11.12.1967

Marie Luise Kaschnitz über Franz Kafka: „Briefe an Felice“EINER VON UNS IST ZUVIEL

Marie Luise Kaschnitz, 66, Büchner-Preisträgerin von 1955, schrieb Lyrik, Hörspiele, Essays und Erzählungen ("Ferngespräche"). -- Der Band mit den zum erstenmal veröffentlichten Liebes- und Leidensbriefen des Dichters Franz Kafka (1883 bis 1924) an Felice Bauer, die Tochter eines aus Wien stammenden Berliner Versicherungsagenten, gehört zu den gewichtigsten literarischen Neuerscheinungen dieses Herbstes. -- Felice Bauer, vier Jahre jünger als Kafka, starb 1960 in Amerika.
Der Leser hat ein bedrohliches Gefühl von Anfang an. Er liest Kafkas Briefe an Felice Bauer, von der ersten Begegnung in Prag bis zum Wiedersehen in Berlin schon Hunderte, ist mitgerissen, bald erschöpft, ja zermürbt, meint am Ende, es seien nicht sechs Monate, sondern ein Leben vergangen.
Wer kann das aushalten, wie kann eine Frau das aushalten, diesen Katarakt von Gefühl, dieses ewige Betteln um Briefe, und dazu den postalischen Wirrwarr, ein echter Kafka-Angsttraum, aber was wußte Felice von Kafka -- viel weniger als wir. Sie mußte erschrecken vor seinem wahnwitzigen Werben und angstvollen Zurückweichen, vor den düsteren Andeutungen, die seine Gesundheit, seine Liebeskraft immer wieder in Frage stellten. Sein Geschmack, auch im Literarischen, war nicht der ihre; seine Diätvorschriften, seine immer erneuten Bitten, spazierenzugehen, zu turnen, vegetarisch zu leben, mußten sie langweilen; seine Eifersucht auf ihre in Kafkas Augen immer gesunden, lustigen und tüchtigen Bekannten mußte ihr auf die Nerven gehen.
Er fragt und fragt und fragt, verlangt Auskunft über jede Stunde ihres Tages, kann von dem Mädchen mit dem großen lachenden Mund nicht genug Photographien bekommen, schickt auch selbst welche, berichtet auch selbst von seinem Prager Leben, das der heiteren, geselligen und geschäftstüchtigen Felice äußerst sonderbar vorkommen muß.
Das Schreiben und Nichtschreiben, Zuvielschreiben, Zuwenigschreiben spielt in diesem ersten Teil der Korrespondenz eine große Rolle. Wie kann Felice in ihrer gesunden Gescheitheit das verstehen, dieses "Behalte mich bei Dir" und "Nicht zwei Tage könntest Du mit mir leben", dieses "Nicht Angst haben, bei mir bleiben" und "O Gott, was wird das für ein Ende nehmen".
Am 20. September 1912 hat Kafka den ersten Brief geschrieben, am 23. März 1913 kommt er, widerwillig genug, nach Berlin. Von jetzt an ist Felice nicht mehr das "leere Gesicht", dem seine Liebessucht, seine Einbildungslust die Züge lieh, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, freilich einer, der sich ihm gleich entzieht. Der Ton seiner Briefe wird nach diesem kurzen Zusammensein denn auch ruhiger, fast kühler, dafür erfährt Felice jetzt mehr, erfährt von Kafka, dem grantigen Familienmitglied, von dem leidenschaftlichen Spaziergänger, dem gar nicht so unpraktischen Versicherungsbeamten, der ihr sogar für ihre eigene Firma Ratschläge gibt.
Jetzt und während der ganzen Verlobungszeit sagt er ihr immer dringlicher, wie er selbst über sein Schreiben denkt, daß ihn die Literatur nicht interessiert, daß er vielmehr selbst aus Literatur besteht. Sie erfährt von seiner ewigen Sorge um die Arbeit; "hätte ich nicht diese Welt im Kopf, die befreit sein will", heißt es einmal. und gleich darauf sieht Kafka voraus, daß Felice, wenn sie sein Schreiben nicht lieben kann, schrecklich einsam sein wird. "Jedem sein Teil, Du empfängst die Gäste und ich die Gespenster", und diese Gespenster sind doch keine romantisch aufgeputzten Skelette, sondern Kafkas Gestalten, die freilich in Felices wohlauf geräumter Welt niemals zu Hause sein werden. Sie ist "nicht nur der größte Freund, sondern auch der größte Feind seiner Arbeit", er braucht zum Schreiben "Abgeschiedenheit, nicht wie ein Einsiedler, sondern wie ein Toter".
Felice liest das alles, liest auch, daß in der Ehe "nicht ein lustiges Plaudern Arm in Arm" sie erwartet, sondern "ein klösterliches Leben an der Seite eines verdrossen schweigsamen, unzufriedenen Menschen", auch daß Kafka Furcht davor hat, glücklich zu werden, Angst vor "der Verbindung mit dem geliebtesten Menschen, ja gerade mit ihm". Sie liest die Mahnung "Du mußt Deiner sicher sein" und die verzweifelte Bitte "Stoße mich fort!"
Aber dann hört sie doch auch wieder ganz andere Töne und meint wohl, es wird so schlimm nicht werden, es kann so schlimm um Kafka nicht stehen. Kafka ein Mensch, der keinen anderen Menschen in der Wohnung ertragen kann? Lächerlich. Es ist ihr aber zum Lachen doch nicht zumute, und mehr als einmal hört sie auf zu schreiben, sie telephoniert auch nicht, sie schweigt.
In die Zeit eines solchen langen Schweigens fällt Kafkas flüchtige und zärtliche Beziehung zu einem ganz jungen Mädchen in Riva, fällt auch der umfangreiche Briefwechsel mit einer Freundin Felices, Grete Bloch, die Kafka zunächst als Nachrichtenübermittlerin ausnützt, die er aber dann immer nötiger braucht und, zu seinem Unheil, immer rückhaltloser ins Vertrauen zieht. Mit Grete Blochs Hilfe kommt am 1. Juni 1914 die offizielle Verlobung Kafkas mit Felice Bauer, samt Familienempfang, in Berlin, zustande, mit Gretes Hilfe geht sie bereits am 12. Juli wieder auseinander -- es findet da eine Zusammenkunft im Hotel Askanischer Hof in Berlin statt, und Grete spielt die Rolle der "Richterin", obwohl Kafka später behauptet, daß er selbst damals über sich zu Gericht gesessen sei.
Ein Irrtum also, und die ganze furchtbare Quälerei nur eine Frage der "Unebenbürtigkeit", die Felice geahnt und die Kafka so zornig bestritten hat? Wenn es so einfach gewesen wäre, dann hätte Felice doch von nun an erleichtert für immer geschwiegen, dann hätte Kafka, der in einem Brief an Grete Bloch die Folgen seiner möglichen Freiheit bereits angedeutet hat, Felice vergessen und sich der Trösterin Grete zugewandt.
Aber das Schema Genie und gescheite bürgerliche Gans stimmt eben nicht, und nicht Felice, sondern Grete verschwindet im Dunkel. Felice kommt wieder mit Kafka zusammen in Bodenbach an der böhmischen Grenze, im Januar 1915; da ist der Erste Weltkrieg, den Kafka damals und später mit kaum einem Wort erwähnt, schon fast sechs Monate alt. Danach geht der Briefwechsel weiter und im alten Stil.
Kafka erinnert Felice an ihre Worte "Wir kommen einander nicht näher"; er schreibt "Wir sind beide erbarmungslos gegeneinander" und glaubt doch an ein "wahres gutes Ende". Das Zusammenpassen, Zusammenlebenkönnen wird weiterhin unaufhörlich in Frage gestellt, später auch in bezug auf die Lebensform, die schweren soliden Einrichtungsstücke, die Felice haben will, aber Kafka erträumt sich ein provisorisches Elendsquartier: "Ich bin nicht gesättigt, brauche keine endgültige Wohnung, sie macht mir Angst." Und, als Quintessenz: "Mit Dir, aber frei."
