03.07.1967

BRANDT-REISEIn die Vergangenheit

Willy Brandt verbarg die Rührung, seiner Frau Rut kamen ob des Empfangs in der Heimat die Tränen.
Am Flughafen Fornebu bei Oslo standen Hunderte von Norwegern Spalier und klatschten laut Applaus.
Nicht mehr Verfolgter des NS-Regimes wie zu Hitlers Zeiten und nicht mehr Verfemter der Emigrantenhetze wie unter Adenauer, betrat Brandt am vorletzten Sonntag als deutscher Vizekanzler und Außenminister das Land, das ihm fast ein Jahrzehnt Asyl geboten hatte,
Die Reverenz erwiesen dem Staatsgast aus Deutschland nicht mehr Brandts alte Sozialistenfreunde von der Arbeiterpartei (die heute in Opposition steht), sondern die regierenden Konservativen. Ministerpräsident Borten: "Ganz Norwegen kennt die aktive Tätigkeit von Herrn Brandt im Kampf gegen den Nationalsozialismus."
Auf ähnliche Sympathiebezeugungen war der SPD-Außenminister allenthalben auf einer Sieben-Tage-Tour durch Finnland, Schweden, Island und Norwegen gestoßen.
Bonns neuer Außenminister hatte sich auf die Reise in Europas nördliche Peripherie gemacht, weil er der Überzeugung war, daß die skandinavischen Staaten dank enger Kontakte zu den Sowjets als Scharnier für die neue Bonner Ost-Politik mindestens so gut geeignet seien wie Frankreich.
Brandt durfte sich bestätigt fühlen: Finnlands Präsident Kekkonen leitete aus intensiver Rußland-Forschung die Prophezeiung ab, Moskau wolle den politischen Boykott Bonns in Kürze beenden.
Norwegens Außenminister Lyng erläuterte, bei Kontakten mit osteuropäischen Staaten habe Oslo sich -- im Sinne Bonns -- für die Beteiligung der USA und Kanadas an Konferenzen über gesamteuropäische Sicherheitsfragen stark gemacht.
Vor allem aber war diese Skandinavien-Reise für Willy Brandt eine sentimentale Fahrt in die eigene Vergangenheit.
Reminiszenzen an vergangene Tage drängten sich bereits auf, als er am vorletzten Mittwoch in Stockholm ankam, das vier Jahre lang seine Fluchtheimat nach Hitlers Einmarsch in Norwegen gewesen war. Schweden standen am Straßenrand und riefen: "Willy, Willy".
Tage Erlander, Sozialdemokrat und Ministerpräsident, bedauerte mittags bei Tisch im Barockpalais des Außenministers: "Schade, daß du nur zwei Tage bleibst." Brandt erwiderte: "Ich bin ja früher mal sehr lange hiergewesen, da kann's doch diesmal kurz sein.
Mit seiner ersten Frau Carlota und Tochter Ninja am 1. Mai 1944 in Stockholm.
Des Deutschen alter schwedischer Parteigenosse und Außenminister-Kollege Torsten Nilsson griff abends an der Tafelrunde des deutschen Botschafters noch tiefer ins Reservoir der Erinnerungen: "In einigen Wochen feiere ich ein Jubiläum -- den Tag, an dem ich dich vor dreißig Jahren kennenlernte. Es war auf einem Kongreß der norwegischen Arbeiterjugend. Ich sagte mir damals: ein interessanter Mann, aus dem wird noch was."
Zur Schlußetappe in Norwegen eilte Rut Brandt, gebürtige Norwegerin, eigens vom Bonner Venusberg herbei. Norwegens Protokollbeamte nannten sie bei der Vorbereitung des Damenprogramms stets nach ihrer Heimatstadt "das Mädchen aus Hamar".
Während ihr Mann Konferenzpapiere durcharbeitete, besuchte Rut Brandt ihre Stieftochter Ninja Frahm, 26, Kind aus erster Ehe des Außenministers und Volksschullehrerin in Oslo. Die beiden gingen Kaffee trinken und beredeten die Zukunft. Ninja, die aussieht wie der Vater, erzählte von ihrem Verlobten, einem gleichaltrigen norwegischen Lehrer, der als Hobby Malerkünste pflegt.
Zum Abschied brachten die Frauen den jungen Mann mit zum Flugplatz. Rut Brandt stellte den künftigen Schwiegersohn vor, Willy Brandt gab ihm lachend die Hand.
Eines Dolmetschers bedurfte der deutsche AA-Chef weder in Norwegen noch in Schweden. Das schwedische Fernsehen nahm die Gelegenheit wahr, den Außenminister volle dreißig Minuten einem Frage- und Antwort-Spiel mit drei schwedischen Journalisten auszusetzen, das Brandt auf norwegisch mühelos durchstand.
Die deutsche Delegation freilich konnte von allem, was ihr Minister sagte, nur das oft gebrauchte Wort "Rustningsbegränsening" verstehen.

DER SPIEGEL 28/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRANDT-REISE:
In die Vergangenheit

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug