Ausdrucksweise den Mangel an Denken. Es sind die Bedürfnisse der Menschen, die objektiv Bedingungen für eine Revolution setzen (und nicht reifen lassen), und zu diesen Bedürfnissen gehört nicht und hat nie gehört - hier irrt Dutschke mit dem damals gleichaltrigen, dem frühen Marx -, die Geschichte endlich der Kontrolle des (!) Menschen zu unterwerfen.
Da auch Dutschke, der personifizierte SDS, den Kontakt zu den Arbeitermassen "auf lange Zeit verloren" hat, korrigiert er Marx: Keine Klasse habe mehr das Privileg, revolutionär für die Menschheit zu handeln, also auch nicht die Arbeiterklasse (in der Praxis kehrt er den Satz um: Die deutschen Studenten haben, weil privilegiert, das Recht, revolutionär für das deutsche Volk zu handeln, dem sie freilich nicht sagen können, was los ist).
Rudi Dutschke schafft sich, in einer Umstülpung des Marxismus, eine eigene Klasse: "die revolutionäre Klasse", die sich erst noch konstituieren müsse.
Sie soll "die Totalität der Gesellschaft nicht nur durchschauen, sondern sie potentiell organisieren (was ist das?) und sie revolutionär verändern". Da es an einer die Revolution tragenden Klasse, da es an der Partei einer die Revolution tragenden Klasse fehlt, wendet Dutschke den Mangel ins Positive und gibt ihm den Namen "revolutionäre Klasse".
In seiner Vorstellung besteht sie einstweilen aus "Schülern, Jugendlichen, Studenten und jungen Arbeitern", aus Leuten, "die am ehesten in Konflikt mit der herrschenden Gesellschaft geraten" - eher also offenbar als ein Bergmann oder ein Akkord-Arbeiter. Um diesen revolutionären Kinderkreuzzug zu rekrutieren, soll eine revolutionäre Sexualpolitik "die Sprache der unterdrückten Sexualität sprechen".
Zwar wendet auch der SDS seine Aufmerksamkeit den Schülern zu, auch er will "einen relevanten Teil der besonders oppositionsbereiten Jugend politisieren". Schüler entwickeln, laut Beschluß des SDS, eine Politik, "die sich ständig an der Kritik des bestehenden Schulsystems abarbeitet und von daher zu einer allgemeinen politischen Kritik der Gesellschaft gelangt".
Auch der SDS will der "herrschenden Praxis der Integration und der entpolitisierenden Kanalisierung vorpolitischer Protesthaltungen von Schülern und Jugendlichen eine feste Alternative" entgegenstellen. Viele Schüler stellten die kapitalistische Gesellschaft in Frage, weil sie in der Schule Repression erführen und den Stellenwert der Schule in der Gesellschaft kritisch analysierten.
Dies ist nicht Dutschke-Meinung, sondern SDS-Meinung. Aber nur Dutschke plant die zu revolutionierenden Schüler in seine neu zu konstituierende Klasse kurzerhand ein.
Dutschke nimmt in Kauf, daß man ihn einen "Voluntaristen" schimpft: "Mehr denn je hängt es von unserem Willen nach Umgestaltung ab, ob die bestehende Gesellschaft abgeschafft wird. Ohne Organisationen gegen die bestehende Ordnung geht es nicht."
Was sind das für Organisationen? Wer duldet sie, wer gibt ihnen die Mittel, wer organisiert? Wenn es stimmt, daß die Entfremdung zwischen Parteiführern und Parteivolk in den bestehenden Parteien immer größer wird; wenn es stimmt, daß es in der Industrie zu nennenswerten Entlassungen kommen wird, wie Dutschke voraussieht; wenn es stimmt, daß in der Bundesrepublik die entscheidenden Produktionszweige fehlen, so daß sie nicht mehr konkurrenzfähig ist: Was hindert Dutschke dann, eine neue Partei auf marxistischer und sozialistischer Basis zu gründen? Warum kann er die bestehenden parlamentarischen Institutionen nicht zumindest insoweit akzeptieren, als er sie erobert?
Denn auch Dutschke geht davon aus, wie vor ihm Marx, daß die Revolution zu irgendeinem Zeitpunkt über die zahlenmäßige Mehrheit verfügen wird, und dies, wenn es nach Dutschke geht, ohne Gewalt angewendet zu haben. Dutschke sagt nicht Mehrheit, sondern Mehrheiten. Aber er will diese Mehrheiten nur potentiell organisieren, das heißt, er will sie nicht in einer politischen Partei und nicht mit Hilfe einer politischen Partei organisieren.
Erst am Ende des revolutionären Prozesses, erst nach der Revolution, erst wenn sich die "revolutionäre Klasse" konstituiert hat, will er - vielleicht - eine Partei gründen, vielleicht aber auch "räteartig strukturierte Aktionskomitees, die die Frage der Partei so lösen, wie sie in Kuba gelöst wurde".
Dutschke will ausdrücklich nicht Berufspolitiker sein, und er will auch keine Berufspolitiker. Zwar kann der "lange Marsch durch die Institutionen" zwanzig Jahre währen und darüber, aber er soll nicht von Berufspolitikern organisiert werden, und also auch nicht von Berufsrevolutionären.
Zwar ist er damit einverstanden, daß man ihn einen Berufsrevolutionär nennt, aber nur in folgendem Sinne: "Wir sind viele im SDS, die meinen, daß es notwenig ist, um Mensch zu bleiben, sich politisch zu betätigen und die ganze Kraft dafür einzusetzen. Wenn Sie das Berufsrevolutionär nennen, dann sind wir das."
Da er kein Berufspolitiker ist, muß Dutschke mit der täglichen Politik nur insoweit Berührung haben, als er sie benutzen kann, um an der Bewußtwerdung der revolutionären Klasse mitzuhelfen.
Dies ist ein Circulus vitiosus. Die großen Manipulationsmaschinen, nicht nur die Springersche, halten die entpolitisierte und entdemokratisierte Öffentlichkeit in Bewußtlosigkeit, sie verhindern die Bewußtwerdung, weil sie Ausgeburten der kapitalistischen Produktionsmethode sind. Der SDS aber hat keine Zeitung, erst recht keine Gegen-Manipulationsmaschine.
Darum will er das Recht für jede politisch oder sozial erhebliche Gruppe "materiell" verankert wissen, "in der ihr angemessenen Weise, unabhängig von wirtschaftlicher Beschränkung, ihre Forderungen zu artikulieren und ihre Auffassungen zu publizieren".
Einfacher gesagt: Der SDS will Geld von der parlamentarischen Demokratie, damit er innerhalb der Bevölkerung dafür werben kann, den Parteien-Staat abzuschaffen. Dem Initiativ-Ausschuß zur Wiederzulassung der KPD kreidet der SDS an, er sei in Gefahr, allein im Rahmen des Parlamentarismus wirken zu wollen und somit zu vergessen, "daß die revolutionäre Theorie der KPD in der Diktatur des Proletariats, ausgeübt durch das kämpfende Proletariat selbst, liegt".
Dazu tritt nun Dutschke, der vor der Machtübernahme überhaupt keine Partei und hinterher allenfalls eine à la Kuba gründen will.
Daß es unter den in Deutschland herrschenden Bedingungen nicht ohne Diktatur einer Minderheit, sei sie proletarisch oder nicht, abginge, ergibt sich aus der Fortführung jener Gedankenkette, die Dutschke vorzeitig abbricht, obwohl sie im SDS durchaus zu Ende gedacht wird.
SDS-Theorie plus Dutschke-Aktion ergibt nicht die gewünschte, sondern eine gegen-revolutionäre Wirkung. Jeder physische Anschlag kleiner Minderheiten, jede "koordinierte Aktion zur Durchbrechung der Manipulation und demonstrativen Verhinderung der Auslieferung in den Zentren des Springer-Konzerns", wie vom SDS beschlossen, erschreckt demgemäß nicht nur das gesamte sogenannte Establishment (Dutschke: "die, die manipulieren"), sondern genauso die "lohnabhängigen Massen" (Dutschke: "die zu Objekten gemacht werden").
Jeder nicht-verbale, jeder illegale Angriff auf das Privateigentum (Dutschke: "städtische Guerilla-Kämpfe") zerstäubt angesichts der Wasserwerfer der herrschenden Gewalten. Aber er stört nicht nur die Eigentümer auf, sondern auch alle, die Eigentümer werden wollen, und beides zusammen ergibt eine überwiegende Mehrheit, die im Besitz der Parlamentssitze und der Polizei ist.