Nachdem Kafka wieder einmal wochenlang ohne Nachricht geblieben ist, beginnt er von sich selbst als "er" zu schreiben, auch in einer seltsamen Tagebuchform, will nicht mehr mit Felice zusammenkommen, verschiebt alle Pläne auf die Zeit nach dem Ende des Krieges. Im Jahr darauf kommt es doch noch zu einem Treffen, dem längsten, glücklichsten, dem wirklich vertrauten, in Marienbad, 3. bis 13. Juli 1916 -- nur daß es da am Ende offensichtlich wieder Streit gegeben hat.
Während schon von den Heirats-Papieren, dem Leben in Prag die Rede ist, versucht Kafka Felice für die Arbeit in einem Berliner Heim für ostjüdische Flüchtlingskinder zu erwärmen; zuerst scheint es, als ob er sie auf diese Weise von sich ablenken wolle, dann interessiert er sich wirklich, und Felice lädt sich die Mehrarbeit gehorsam auf. Sie liebt Kafka und will ihm gefallen, sie gefällt ihm doch nicht, er rügt ihre Selbstzufriedenheit, den Hochmut, der in ihren Berichten über die Tätigkeit im Heim zum Ausdruck kommt. Ihre schlechten Zähne haben ihn nicht gestört, aber etwas anderes stört ihn: ihr Streben nach Sicherheit, ihr altes Unverständnis für sein Schreiben.
Eine Weile noch hält das Kinderheim die beiden einander nahe. Aber Kafka hat Sehnsucht nach der früheren, unbekannten, der von ihm erschaffenen Felice. "Ich wollte, daß Du nicht auf der Welt wärest, sondern ganz in mir, oder noch besser, daß ich nicht auf der Welt wäre und ganz in Dir; einer von uns ist zuviel hier ...", so hatte Kafka früher einmal an Felice geschrieben; aber auch: "Was Du mir an Liebe zuwendest, geht mir als Blut durch das Herz. Ich habe kein anderes." Beides war aufrichtig, beides wahr.
Dieser ewige innere Widerspruch ist qualvoll -- ein pathologischer Sonderfall ist er nicht. In jedem Zueinander- und Voneinanderwegstreben Liebender ist etwas von dem Kafka-Felice-Schicksal, das hier durch die beschwörende Kraft von Kafkas Sprache, durch seine besondere Ungeduld und Trauer, vor allem durch sein künstlerisches Gewissen eine so ungeheure Steigerung erfährt.
Auch Felice liebt und hat Angst, kommt entgegen und flieht. Am Ende muß sie das "Menschenopfer", das Kafka einmal so empört zurückgewiesen hat, doch nicht bringen; nach einer neuen offiziellen Verlobung werden beide, und auf eine dramatische Weise, durch das Ausbrechen von Kafkas Tuberkulose, frei. Nach all der "ungeheuren Hypochondrie" eine wirkliche Krankheit, von der Max Brod vielleicht mit Recht annimmt, daß sie Kafka glücklich macht. Begrüßter "Verlust des Gleichschrittes mit der Welt", auch des ersehnten und nie völlig geglückten Gleichschrittes mit Felice -- jetzt ist diese ganze verzweifelte Suche nach Wirklichkeit vorbei.
Der Satz "Vielleicht hat nur Kleist den richtigen Ausweg gefunden" steht in einem der Briefe, aber dieser Ausweg war nicht Felices Sache und auch Kafkas Sache nicht. Kafka lebte noch sieben Jahre, arbeitete, liebte auch wieder. Felice heiratete, anderthalb Jahre nach dem unerfreulichen Abschied im Garten der Schwester Ottla in Zürau, bekam Kinder und wurde später in den Vereinigten Staaten 72 Jahre alt. Ihr Wesen ist in einige der Frauengestalten Kafkas eingegangen. Kafka bewahrte keinen Brief von ihrer Hand.

DER SPIEGEL 51/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Marie Luise Kaschnitz über Franz Kafka: „Briefe an Felice“:
EINER VON UNS IST ZUVIEL

  • Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • "Mich hat das Auto immer fasziniert": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Hochwasseralarm: Tief "Axel" bringt Überschwemmungen