21.08.1967

KONGO / SÖLDNERWeiße Riesen

Die 500 Kongo-Soldaten in der Grenzstadt Bukawu rissen sich ihre Uniformen vom Leib, warfen ihre Waffen in die Büsche und rannten über die Grenze in den Nachbarstaat Ruanda.
Sie hatten die "weißen Riesen" kommen sehen -- 170 Söldner unter dem Befehl des gebürtigen Belgiers Jean ("Schwarzer Hans") Schramme, 37-, die zusammen mit 1000 Katanga-Gendarmen auf die Stadt vorrückten.
Söldner und Gendarmen nahmen den Ort im Handstreich -- und sagten der etablierten Kongo-Regierung des Ex-Feldwebels Joseph Désiré Mobutu im 1500 Kilometer entfernten Kinshasa den Kampf an.
"Wir sind in einer Position der Stärke und haben bewiesen, daß die kongolesische Nationalarmee uns nicht zwingen kann", dröhnte Söldner-Boß Schramme und beauftragte seinen schwarzen Mitstreiter Léonard Monga, eine Gegenregierung zu bilden,
Monga, seit 1965 Exil-Generalstabschef des heutigen Algerien-Häftlings Moise Tshombé: "Ich, Oberst Monga, Sohn des kongolesischen Volkes, übernehme ab sofort die Macht." General Mobutu, "an dessen Händen das Blut der Söhne und Töchter des Kongo klebt", solle sein Amt niederlegen.
Die Proklamation der schwarzen "Regierung der öffentlichen Wohlfahrt" war einstweilen der Höhepunkt einer fünf wöchigen Odyssee in dem potentiell zwar reichen, aber durch Stammeskämpfe, Bürgerkrieg und blutiges Gemetzel völlig verelendeten Land.
Begonnen hatte die Odyssee am 3. Juli, drei Tage nachdem der kongolesische Ex-Premier Moise Tshombé samt Flugzeug gekidnapt worden war: General Mobutu ordnete die Entwaffnung von Söldner-,'Kommando 10" an, das für ihn die Herrschaft im Lande gesichert hatte, von dem er nun aber Rache für Tshombé fürchtete.
Chef des Kommandos ist Jean Schramme. Er war 1944 als 14jähriger aus dem flämischen Brügge in den Kongo eingewandert und zum wohlhabenden Plantagenbesitzer aufgestiegen. Für Tshombé streitet er seit 1960, als Anhänger des ersten Kongo-Premiers Limumba die Schramme-Plantagen verwüsteten.
Schramme gründete die "Grüne Kampfgruppe", ein Selbstschutzkorps aus Weiß und Schwarz, das in den blutigen Monaten nach der Kongo-Unabhängigkeit Tausenden von Menschen das Leben rettete.
Tshombé beförderte den Söldnerchef zum Major, seine Kampfgruppe aus Belgiern, Franzosen, Griechen, Portugiesen, Italienern, Rhodesiern' Spaniern und Israelis erhielt den Beinamen "Groupe Léopard".
Wie Leoparden schlugen sich Schramme und seine Söldner durch den Dschungel, um weiße Kollegen zu entsetzen und schwarze Christen aus der Stadt Kabambare herauszuhauen. Die Operation gelang: Allen voran marschierte ein 70jähriger Negerpfarrer, das Allerheiligste auf dem Kopf, 300 Kilometer weit durch feindliches Territorium.
Nach Tshombés Sturz von Mobutu besoldet, nutzte Schramme die Gelegenheit, sich aus Rebellenbeständen ein riesiges Waffen-, Munitions-, Treibstoff- und Proviantlager anzulegen. Er fing sogar Maschinen der Kongo-Armee ab und baute eine kleine Luftwaffe auf.
Als Mobutu seinem obersten Söldnerchef Bob Denard jetzt Order gab, Schrammes Kommando 10 zu entwaffnen, wandten sich alle weißen Riesen prompt gegen ihren bisherigen Auftraggeber -- nicht nur aus Anhänglichkeit an Tshombé, sondern vor allem, weil Mobutu ihnen seit Monaten keinen Sold gezahlt hatte.
Von Denard über Funk informiert, eroberte Schramme zunächst einmal die Stadt Bukawu, bewilligte sich und seiner Truppe reichlichen Sold aus dem Tresor der Staatsbank und stieß dann 500 Kilometer weit nach Kisangani vor, wo sich Denard und seine Weißen gegen eine kongolesische Übermacht zur Wehr setzen mußten.
Die Kongo-Soldaten, von Radio Kinshasa aufgestachelt, waren dort wieder Kannibalen geworden. Innenminister Etienne Tshisekedi mußte zugeben, daß einige Weiße "von den Kongolesen gegessen" worden waren.
Schrammes Truppe schoß Denard und Kollegen frei; der schwerverletzte Söldnerboß Denard wurde in einer gekaperten Maschine nach Salisbury geflogen, Schramme übernahm für ihn den Oberbefehl.
Weiße Siedler und Kaufleute, darunter 30 Frauen und 20 Kinder, schlossen sich Schramme an. Mit ihnen zog sich der Schwarze Hans zunächst einmal in das Gebiet um Punia zurück, wo seine Ländereien liegen und wo er sich sicherfühlen konnte. Die Söldner -- im adretten Kampfanzug mit grünem Halstuch, roter oder grüner Mütze -- erhielten neuen Proviant und neue Munition.
Dann begann -- mit 45 Wagen -- die 500-Kilometer-Fahrt durch den Urwald. Und es war nicht, wie General Mobutu hoffte, ein Rückzug Ins Ausland.
Nach drei Wochen standen Schrammes Soldaten wieder vor Bukawu. Sie hatten zahllose Hinterhalte der Mobutu-Armee überwunden, tausend Kongo-Soldaten erschossen, selbst aber nur 21 Mann verloren.
Im Hotel "Royal Residence" schlug Schramme sein Hauptquartier auf; in einem requirierten Panzerwagen mit Katanga-Stander fuhr er auf Patrouille. Seine Söldner stellten die Elektrizitätsversorgung der Stadt wieder her, Plünderei wurde unter schärfste Strafen gestellt. Dann forderte Schramme seinen früheren Chef Mobutu auf, innerhalb von zehn Tagen Gespräche mit den Söldnern zu beginnen, sich für Tshombés Freilassung aus Algerien zu verwenden und dem Häftling einen Ministerplatz zu garantieren.
Mobutus Antwort: "Ich werde mich nie dazu herablassen, mich mit Gangstern an einen Tisch zu setzen, die unsere Landsleute ermordet haben."
Aber ihm wird, will er an der Macht bleiben, kaum etwas anderes übrigbleiben; denn Schrammes "weiße Söldner und die Katanga-Gendarmen sind durchaus in der Lage, die 38 000 Soldaten der Kongo-Armee zu besiegen" (so der ehemalige Kongo-Söldnerchef Mike Hoare, der heute in Durban, Südafrika, lebt).
Und Schramme und sein Regierungschef Monga sind entschlossen zu kämpfen. Ihr erstes Ziel ist die Kupfer-Provinz Katanga, dann aber -- so Monga -- "werden wir alle Provinzen des Kongo befreien, einschließlich Kinshasa".

DER SPIEGEL 35/1967
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