Auf 2000 Studenten, denen Dutschke zur Bewußtwerdung verholfen hat, entfallen in einem sonderbaren Polarisationsprozeß 200 000, die sich gegen jede Bewußtwerdung à la Dutschke sperren. Hier endet Rudi Dutschkes vor-revolutionäre Periode, endet die deutsche Revolution des Jahres 1967.
Übrig bleiben einzelne Antworten auf einzelne Fragen, übrig bleibt das parlamentarische System, nur durch Gewalt von außerhalb der Grenzen zu stürzen. Übrig bleibt die Unruhe der Studenten und nicht nur der Studenten.
In einer Hamburger Diskussion am 24. November räumte Dutschke zur Verblüffung der Dutschke-Kenner ein, der Weg der revolutionären Studenten in der Gesellschaft wäre verbaut, wenn sie an der Universität scheiterten, wiederum eine reichlich unmarxistische Umkehrung, denn, wie der SDS weiß: "Die Emanzipation der Arbeiterklasse ist Voraussetzung für die Verwirklichung der demokratischen Universität."
Ja, plötzlich wollte Dutschke den Begriff der Revolution nur noch international gefaßt wissen: Eine deutsche Revolution werde es nicht geben, "wohl aber einen weltweiten Protest der Emanzipation in einem langen Sinne".
Um sich mit der europäischen Realität, "hie Bundesrepublik, hie DDR - hie West-Berlin, hie Ost-Berlin", nicht auseinandersetzen zu müssen, entweicht Dutschke nach Übersee und in den Welt-Bürgerkrieg, der seinem Bedürfnis nach klaren Fronten entgegenkommt.
Auf der einen Seite Ho Tschi-minh, Mao, Kuba und "Che" Guevara, Einheit von revolutionärer Theorie und revolutionärer Praxis; auf der anderen Seite die CIA, die griechische Militärdiktatur, der Napalm werfende Kapitalismus in Vietnam, Tshombé und Verwoerd. Dutschke: "In Kuba können wir die Methoden des Kampfes lernen."
Zwar, auch der SDS setzt diese Frontstellung absolut. Aber nur Dutschke hat den Mut, die soziale Frage ausdrücklich als eine "Menschheitsfrage" zu definieren. Würden alle "lohnabhängigen Massen" gegen die USA, diese Vormacht des Kapitalismus, aufstehen, so wäre die Welt potentiell frei von Hunger, Unterdrückung und Krieg.
Die DDR hat in diesem Konzept folgenden Platz: "In der Ostzone gab es (nach 1945) zwar bald die so unerläßliche objektive Voraussetzung der Demokratisierung, die Verstaatlichung der Schwerindustrie, die Aufteilung des Großgrundbesitzes, aber es kam zu keinem die Initiative und den Demokratisierungsprozeß der Bevölkerung und des öffentlichen Lebens vorantreibenden kritischen Dialog zwischen stalinistisch-bürokratischer Führung und durchaus antikapitalistischen Massen."
Warum kam es zu keinem Dialog? Nun, es kam halt nicht dazu. Daß die Massen in der DDR "durchaus antikapitalistisch" gewesen seien, weiß Dutschke offenbar kraft höherer Intuition.
Der Kalte Krieg war "ein Scheinkonflikt mit Realitätsgehalt" - eine Formel, die der Großen Koalition, die Barzel und Kiesinger und Brandt nicht besser gelingen könnte.
Die russische Revolution war auch keine, denn sie hat den Menschen nicht anders gemacht. Der lange, komplizierte Prozeß der russischen Revolution "begann in den 90er Jahren und endete 1917. Er wurde endgültig kaputtgemacht Mitte der 20er Jahre durch das, was wir als Stalinismus heute begreifen".
Gesucht: eine Revolution, die den Menschen anders macht, in der er sich selbst befreit. Aber zu was befreit?
Gesucht: eine Revolution, in der das Problem der Macht "verschwindet", weil Arbeiter die Fabriken kontrollieren, weil die Produzenten ihre Produkte selbst verwalten, weil die Bürokratie von den in ihr Beschäftigten kontrolliert wird.
Gesucht: eine Revolution, die Mensch und Natur miteinander versöhnt, eine Revolution, die allen Revolutionen ein Ende macht.
Gesucht: eine Welt ohne Berufspolitiker und ohne politische Apparate, eine aus der Spontaneität sich ständig neu gebärende, zu sich selbst befreite Menschheit; gesucht: eine Welt ohne Zwänge und ohne Zwang.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 51/1967
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